WOHIN MIT MIR UND DIR?

Manche Menschen finden in der aufgezwungenen Distanz nun zueinander. Andere würden ihren Partner am liebsten vor dir Tür setzen und blättern Wohnungsangebote durch.

Ich bin Single und habe einen Exfreund.

Einen Mann, mit dem ich demnächst in den Kurzurlaub aufs Land fahre. Wir nehmen die Kinder mit. Wir waren bereits in unserem Familiengarten, als wir noch ein wir waren. Jetzt sind wir etwas anderes. Etwas das funktioniert, aber vermutlich nicht auf Dauer.

Wenn wir einmal die Woche beeindruckend starke Nähe austauschen und lachend ineinander verschlungen auf dem Sofa oder im Bett liegen, fragen sich alle unweigerlich was da schief ging. Warum nicht einfach wieder zur Normalität zurück? Warum keine Beziehung führen? Weil du es nicht konntest.

Zwei Versuche und zweimal gescheitert. Du hast es probieren wollen, weil dir viel an uns liegt und du mich vermisst, wenn ich fern bin. Du magst auch die Kinder und sie lieben dich. Du magst die Ausflüge und die Momente beisammen, schweigend, atmend, sein. Ein Foto von uns hängt noch in deinem Bad. Wir, küssend. Glücklich.

All das ist kein Abschied. Es ist kein echter Neuanfang. Aber während einige Paare nun von Hochzeit und einer Familie träumen, von Weltflucht und Aufbau, träumst du dich nur hin zu neuen Jobs, viel Arbeit, endlich wieder Wirbelstürme.

Du wolltest schon immer nur eine Randbeziehung. Jemand der da ist, aber kein Mittelpunkt. Eher Mittel zum Zweck. Für einsame Momente, von denen du aber nur wenige hast. Mit dir bist du nie gelangweilt, hast du mal gesagt. Und es stimmt. Selbst in der Krise schickst du mich nach nicht einmal 24 Stunden fort. Me time will genutzt werden. Und ich gehe. Gehe entspannt meiner Zukunft entgegen. Mit oder ohne dich als mein Begleiter.

Ich bin nicht mehr trauernd. Nicht verletzt. Nicht wehmütig. Wir hatten die Chance und haben es nicht als Paar geschafft. Als Expaar schon. Darin sind wir Klasse. Wir sind wie eine Familie ohne Druck und Stress. Ohne Angst vor Verlust. Ohne Verantwortung.

Ich bin nicht mehr wütend. Denn ich mag es wie es ist, bis es endet. Eines Tages wird es wohl enden. Diese Krise hat gezeigt, wir zwei gehören nicht zusammen. Zumindest dir. Du bist nicht zurück gekommen. Wirst du nicht.

Ich bin gestern an meinem Geburtstag von dir mit einem selbstgemachten Kuchen überrascht worden. Nachts hast du meinen Kopf gestreichelt und morgens einen Kaffee hingestellt. Wieder sollte ich dann gehen. Ich blieb noch eine Stunde länger. Sagte du sollst die Ruhe jetzt genießen. Genieße es, so lange es noch da ist. Mit es meinte ich mich.

WENN MILCHSCHAUM LEISE KNISTERT

Morgens um neun in meinem Bett, die Tasse Kaffee vor mir, höre ich ein leises Geräusch. Es ist nicht der Kater und die Kinder sind aus.

Millionen Milchschaumblasen platzen. Ein zartes, angenehmes Geräusch. Wie Regen auf ein weit entferntes Dach. Wie das Feuer im Kamin. So wenig an- wie abwesend.

Eigentlich wollte ich heute ohne Metaphern auskommen, aber es passt hervorragend in meine eigentliche Geschichte. Zu diesem Albtraum der sich mir heute Nacht in den Weg stellte. Meine Murmelbahn gehörig durcheinander brachte, obwohl gerade noch so hübsch sortiert.

