WENNS HILFT

Wir sagen immer leichtherzig, jemand der verlassen wurde, soll sich doch erstmal selbst finden. Als Single rauskriegen wie es ohne den anderen ist. Wieviel selbst nun vorhanden blieb und nicht dem gemeinsamen zum Opfer fiel. Sich neu erfinden, wenn es sein muss.

In den ersten Wochen gehen die Freunde davon aus Ablenkung täte gut. Sie laden einen auf eine Party ein, stellen neue Bekanntschaften vor und zwinkern verheißungsvoll, wenn der nächste Gast auch die nächste Liebe sein könnte. Wir drehen uns dann lautlos um und schleichen wie geprügelte Hunde nach Hause. Im Idealfall. Im schlimmsten Fall rufen wir betrunken den Ex an und fahren zu ihm. Alles beim alten, nur eben ohne Zukunft.

Dann beginnt diese Phase in der wir denken so langsam drüber hinweg zu sein. Wir löschen alte Mails, verstauen die Sachen des anderen in der Schublade und können endlich wieder aufatmen. Abends schlafen wir seelenruhig ein, sind wieder glücklich. Der andere scheint das zu spüren und meldet sich nun öfter. Möchte einen nochmal umarmen, sehen oder küssen. Natürlich nehmen wir das dankbar an und leben von diesen Momenten. Dem Kummer zum Trotz.

Aber auch das führt einfach nicht weiter. Eher wieder zurück. Zur Hoffnung und all dem Drama, welches wir dachten ja gerade genau in dieser wundervollen Beziehung hinter uns gelassen zu haben. Der andere bleibt seltsam fremd und nahe zugleich. Wir hätten unsere Hand dafür ins Feuer gelegt endlich einen reifen und ausgeglichen Partner gefunden zu haben.

Also begreifen wir. Wir lenken uns wieder ab. Wir zeichnen, treibej Sport, kochen, basteln, gehen aus oder spielen mit den Kindern. Arbeit tut plötzlich so gut und jede Einladung zum Kaffee wird angenommen. Unterdessen versucht der Körper eine Erkältung zu unterdrücken und verbraucht eine Menge Energie uns nicht leiden zu lassen.

All das hilft nur bedingt. Die Selbstliebe, die Ablenkung in der Ich-Findung. Sich selbst in der Wanne räkeln und bei einem Kakao denken „toll wie gut ich mir tue!“. Stattdessen grinst der Ex sein zartes Grinsen und wir hoffen wieder. Weinen, ignorieren, sterben.

Nach eineinhalb Monaten ist es soweit. Ich gebe auf. Ich gebe mich wieder hin. Ich weiß genau was ich nicht will. Wen ich nicht brauche und weshalb der andere noch immer jeden Tag vor meiner Tür stehen könnte, mit einer Entscheidung für uns.

Ich gehe online, installiere eine dieser Apps und wische alle nach links. Alle weg von mir. Aber es hilft.

Mit jedem netten Spruch, jeder lustigen Zeile, verblasst der andere. Sein Lächeln, seine Hände, sein Duft.

Sich ablenken klappt nur bedingt, weil sich jedes Hobby bei mir mit den Gedanken zu ihm verbinden ließen.

Flirten gehörte nie dazu. Ich kann nicht für einen offen sein, wenn der andere mir dabei über die Schulter sieht. Angeblich belegen Studien, dass nur eine neue Liebe eine alte vergessen lässt. Ich glaube nicht an diese neue Liebe, aber ich glaube an den Versuch weiterzuleben.

SCHLUSS MACHEN

Es ist kein Klischee so unbeliebt, dass man sich davon tatsächlich löst.

Frauen die ihren Partnern kurz vor Dezember Adventskalender basteln. Männer die überhaupt nicht auf solchen Kitsch stehen und sich bemühen regelmäßig hineinzusehen.

Da sind diese Welten zwischen uns, die ab und an aufeinander treffen und sich dann in einem Kampf um Krieg oder Liebe anziehen und wieder abstoßen.

Sind wir Single, versuchen wir diesen Zustand oftmals bedenklich schnell zu ändern. Wir irren durch das Internet und wischen nach Bestätigung immer rechts entlang. Die Qualität ist nicht entscheidend.

