KEINE FREUNDE, ABER DATES

Alleinerziehende die sich nicht mit anderen Alleinerziehenden vernetzen, haben eines mit Zugezogenen gemeinsam: keine Freunde, aber Dates.

Es fragte mich erst kürzlich eine Kommilitonin, wo in Berlin denn die besten Bekanntschaften zu schließen sein. Sie dachte an Technoclubs. Diese Stadt sei ihr noch fremd, aber Techno ginge ja immer. Ich musste ein wenig schmunzeln, denn in Technoclubs habe ich allerhöchstens Bettgesellschaft gefunden, aber selten jemanden für den Spielabend oder Museumsbesuch. Natürlich gab es Ausnahmen, aber eben nur wenige.

Sport könnte helfen, riet ich ihr. Sie war Single und ungebunden. Warum also nicht so viel wie möglich ausprobieren. Raus in die Welt. Anders als bei mir, keine Kinder.

Kinder führen dazu, je nach Zeitpunkt ihrer Geburt, den Freundeskreis ausdünnen zu lassen. Viele meiner engsten Freundinnen haben Kinder. Ein erstaunlich großer Anteil ist wie ich alleinerziehend. Zu groß das Stigma den Mann rauben zu wollen. Zu häufig keine Zeit, weil Familienausflüge geplant sind. Da stört man nur.

Dennoch ist es nicht unmöglich jemanden kennenzulernen. Als Single war ich ständig ausgebucht. Die sogenannte Milf ist auf Tinder echt beliebt. Ich habe mich bei dem Gedanken immer geekelt, auf einen sexy Motherfucker, aber niemals die große Liebe zu stoßen. Also blieb ich zum Glück sehr klar in dem was ich wollte und fand die Liebe doch noch.

Freundinnen zu haben und Freundschaften zu pflegen, ist mit Kindern nicht leicht geworden. Es ist aber auch nicht ausgeschlossen. Wenn ich früher vor allem Männer meine Kumpels nannte, sind es heute eher Frauen die zu Vertrauten geworden sind. Partnerin in crime. Wir kennen das Gefühl alleine zu bleiben und wir kennen das Gefühl begehrt zu werden, aber selten wirklich gewünscht.

Sucht euch Freundinnen! Geht raus und findet Menschen wie euch. Sie sitzen mit dem Glas Wein in der Wanne oder vor Netflix und warten. Sie warten nicht auf Mister Right. Sie warten auf die beste Freundin. Eine die bleibt. Eine die Kaffee trinkt und sich niemals am Kind stört. Eine die zuhören kann, ohne an Sex zu denken.

Wir sollten unseren Tacho verschieben. Den Kompass neu justieren. Single, aber nie allein. Mutter, in einer Mütter-Clique. Endlich in Frieden mit sich selbst.

WIEVIEL DARF ICH PREISGEGEBEN?

Gegenüber seines Arbeitgebers ist man zu Loyalität und Verschwiegenheit verpflichtet. Vertraglich gibt es keinen Graubereich.

Namentlich über Konzerne, Personen des öffentlichen Lebens herzuziehen, kann manchmal böse enden. Rufmord gilt als klagbar.

Wer heute noch seine Kinder online bloßstellt, kann dafür zurecht von anderen abgemahnt werden. Der nächste Shitstorm ist nie weit.

Was aber, wenn wir über unsere Ex-Partner oder alte Liebschaften schreiben? Wir ungefragt Details der Beziehung preisgeben oder unsere Tinderdates lächerlich machen?

Welcher Mensch bin ich, wenn ich mich profiliere, indem ich private Details, persönliche Momente und alte Geschichten teile, die einst nur zwei Menschen geteilt haben?

Es ist schwer eine Grenze zwischen moralisch richtig oder falsch zu ziehen. Auf der einen Seite sind es Erfahrungsberichte und spannende Einblicke, die es ermöglichen Tabus zu enttabuisieren. Auf der anderen Seite steht da etwas geschrieben, was die andere Partei nicht klarstellen kann. Sich ebenfalls mit ihrer Sicht der Dinge äußern wird. Einmal geschrieben, einmal veröffentlicht, ist es schwer wieder auf Null zu gehen.

Ich lese häufig von unglücklichen Dates und sehe Screenshots gesammelter Konversationen auf Tinder und Co. Natürlich muss auch ich manchmal schmunzeln und frage nicht, wie es dem auf der anderen Seite wohl ginge, wenn er wüsste was mit seiner unreflektierten und teils absurden Message passiert, nach dem Verschicken.

