MEINE UTOPIE

Nein, kein politischer Text.

Es geht um die Idee des perfekten Tages. Da diese Überschrift aber suggerieren würde, eine Alleinerziehende könnte ausschließlich von einem einzigen perfekten Tag satt werden, beginne ich gleich mit dem Maximum an Ideal, was da für mich rauszuholen sein müsste.

Beginnen wir mit der Annahme, ich müsste nicht auf ausschließlich einen Tag oder ein Wochenende alle paar Wochen zurückgreifen (wenn überhaupt). Ich schreibe das, weil für viele gestresste Menschen genau hier ein Problem beginnt: aus Zeitmangel und dem Bedürfnis alles nachzuholen, was sonst nicht machbar ist, wird Stress geboren und Enttäuschung garantiert.

Meine Utopie startet also mit nichts, aber auch gar nichts müssen müssen.

Es gibt keine Pläne. Es gibt keine Regeln. Es gibt keine Erwartungen und niemand der mir und meinem Glück im Weg stünde.

Meine Kinder wären gerade irgendwo so unfassbar glücklich ohne mich unterwegs, dass sie mich nicht einmal vermissten. Mein Gewissen wäre beruhigt und ich könnte völlig entspannt damit beginnen sie sein zu lassen.

Niemand weiß von meiner Utopie. Aber jeder hält sich an die Spielregeln. Automatisch läuft alles wie gewünscht. Sobald mein Körper sich nach wenigen sorglosen Tagen im Bett bei Netflix und riesigen Portionen Essen erholt hat, beschließe ich mal wieder auszugehen. Erst ganz langsam. Vielleicht mit der besten Freundin eine Runde in den Park. Ein Milchkaffee so groß wie ein Wagenrad und niemand muss sich um den Preis sorgen. Meine Brieftasche ist randvoll und ich höre von meinem Gegenüber auch keine Klagen. Wir essen Kuchen, sehen in die Landschaft und erfreuen uns an gesundem Tratsch. Nicht zu viel. Jedem von uns geht’s gut. Keiner leidet unter einem Mann, einem Job oder einer Krankheit. Wir sind gesund und freuen uns über alles was kommt. Keine Angst vor der Zukunft und keine Probleme über die es stundenlang zu reden gilt. Manchmal sind wir sogar ganz still und atmen Laute der Verzückung aus.

Danach geht es ohne Druck wieder los. Ich entscheide wann der Zeitpunkt dafür gekommen ist. Ich bleibe weder aus Höflichkeit, noch muss ich mich entschuldigen. Ich nehme mir einen Besuch in einer meiner Lieblingsläden vor und shoppe was ich will. Geld spielt keine Rolle. Selbst Geschenke für andere sind drin und so macht sich Vorfreude in mir breit.

Abends gehe ich nach Gefühl in die Wanne oder bleibe im Bett. Lesen oder nicht, Sport oder Schlaf. Alles geht.

Ich überlege morgens nicht lange und esse zwei Croissants. Dick mit Marmelade und Schokolade noch dazu. Ich gehe wieder unter Leute oder alleine ins Museum.

Abends möchte ich Freunde treffen. Erst in eine Bar und später noch tanzen. Vielleicht auch nicht.

Ich weiß einfach, es nimmt mir keiner krumm, wenn ich einfach so gehe.

Mein Freund steht immer bereit. Sollte ich essen gehen wollen oder Lust haben mit ihm zu spazieren, wäre er da. Er verwöhnt mich auch mit Kaffee und schreibt mir nette Dinge. Er sagt sie mir später persönlich und streichelt mir dabei die Wange.

Meine Kinder senden fröhliche Fotos. Ich muss mich nicht sorgen.

Ich fahre mit meiner Oma aufs Land. Da gibt es Kuchen und noch mehr Kaffee. Wir lachen viel. Reden.

Abends schreibe ich. Endlich mein Buch fertig. Endlich eine Idee malen, die ich im Kopf habe. Ich räume um. Ich gehe am nächsten Tag los und hole Wandfarbe, bestelle neue Möbel. Nichts muss ich alleine machen. Die Lieferung, den Aufbau. Andere sorgen sich.

Ich bade. Ich liege im Bett. Ich esse. Ich schlafe. Der Freund besucht mich. Er möchte bleiben. Er möchte Teil dieser Utopie sein. Wir besuchen Ausstellungen und gehen ins Reisebüro. Wir machen das Hand in Hand.

Er greift nach meiner Hand und möchte die gleichen Dinge wie ich. Wir reden und lachen und ich bin frei von jeglicher Annahme nicht zu genügen. Er genügt mir. Niemand nimmt seinen Platz ein.

