STOLZ WEIL LIEBE

Früher empfand ich immer dieses bitterschwere Unbehagen, wenn jemand von Stolz sprach. „Stolz worauf?“,fragte ich mich.

Freundinnen die stolz waren in eine bestimmte Jeanshose zu passen. Eltern die stolz auf den sehr guten Schulabschluss ihres Sprosses waren. Menschen die sich mit Stolz brüsteten und von Ehegefühlen erzählten. Stolz schien etwas Fragiles. Zerbrechlich und antastbar. Jemand konnte ihnen Stolz nehmen und allen voran wäre es möglich sich selbst um seinen Stolz zu bringen. Stolz könne auch negativ ausgelegt werden. Uns hemmen offen zu bleiben und anderen gegenüber Mauern abzubauen. Stattdessen fühlen wir uns unwohl in ihrer Gegenwart und setzen eine Maske aus falschem Stolz auf. All das war ich nicht.

Ich überlegte, worauf ich in meinem Leben stolz sei und weshalb. Was macht einen Menschen bewusst glauben, der andere oder er selbst hätte etwas geleistet. Etwas von Erwähnung.

Also suchte und kramte ich.

Natürlich waren da zunächst meine Kinder. Ich bin stolz auf sie. Aber wofür eigentlich? Ich habe sie geboren und dann? Sie müssen mir schon lange nichts mehr beweisen. Sie müssen nicht kämpfen, wenn sie nicht wollen. Sie müssen sich meinetwegen nicht verbiegen, besser, schneller oder klüger und schöner sein. Ich spüre ihnen gegenüber keinen Stolz. Das ist was anderes.

Oder bin ich stolz auf mich? Meine Stärke und Energie? Meine Fähigkeiten und mein Tun? Wohlmöglich. Vielleicht ist aber auch das etwas völlig anderes.

Meine Freundinnen, die ich sehe, wie sie arbeiten, ihre Kinder erziehen, ihre Leben bewältigen, all die Schicksale und all die Hürden. Manchmal bin ich stolz auf sie, für das was sie in meinen Augen ausmachen könnte. Hinterfrage ich das Gefühl nochmal, ist es jedoch auch etwas anderes.

Es ist Liebe.

In meinen Augen ist es nichts anderes als Liebe. Ich kenne diese Menschen, ich schätze sie, nehme sie aber vorallem an wie sie sind. Sie dürfen Fehler haben, müssen mir gar nichts beweisen. Ihre kleinen Erfolge und ihre mich berührenden Seelen machen sie für mich wertvoller als BegleiterInnen durch dieses Leben, als alles andere. Keine Karrieren oder tolle Zeugnisnoten sind dafür ausschlaggebend. Ich habe für all diese Menschen, inklusive mir, mein Herz geöffnet und jedesmal wenn sie etwas sagen oder machen was mich berührt, empfinde ich keinen Stolz, ich fühle die Liebe in mir zu ihnen.

Ob mir eine Jeans nach viel Sport wieder passt oder ich nach langer Lernerei endlich die ersehnte Eins auf dem Zeugnis stehen habe, ist selbstverständlich ein tolles Gefühl. Wenn Menschen meinen, sie sind in diesem Moment stolz auf sich oder andere und diese Begründung reicht ihnen, reicht sie mir auch.

Viel lieber bin ich jedoch etwas, was mir niemand nehmen kann. Was nicht einfach so scheitert, nicht in Abhängigkeit einer anderen Sache steht. Wenn Stolz ein Gefühl beschreibt, das einer Momentaufnahme gleicht und so leicht ersetzbar ist, dann bitte. Ich höre die Leute allerdings viel zu häufig davon reden wie stolz sie auf etwas oder jemanden sind und noch viel zu wenig davon reden, wie sehr sie sich und andere lieben. Einfach so. Ohne messbaren Erfolg oder Angst vor dem Bruch.

Ich bin immer liebend. Und manchmal sicher auch stolz.

WENN ICH ZU VIEL BIN

Gestern sagte ein inzwischen guter Freund mit einem Augenzwinkern:“Du bist wie eine Dreizehnjährige im Körper einer Zweinunddreißigjährigen.“

Na das saß.

Erst war ich belustigt, dann ein wenig beleidigt („Ich sehe aus wie 32?!“) und schließlich dachte ich nach. Eigentlich war es doch eher ein stundenlanges Grübeln.

