DAS GUTE GEFÜHL ALLES VERKEHRT ZU MACHEN

„Du hast heute aber gute Laune, Mama.“,sagte mein älteres Kind zur Begrüßung.

Ich hatte einen ganz gewöhnlichen Arbeitstag hinter mir. Ein wenig Mut brauchte ich schon, denn ich musste meinem Chef etwas mitteilen. Er war beinahe erleichterter als ich. Hatte mit dem schlimmsten gerechnet und am Ende waren wir beide entspannt aus zehn Minuten Gespräch gegangen.

Viel schöner war nach Feierabend dann noch das Eisessen mit meiner Oma. Feierlich bestellte ich mir Käsekuchen und Eis. Meine Kollegin hatte mich heute erschrocken angesprochen, ich werde immer knochiger.

Nach zwei Stunden Mädelstalk, einem Einkauf und diversen Erledigungen später, diskutierten die Lieblingsoma und ich auf dem Weg zum nächsten Termin, ob Prinz Harry nun in die Venusfalle getappt war oder als Erwachsener selbstständig entschieden habe, was das Beste für sich und seine Familie sei. Für Oma scheinbar unvorstellbar. Diese Frau müsse ihn manipuliert haben. Ich hab also Gegenwind gehalten und stieg ein wenig geschafft, aber nicht minder glücklich aus dem Auto. Nun nur noch einen Termin beim Kindertherapeuten.

Im Wartezimmer spülte mir Google noch einen Artikel über „Rasenmäher-Eltern“ rein. Nach Helikopter käme nun eben das. Eltern die ihren Kindern den Weg ebnen wollten, ihnen damit aber jegliche Kompetenz absprächen, sie also am Ende auch nur ins Unglück, nämlich die Unselbstständigkeit trieben. Puh. Eine Menge Stoff.

Ich setzte mich also auf die Couch und sprudelte los. Die Erfahrungen der letzten Wochen flossen nur so heraus. Wir nickten eifrig, wir lachten, wir grübelten und bedauerten.

Ich sprach den Artikel an. Sprach darüber wie oft ich mich aus Sorge darum etwas falsch zu machen und mein Kind an ein Unglück zu verlieren, überforderte. Mein Kind überforderte, indem ich alles abnahm. Zumindest eine Menge und immer dann, wenn es brenzlig wurde. Schöne Idee von mir, bestätigte die sehr sympathische Therapeutin. Nicht viele Eltern seien so selbstkritisch. Jetzt sei es aber an der Zeit das Denken zurückzustellen und mein Kind machen zu lassen. Sind wir ehrlich, wir Frauen können es nicht allen recht machen und schon gar nicht als Eltern alles immer und jedem gegenüber gerecht werden. Zack. Das saß!

Es war so ehrlich, offen und klar. Es war wie der Termin bei meinem Chef. Jemand mit Verständis, der mich so ernst nahm wie ich es hätte vorher tun sollen. Jemand der mich sah, meine Mühe, all die Sorgen und mir sagte „Alles OK, du musst nicht perfekt sein und du bist niemandem etwas schuldig. Nicht der Arbeit, nicht dem Kind.“

Ich verließ die Praxis leichter.

Beschwingt ging ich nach Hause. Wissend, ich werde aus meiner Haut nur sehr langsam kommen. Mich schälen müssen, eine unsichere Schicht nach der anderen. Und ich sollte mir viel häufiger sagen, was ich meiner Oma mit flammender Rede so selbstverständlich entgegen halten konnte:

„Hey, komm schon…diese Frau ist nicht für den Untergang der Monarchie verantwortlich. Ein bisschen mehr können wir den anderen auch zugestehen.“ Und ich sollte mir glauben.

NIEMAND HAT GESAGT DAS ES LEICHT WÄRE

Wir kommen auf diese Welt, ob wir wollen oder nicht.

Manche von uns nehmen das Leben leicht und andere sehr schwer. Einige von uns werden von vorneherein in die falsche Familie geboren und andere treffen erst später fatale Entscheidungen, die ihnen ihr Leben lang Bauchschmerzen bereiten können.

Ein paar von uns wird es an Nichts fehlen. Sie werden spielend leicht mit Herausforderungen fertig und sich jeden Tag motiviert sehen.

Einige werden sich schwer tun aus dem Bett zu steigen und betrachten ihre Tasse schwarzen Kaffee jeden Morgen als halbleer.