Ich träumte meine Trennung neu. Viel gewaltiger. Viel gewalttätigiger. Viel.

In meinem Traum wurde sich von Angesicht zu Angesicht getrennt. Ein kleiner Bonus, sollte man meinen. Wenigstens nicht via WhatsApp oder per Anruf. Doch diese Nähe war viel grausamer. Ich sah dieses lockere Lächeln, ein fast fröhlicher Mensch beim verrichten einer müßigen Aufgabe. In meinem Traum erfolgte die Trennung aus guten Gründen. Einer neuen Liebe, Sex und damit Betrug. Ich spürte die Eifersucht und den Zorn. Alles in mir wollte weg. Drei Schritte machte ich schon aus dem Haus, als ich zurück rannte und ihm meinen ganzen Ekel und die Abscheu ins Gesicht brüllte. Die Enttäuschung, die Demütigung kenntlich machend. Laut und unbarmherzig.

Und er sah mich an, überrascht und frei seiner üblichen Belustigung. Ernsthaft geknickt.

Ich ging und war stark und so stolz. Im Traum konnte ich nicht auf Kinder blicken. Scheinbar war es mir da nur möglich diese Trennung kinderlos zu bewältigen. Ich zog in eine neue Wohnung, verabschiedete mich von meinem alten Leben und empfing seine Entschuldigungen per Textnachricht.

Ich schwebte noch eine Weile durch meine Energie und blieb erst dann erschöpft zurück, als ich wach wurde und mir bewusst war wie wenig all das der Realität glich.

In meiner Realität habe ich lange gebraucht ihn zu verarbeiten. Uns. Ich war auch nie lautstark wütend geworden. Habe mich nicht ausgetobt oder etwas merklich verändern können. Ich blieb ich. Das ist auch gut so. Nur eben nicht sonderlich schnell heilsam. Meine Heilung bräuchte länger. Gute Gespräche mit Freundinnen. Nächte auf Partys oder Rückfälle in seine Arme. Es brauchte viele Nachmittage mit den Kindern im Museum oder Familienausflüge zu Kaffee und Kuchen. Es brauchte ein paar schlechte Liebesfilme und noch mehr gute Komödien über das Scheitern. Es brauchte Ablenkung auf Arbeit und eine Hautkrankheit sowie Diät die mich schrumpfen ließ. Es brauchte viel Schlaf und lange Spaziergänge und schlussendlich kaufte ich mir eine Katze, die sich als Kater entpuppt hat.

Zur Erinnerung an mich, an diesen Prozess des Lernens und des Wachsens, habe ich mir gestern einen Verlobungsring gekauft. Zumindest sieht er danach aus. Ein Symbol mich eben doch verändert zu haben.

Wenn der Milchschaum aufhört zu knistern, wird es allmählich wieder lauter im Zimmer. Der Kater schnurrt, die Nachbarskinder werden wach und die ersten Menschen schicken mir Nachrichten auf dem Handy.

Das Leben ging nie nicht weiter.

EINKÄUFE

Als ich eben im Supermarkt stand, war es wieder da. Dieses Gefühl absolut etwas, bzw. jemanden, zu vermissen.

Ich habe dieses Gefühl in den letzten zwei Monaten häufig beobachten können. Meist erst auf dem Weg nach Hause, mit Taschen links und rechts beladen. Diesmal schon zehn Schritte vorher, als ich nach der Milch griff.

Während meine Hand den Wagen schob, mein Blick zum Milchregal gewandt, stach er zu. Der Trennungsschmerz.

Dieses Bedürfnis jetzt mit ihm einkaufen zu gehen und daraus resultierend die Frage, warum ausgerechnet hier mein großer Schmerz liegt. Könnte ja auch anderswo passieren. Zum Beispiel abends an einem Sonntag im Bett. Oder morgens, wenn ich den Kaffee zubereite und die Kinder für das Frühstück rufe.

