ADVENT ADVENT MEIN LÄCHELN BRENNT

Gestern meinte jemand zu mir, ich bekäme im Alter sicher diese Merkelsche Mundpartie.

Ich war geschockt.

Heute früh googelte ich mich durch Portraitaufnahmen und verglich frühere Bilder mit neueren. Ja, sie hatte im Laufe der Jahre etwas marionettenartiges. Links und rechts von ihren Lippen, zogen sich zwei anfangs feine, später tiefe Gräben bis hinunter zum Kinn.

Ich inspizierte also mein eigenes Gesicht und schaute dabei seltsam entrückt, wie sie es teilweise auf Fotos tut und dann wieder so wie ich mich tatsächlich kenne, meist strahlend oder lachend. Keine Marionette.

Also kniff ich mir noch dreimal in die Wange und überlegte, ob der besagte Freund jetzt aus der Telefonliste gestrichen werden müsse oder ich mir mit viel Mühe einen chirurgischen Eingriff ansparen sollte.

Alles in allem bin ich mit meinem Aussehen sehr zufrieden, aber ja, wenn ich abends in der Tram mein Spiegelbild im Fenster sehe, schaue ich schnell wieder weg. Mit 32 fangen die Wangen an sich Dank der Schwerkraft nach unten zu bewegen. Das Geheimnis sich dagegen zu Wehr zu setzen, ist ein breites Grinsen. Automatisch zieht es das Gewebe Richtung Ohren und die Leute halten mich auch gleich für einen angenehmen Menschen. Einen der sein Leben und seine Mundpartie im Griff hat.

Ich schätze, Frau Dr. Merkel hat ihre Mundpartie einer schweren Arbeit und einer noch bedrückenderen Wirksamkeit zu verdanken. Meine Reichweite ist viel kleiner, die Erwartungen an mich viel geringer. Alles was ich tun muss, ist mich unauffällig durch dieses Leben zu bewegen.

Während ich also das Grinsen zurück in die Tasche verschwinden lasse, im Spiegel außerdem meine kleine Zornesfalte bewundere und über meine recht große runde Nase schiele, empfinde ich mich als sehr hübsch.

Mein Gesicht mit alldem was es schon erlebt und gesehen hat. Das Gesicht einer alten Frau. *Hier bitte ein lautes ordinäres Lachen vernehmen.

SCHÖNHEIT VS REALITÄT

In Hollywood hatte man es sich zur Gewohnheit gemacht, uns nur die schönen Geschichten zu erzählen. So wurde aus dem eigentlich traurigen Film Pretty Woman, über eine Prostituierte die später verschmäht den Drogentod stirbt, eine Richard Gere gerettete Liebe, die in die Popkulturgeschichte einging. Frauen wurde erst als sie den Kinderschuhen entwachsen waren, klar, dass sie vermutlich niemals so viel Glück haben würden und schlimmer noch, die harte Realität sehr viel intensiver und häufiger zuschlug, als in 90 Minuten Spielfilm unterbringbar.

Da saßen wir also. Hollywood hatte uns das lieben gelehrt und nun wollte unser wahres Leben all das wieder wegnehmen.

Wir mögen Anfang zwanzig noch vereinzelt von Freundinnen hören, ihren Cousinen dritten Grades sei ja auch die ganz große Liebe, mit Hausbau am Strand und sorgenloser Zukunft begegnet, aber bereits mit Mitte dreißig sind wieder alle geschieden und die Sorgenfalten um Mundwinkel und Nasenwurzel enttäuschend tief.

Was aber können wir mit Sicherheit noch über die Liebe und unsere Chance diese zu erfahren, sagen? Enden wir mir dreiundsechzig als einsame Singles in einem Mehrfamilienhaus und zählen unsere Füße oder leben wir in der Großstadt inmitten vieler Menschen, von denen wenigstens ein paar unsere Freunde geworden sind? Es gibt schlechtere Lebensabende. Aber auch schönere Geschichten.