Einige Menschen werden Schicksal nicht als solches begreifen, sondern ihren Mühen und ihrem Engagement zuschreiben. Wieder andere ringen mit ihren Erfahrungen und sehen sich ständig geprüft.

Egal wozu ich mich zähle, ich brauche den Blick in meine Vergangenheit und habe manchmal nicht genug Mut für meine Zukunft. Manchmal arbeite ich hart an mir und würde es gerne leichter haben. Manchmal würde ich gerne diese Schwerelosigkeit fühlen und versinke in einer Welt aus Chaos, ob real oder selbstgeschaffen.

Meiner Erkenntnis nach, kann nur ich mich wirklich selbst begreifen. Ich sehe die anderen und weiß so gut wie nichts über sie. Was sie bewegt, warum sie lächeln oder weshalb ein anderer dauerhaft wütend und ablehnend erscheint.

Ich weiß was mich zu mir gemacht hat und welchen Einfluss ich selbst auf mich nehme. Meine Probleme, meine magische Anziehungskraft auf immer schwerere Lasten. Ich glaube zu einem gewissen Maß ist es möglich Muster zu durchbrechen und Klarheit zu gewinnen, statt sich auf den immer gleichen Rhythmus zu verlassen. Die Komfortzone zu verlassen und sich dennoch nicht verlassen zu fühlen.

Denn ich bin ja da.

Auch wenn ich immer denke alleine ist es schwerer. Ist es ja auch. Aber ich bin ja da. Ich sehe mich. Ich spüre mich. Ich höre mich atmen, fühle meine Beine sich bewegen und jeden Tag viele Schritte machen.

An manchen Tagen ist das Aufstehen schwer und an den meisten anderen Tagen lacht die Sonne mir ins Gesicht und ich lache zurück.

Meine Haut ist momentan dünner und meine Beine schwerer, aber niemand hat gesagt, dass es leicht wird.

Von niemandem lasse ich mir sagen, dass es schwer bleibt.

FREUNDE UND LEHRER

Mein Jahresrückblick hat es ganz schön in sich.

Da war dieser wundervolle Auftakt, in dem meine Kinder und engsten Freunde nahe bei mir in das letzte Jahr dieses Jahrzehntes mit mir feierten. Liebevoll und zuversichtlich.

Dann der erste Knall. Eine Trennung so unverhofft wie kurz. Eine Woche leiden, eine Woche reflektieren und sich wieder begegnen als neues und starkes, aber auch sensibilisiertes Paar.

Viele Ausflüge, Spontanität die mir so sehr entsprach, wie der Wunsch nach Weiterentwicklung und Größe. Viele Erfahrungen, die ich so noch nicht gemacht hatte, ob hier oder anderswo, ob durch mich oder andere.

Beruflich ein Abschluss und ein Neuanfang, Herausforderungen denen ich mich gewachsen fühlte und dann voller Demut auch mal zurückstecken sollte. So viele Menschen in meinem Leben und so viel Rastlosigkeit, selbstgewählt oder übergeholfen.

Ich konnte mir dieses Jahr beim wachsen zusehen. Meine Finger öffneten sich für ein neues Gespür für Menschen. Meine Haarwurzeln begannen zu prickeln, bei jeder sich bietenden neuen Idee. Ich lernte Unmengen über die Menschen, aber insbesondere über mich. Ich lernte mich anzunehmen und auch in Frage zu stellen. Nicht jede Wahl war eine gute und nicht jeder Entschluss folgenlos.

Meine Kinder und ich wuchsen miteinander aneinander. Lernten und profitierten voneinander. Ich musste mich abgrenzen und begreifen, auch wenn es nicht immer leicht war der Verführung eine perfekte Mutter sein zu wollen, auszuweichen.

Überhaupt war es mir in diesem Jahr wieder häufig wichtig alles richtig zu machen. Der Familie eine gute Mutter zu sein war das eine. Auf Arbeit allen Aufgaben gerecht zu werden, führte nicht selten zu großem Kummer. Mit Stärke allen zu begegnen, machte mich Ziel kleinerer Angriffe und meinem Körper ging schnell die Puste aus, wo die Seele verwundet in der Ecke schmollte.

Ich sollte der Liebe begegnen. Der fremden und der eigenen. Begreifen wie sich meine Wunschbeziehung anfühlen muss, damit ich nicht Gefahr laufe mich zu verlieren oder von Nähe davonzulaufen.

