AUFLÖSUNG

Wenn man „Stressflecken“ bei Google eingibt, erscheint relativ bald ein medizinischer Bericht über eine Reaktion der Haut, sie zwar bereits einen Namen, aber keine konkreten Ursachen kennt.

Ich nenne es liebevoll „mich auflösen“.

Meine Haut fing vor etwa drei Wochen an eine rote kleine Stelle zu bilden. Erst tat sie weh und war geschwollen, später bildete sie kleine Schuppen und färbte sich rosa.

Der Arzt verschrieb eine Cortisonsalbe und entließ mich. Zusätzlich hatte ich eine Erkältung und einen Harnwegsinfekt. Der Körper signalisierte klar und deutlich irgendwas stimme nicht mit ihm. Dennoch ging ich brav arbeiten, besuchte meine Kurse, schrieb eine Klausur und versorgte meine Kinder.

Abends war ich zu müde um zu essen und legte mich meist eine Stunde in die Badewanne.

Am Freitag kaufte ich zwischen Arbeit, Kita, Hausaufgaben einen Tannenbaum. Herzenswunsch der Kinder.

Ich baute alles auf, wir wollten ihn schmücken und dann fiel die Lichterkette aus. Also rannte ich nochmal raus in die Kälte und kaufte eine neue. Auch diese stellte sich als fehlerhaft heraus und so fluchte ich leise in den Nadelbaum.

Als ich abends wieder in die Wanne glitt, war mein Körper plötzlich übersät von weiteren offenen roten Stellen. Die Arme, die Brust, alles wund und rot.

Ich dachte anfangs an einen Unfall. Die Tanne müsse mich gepiekt haben und so ging ich optimistisch schlafen. Morgens hatte sich der Spuk auf drei Stellen am rechten, zwei am linken Arm und je einer Stelle pro Brust erweitert. Diese Krankheit wird auch lustigerweise mit einem Tannenbaum verglichen.

Natürlich bekam ich Angst und war nicht begeistert über all diese hässlichen Flecken. Doch sind wir mal ehrlich, seit Wochen schleppe ich mich durch den Tag, in Liebeskummer und Alltagsstress.

Ich erledige wieder jede Hausarbeit alleine, hole die Kinder ab, versorge und bespiele sie und abends ist da niemand der mich auffängt. Meine Freundinnen telefonieren mit mir, ich kann mich nicht über zu wenig Ablenkung beklagen, aber es fehlt die Nähe, die Liebe, die Ruhe.

Auf Arbeit werde ich gebraucht und Ersatz gibt es kaum einen. So quäle ich mich mit Blasenschmerzen zur Arbeit und wische die Erkältung beiseite. Ich schlafe nachts ein und fühle mich morgens gerade so fit, wie die Nacht neben dem Kind es zugelassen hat.

Mein Körper ruft immer dann zur Ordnung, wenn meine Seele noch eine Schippe mehr raufpackt. „Du schaffst das schon!“,jubelt sie mir zu. Applaus gibt es dann, wenn ich trotz alldem immer wieder aufstehe. Jeden Morgen.

Heute wollte ich zum Hautarzt. Niemand hatte Zeit und konnte mich anschauen. Während es unter meinem weiten Pullover also aussieht als wäre ich demnächst nicht mehr vorhanden, lege ich mich zwei Tage in mein Bett und begreife…

Ich kann auch einfach mal andere sich selbst überlassen. Die schaffen das auch ohne mich. Ich hingegen brauche mich jetzt wirklich.

VOM ENDE EINER HARTEN WOCHE

Wenn ich morgens aufstehe, tue ich das nicht selten neben meinem jüngsten Kind.

Während die Nacht mir unfassbar kurz erschien, weil ich Händchen gehalten und Hustensaft gereicht habe, gluckst der Wasserkocher mir etwas vor und der dunkle Morgen verdrängt die noch dunklere Nacht.

Tag um Tag um Tag bin ich aufgestanden, habe Kaffee gekocht, den Kindern Frühstück bereitet und mich im Badezimmer geschminkt.

Ich ging zur Arbeit, lächelte dieses professionelle Arbeitslächeln, drückte fremder Leute Kinder, ließ meinen Alltag wieder Herr der Lage werden und sperrte das Handy in den Schrank. Begraben unter meiner Verantwortung.

Abends ging ich früh ins Bett und jeden Tag ein wenig später.