Hier möchte ich also die eine Geschichte hochhalten, die viel häufiger erzählt werden sollte.

Von einem Freund trennten sich die Eltern. Soweit nicht ungewöhnlich und natürlich auch irgendwie schade. Beide Kinder waren da längst aus dem Haus und hatten ihren Eltern nichts nachgetragen. Die Eltern hatten sich sogar beide fast zeitgleich in andere Menschen verliebt, was dann eben zwangsläufig zur Trennung führte. Niemand war einander böse.

Während wir an dieser Stelle denken mögen“Trotzdem, so eine lange Ehe aufgeben und wofür? Die Sekretärin?“, wird die Geschichte uns gleich Lügen strafen. Es gibt hier nämlich keinen Bösen. Nur gut.

Die Mutter zog nach Italien. Ihre Liebe zerbrach zwar nach wenigen Jahren, aber der Mann der darauf kam, blieb es und sie wurde sehr glücklich. Ein Haus im Süden, ein Neuanfang und die Liebe.

Ihr Exmann unterdessen, hatte sich der neuen Frau voll und ganz verschrieben. Sich und ihrer sechs mitgebrachten Kinder. Davon noch mindestens drei im Haus, zwei im feinsten Teenageralter. Sie mochten nicht nur eine große Familie sein, nein, ihre Historie war auch dermaßen verzwackt, dass der Vater beschloss, auf Wunsch der ältesten Kinder, diese zu adoptieren. Jahrelang kämpfte er an ihrer Seite für ihre Rechte, gegen einen Vater der keiner sein konnte und blieb nicht nur, er steuerte geradewegs darauf zu.

Als ich dieser Familie begegnete, war ich gerade eineinhalb Jahre Alleinerziehende und zarte 23. Ich war überwältigt von der Wärme im Haus. Von der Nähe zueinander und der fröhlichen Stimmung. Sie alle mochten sich, wirkten befreit und glücklich. Immer lachte irgendwann jemand und immer sah ich ihn und seine Frau lächeln. Mir tat das Herz weh, nicht zu wissen, ob mir solch ein Glück auch jemals beschert würde.

Von nun an aber glaubte ich genau daran. Eines Tages ist da dieser eine Mensch, der meine Kinder und mich niemals als Hindernis begreift, sondern als Zugewinn. Als etwas, was sich nur so richtig anfühlen wird und Freude über all unsere Leben bringt.

Warum ich das erzähle?

Hollywood mag uns geblendet haben und die Realität dann bitter eingeholt. Uns nun aber nur noch Horrorgeschichten über Scheidungen, Betrug, Tinder und Einsamkeit erzählen? Ich glaube nicht.

DIE GROSSE ENTTÄUSCHUNG

Es ist nicht neu, dass Medien bestimmten Einfluss auf das Bild eines Menschen, insbesondere das Bild der Frau, bilden, prägen und verzerren.

So gab es Photoshop bereits vor fünfzehn Jahren, in welcher Form auch immer und wie man ein Zeitschriftenmodell entsprechend ausleuchten und schminken muss, war bereits Jahrzehnte vorher bekannt. Models wurden genötigt ihren sowieso makellosen Körper vor Shows und Jobs zu trimmen und kleine Fehler kaschierte man eben entsprechend der Mode: Beine dünner oder Busen größer usw. Hier Push-Ups und da vielleicht Make-up.

Seit einigen Jahren ist es aber auch an der Otto-Normal-Frau, sich bereits in jüngsten Jahren mit Filtern und unter Zuhilfenahme diverser Technologie virtuell unters Messer zu legen. Kein Bild kommt mehr ohne Anpassung aus. Früher war es Spielerei, heute Kult. Wer sich nicht in der Masse unwohl oder gar unwirksam fühlen möchte, braucht etwas Nachhilfe.