Hier stand ich also und nahm den Liter Milch, schluckte und tat was ich immer tue. Einkaufen.

Als der Wagen voll war, das Band belegt, die Tüten gefüllt und ich meinen Weg nach Hause antrat, wogen nicht die Lebensmittel schwer, sondern mein Herz.

Als wir einmal im Urlaub einkaufen waren, packten wir uns den Korb mit unnützen Sachen voll. Ich musste grinsen, weil seine Auswahl genauso wenig erlesen war wie meine. Irgendein Schrott, den man sich in der Heimat nur selten einpackt, aber im Urlaub magische Schätze waren.

Wir waren groß darin uns unter Einfluss von Alkohol und gelöster Stimmung teure Salate an der Bar zu mixen, um sie dann im Hotelbett mit mäßiger Begeisterung, aber doch diebischer Freude zu zerpflücken.

Wir gingen durch die unterschiedlichen Gänge und kamen am anderen Ende wieder zusammen, lächelnd.

Wir standen an der Kasse und ich wusste, egal wieviele Hände ich freigehabt hätte, er würde eher fünf Tüten tragen, als mich eine davon schleppen zu sehen.

Es waren diese Kleinigkeiten, die eine Beziehung für mich im Nachhinein zu einem Paradies sehr individueller Details macht. Momente die in jeder Beziehung auftreten, aber in der Regel einem Paar zugeschrieben werden, wie ein Fingerabdruck einer Person.

Die Persönlichkeit unserer Beziehung fand sich am stärksten wohl im Supermarkt wieder. In diesem Wirrwarr aus Möglichkeiten, Lauten, Menschen und Farben. Wir fanden uns immer wieder. Jetzt gehe ich dennoch alleine.

Es wird noch eine Weile dauern wieder wie einst meine Einkäufe zu erledigen. Lustlos, liebslos, bedeutungslos.

WIE MACHT MAN(N) RICHTIG SCHLUSS?

In Liebesfilmen, davon schaue ich heute eine Menge, insbesondere den der gescheiterten Liebe, wird dem Schlussmacher immer vorgeworfen sich auf unmögliche Weise getrennt zu haben. Per WhatsApp, Skype oder wenn er richtig Mut hatte per Anruf.

Ich fragte mich unweigerlich wie für mich die perfekte Trennung aussehen müsste, um mich danach nicht drei Monate in Selbstmitleid zu baden. Insbesondere zur Weihnachtszeit.

Würde es mir helfen, wenn der Mann den ich eben noch so heiß und innig geliebt habe, persönlich vor mir stünde? Er würde eine angenehme Atmosphäre schaffen, mich vielleicht auch gar nicht zu Hause empfangen, weil ich die Wohnung danach verbrennen müsste. Pathetisch, ich weiß.

Wir wären also in diesem kuschlig neutralen Raum. Neutral, weil er mir nichts bedeutet und ich später keine Möbel rücken muss. Dort säßen wir warm und gebettet auf einem Sofa? Lieber ein Stuhl? Stehen oder liegen wir? Ja genau, wir liegen. Er streichelt sanft meinen Unterarm, es läuft sanft Feist im Hintergrund und er weint schrecklich. Er weint um unsere verlorene Liebe und diesen Versuch mich jetzt gehen zu lassen.

Er schwört natürlich in sein Taschentuch nie mehr eine andere so zu lieben wie mich. Ich sei perfekt, er sei nur impotent und könne mir diesen Zustand nicht zumuten.

Tränenerstickt muss ich ihn nun trösten und reiche Schokolade die überall im Raum ausliegt. Es gibt Wein oder härteren Alkohol, denn vielleicht starten wir einen letzten armseligen Versuch seine Impotenz zu besiegen.