Dann, ganz sicher geworden, ob all meiner Gefühle und Bedürfnisse, nahm ich die Herausforderung an wieder unter die Lebenden zu gehen. Zu lachen, bis mir heiße Tränen über die Wange rollten. Freundinnen zu fragen wie es ihnen ginge und nicht immer nur zu erzählen wie beschissen ich mich fühlte.

Ich ging wieder nach Hause, obwohl ich lieber 24/7 gearbeitet hätte. Mich abgelenkt. Diese Wohnung, in der man gemeinsam wirkte.

Ich schob mein Bett in eine andere Richtung und damit meine Gedanken an dich ebenfalls.

Ich fing an den Kuchen für den Schulbasar zu backen, die Einkäufe zu tragen, meine Kinder zu beschäftigen und all das ohne Unterstützung.

Ich kaufte Geschenke und verpackte sie. Hörte wieder Musik, wenn ich in der Tram saß und niemand relevantes neben mir.

Ich aß wieder etwas, sagte Verabredungen zu und bestellte deine Teilnahme ab. Ich blockierte deine Nummer und bereinigte die falsche Annahme es gäbe ein zurück. Gibt es nicht.

Da wo ich war und da wo ich bin, sind zwei völlig verschiedene Leben.

Am Ende einer harten Woche, freue ich mich zum ersten Mal seit langer Zeit wieder auf die Wochenenden. Auch ohne dich. Ganz für mich alleine.

SICH VERGESSEN

Wenn ich zur Arbeit gehe, erscheine ich mit geradem Rücken und Stärke in meiner Brust. Ich weiß genau wer ich bin und wie ich den Tag gestalten werde. Ich bleibe exakt so flexibel, dass es mich nicht überrascht, wenn etwas anders als geplant läuft. Am Ende des Tages bin ich mit mir und meiner Arbeit meist zufrieden und fühle mich richtig und angekommen.

Im Studium geht es mir auch so. Ich bin mir meiner Werte bewusst und kann sie kommunizieren. Da ist so viel Kraft und Ausdauer in mir, von Ehrgeiz ganz zu schweigen. Nur selten erlebe ich derzeit Misserfolge.

Umso schwerer kann ich mir eingestehen, in einer Beziehung noch immer zu viele Kompromisse einzugehen. Mich selbst ein Stück aus den Augen verloren zu haben, obwohl ich mit festen Beinen in die Beziehung schritt.

Anfänglich gehe ich keine Bindung ein, ohne klar zu kommunizieren wo mein Weg hinführen soll. Ich bin vorbereitet auf das Leben, die Liebe und habe eine Klarheit und Entschlossenheit, die dem anderen meist gleich gefällt.

Manchmal ist mein Gegenüber etwas verunsichert und vermutlich fasziniert meine Offenheit auch.

Im Laufe der Beziehung wird aus mir jedoch diese unsichere Person, die meine Mutter war. Das kleine Mädchen, welches ich einst gewesen bin. Jemand die es allen Recht machen mag und sich zwischen mehreren Optionen immer für die gefälligste entscheiden würde. In diesem Moment wird aus der eigentlich festen Persönlichkeit und starken Frau eine andere.

Ich gebe meine Wünsche nicht auf, aber erhebe auch keinen Anspruch mehr sie durchzusetzen. Stattdessen finde ich einen Weg mich mit den Bedürfnissen der anderen zu arrangieren.

Wenn ich früher dann oft nörgelig wurde, weil das Unterbewusstsein mir meine Zufriedenheit nach oben schickte, bin ich inzwischen Expertin darin mich anzupassen und wohldosiert Grenzen kundzutun.

Die Realität sah nämlich lange so aus, dass Partner mir anfänglich wie kleine Welpen nachliefen, sich aber dann an mir gesund gestoßen hatten. Ich gebe Selbstbewusstsein. Ich biete Vertrauen. Ich liefere Geborgenheit und verlange nichts.

Sobald also die Sicherheit der einen Person über die Bedürfnisse der anderen gestellt wurde, gab es kein Zurück mehr. Ich war gefangen. Meine Selbstsicherheit kam ins Wanken. Wollte ich wirklich dies und das zu Beginn oder ist der Wunsch des Partners durchaus angemessen und meinem überlegen?