Wir versprechen uns nichts mehr. Keine Selbstliebe. Keine wahren Gefühle. Hauptsache niemand muss alleine Silvester feiern oder sich bis dahin Wochenende um Wochenende in den Schlaf onanieren.

Unter der Woche essen wir Pizza, sehen Filme, treffen Kollegen und fühlen uns so frei, aber an jedem verdammten Sonntag kriecht die Langeweile uns ins Gehirn und verzeichnet, was längst traurige Gewissheit ist. Wir werden nicht gewollt. Jemand oder niemand interessiert sich für uns.

Stattdessen gehen die Frauen in kurzen Kleidern auf die Piste, sich selbst einredend sie wollen genau so jetzt aussehen und rumlaufen. Die Männer währenddessen wissen um ihren leichten Stand. Irgendeine wird schon anbeißen, muss ja nicht die große Erfüllung sein.

Wir treffen uns in der Mitte und nennen das Kompromisse. Wir gehen auseinander und die eine Seite liegt verwundet in einem Meer aus Tränen und bedauert wieder kein Geschenk zu Weihnachten bekommen zu haben, während die andere Seite sich denkt „Na zum Glück muss ich mir jetzt keinen Stress machen…die Eltern verlangen ja sowieso nichts.“

Männer die mit Mitte vierzig noch kinderlos sind, werden es vermutlich bleiben. Frauen die mit Ende dreißig noch an die wahre schicksalshafte Liebe glauben, sollten aufhören Hollywoodfilme zu konsumieren, wie der Berliner Berghainbesucher sein Ketamin.

Eines Tages sind Klischees keine Klischees mehr, sie sind bittere Realität. Eines Tages wachen wir auf und unser Leben war ein einziger Witz.

TRAUMFRAU ZU VERGEBEN

Vergebens auf der Suche nach Mr Right, machen sich Frauen da draußen auf einem Bild zu entsprechen. Dem Bild der sogenannten Traumfrau.

Aber was muss eine Frau denn mitbringen, um diesem Bildnis gerecht zu werden?

Wird eine Traumfrau nicht irgendwann auch nur zur Realität, damit also zum Alltag und nach und nach langweilig, wenn aus Traum eben Wirklichkeit wurde?

Angenommen ein Mann wünschte sich eine Partnerin die sich dezent schminkt, Absatzschuhe und nette Kleider trüge. Sie sollte außerdem stark und unabhängig sein, denn Kletten mag bekanntlich keiner, aber dennoch permanente Zuneigung durch Verfügbarkeit signalisieren.

Sie muss sich sehen lassen können. Eine Frau für’s Auge. Dumm darf sie auf keinen Fall sein, um ihn nicht zu blamieren, aber möglichst schön unkompliziert bleiben, denn selbstständig denkende Frauen sind ebenfalls ungern gesehen.

Diese Traumfrau sollte arbeiten und ihr Geld selbstständig verdienen, damit sie niemandem auf der Tasche liegt, bei gleichzeitiger Unterordnung seiner Vorstellung von Macht und Position. Er muss die Brötchen verdienen, er muss sich stark und männlich fühlen dürfen.

Sie sollte den Kinderwunsch nicht frei äußern, sondern darauf warten wann ihr Herr und Meister sich bereit erklärt. Der Körper darf dabei weder in Mitleidenschaft gezogen werden, noch das Sexleben oder die Aufmerksamkeit unter dem Spross zu leiden haben. Alles müsste so bleiben wie es war, nur hat man jetzt eben den Stammhalter gezeugt. Nachwuchs ist bekanntlich auch sowas wie ein Denkmal und Erbe.

Dann wird sich außerdem gefragt, ob diese Frau eigene Entscheidungen treffen kann. Dafür muss es möglich sein sie ab und an wohldosiert gehen zu lassen. Sie verreist also gerne, aber schenkt dem Angebeteten so viel Liebe wie möglich. Sie vermisst ihn, wünschte er wäre da. Er müsste natürlich zum Ausgleich noch häufiger verreisen, die Nächte durchmachen mit Freunden und bitte, Lady, keine Eifersucht!