Natürlich gibt es auch sogenannte Beautyeingriffe, die Lippen und Pobacken voller aussehen lassen, aber die sind für den Geldbeutel eben doch nicht immer erschwinglich. Eine App hingegen, gibt es schon kostenlos im AppStore. Da darf dann von der Haarfarbe, über die Größe der Nase, des Kinns oder der Lippen alles im Gesicht bis zur Unkenntlichkeit bearbeitet werden. Wenn der Körper ebenfalls nicht den gängigen idealen entspricht, passt man diesen gleich mit an. Aus normalen Beinen, werden dann eher seltene Exemplare. Keine Dellen, keine Bessenreißer oder Haare. Wer blass ist und sich lieber braun mag, drückt die Knöpfe entsprechend. Wer gerne eine schmale Taille und dünne Arme hätte, schiebt den Regler. Und so sieht es das System dann auch vor: regel selbst, was Mutter Natur dir nicht mitgegeben hat.

Es ist schade, wenn selbst erwachsene Frauen sich diesem Kult unterwerfen. Wenn die ewige Jugend als einziger Quell der Freude betrachtet werden kann. Wenn nicht alleine schlank das Kriterium ist, sondern makellos. Wenn alle Narben, Risse, die gesamte Geschichte verpackt in Falten und grauem Ansatz, quasi ausgelöscht wird.

Es ist nicht unter Feminismus zu verbuchen, wenn Frauen sich scheinbar der freien Wahl bedienen, sich online so darzustellen (wie sie angeblich wollen). Natürlich bedient es auch in uns dieses kurze Gefühl der Befriedigung: ich bin schön.

Meiner Verantwortung anderen Frauen, Kindern, aber auch Männern gegenüber, werde ich hier aber nicht gerecht.

Warum Männer? Weil auch dieses Bild der perfekten Frau sich in ihren Köpfen breit macht. Diese Stereotype einer Frau ohne Ecken und Kanten. Makelloses Antlitz, makelloser Charakter. Alles Blödsinn, Jungs!

All diese Frauen da menstruieren, werden mal krank, haben mal richtige Scheißtage und können euch mächtig auf den Geist gehen. So wie ihr uns. Da ist kein Unterschied.

Der einzige Unterschied vielleicht, Frauen wollen sich lieben und akzeptieren lassen wie sie sind, bei zeitgleicher Feindschaft mit sich selbst.

Wir werden reduziert, weil wir uns noch immer reduzieren.

Wie jagen unserem Idealtyp hinterher: dem Vater. Der der uns nur wirklich lieb hatte, wenn wir entweder besonders brav und hübsch waren oder wenigstens die gleichen Interessen geteilt haben.

Da sitzen wir also jetzt in all unserer Schönheit (zumindest online) und zerbrechen am hausgemachten Druck. Es mag sein, dass die Möglichkeiten gering sind alle zu ändern, aber ich sehe sie schon durch die Stadt fahren: die jungen Frauen mit Beinbehaarung. Die Frauen, die ihren Speck nicht unter Körperformern verstecken. Die ungeschminkte Wahrheit, wenn es darum geht zum Bäcker und nicht in eine Varietéshow zu gehen.

Natürlich wird es immer eine Frau geben die behauptet sie findet sich aber genauso gut und tut dies nur für sich. Gleichzeitig lese ich ständig von eben diesen Damen, Make-up sei ihr Schutzschicht in einer Gesellschaft voller oberflächlicher Mistkerle.

Die fiesesten Kommentare kommen übrigens von Frauen. Ganze Zeitschriften sind angefüllt mit Dramen über Cellulite oder Magerwahn der Stars. Käuferinnen sind fast ausschließlich Frauen. Wir sollten uns diesen Müll verbieten. Wir sollten aufhören schönen Dingen nachzurennen, weil irgendetwas in uns wie bei der Elster danach dürstet es zu besitzen. Wir werden die ewige Jugend nicht halten können. Wir werden vielleicht niemals schön geboren. Wir können schön sein, indem wir uns schön verhalten.

Nicht brav! Nicht angepasst! Nicht unfrei!