PÄDAGOGIN MIT AUFTRAG

Ich lese gerade einen vierseitigen Artikel von W. Warnecke über Inklusion und Chancengleichheit. Eine Hausaufgabe, der ich mich gerne annehme und die ich am liebsten kopieren und von den Dächern dieses Landes werfen würde. Hinein ins Bewusstsein aller. Insbesondere sollten wir Pädagogen jedoch ernsthaft damit beginnen, den Grundstein zu legen.

Verschiedenheit und Vielfalt beginnt mit der Existenz. Geboren, so individuell und unterschiedlich wie es eben von Mensch zu Mensch möglich ist. Bereits vor der Geburt reduziert auf Herkunft, Aussehen, Geschlecht, Religion usw.

Es ist nicht neu, dass Kinder als unwahrscheinlich neugierige und offene Wesen zur Welt kommen. Sie zeigen kein Interesse an Zuschreibungen und werten ihre Mitmenschen anfangs weder auf noch ab, aufgrund Stereotypen oder optischer Merkmale. Ihnen ist nicht bewusst, dass ihr Gegenüber sich vielleicht durch oberflächliche Merkmale bereits von ihnen in Kategorien einteilen lässt. Sie beginnen zunächst miteinander zu agieren, bis irgendjemand von außen ihnen mitteilen wird „Mit DEM wird nicht gespielt!“.

Ein respektvoller Umgang beginnt mit der Wahrnehmung und Beobachtung dieser angeborenen Neugier. Niemand kommt intolerant zur Welt. Wir werden erst so gemacht.

Nach und nach ist es uns Menschen wichtig, uns zuordnen zu lassen. Es dient der Orientierung, in einer komplexen und großen Welt. Wir gleichen uns wie selbstverständlich zunächst unserem engsten und vertrautesten Kreis, der Familie an. Sie ist auch das Kernstück der Sozialisierung. Hier beginnt, was nach und nach gefestigt wird. Die Identität.

Wer sich von der Masse abzuheben glaubt, in einer Familie groß wird, die dies nicht als wunderbar und normal anerkennen kann, wird sich später auch immer von anderen gestört fühlen, die der auferlegten Norm abweichen. Wir Menschen sind Herdentiere. Wir suchen unsere Sicherheit und Geborgenheit dort, wo wir sie billig finden werden.

Was kann ich als Pädagogin aber tun, um den Eltern und Kindern kommender Generationen diese Ängste vor Heterogenität zu nehmen?

Zunächst einmal durch die mir verliehene Vorbildfunktion.

Ich sitze fest im Sattel und lasse mir niemals von Außen einreden, dass Andersartigkeit ein Stigma sei. Es gibt kein anders. Anders bedeutet, es müsste irgendwo ein gleich geben. Schauen wir uns um, stellen wir aber fest, selbst Geschwister (auch Zwillinge) unterscheiden sich von Grund auf in ihren Eigenschaften, ihrer Optik, ihrem Sein. Minimale Gemeinsamkeiten werden als Richtschnur begriffen, um Menschen zu kategorisieren.

Wenn ich als Pädagogin erkenne, dass jeder Mensch das Recht hat sich frei, offen und geschützt zu dem Erwachsenen entwickeln, wirke ich damit positiv auf das Kind ein. Natürlich wird spätestens in der Schulzeit die elementare Erziehung über den Haufen geworfen, wenn wir unsere Kinder wieder zu Disziplin und gleichen moralischen Deutungen ermahnen. Dennoch, die Basis ist gelegt.

Jede Generation die ihre Kinder weg von Defiziten und hin zu Stärken, Chancen und Kompetenzen bewegt, schickt mündige und sichere Menschen in ihre Zukunft. Angst kann nicht entstehen, wenn vorher immer wieder Vertrauen geschenkt und selbstständiges Denken gefördert wurde. Wer keine Angst spürt, keinen Verlust und keine Schwäche, lebt frei von Wut, Abhängigkeit und Hass. Drei Pfeiler, die der Nährboden von Gewalt, Arbeitslosigkeit, Alkoholismus usw. werden können. Diese Generation gibt diese Erfahrungen dann an die nächste weiter.

Pädagogen sind in der Pflicht sich selbst und dieses Wissen darum in ihren Handlungen widerspiegeln zu lassen. Sie reflektieren sich und ihr Verhalten und haben die Chance Werte zu vermitteln, ohne dem Druck durch Leistungen oder Erwartungen nachzugeben.