Zicken sind sowieso ganz schlimm. Was kann er für seine Libido und Anziehungskraft auf das andere Geschlecht? Also sollte sie ihm huldigen, indem sie akzeptiert was eben unumgänglich scheint. Auch andere Frauen haben Recht auf ein Stück vom Kuchen. Umgekehrt ist sie natürlich treu.

Andere Männer dürfen gucken, aber sie rennt treudoof immer nur zu ihm. Dabei muss sie neben ihrer Fähigkeit als Sexbombe aber noch ein paar andere Skills draufhaben. Kochen können, wäre nett. Eine Palette schlechter Witze erzählen können. Angemessen oft die Klappe halten, aber ihm andächtig lauschen wollen. Sportinteressiert sein, ohne ihm sein Fachwissen abzusprechen. Der Haushalt ist für sie Leidenschaft und am liebsten erledigt sie all das nackt.

Es ist hart die Traumfrau all dieser Männer da draußen zu sein. Schon ein untreuer Mann bringt das Gleichgewicht ins schwanken. Was weiß denn die Traumfrau von den Träumen des jeweiligen Mannes?

Liest man sich auf Tinder oder anderswo nämlich mal durch was da so gesucht wird, überbieten sich die Herren an Unmöglichkeiten. Schmink dich nicht zu stark, aber mach dich schön! Sei schlank, aber verbiete dir nicht das Essen! Keine Kinder, aber Sex ist unbedingt wichtig! Eine Menge Erfahrung, aber bitte ohne Vergangenheit! Usw.

Liebe furchtbare Single-Männer, wir Frauen haben eigentlich nur einen Wunsch auf unserer Liste:

Seid keine Arschlöcher!

KEINE FREUNDE, ABER DATES

Alleinerziehende die sich nicht mit anderen Alleinerziehenden vernetzen, haben eines mit Zugezogenen gemeinsam: keine Freunde, aber Dates.

Es fragte mich erst kürzlich eine Kommilitonin, wo in Berlin denn die besten Bekanntschaften zu schließen sein. Sie dachte an Technoclubs. Diese Stadt sei ihr noch fremd, aber Techno ginge ja immer. Ich musste ein wenig schmunzeln, denn in Technoclubs habe ich allerhöchstens Bettgesellschaft gefunden, aber selten jemanden für den Spielabend oder Museumsbesuch. Natürlich gab es Ausnahmen, aber eben nur wenige.

Sport könnte helfen, riet ich ihr. Sie war Single und ungebunden. Warum also nicht so viel wie möglich ausprobieren. Raus in die Welt. Anders als bei mir, keine Kinder.

Kinder führen dazu, je nach Zeitpunkt ihrer Geburt, den Freundeskreis ausdünnen zu lassen. Viele meiner engsten Freundinnen haben Kinder. Ein erstaunlich großer Anteil ist wie ich alleinerziehend. Zu groß das Stigma den Mann rauben zu wollen. Zu häufig keine Zeit, weil Familienausflüge geplant sind. Da stört man nur.

Dennoch ist es nicht unmöglich jemanden kennenzulernen. Als Single war ich ständig ausgebucht. Die sogenannte Milf ist auf Tinder echt beliebt. Ich habe mich bei dem Gedanken immer geekelt, auf einen sexy Motherfucker, aber niemals die große Liebe zu stoßen. Also blieb ich zum Glück sehr klar in dem was ich wollte und fand die Liebe doch noch.

Freundinnen zu haben und Freundschaften zu pflegen, ist mit Kindern nicht leicht geworden. Es ist aber auch nicht ausgeschlossen. Wenn ich früher vor allem Männer meine Kumpels nannte, sind es heute eher Frauen die zu Vertrauten geworden sind. Partnerin in crime. Wir kennen das Gefühl alleine zu bleiben und wir kennen das Gefühl begehrt zu werden, aber selten wirklich gewünscht.

Sucht euch Freundinnen! Geht raus und findet Menschen wie euch. Sie sitzen mit dem Glas Wein in der Wanne oder vor Netflix und warten. Sie warten nicht auf Mister Right. Sie warten auf die beste Freundin. Eine die bleibt. Eine die Kaffee trinkt und sich niemals am Kind stört. Eine die zuhören kann, ohne an Sex zu denken.