Wenn ich mich aber in diese Position bringe, also jemandem etwas zu schreiben, vielleicht etwas tumb und fernab eines guten Flirts, was würde es mit mir machen, eben diese paar Zeilen (die noch nicht viel über mich verraten), auf Twitter als Perlen zu lesen? Wie ginge es mir, würde ich zum Gespött der Leute, weil meine Rechtschreibfehler mal wieder zum schreien waren oder weil meine Fotos niemandem gefielen? Wie wäre es, wenn ich jemanden eben noch interessant fand und dieses kurzes Gefühl der Sympathie mich bald Lügen straft, weil ich irgendwann Teil der Kampagne „Bücher über Tinder“ wurde?

Ich würde mich schämen. Mich ärgern. Mich fragen, wie der andere so tief fallen konnte, mich für einen Joke, einen Tweet oder eine Konversation auf Onlineportalen zu missbrauchen.

Nur schlimmer geht es ja bekanntlich immer.

Leute die ihre ExpartnerInnen immer und immer wieder hervorkramen, um aus ihnen gute Geschichten zu machen. Die ihre Erlebnisse nicht in einer Therapie aufarbeiten oder unter Freunden bereden, sondern Likes darunter sammeln, als sei das ihre Belohnung für eine besonders verpfuschte Beziehung.

Natürlich ist es schön sich Erlebnisse von der Seele zu schreiben, Gleichgesinnte zu treffen und sich vielleicht auch einen Rat abzuholen. Jemanden online zu verhöhnen und die alte Beziehung auszuschlachten, hat immer einen miesen Beigeschmack.

Es ist unfair dem anderen auf diese Weise etwas nachzutragen. Immer und immer wieder. Es ist ein Armutszeugnis. Sich selbst gegenüber genauso. Wenn der Expartner geprügelt hat und diese Erfahrungen müssen öffentlich Raum finden, lässt sich vermutlich über diese Möglichkeit streiten. Austausch hilft. #Metoo machte es vor.

Den Ex dafür zu benutzen sich ein zweites Standbein zuzulegen, ist traurig, ungerecht und eine perfide Art sich zu rächen. Unsere Kinder, unser Arbeitgeber, wir selbst. Da sind wir sensibler, als bei dem was uns mindestens genauso persönlich erscheinen müsste. Finger weg von der Tastatur, sagt man ja viel zu selten zu sich selbst.

DER FEIND DEN ICH BRAUCHE

Die postmoderne Generation voller Comicfans, Leseratten von Kriminalromanen und Netflixern bestimmter Sparten, kennt folgende Regel: jeder Held braucht einen Gegenspieler, jeder Bösewicht einen an dem er sich abarbeitet. Alles Yin sein Yang, alle Ruhe einen Sturm.

Die Welt wäre ein besserer Ort, würden wir alle in Frieden miteinander einig bleiben, hätten wir Nichts am anderen auszusetzen und am Ende stirbt es sich vermutlich vor Langeweile zu Tode.

Wer sich immer wieder genau wie ich fragt, warum es den Hashtag #Tinder nur noch auf Twitter gibt, um sich über die VersagerInnen lustig zu machen, die einem wiederholt ins Netz gingen – Wieso es scheinbar Normalität sei sich immer und immer wieder dem gleichen Horror auszusetzen, obwohl man vielleicht noch in selber Nacht, so es überhaupt zum Date kam, beklagt wie ätzend das Gegenüber sich verhalten hat – Warum all diese Erfahrungen nicht dazu führten, sich einfach von all dem Irrsinn zu lösen, der hat den Nutzen des Gegenspielers nicht verstanden.

Worüber würden Autoren schreiben, wenn ihre Heldin nicht permanenter Willkür, dreisten Mechanismen und einem harten Gegenwind ausgesetzt wäre? Wer würde Bücher lesen, in denen ganze Utopien störungsfrei vor sich hinexistieren könnten? Wie viele FollowerInnen bekäme ich, wenn ich nicht in permanenter schlechter Laune meinen Alltag zu einem Fest der Sinne hochstilisieren würde?

Vermutlich wäre es nicht nur langweilig sich mit dem anderen auseinander zu setzen, nein, binnen kürzester Zeit wäre mir meine Zeit auch zu kostbar. Ich könnte gänzlich ohne den Tratsch und die ganzen Emotionen einfach eine Spaziergang machen, Ausflüge ans Meer planen und Geld beiseite legen, an den Wochenenden an denen ich in irgendeinem Café Eis verkauft hätte. Es wäre mir vielleicht möglich mich anderen wichtigen Themen zu widmen, wie der Frage nach einer Kohlekraft-Alternative oder ob es wirklich notwendig ist fünfmal die Woche baden zu gehen.