Sein Penis ist inzwischen kleiner. Ihm wächst ein Bauch und irgendwie nervt mich sein Parfum heute auch. Alles an ihm ist unattraktiv. Das Hemd welches ich nie mochte. Die Füße stecken in kaputten Socken. Ich sehe aus wie eine Göttin und er wie meine Vergangenheit.

Zum Abschied überreicht er mir ein Geschenk und bittet mich alle Gegenstände und Pullover die ich über die Zeit bei ihm angesammelt habe, behalten zu dürfen. Er würde sich noch ein paar Monate in den Schlaf weinen, während er an meinem Schlafshirt schnuppert.

Er bedankt sich für die beste Zeit seines Lebens. Malt aus wie schön unsere Kinder gewesen wären, wie sehr seine Mutter mich geliebt hätte und das er mich wirklich gerne einmal die Woche zum Brunch treffen wolle.

Endlich kommen meine besten Freundinnen zur Tür rein, ziehen mich vom Sofa und gehen hart mit mir feiern. In einem Stripclub. Mehr Klischees gehen nicht? Ach doch.

Unterwegs stolpere ich über meinen zukünftigen Ehemann. Er ist doppelt so toll wie der Ex. Ausgeglichen, reif, witzig. Impotenz spielt hier unter Garantie nie eine Rolle.

Ich habe so in mich reingelächelt und stelle dennoch fest: es gibt sie nicht. Die perfekte Trennung.

Es gibt nur einen der sich trennt und einen der zurückbleibt und damit klarkommen muss.

Die perfekte Trennung ist gegenseitig. Wenn beide einander gehen lassen. Wenn beide sich nichts mehr zu geben haben.

Die perfekte Trennung findet einfach nie statt.

VOM ENDE EINER HARTEN WOCHE

Wenn ich morgens aufstehe, tue ich das nicht selten neben meinem jüngsten Kind.

Während die Nacht mir unfassbar kurz erschien, weil ich Händchen gehalten und Hustensaft gereicht habe, gluckst der Wasserkocher mir etwas vor und der dunkle Morgen verdrängt die noch dunklere Nacht.

Tag um Tag um Tag bin ich aufgestanden, habe Kaffee gekocht, den Kindern Frühstück bereitet und mich im Badezimmer geschminkt.

Ich ging zur Arbeit, lächelte dieses professionelle Arbeitslächeln, drückte fremder Leute Kinder, ließ meinen Alltag wieder Herr der Lage werden und sperrte das Handy in den Schrank. Begraben unter meiner Verantwortung.

Abends ging ich früh ins Bett und jeden Tag ein wenig später.

Dann, ganz sicher geworden, ob all meiner Gefühle und Bedürfnisse, nahm ich die Herausforderung an wieder unter die Lebenden zu gehen. Zu lachen, bis mir heiße Tränen über die Wange rollten. Freundinnen zu fragen wie es ihnen ginge und nicht immer nur zu erzählen wie beschissen ich mich fühlte.

Ich ging wieder nach Hause, obwohl ich lieber 24/7 gearbeitet hätte. Mich abgelenkt. Diese Wohnung, in der man gemeinsam wirkte.

Ich schob mein Bett in eine andere Richtung und damit meine Gedanken an dich ebenfalls.

Ich fing an den Kuchen für den Schulbasar zu backen, die Einkäufe zu tragen, meine Kinder zu beschäftigen und all das ohne Unterstützung.

Ich kaufte Geschenke und verpackte sie. Hörte wieder Musik, wenn ich in der Tram saß und niemand relevantes neben mir.

Ich aß wieder etwas, sagte Verabredungen zu und bestellte deine Teilnahme ab. Ich blockierte deine Nummer und bereinigte die falsche Annahme es gäbe ein zurück. Gibt es nicht.

Da wo ich war und da wo ich bin, sind zwei völlig verschiedene Leben.

Am Ende einer harten Woche, freue ich mich zum ersten Mal seit langer Zeit wieder auf die Wochenenden. Auch ohne dich. Ganz für mich alleine.