Wenn ich Zeit mit meiner Familie verbringe, den Omas und Opas, Tanten und Verwandten, bemühe ich mich oftmals erwachsen zu wirken. Ich strahle vermutlich immer das ganze Gegenteil aus. Unsicherheit, wo Lebenserfahrung aufwarten sollte und statt Souveränität auszustrahlen, wirke ich allerhöchstens etwas plump.

So geht es mir in mancherlei Situation. Vor den strengen ErzieherInnen meines Kindes beispielsweise. Ich fühle mich in deren Augen wie eine Heuchlerin („Da kommt die junge Mutter, die schon wieder einen neuen Partner hat…“).

Dann gibt es diese Momente auf Arbeit. Manchmal habe ich Sternstunden und bin tough, mutig und forsch. Ich gebe mich stark und eloquent. Habe keine Lust mich unterkriegen zu lassen und wohlmöglich eigene Werte und Authentizität aufzugeben. Auf jeden mag das anders wirken. Einige finden mich sicherlich nervig und andere halten mich für die ideale Wadenbeißerin. Für ihre und eigene Belange. Sozial und gerecht.

Meinen Kindern gegenüber bin ich verspielt und weich, dann aber wieder streng und natürlich auch gestresst, je nach Tag im Monat und Situation. Ich muss ihnen ein Vorbild sein und arbeite hart daran Wünsche zu erfüllen, aber gleichzeitig Realität zu schaffen. Wir sind nicht reich, wir sind nicht arm, ich bin alleine, aber nicht einsam. Sie müssen von mir lernen und dafür sollte ich mich nicht aufführen wie eine egoistische Ziege oder ein kleines Kind. Ich bin eben doch erwachsen.

Wieso also sagt dieser Freund das zu mir?

Ich hatte Quatsch erzählt. Lebhaft und originell eine Geschichte verpackt die so zwar geschehen war, aber mit Humor einfach noch eine Spur lustiger klang. Ich hatte dabei wie ein Maschinengewehr geplappert und wild gestikuliert. Ich hatte dabei gelacht und vermutlich auch überdreht gewirkt. So bin ich nämlich auch manchmal.

Vorschnell. Impulsiv. Etwas makaber oder zynisch. Ich bin alles und nichts. Ich bin menschlich und nicht zu fein es zu zeigen. Mit mir gibt es selten leise Momente. In einer Beziehung vielleicht schon. Oder wenn ich ganz alleine liege und in mich hineinfühle. Dazwischen wirbel ich wie der Wind alles auf. Muss ich auch.

Ich habe bis neun bereits das Bad geputzt, Kaffee getrunken, Frühstück gemacht für alle und Wäsche gewaschen. Der Abwasch ist weggeräumt und die Katze schnurrt zufrieden nach Fütterung und Bespaßung. Meine Energie reicht für uns alle hier. Für meinen Job, meine Ausbildung, meine Kinder und den Kater. Für meine Verwandte, meine besten Freundinnen und meine alleinerziehende Nachbarin. Für die depressiven Freunde und den unschlüssigen Ex. Für Geburtstage an fast jedem Wochenende und Klausuren in so manchen Monaten. Für eine Zukunft von der ich träume und ein paar Urlauben im Jahr.

Ich bin die dreizehnjährige Frau. Mag sein.

Ich bin sie wohl gerne, denn das innere Kind zu bewahren, in einer Zeit in der so viele Erwartungen und hoher Druck auf Erwachsenen liegt, ist gar nicht leicht.

Ohne diesen Teenager in mir, würde ich unter der Last schnell zerbrechen. Mein Tag wäre nicht so leicht und lustig und ich hätte kaum Lust auch nur einen Handschlag mehr zu rühren. Dieses Kind in mir, ist der Grund, weshalb alle anderen sein dürfen wie sie sind (es sei denn sie sind Arschlöcher) und ich nichts von ihnen erwarte. Ich bin frei. Ich bin auf meine Weise erwachsen geworden.

MEINE UTOPIE

Nein, kein politischer Text.

Es geht um die Idee des perfekten Tages. Da diese Überschrift aber suggerieren würde, eine Alleinerziehende könnte ausschließlich von einem einzigen perfekten Tag satt werden, beginne ich gleich mit dem Maximum an Ideal, was da für mich rauszuholen sein müsste.

Beginnen wir mit der Annahme, ich müsste nicht auf ausschließlich einen Tag oder ein Wochenende alle paar Wochen zurückgreifen (wenn überhaupt). Ich schreibe das, weil für viele gestresste Menschen genau hier ein Problem beginnt: aus Zeitmangel und dem Bedürfnis alles nachzuholen, was sonst nicht machbar ist, wird Stress geboren und Enttäuschung garantiert.