Stattdessen kümmern mich die Gedanken und Sorgen der anderen genau so intensiv wie um meine. Ich lebe ihre Geschichten mit. Bin hautnahe dabei, wenn wir uns alle bis auf die Haut entkleiden und unser Inneres nach außen krempeln. Wonach sehnt sich unser Herz, wenn nicht nach Berührung? Und was berührt so sehr wie Leid und Sehnsucht?

Was uns den Alltag erleichtert, ist die Mentalität alles was wir vermissen (Geld, Sicherheit, Liebe, Nähe, Sorglosigkeit), auszugleichen. Wenn es uns nicht möglich ist Gleichungen der Quantenphysik zu lösen, ein Mittel gegen AIDS zu erfinden oder die Welt auf einem Segelboot zu erkunden, lehnen wir uns auf dem Sofa zurück und stöbern online durch fremde Leben. Da erkennen wir unser trostloses Sein vielleicht wieder und schaffen uns Probleme die keine sind, Feinde die keine sein müssten und kreieren eine Wut und viel Hass, damit wir die Gefühle der Einsamkeit und des Verlustes irgendwie überspielen können.

So war Superman vermutlich lange sehr einsam und alleine, mit seinem Geheimnis, ohne lebende Verwandte, ohne Liebe und immerzu Gefangener seines Doppellebens (zwei Jobs! Und einer davon sehr undankbar). Er brauchte seine GegenspielerInnen. Menschen und Monster an denen es sich reiben ließ, die ihn etwas fühlen ließen, die wiederum ihn brauchten für Selbiges.

Wer alleine ist und sich schrecklich langweilt in seinem Leben, umkreist gerne lange das, was dem Leben kurzfristige Kicks gibt. Dies kann das allabendliche Glas Wein sein, der Joint auf dem Balkon, das Koks auf einer Party, die Masturbation zu den allerschlimmsten Pornos, die Wut auf alle Kollegen im Job, die Wut auf den Partner zu Hause, die Wut auf den Staat, die Wut auf alle Männer oder Frauen dieser Welt. Um sich diesen Hass nicht auch noch nehmen zu lassen, muss man ihn pflegen. Sich ihm hingeben.

Wir sind gefangen in unserer Blase, jede/r in seiner/ ihrer. Und die Nachbarn in der eigenen anderen Blase sehen das, reagieren darauf, aber niemand, weder wir noch sie, sind in der Lage tatsächlich auszubrechen. Unsere Leben gaukeln uns Kontrolle vor. Wenn nicht wir, wer hat sie dann?

Alles was wir tatsächlich haben, ist die absolute Sicherheit, dass wir nichts mit Sicherheit haben. Bis auf den Sprung in der Schüssel.

BLINDDATE

Früher waren Blinddates hauptsächlich von Freunden und Verwandten arrangierte Verabredungen, um verkuppelt zu werden. Es gab eine nicht geringfügige Chance, dass die angetroffene Person schon mindestens einmal auf Herz und Nieren überprüft und von den Kupplern für gut befunden wurde.

Heute sind Blinddates in der Regel alles Verabredungen mit Fremden aus dem Internet. Dazu muss man das Gegenüber nicht mal mehr von sich durch viele Worte, pointierten Texte und eine vertrauenswürdige Stimme überzeugen, sondern lediglich mit einem attraktiven Foto. TINDER sei Dank.

Wenn wir uns also für das Date herausputzten, wussten wir damals meist schon etwas mehr über die andere Person, konnten uns ein Bild zeichnen lassen und was noch beruhigender war:

Jemand wusste wo und mit wem wir uns wann treffen.

Das ist ein Sicherheitspost!

Liebe Leute,

wenn ihr euch online verabredet und ggf. bis auf das Foto und eine vage Beschreibung nichts von dem anderen Menschen wisst, sichert euch so gut es geht ab. Teilt Freunden mit wo ihr hingeht, haltet das Handy griffbereit. Trefft euch an öffentlichen Plätzen und nein, es ist fast nie eine gute Idee (insbesondere nun einmal leider für Frauen), die Männer sofort mit nach Hause zu nehmen. Eure Adresse ist dann abgespeichert, je nach Pegel.

Wenn ihr Kinder zu Hause habt, geht ihr nicht mit fremden Männern aus, ohne einen Babysitter im Hause. Kindern am nächsten Tag den Schrecken zu ersparen in einer leeren Wohnung aufzuwachen, sollte selbsterklärend sein.

Es ist übrigens genauso beschissen, Männer mit in seine Wohnung zu nehmen, wenn das Kind im Bett liegt und durch einen leichten Schlaf geweckt wird. Schlimmer wäre jedoch, wenn der potentielle Partner kein Partner, sondern ein großes Arschloch wäre. Sich absichern, lautet die Zauberformel.