Ich muss wissen, ob ich dieser Berufung gerecht werden kann. Nur wer sich bewusst immer und immer wieder hinterfragt, ob er heute schon etwas für die Zukunft des Schützlings getan hat, kann Wunsch zu Wirklichkeit werden lassen.

Ja, es ist viel Verantwortung und eine Macht, die viele an Grenzen treibt. Es ist aber auch eine Chance, eine Mission und ein Geschenk an eine Menschheit, eine Zukunft für ein Miteinander, die keine andere Berufsgruppe so ergreifen kann.

Nutzen wir diese Chance! Erkennen wir das Potential unseres Wirkens! Erkennt eure Kinder und euch selbst in dieser Welt und begreift, wir sind alle anders. Wir sind alle so normal wie wir unnormal sind!

WAS GEHT’S UNS AN?

Prinzipiell behaupten eine Menge Menschen von sich mit Toleranz gesegnet zu sein. Sie werfen sich gegen Diskriminierung jeder Art in die Bresche oder verneinen zumindest vehement frauenverachtend, rassistisch und homophob zu sein. Man könnte ihnen sonst nämlich nachweisen, dass sie klein, ängstlich und unwissend sind. Eigenschaften die sich niemand gerne unterstellen lässt.

Was aber, wenn wir anfangen in Nachbarsgarten zu schauen? Was hat die denn heute wieder angehabt im Fernsehen? Boah, der alte Kerl mit dieser jungen Frau? Wie sie ihre Kinder erziehen, da bekomme ich das kotzen! Usw.

Es gibt unzählige Situationen, in denen wir unsere ganzen Werte und die tolerante Einstellung über Board werfen und zu eben diesen verhassten Arschlöchern werden, die wir zwei Sätze vorher noch angeprangert haben. Und das ist auch nicht ungewöhnlich. Der Mensch grenzt sich gerne ab. Abgrenzen erfolgt nicht zwangsläufig darüber, in einer Sache besser zu sein, sondern oft darin andere schlechter zu machen. Wir tragen unsere Nasen also höher und zeigen mit dem Finger auf andere und automatisch gibt es eine Millionen Dinge die wir besser machen würden. Mindestens anders.

Wir benutzen beim Radfahren ja immer ein Helm, nicht wie die soundso vielen Verkehrstoten, selbst Schuld…sowas würde vermutlich kaum jemand laut sagen. Nein, es müssen Kleinigkeiten sein. Sowas wie ein Kodex auf den sich viele einigen können: Achtung – fertig – los – lästern!

Erfahrungen die uns haben schlecht fühlen lassen, übertragen wir gerne auch auf andere. Wenn wir uns irgendwo jemals gestört fühlten, versuchen wir Verbündete im Kampf um dieses Unwohlsein zu finden. Hat uns unser Partner für eine jüngere Frau verlassen, sind alle Männer die es gleich tun eben sexistische Schweine. Hat uns Mal ein Hund gebissen, mögen wir eben lieber Katzen. Wir sind nur dann wirklich tolerant, wenn wir uns identifizieren können. Haben wir eine ähnliche Krankheit wie der andere durch, vermag sich etwas in uns regen. Schon kleine Abweichungen machen uns dies schwer. Zu behaupten wir seien alle zur Empathie fähig und könnten uns ja in andere einfühlen, stimmt dann auch nur bedingt. Wer kann sich mit weißer Hautfarbe in einen Menschen mit schwarzer Hautfarbe einfühlen? Und wer möchte sich dies überhaupt rausnehmen? Wer ist größerer Experte? Derjenige mit Behinderung oder der, der mit Menschen arbeitet die eine Behinderung haben? Sind beide allem gegenüber automatisch toleranter? Nein.

Auch unter sogenannten Betroffenen (bitte mit Anführungszeichen zu verstehen), lässt es sich wunderbar lästern, herabsetzen und Scheiße labern. Man wird nicht automatisch zum besseren Menschen.

Und so müsste die Frage eher lauten: Was geht es mich an? Deine Freiheit darf meine Freiheit nicht einschränken und umgekehrt. Alles andere betrifft mich nicht und damit habe ich dich leben zu lassen wie du es für richtig hälst. Punkt.