DU BIST SO STARK

Ein oft gehörter Satz, der mich so manches Mal auf die Palme brachte.

Vor eineinhalb Jahren machte ein Fotograf Fotos von mir. Einem dieser Fotos gab er den Titel „Stärke“ und ich murrte lange daran herum. Ich sagte ihm, dass mir diese Wahrnehmung nicht gefallen würde, da sie suggeriert ich sei zu allem in der Lage, immer wach, immer bereit, immer taff. Ist natürlich Blödsinn.

Ich bin mir sicher er und alle anderen die mich für stark halten, meinten es auf die bestmögliche Weise und sprechen mir weder ab verletzlich zu sein, noch Scheißtage zu haben. Sie bewundern eben meine Fähigkeiten, dieses Leben zu nehmen wie es kommt.

Alleinerziehend zu sein, erfordert ja auch eine gewisse Stärke. Ich stehe nachts alleine auf, ich halte dem Kind die Hand, wenn es krank ist. Ich mache das Essen und gehe alleine einkaufen. Der Haushalt steht nur noch wegen mir nicht in Flammen und das hart erarbeitete Gehalt fließt komplett alleine durch mich in Miete, Strom, Essen und Kleidung.

Ich bin stark, aber ich bin vor allem stolz.

Stolz auf die Frau, die ich geworden bin.

Eine Frau die sich nicht unterkriegen lässt, auch wenn es nicht immer leicht war. Eine Frau die um Hilfe bitten kann, aber sie nicht voraussetzen muss, um ihr Leben zu meistern. Eine Mama, die gerne Mama ist und diesen Schritt nicht bereut. Eine Geliebte, die um ihren Glanz weiß und sich nicht minderwertig fühlt neben ihrem Partner.

Ich lebe ein Leben, welches so viele Alleinerziehende leben. Manchmal mit anderen Voraussetzungen und manchmal mit anderen Erfahrungen. Mein Geld reicht nicht für eine Haushaltshilfe und schon gar nicht für teure Urlaube. Ich habe nichtmal einen Balkon und weiß einfach wie hart und viel ich arbeiten muss, um uns über Wasser zu halten. Aber mein Stolz…den kann mir keiner nehmen.

Zu sehen wie die Kinder gesund und glücklich aufwachsen. Zu sehen wie ich anerkannt werde, von Freunden und Familie. Zu sehen wie ich gut arbeite und fleißig im Studium dranbleibe. Zu sehen, wie sich mein Partner auf mich freut und das Gefühl erwidern zu können.

Es ist Stärke die da gewachsen ist. Jeden Tag aufzustehen und zu sagen: ich bin wertvoll und das was ich leiste ist ein so großer Beitrag, ich bin mir dessen bewusst und andere sind es sich auch.

An einigen Tagen verzweifelt man, ich.

An einigen Tagen sitze ich da und rechne wie ich mir doch mal wieder etwas leisten kann, was eigentlich längst gestrichen war. An einigen Tagen überlege ich einen weiteren Job anzunehmen und mir eine Zweckbeziehung anzulachen, um die Miete zu teilen und an einigen Tagen lache ich über all meine Ideen und sage mir: Scheiß drauf, du bist stark!

Es ist nicht einfach, ich weiß. Alleinerziehende haben diesen Drang nach außen nicht wie VersagerInnen zu wirken. Sie wollen sich und ihren Kindern den Anschluss ermöglichen und wenn sie dafür bis aufs Blut ackern und sparen müssen.

Alleinerziehende sind stark.

Sie sind stolz.

Sie sind so viel mehr. Sie sind es nicht durch ihr bloßes Dasein, also ihre Existenz, sondern weil sie leisten, schaffen, sich jeden Tag motivieren.

Diese Form von Stolz und Stärke ist nicht angeboren. Sie ist gelebt und hart erarbeitet.

MACH MICH STOLZ

Heute geht es mir mal um Stolz. Genauer: stolz auf unsere Kinder zu sein.

Jeder kennt das, unser Kind ist SchöpferIn eines außergewöhnlich bunten Meisterwerks, es hängt dann ein paar Wochen am Kühlschrank und wird Besuchern mit einem Augenzwinkern im Vorbeigehen präsentiert.

Andere Eltern treiben ihren Stolz auf die Spitze, in dem sie jemand, ob man es hören mag oder nicht, berichten, wie begabt der kleine Violinist schon spielen kann oder virtuos das Alphabet auf Mandarin runtersingt.

Unsere Kinder machen uns stolz. Ob nun durch Kleinigkeiten oder tatsächlich nachweisbare Talente.

Wenn aber Eltern im Wettbewerb um Anerkennung vergessen, dass sie vor Jahren noch jeden Pups mit Begeisterung aufgenommen haben, dann wird es für Kinder schwer mitzuhalten.

Sie werden jetzt bewertet. Erfolge in der Schule, beim Sport, im Verein und Sozialverhalten. Keiner ist sicher. Alle müssen da durch. Und wenn sich dann mit Freunden verglichen wurden, in ihrer Altersgruppe gerade nur im Schnitt oder schlechter liegen, fällt der ganze Elternstolz der Anpassung zum Opfer.

Anpassung bei gleichzeitiger Indualisierung.

Heb dich heraus aus der Masse, aber falle nur wohlwollend auf, nie störend!

Und die Kinder sehen sich als Konkurrenten. Sie wetteifern nun um die Liebe ihrer Eltern, das Lob des Lehrers oder die Bestätigung einer Oma. Jeder muss ihnen Wert bestätigen und das geht nur, wenn dieser auch erkannt wird. Aber wer erkennt ihn noch?

Mein Kind muss nicht in der Schach AG glänzen. Es muss nicht der beliebteste Junge der Klasse mit den meisten Freunden sein. Es muss niemand bestätigen wie gut er sich im Sport gibt oder wie entspannt auf Klassenfahrten. Mein Kind ist ein Mensch, geboren mit allen Rechten die andere auch haben. Privilegierter durch Hautfarbe und Herkunft, sicher auch durch Geschlecht, aber nicht verantwortlich dafür mir das Gefühl zu geben ich hätte „alles richtig gemacht“. Einen Scheiß habe ich. Mein jüngerer Mensch macht das. Und wenn er was falsch macht, macht er auch alles richtig.

Es lebe die Gerechtigkeit.