Wir sollten unseren Tacho verschieben. Den Kompass neu justieren. Single, aber nie allein. Mutter, in einer Mütter-Clique. Endlich in Frieden mit sich selbst.

WIEVIEL DARF ICH PREISGEGEBEN?

Gegenüber seines Arbeitgebers ist man zu Loyalität und Verschwiegenheit verpflichtet. Vertraglich gibt es keinen Graubereich.

Namentlich über Konzerne, Personen des öffentlichen Lebens herzuziehen, kann manchmal böse enden. Rufmord gilt als klagbar.

Wer heute noch seine Kinder online bloßstellt, kann dafür zurecht von anderen abgemahnt werden. Der nächste Shitstorm ist nie weit.

Was aber, wenn wir über unsere Ex-Partner oder alte Liebschaften schreiben? Wir ungefragt Details der Beziehung preisgeben oder unsere Tinderdates lächerlich machen?

Welcher Mensch bin ich, wenn ich mich profiliere, indem ich private Details, persönliche Momente und alte Geschichten teile, die einst nur zwei Menschen geteilt haben?

Es ist schwer eine Grenze zwischen moralisch richtig oder falsch zu ziehen. Auf der einen Seite sind es Erfahrungsberichte und spannende Einblicke, die es ermöglichen Tabus zu enttabuisieren. Auf der anderen Seite steht da etwas geschrieben, was die andere Partei nicht klarstellen kann. Sich ebenfalls mit ihrer Sicht der Dinge äußern wird. Einmal geschrieben, einmal veröffentlicht, ist es schwer wieder auf Null zu gehen.

Ich lese häufig von unglücklichen Dates und sehe Screenshots gesammelter Konversationen auf Tinder und Co. Natürlich muss auch ich manchmal schmunzeln und frage nicht, wie es dem auf der anderen Seite wohl ginge, wenn er wüsste was mit seiner unreflektierten und teils absurden Message passiert, nach dem Verschicken.

Wenn ich mich aber in diese Position bringe, also jemandem etwas zu schreiben, vielleicht etwas tumb und fernab eines guten Flirts, was würde es mit mir machen, eben diese paar Zeilen (die noch nicht viel über mich verraten), auf Twitter als Perlen zu lesen? Wie ginge es mir, würde ich zum Gespött der Leute, weil meine Rechtschreibfehler mal wieder zum schreien waren oder weil meine Fotos niemandem gefielen? Wie wäre es, wenn ich jemanden eben noch interessant fand und dieses kurzes Gefühl der Sympathie mich bald Lügen straft, weil ich irgendwann Teil der Kampagne „Bücher über Tinder“ wurde?

Ich würde mich schämen. Mich ärgern. Mich fragen, wie der andere so tief fallen konnte, mich für einen Joke, einen Tweet oder eine Konversation auf Onlineportalen zu missbrauchen.

Nur schlimmer geht es ja bekanntlich immer.

Leute die ihre ExpartnerInnen immer und immer wieder hervorkramen, um aus ihnen gute Geschichten zu machen. Die ihre Erlebnisse nicht in einer Therapie aufarbeiten oder unter Freunden bereden, sondern Likes darunter sammeln, als sei das ihre Belohnung für eine besonders verpfuschte Beziehung.

Natürlich ist es schön sich Erlebnisse von der Seele zu schreiben, Gleichgesinnte zu treffen und sich vielleicht auch einen Rat abzuholen. Jemanden online zu verhöhnen und die alte Beziehung auszuschlachten, hat immer einen miesen Beigeschmack.

Es ist unfair dem anderen auf diese Weise etwas nachzutragen. Immer und immer wieder. Es ist ein Armutszeugnis. Sich selbst gegenüber genauso. Wenn der Expartner geprügelt hat und diese Erfahrungen müssen öffentlich Raum finden, lässt sich vermutlich über diese Möglichkeit streiten. Austausch hilft. #Metoo machte es vor.

Den Ex dafür zu benutzen sich ein zweites Standbein zuzulegen, ist traurig, ungerecht und eine perfide Art sich zu rächen. Unsere Kinder, unser Arbeitgeber, wir selbst. Da sind wir sensibler, als bei dem was uns mindestens genauso persönlich erscheinen müsste. Finger weg von der Tastatur, sagt man ja viel zu selten zu sich selbst.