Ich schlafe nachts wie ein Baby. Ich habe nichts zu tun, außer Dinge dir mich erfreuen. Ich arbeite freiwillig irgendwo. Soziale Berufe, ohne Druck und Stress. Ich werde anerkannt und gemocht für meine Art und Arbeit. Niemand macht einen dummen Spruch, niemand erwartet zu viel. Ich gehe sobald ich zufrieden bin und komme, weil ich es will.

Abends trinke ich immer seltener Wein. Stattdessen lese ich, schaue einen Film, bastel an einer Idee herum. Ich atme. Bewusst. Frei von Stress.

Ich habe keine Ängste vor der Zukunft. Ich habe keinen Druck auf den Schultern und im Nacken. Niemand gibt mir das Gefühl ungenügend zu sein oder verkehrt. Ich bin ich. Und ich bin gut zu mir.

GELD ODER AUCH: WER HAT DER KANN

Ich war nie sehr sparsam. Gemessen an meinem Verdienst und meiner Lebenssituation, lebe ich gut und kann mir ab und an etwas gönnen. Dabei schwanke ich zwischen Pauschalurlaub (ein knappes Jahr für drei Leute sparen) oder zweimal Ferienlager fürs Kind und viele nette Kleinigkeiten für alle drei.

Meine Mutter konnte nie mit Geld umgehen. Bis heute sitzt sie auf einem Berg voll Schulden und zuckt gelangweilt die Schultern. Sie kauft sich ein neues Auto oder eine Küche und erwähnt beiläufig, wir sollten später das Erbe ausschlagen.

Apropos Erbe. Ich habe noch nie etwas geerbt. Alles was ich habe, habe ich aus eigener Kraft verdient oder mir von Oma mal was zustecken lassen. Dabei reden wir von ein paar Zwanzigern und nicht der Übernahme meiner Bafög-Kosten oder ähnlichem.

Ich habe eine Amazon Wishlist die überfüllt ist mit Müll, den ich mir niemals kaufen werde. Ich reiche sie auch nicht rum und möchte sie nicht veröffentlicht wissen.

Mein Konto gähnt weder, noch macht es Freudenhüpfer. Für eine Alleinerziehende komm ich gut hin, auch wenn die Väter unregelmäßig zahlen. Es ist wie es ist und es funktioniert. Schön ist natürlich anders.

Dennoch, ich weiß was Luxus ist. Ich sehe es jeden Tag vor mir. Menschen in Autos, Menschen in Eigentumswohnungen (in Berlin werden es immer mehr) und Menschen die nicht bei Primark verstohlen ihre braune Papiertüte verstecken, sondern in Markenwaren über allem erhaben scheinen.

Geld ist lebenswichtig. Es erhöht die Lebensqualität. Es stabilisiert und sichert ab.

Würde ich es mir schenken lassen? Klar, wieso nicht?

Würde ich dazu aufrufen es mir zu spenden? Eher nein.

Geld ist etwas, was ich habe oder eben nicht habe. Ich habe Kinder und einen Job. Ich studiere nebenbei und erwarte nicht plötzlich von der Politik ein Umdenken gegenüber Pädagogen oder Alleinerziehenden.

Alles was ich jetzt tun kann, ist realistisch bleiben und den Mut nicht verlieren. Sparen wenn es nötig ist, mich über Kleinigkeiten freuen (Kinobesuch oder ein schönes Paar Schuhe), wenn es soweit ist.

Ich weiß, ich könnte mich deutlich stärker aufregen und manchmal tue ich das sogar, aber alles in allem bin ich glücklich. Und wer wie lebt und wer sich wie finanzieren lässt, ist jedem selbst überlassen, aber für das gute Gefühl, ja…

Ich habe uns einen Sandwichtoaster und ein Waffeleisen gekauft. Und man, was war ich stolz mir eine neue Waschmaschine und einen Laptop zulegen zu können. Meine Sommerschuhe sind auf zwanzig Paar angewachsen und die Kinder bekommen Kindertagsgeschenke. Bald verreist mein großer Sohn in den Luxusurlaub mit der Tante und ich habe es finanziert. Das alles macht mich stolz auf mich. Ich bin unabhängig, weil ich mich nicht abhängig fühlen möchte.

Eines Tages gewinne ich vielleicht ein Grundeinkommen oder im Lotto. Vielleicht werde ich übermorgen überfahren oder erleide einen Herzinfarkt, aber ich habe meinen Kindern alles ermöglicht (vom Breakdance bis Theaterkurs) und mich nicht vergessen. Sie werden nicht viel erben, außer meiner Integrität und meiner Stärke.

Wer davon was hat, der kann eine ganze Menge.