Meine Utopie startet also mit nichts, aber auch gar nichts müssen müssen.

Es gibt keine Pläne. Es gibt keine Regeln. Es gibt keine Erwartungen und niemand der mir und meinem Glück im Weg stünde.

Meine Kinder wären gerade irgendwo so unfassbar glücklich ohne mich unterwegs, dass sie mich nicht einmal vermissten. Mein Gewissen wäre beruhigt und ich könnte völlig entspannt damit beginnen sie sein zu lassen.

Niemand weiß von meiner Utopie. Aber jeder hält sich an die Spielregeln. Automatisch läuft alles wie gewünscht. Sobald mein Körper sich nach wenigen sorglosen Tagen im Bett bei Netflix und riesigen Portionen Essen erholt hat, beschließe ich mal wieder auszugehen. Erst ganz langsam. Vielleicht mit der besten Freundin eine Runde in den Park. Ein Milchkaffee so groß wie ein Wagenrad und niemand muss sich um den Preis sorgen. Meine Brieftasche ist randvoll und ich höre von meinem Gegenüber auch keine Klagen. Wir essen Kuchen, sehen in die Landschaft und erfreuen uns an gesundem Tratsch. Nicht zu viel. Jedem von uns geht’s gut. Keiner leidet unter einem Mann, einem Job oder einer Krankheit. Wir sind gesund und freuen uns über alles was kommt. Keine Angst vor der Zukunft und keine Probleme über die es stundenlang zu reden gilt. Manchmal sind wir sogar ganz still und atmen Laute der Verzückung aus.

Danach geht es ohne Druck wieder los. Ich entscheide wann der Zeitpunkt dafür gekommen ist. Ich bleibe weder aus Höflichkeit, noch muss ich mich entschuldigen. Ich nehme mir einen Besuch in einer meiner Lieblingsläden vor und shoppe was ich will. Geld spielt keine Rolle. Selbst Geschenke für andere sind drin und so macht sich Vorfreude in mir breit.

Abends gehe ich nach Gefühl in die Wanne oder bleibe im Bett. Lesen oder nicht, Sport oder Schlaf. Alles geht.

Ich überlege morgens nicht lange und esse zwei Croissants. Dick mit Marmelade und Schokolade noch dazu. Ich gehe wieder unter Leute oder alleine ins Museum.

Abends möchte ich Freunde treffen. Erst in eine Bar und später noch tanzen. Vielleicht auch nicht.

Ich weiß einfach, es nimmt mir keiner krumm, wenn ich einfach so gehe.

Mein Freund steht immer bereit. Sollte ich essen gehen wollen oder Lust haben mit ihm zu spazieren, wäre er da. Er verwöhnt mich auch mit Kaffee und schreibt mir nette Dinge. Er sagt sie mir später persönlich und streichelt mir dabei die Wange.

Meine Kinder senden fröhliche Fotos. Ich muss mich nicht sorgen.

Ich fahre mit meiner Oma aufs Land. Da gibt es Kuchen und noch mehr Kaffee. Wir lachen viel. Reden.

Abends schreibe ich. Endlich mein Buch fertig. Endlich eine Idee malen, die ich im Kopf habe. Ich räume um. Ich gehe am nächsten Tag los und hole Wandfarbe, bestelle neue Möbel. Nichts muss ich alleine machen. Die Lieferung, den Aufbau. Andere sorgen sich.

Ich bade. Ich liege im Bett. Ich esse. Ich schlafe. Der Freund besucht mich. Er möchte bleiben. Er möchte Teil dieser Utopie sein. Wir besuchen Ausstellungen und gehen ins Reisebüro. Wir machen das Hand in Hand.

Er greift nach meiner Hand und möchte die gleichen Dinge wie ich. Wir reden und lachen und ich bin frei von jeglicher Annahme nicht zu genügen. Er genügt mir. Niemand nimmt seinen Platz ein.

Ich schlafe nachts wie ein Baby. Ich habe nichts zu tun, außer Dinge dir mich erfreuen. Ich arbeite freiwillig irgendwo. Soziale Berufe, ohne Druck und Stress. Ich werde anerkannt und gemocht für meine Art und Arbeit. Niemand macht einen dummen Spruch, niemand erwartet zu viel. Ich gehe sobald ich zufrieden bin und komme, weil ich es will.

Abends trinke ich immer seltener Wein. Stattdessen lese ich, schaue einen Film, bastel an einer Idee herum. Ich atme. Bewusst. Frei von Stress.