Solche Gedanken können einem eigentlich nur kommen, wenn man in frühester Kindheit dahingehend Sozialisierung erfahren hat. Meine Mutter passte sich immer an. Sie war stark und schwach zu gleich. Sie blieb, gab und nahm so wenig.

Ich möchte heute nicht mehr so sein.

Meine Bedürfnisse sind genauso viel wert wie die des anderen. Wer sich das Leben an meiner Seite nicht so vorstellt, wie ich es sehe, findet seinen Frieden eben woanders. Den Weg über meine Träume, muss er jedoch nicht nehmen.

„GEHEN FRAUEN AUF’S KLO?“ UND ANDERE BEDENKEN

Mein Kind fragte erst kürzlich bei einem Drogeriemarktbesuch, ob Frauen überhaupt auf die Toilette müssen, warum wir also folgerichtig Klopapier kaufen.

Ich stand da ziemlich fassungslos. Neben mir eine andere Frau, mit Griff zu der begehrten Schüsselware. Wir sahen uns unsicher an. Sollten wir lachen oder uns ärgern? Ärgern über ein seit jeher bestehendes Gefühl nicht ohne Scham zur Toilette gehen zu können, zu pupsen, zu bluten, Durchfall wie jeder andere zu bekommen oder sich mit Schmackes zu übergeben. Frauen bleiben sauber. Unberührt.

Lachen wollten wir dennoch, denn die Aussage eines Vierjährigen kann nicht so Ernst genommen werden, wie das Thema behandelt.

Ich nickte also schnell und rief laut für alle umstehenden Leute aus „Natürlich!“. Denn genau darum geht es ja. Es ist natürlich. Nichts was wir ablehnen können, wegdenken, uns ausreden. Es passiert. Eigentlich täglich.

Wie aber kam mein Kind in diesem Alter auf diese Idee?

Ich erinnere mich deutlich an mindestens drei Jahre ununterbroches vor der Tür Klopfen, bis ich genervt nach gab und wir dann zu zweit im Bad hockten. Mag schon sein, meist habe ich die wirklich intimen Situationen ausgespart und versucht ein wenig Privatsphäre zu erhalten. Gelang aber nicht so oft wie gewünscht. Stattdessen hockte einer über dem Klo und ein anderer sah sich vergnügt im Bad um, beobachtete hier und da die Mutter und spielte mit dem Tamponkörbchen neben der Toilette. Naturgemäß entstehen irgendwann Fragen. „Was ist das? Warum hast du das? Wo ist dein Penis? Was machst du?“.

Als gute Mutter und Pädagogin, möchte ich dem Kind nichts vorenthalten und berichte so ehrlich und kindgerecht wie möglich.

„Mamas Scheide. Weil ich so geboren wurde. Hab keinen. Eigentlich wollte ich in Ruhe…ach vergiss es.“

Und vermutlich war es genau dieser Moment in dem meinem Kind unklar blieb wieso ich da so saß und die Fähigkeit von sich auf mich zu schließen, blieb aus. Als mein Kind nämlich älter wurde, blieb die Tür endlich zu.

So muss ich nun also Literatur kaufen, in der Öffentlichkeit darauf hinweisen mindestens zwei Toilettenformen aufzufinden, auf andere Frauen deuten und sagen „Die gehen jetzt aufs klo. Kacken!“.

Natürlich dürfte dies zu Irritationen führen, aber besser als eines Tages einen weiteren Mann in die Welt zu senden, der glaubt seine Freundin dürfte ja eigentlich keinen Ton von sich geben und übel riechen sowieso nicht.

Nicht mit mir, Frauen dieser Welt! Mein Kind wird so nicht!

SICH SELBST WIEDER MEHR LIEBEN

Wir denken daran den Mülleimer zu leeren und regelmäßig Staub zu wischen. Auf Arbeit laufen wir auf Hochtouren, weil Loyalität und Fleiß vertraglich gefordert werden. Wir kümmern uns um unsere Partner und Kinder, die Eltern und Freunde, laden zum Essen ein, machen kleine Geschenke und vergessen keinen Geburtstag. In unseren Kalendern finden sich Termine beim Amt, Arzt,Vereinssitzungen oder Versammlungen. Der Kühlschrank ist gefüllt und die Betten frisch bezogen. An alles wird gedacht. Wir haben uns vergessen.

Aufstehen, sich um andere kümmern, in Gedanken schon zehn Punkte der To-do-Liste auf dem Schirm.