Es waren die Monate größten Glücks für mich, als ich geliebt wurde und Liebe geben konnte. In denen ich nichts für selbstverständlich hielt und eine Portion Respekt und Achtsamkeit in meinen Alltag einkehren ließ, die sonst unter Erwartungen auf der Strecke blieben.

Es war ein toller Sommer, voller Abenteuer und Spaß mit und ohne Kinder(n). Sie waren Teil unserer Welt und gleichzeitig nicht der einzige Sinn meines Lebens. Ich bekam Sinn, durch das was ich zu geben vermochte. Beruflich und privat.

Ich legte viel Wut ab und gewann Würde. Eine Würde die schon immer in mir schlummerte, aber nun endlich Bewusstsein erlang. Ich war mir sicher und meiner Fähigkeiten bewusst. Ich wurde zu der Person, der Persönlichkeit, die ich immer war.

Als ich auf dem Höhepunkt meines Jahres war, machte ich mich verletzlich. Zeigte mich für einen Moment unkontrolliert und sehr weich. Ich bekam einen Dämpfer, aber wie ich nun weiß, auch eine Lektion gelehrt. Wer ich bin, ist nicht abhängig vom Erfolg meiner Taten. Von dem was ich am Ende erreicht habe oder ob das Ziel der Motivation entsprechend erfüllt wurde. Tatsächlich ist es so, in meiner dunkelsten Stunde, sah ich meine Freunde leuchten.

Sie gaben mir Kraft. Sie reichten mir Hände und Taschentücher. Sie hörten zu und bauten mich auf und niemals musste ich mich rechtfertigen, schlecht fühlen oder etwas tun was ich nicht wollte. Ich bin gut wie ich bin und sie sind gut wie sie sind.

Mein Herbst war eine Katastrophe und mein Winter wurde zu einer Herausforderung. Alles schien alternativlos. All das Selbstbewusstsein schien mich Lügen zu strafen. Wo war mein Ego? Wo mein Stolz? Ich kroch vor ihm auf allen Vieren und bot meine Liebe zum Nulltarif. Ich wollte die Familie erhalten, dabei bin ich die Familie. Ich trockne die Tränen, ich bastel die Schulprojekte, schmiere die Brote und biete nachts Platz an meiner Seite, wenn Albträume sich in Kinderbetten schlichen. Ich verdiene diesen Orden. Kein anderer.

Zu erkennen, wer Freundschaft und wer Lehre war, hat gedauert und am Ende des Jahres endlich gefruchtet.

Dieses Jahr war großartig. Es war von allem etwas dabei und diese harten Nüsse mussten geknackt werden, um mich am Ende mit einem Neuanfang zu belohnen.

Das kommende Jahr mag ganz in meinem Zeichen stehen. Denn ich glaube in diesem habe ich Anlauf genommen, um mit offenen Armen in meine Zukunft zu springen. Ich bin soweit.

DEFEKTE

Eigentlich wurde ich mit einem Narzissmus-Radar ausgestattet.

Diese Ding reagierte jahrelang auf Menschen mit besonderen Persönlichkeiten. Empathielose, Zweifler, ewig Ängstliche und zur Selbstüberschätzung neigende Menschen, die auf ungesunde Weise versuchten Einfluss zu nehmen.

Obwohl mein Radar feine Antennen besitzt, war ich nicht oder nur schwer in der Lage die Anziehung als Geschenk zu deuten diesen Menschen aus dem Weg zu gehen. Ich lief ihnen geradewegs in die Arme.

Diese Menschen taten mir weh, brachten mich um den Verstand, gaben mir das Gefühl unzureichend oder gar dumm zu sein. Was vielen Menschen anfangs überhaupt erst so schwer macht dies sogleich zu unterbinden, ist die Aufmerksamkeit mit der man überschüttet wird. Lovebombing genannt.

Männer die einen morgens um sechs mit Kaffee vor der Tür überraschen. Männer die Gedichte wortlos auf den Frühstückstisch legen. Männer die Liebeslieder singen oder Kinder auf Schultern tragen, lachend, vergnügt und voller Zuversicht:“Du bist es, daher kann ich endlich ankommen.“

Natürlich ist es schwer zu unterscheiden, wann einem die wahre Liebe begegnet und wann es sich nur um eine Masche handelt. Mein Radar hätte nicht erahnen können, was mir noch bevorsteht, aber mir nach mehrfacher Erfahrung einfach häufiger die rote Lampe zeigen sollen. „Achtung! Hier geht es nicht um Liebe, es geht um Bestätigung!“

Stattdessen überhörte ich all das was ich unbewusst sicherlich schon wusste. Ich begab mich immer wieder in die mir bekannten Muster und redete mir ein, sowas kann doch nicht häufiger passieren und im Grunde unterscheiden sich die Männer doch auch voneinander.