Ich habe keine Ängste vor der Zukunft. Ich habe keinen Druck auf den Schultern und im Nacken. Niemand gibt mir das Gefühl ungenügend zu sein oder verkehrt. Ich bin ich. Und ich bin gut zu mir.

DEFINITION ICH

„Wer bin ich und wenn ja wie viele?“, fragten wir uns vor ca. fünfzehn Jahren alle, nachdem eine Welle von R.D. Precht Werken über die Ladentheke, in unsere Küchenpsychologieschublade gefunden hatte.

Wir definieren uns immer neu. Fragt man einen Jugendlichen, ob er sich noch als Kind, insbesondere das Kind seiner eigenen Kindheit,definiere, würde er vermutlich erst „Hä?“ denken und dann „Nee…“ sagen.

Vor fünf Jahren habe ich mich anders definiert als heute. Vor einem halben Jahr war ich eine andere Version meiner selbst und selbst morgen werde ich vermutlich noch ein Stück reifer sein als gestern. Jeden Tag lernen wir dazu, verändern winzige Kleinigkeiten oder werfen ganze Eigenschaften unserer Persönlichkeit über Bord.

Als meine damalige Therapeutin mich fragte wie ich mich sehe und welche Rolle meine Vergangenheit spielte, konnte ich sehr ehrlich zugeben, mich über meine verkorkste Kindheit und all die Dramen im Anschluss definiert zu haben. Natürlich macht diese Zeit viel mit einem. Sie prägt wie kaum etwas anderes. Mit eigenen Kindern ist auch eine weitere Entwicklungsstufe genommen und zwischen der Geburt bis zur Pubertät eben dieser Kinder, wächst man innerlich zwangsläufig mit. Ob man eben möchte oder nicht, nichts ist mehr wie zuvor.

Definieren sich Menschen allerdings nur über ihre Elternschaft, sind sie in meinen Augen schier verloren. Es gibt jenseits der Kinder und all der damit zusammenhängenden Aufgaben noch mehr gelebtes Leben. Gedanken die sich ausschließlich um die Mutterschaft drehen, nehmen groteske Züge an. Und was, wenn die Kinder ausgezogen sind? 18 Jahre plus/minus sind schnell rum. Eben war ich selbst 18 und nun bin ich Anfang dreißig.

Wenn wir also unsere Kindheit Kindheit sein lassen und die Elternschaft nicht so wichtig nehmen wollen, was bleibt dann noch übrig?

Manche Menschen würden nun den Job erwähnen. Ganz unbedingt sogar. Immerhin verbringen wir nicht selten acht Stunden am Tag auf Arbeit. Wir denken und handeln dann für diese eine Aufgabe und selbst nach dem vollzogenen Arbeitstag, bleibt der ein oder andere Gedanke auf Arbeit haften. Sich also nicht über die Arbeit zu definieren, wird schwer.

Wer aber sind wir, wenn das Wochenende oder der Urlaub einsetzt? Wenn die Kinder aus dem Haus sind, unsere Hilfe nicht mehr brauchen und wir unsere Kindheit seit sicher fünfzig Jahren aus den Augen verloren haben? Wer sind wir, wenn unsere Eltern langsam gehen und uns nicht mehr sagen können wer wir waren? Wer sind wir, wenn die Rente sich wie eine dünne Decke über uns legt und den letzten Lebensabschnitt ankündigt? Wer sind wir, wenn niemand da ist? Wer sind wir, wenn unsere Rollen durch andere besetzt sind? Jemand der lauter flucht als wir. Jemand der sich besser einbringt auf Arbeit. Jemand der die Kinder mit genau solcher Hingabe großzuziehen vermag.

Wir sind wie eine Vase, aufgefüllt mit bunten Murmeln. Jede Murmel eine Erfahrung. Manche sind größer und einige winzig. Manche sind schillernd und andere stumpf. Einige sind bunt und andere einfarbig, sogar schwarz wie die Nacht. Nehmen wir eine Murmel raus, blieben noch genug Erfahrungen übrig, um uns zu prägen und zu dem zu machen was wir sind. Reich an allem. Reich an Wissen, reich an Ideen, reich an Erlebten. Nichts was wir getan oder gesehen haben, steht alleine für das was wir sind und das wer wir sein könnten. Es sind so viele Menschen in uns, man müsste die Murmeln eigentlich permanent murmeln hören.

Sich also nur über eine Sache und ein Können zu definieren, bedeutet eine gradlinige Entwicklung. Entwicklung ist aber nicht geradlinig. Sie ist kontinuierlich, aber kein gerade Weg.

Ich bin ich. Mehr Definition kann es nicht brauchen.