Natürlich versorgen wir unsere Körper mit Essen und vernachlässigen selten die Körperhygiene. Dennoch, etwas bleibt auf der Strecke. Die Selbstliebe.

Es wird in Frauenzeitschriften propagiert und in Blogs werden Schreiberlinge nicht müde für mehr Achtsamkeit am Selbst zu werben. Funktioniert es nicht, handelte es sich nur um einen kurzen Trend? Wie kommt es, dass wir uns selbst immer nach hinten stellen? Soziale Menschen sind wir. Asozial uns selbst gegenüber. Noch zu selten stehen wir für uns ein. Geben uns oftmals die Schuld für Fehlleistungen und erwecken so den Eindruck tatsächlich weniger Wert zu sein, als der nächste.

Es sollte allerdings eine andere Herangehensweise geben.

Jeder ist etwas wert. Wert bemisst man nicht an Erfolgen, Leistung oder Aussehen. Wert ist da, sobald du da bist. Niemand kann einen Wert festlegen oder nehmen. Sich selbst um seinen Wert zu bringen, macht krank und traurig.

Sich selbst zu lieben, ist nicht gleichbedeutend mit andere zu hassen. Andere kann man deutlich besser lieben, respektieren und achten, wenn der eigene Wert anerkannt wird. Wer sich vor sich selbst ekelt, wird voraussichtlich auch auf Dauer Probleme mit anderen haben.

Was bin ich mir also schuldig?

In erster Linie natürlich gar nichts. Ich habe nicht um dieses Leben gebeten und muss da dennoch nun durch. Was ich aber tun kann, ist es nach eigenem Ermessen bestmöglich zu gestalten, ohne andere dafür leiden zu lassen. Selbstliebe bedeutet nicht Egoismus. Es ist keine Legitimation sich anderen gegenüber wie ein Arsch zu verhalten. Selbstliebe ist, sich selbst zu sehen, in den Fokus zu rücken und heilen zu lassen. Gesunder Geist, gesunder Körper, gesundes Sein.

Wenn ich mich selbst liebe, annehme wie ich bin und auf mich aufpasse, wie ich es auf meine Kinder tue oder in meinem Job zu leisten vermag, kann ich mich viel besser auf das konzentrieren was mir wichtig ist. Ich lerne mich kennen und bleibe authentisch. Ich habe keine Angst mehr vor anderen, weil ich schon den verlässlichsten und besten Partner für ein erfülltes Leben in mir trage.

Wenn andere mir das Gefühl geben ich sei nur dann liebenswert, weil ich etwas für sie tue, habe ich ihnen das Gefühl gegeben diese Macht über mich zu haben. Selbstliebe akzeptiert die Schwächen der anderen, macht sie sich aber nicht Untertan.

Wer sich selbst liebt, kann anderen sagen, dass er die Liebe der anderen nicht nötig hat. Nicht so. Nicht als Abhängigkeit und nicht als Druckmittel. Auf Arbeit geben wir uns viel zu oft dem Irrglauben hin, wenn wir die fleißigsten Pferde im Stall sind, wird das schon belohnt. Das ist falsch. Wir werden nur danach beurteilt werden was wir richtig machen. Fehler werden abgestraft und unser Ego bröckelt. Selbstliebe erkennt, ich bin nicht fehlerfrei. Ich bin niemals perfekt. Ich mache mich frei davon allen alles Recht zu machen.

In einer Welt in der es gestattet ist sich selbst zu lieben, gibt es keinen Stress mehr. Keine Ängste, keinen Druck. Selbstliebe wird einem in der Kindheit oft genommen von denen die sich ebenfalls nie selbst lieben durften. Aus ihnen sind lieblose Erwachsene geworden. Als Erwachsene zu erkennen, ob das eigene Leben von Angst, Wut und Unterwürfigkeit geprägt war, ist der erste Schritt. Selbstliebe kann man lernen. Es braucht nur Zeit und Gelassenheit.

Andere werden sich winden und immer wieder herausfordernd reagieren. Es ist nicht nötig sich diesen Menschen anzuschließen. Ihre Meinung muss nicht unsere sein. Sie kennen uns nicht. Sie liegen nicht nachts neben uns, beobachten uns dabei wie wir existieren. Sie sind einen Bruchteil eines Moments unsere Wegebegleitung. Wir hingegen sind jede einzelne Sekunde da. Wem sollten wir vertrauen, wenn nicht uns?