Taten sie in der Regel leider nicht.

Anfangs wahnsinnig verliebt, später dem Wahnsinn verfallen.

Anfangs wurde ich auf Händen getragen und in all meiner Pracht gefeiert, später konnte ich nichts richtig machen und lief auf Eierschalen in eine unsichere Zukunft.

Obwohl ich nicht oft verlassen wurde und mich häufig selbst aus diesen toxischen Beziehungen rettete, muss ich mich dennoch fragen, wieso ich? Was mache ich falsch?

Es war ein langer Weg zu erkennen, dass der Wunsch nach Liebe und Zuneigung mich hat empfänglich für Scharlatane und Lügner werden lassen. Für Ausbeuter und all die jenigen, die sich aufwerten lassen mussten. Die in einer Liebenden fanden was sie glaubten zu sehen: sich selbst.

Heute höre ich auf meinen Radar. Ich überprüfe dreimal wem ich nun etwas von mir zu geben bereit bin. Zeit, Aufmerksamkeit, Nähe.

Es ist im Prinzip sehr leicht die Narzissten auszumachen. Es ist sehr viel schwerer ihrem Charme, ihrer anfänglichen Zuwendung und scheinbaren Besonderheit zu entkommen. Wer sich allerdings gar nicht erst bezirzen lässt, kann sich sicher sein, jede Maske fällt.

Es ist eben doch wie man sagt: alles eine Frage der Zeit.

Viel wichtiger jedoch: vertraut eurem Frühwarnsystem!

BEDÜRFTIGKEIT AUSGLEICHEN

Wenn wir einen grauen Tag so gut erkennen würden wie einen grauen Star, würde uns der blinde Fleck erst wundern und dann stören. Wir würden zu einem Arzt gehen und uns gründlich untersuchen lassen. Wir würden nicht bloß ständig das Auge reiben, sondern ernsthaft Angst bekommen.

Wenn wir einen grauen Tag haben und aus diesem wird ein graues Jahr, haben wir nur an der Stelle gerieben. Gerieben bis sie wund und uns halb blind werden ließ.

Die meisten Menschen gehen glücklicher Weise zu einem Profi. Sie lassen sich checken, schauen ob der graue Tag etwas einmaliges oder längerfristiges sein wird. Sie gehen sich Hilfe suchen, weil graue Tage manchmal nicht alleine zu bewältigen sind.

Andere Menschen suchen sich stellvertretend ein Pflaster. Sie kleben es großzügig auf ihre Augen, ignorieren das Jucken und hoffen jemandem fällt die akute Notlage schon auf.

Das Pflaster kann an dieser Stelle alles mögliche sein.

Einige nehmen Drogen, greifen zu Alkohol oder machen exzessiv Dinge die sie sonst nicht in dieser Form tun. Sport, Shopping, Sex. Es gibt viele Möglichkeiten.

Sie lassen sich das Leben versüßen, weil es an anderer Stelle an Würze fehlt. Sie benötigen lange, um die Lücke bewusst wahrzunehmen und mit sich selbst zu füllen. Sie heilen zu lassen, sich helfen zu lassen.

Bedürfnisse zu ignorieren ist genauso fahrlässig, wie sie falsch zu deuten. Wir brauchen ganz sicher nicht ein Glas Wein jeden Abend. Wir sind ganz sicher nicht glücklichere Menschen, wenn wir uns jeden Tag mit Dates herumschlagen. Wir haben sicherlich auch keine längerfristigen Glücksgefühle, nur weil wir uns mit Dingen umgeben. Kleidung, Technik, Luxusartikel.

Es ist schwer sich selbst zu genügen und vielleicht auch nie ganz möglich. Es ist wichtig sich geliebt und gesehen zu fühlen. Keine Angst haben zu müssen, nicht auszureichen. Es ist unmöglich sich nicht einmal in seinem Leben einer grauen Zeit zu stellen. Grau ist eine häufig vorkommende Farbe.

Sich dem bewusst zu sein, sich dem zu stellen, ist besser, als sich die Augen zu reiben und eines Tages all die bunten Farben verblassen zu lassen.