Natürlich wollen wir unsere Dates gestalteten wie wir lustig sind. Wir wollen frei sein und Spaß haben. Möchte der andere auch. Manchmal auf eine Weise die unsere Grenzen bei weitem überschreitet.

Der andere kann im Idealfall ein großartiger Mensch und ein tolles Date sein. Im schlimmsten Fall ist er ein Idiot, Krimineller und nichts sollte uns wichtiger sein, als ein gesundes Misstrauen.

Es heißt immer, wir sollten einen Vertrauensvorschuss liefern. Nö wieso? Vertrauen muss verdient sein. Es gibt Wege sich dieses Privileg schnell zu erarbeiten. Indem man Grenzen respektiert, nachfragt, kommuniziert und sich in Geduld übt.

Wer auf eine Verabredung geht, wird nicht immer bekommen was er sucht, liebe Männer (und natürlich auch Frauen). Findet euch damit ab.

Wer für sich selbst Verantwortung übernehmen möchte, schützt sich nicht nur mit Verhütungsmitteln, sondern auch einer Portion Vorsicht. Wer Kinder zu Hause hat, benötigt sogar noch mehr Achtsamkeit.

Menschen die ihre Kinder in Gefahr bringen, um einen ihnen völlig Fremden zu sich einzuladen, müssen überlegen, ob sie hier klug oder einfach nur egoistisch handeln. Es geht nicht darum keine Dates haben zu dürfen, es geht darum das Beste für unsere Liebsten zu erwirken.

Wir würden unsere Kinder ja auch nicht alleine, planlos und ohne Ziel in ein Flugzeug setzen und schauen was passiert. Wieso also das Fremde, Unbestimmte ins Haus holen und die Tatsache ignorieren, dass auch Kinder ein Recht auf Schutz und Privatsphäre haben. Insbesondere während sie schlafen.

Blinddates machen Spaß und können später zu wunderbaren Lieben führen. Sie können eine ganze Nacht andauern und viele Jahre Glück bescheren. Sie können aber auch direkt in die Hölle führen und uns an unserem Menschenverstand zweifeln lassen. Wir sehen nun einmal nicht hinter die Fassade, bis sie sich uns als hässliche Grimasse offenbart.

Wer keine Lust hat sich verkuppeln zu lassen (oder keine Möglichkeit), darf natürlich immer auf die Onlinesuche gehen. Nur bitte, schaltet eure Selbstachtung ein! Bleibt behutsam euch und euren Kindern gegenüber!

TINDER FÜR’S VOLK

Was früher Opium bzw. Fernsehen wahr, ist heute die riesige Datingindustrie für OnlinerInnen.

Sie sitzen vor ihren winzigen Bildschirmen und bestaunen die Auslage. Alles so schön bunt hier!

Rothaarige, große Kerle, pummelige Frauen, mit oder ohne Anhang, mit oder ohne Bindungsphobie usw.

Und dann veröffentlichen sie auf Twitter oder mindestens unter ihren Freunden und Freundinnen peinliche Kommentare, laden Screenshots ihrer Unanehmlichkeiten hoch und feixen, eigentlich schier verzweifelt, über irgendwelche Trottel, die ihnen bereits nach drei Zwei-Wort-Sätzen nicht anspruchsvoll genug rüberkamen.

Es ist schon schwer mit der Liebe. Mal erwischt es einen und mal erwischt einen eine Grippe. Die Liebe will so richtig nicht zu uns passen. Wie ein drückender Schuh, der im Grunde zu schön ist ihn wegzuwerfen, aber zu schmerzhaft ihn täglich zu tragen.

Also wird gesucht, gewischt, gehofft, Hoffnung zerstört.

Und ich las von Menschen, die über 1500 Matches hatten, mich fragend was dazu führte 1500 mal nach rechts zu wischen?

Habe ich auf der Straße jemals ansatzweise 1500 Mal meine Telefonnummer rausgerückt? 1500 Mal in einem fremden Bett, ist mir auch nicht passiert.

Und wenn man dann begreift, dass die Wahl dort eben eher zur Qual wird, also rein gar nichts mit Liebe zu tun hat, sondern nur mit der Beschleunigung seines eigenen Schicksals, welches einem verdammt noch mal bis hierhin etwas schuldig blieb, kann einem sowas passieren.

Man wischt sich durch sein eigenes trostlosen Singleleben und hofft irgendeiner wird vielleicht nicht genau das gleiche am anderen Ende der Verbindung machen.

Falls doch und das ganze Spiel fliegt auf, bleibt ja noch der Screenshot, der das Gegenüber in der Öffentlichkeit bloßstellt und einem das Gefühl gibt wenigstens nicht ausgerechnet diesen Versager abbekommen zu haben.

Beruhigend.