WO DIE ZWEIFEL WACHSEN UND DAS MISSTRAUEN BLÜHT

Ich arbeite in einer Berliner Grundschule. Dort arbeite ich meistens ganz gerne.

Manchmal stoße ich allerdings an Grenzen und nicht selten werde ich auf Grenzen gestoßen.

Eltern und Pädagogen sollen eine fruchtbare und wechselseitige Erziehungs- und Bildungspartnerschaft eingehen. So sieht es das Berliner Bildungsprogramm vor und so verstehe ich meine Arbeit. Mein Anspruch an mich ist ebenso so hoch, wie der Anspruch der Eltern an mich.

Leider vergessen viele Eltern und das ist völlig normal, dass wir in der Regel nicht, eigentlich unter so gut wie keinem Szenario, jemals eins zu eins Betreuung bzw. maximal vier Kinder gleichzeitig zugegen haben. Und da ist mein Auftrag noch gar nicht weiter berücksichtigt. Ich möchte Kinder begleiten, zu gesellschaftsfähigen Individuen werden lassen, gemessen an dem was unsere Gesellschaft, also ihre Umwelt ihnen zum einen vorgibt, aber ich ihnen auch einfach zutraue. Sie besitzen die Kompetenzen alles werden zu können. Sie befinden sich aber leider auch oftmals in einem Hamsterrad, genau wie wir, ihre Eltern, die Gesellschaft und alle drum herum.

In meiner Schule ist alles sehr strukturiert. Die Eltern können uns das ankreiden oder sie finden daran gefallen. Einige KollegInnen fühlen sich mit der vorgegebenen Struktur wohl, sicher und halten sich an die Regeln und Grenzen und andere umgehen sie hier und da, zum Wohle der Kinder oder Eltern. Ich gehöre sicher eher zu den zweiten. Und damit mache ich es mir nicht immer leicht, denn die Kinder sollen sich trotz meiner Offenheit und dem entgegengebrachten Vertrauen in ihrer Umgebung anpassen können und Leistungen liefern. Wer stört wird anders wahrgenommen und am Ende sind die Eltern wieder gestresst, weil das Kind nicht die gewünschten Noten mitbringt.

So drehen wir uns im Kreis.

Ein Senat der Vorgaben macht. Schulen die zu klein sind. Personal, welches auf dem Zahnfleisch kriecht und Eltern und Kinder die sich gegängelt fühlen.

Wir geben unser Bestes. Alle.

Die Kinder, die je nach vorheriger Erziehung in Kita und zu Hause in ein System gepresst werden, welches weniger Raum für Kreativität und noch weniger Zeit für Individualität liefert.

Die Eltern, die je nach Geschmack und Bedürfnis mitunter zu Hause wunderbar funktionierende Familien vorfinden, aber nicht verstehen wieso das Sozialverhalten ihres Sprösslings in der Einrichtung nicht recht widerspiegeln kann wie großartig und bemüht sie sind.

Die pädagogischen Kräfte, die je nach Funktion jeden Tag hart für wenig Geld aufstehen, sich Lärm, Belastung und Stress aussetzen, weil sie ihren Job lieben. Weil sie Hoffnung sehen, sich nichts besseres vorstellen können, als hier an einer Zukunft zu feilen, die jenseits der Politik tatsächlich greift.

Wir alle sind enttäuscht. Enttäuscht von unserem Versagen. Wir scheitern an uns, an den Vorgaben, politischen Entschlüssen, an Zeitmanagement und mangelnder Kapazität. Wir wollen und können nicht. Wir ärgern uns an den falschen Stellen und lassen Köpfe rollen, die sich frustriert um den Verstand drehen.

Es gibt eine Lösung und die hieße Veränderung.

Die Veränderung darf aber nicht von unten erwartet werden, wenn sie oben nie ankommt. Jede Beschwerde sollte an die richtige Stelle gehen. Jedes Bedürfnis da angesprochen werden, wo es hingehört.

Kinder sind längst politisch.

Sie sollten Dauerthema in den Medien werden. Anerkannt. Eltern sollten gehört werden und unterstützt. Pädagogen sollten gesehen werden und geschützt.

Auf eine bessere Zukunft.

WEIT WEG VON

Morgens nachdem Aufstehen, brüllt mein jüngstes Kind mich an:“Ich will Trickfilme schauen!“. Grammatikalisch herausragende Leistung, aber inhaltlich und emotional sowas von daneben. Sechs Uhr früh an einem Freitag gibt es keine Trickfilme in unserem Haus. Da gibt es Kaffee für mich im Bad, während ich mich schminke und mit einem Ohr im Wohnzimmer hänge. Außerdem gibt es Frühstück, also genauer definiert, Joghurt für die Kinder in der Küche.

Der Tag beginnt fast immer gleich. Ich kümmere mich zuerst um die anderen, mache Betten, lüfte, Katze versorgen, Kinder versorgen und dann komme ich. Zwischen kaltem Milchkaffee und einer schnellen Dusche, so überhaupt möglich, endet der Morgen vor der Kita, wenn alle abgegeben sind und ich kurz durchatmen kann. Dann ist es fünf vor sieben.

Gestern kritisierte eine Dozentin das Verhalten und Nichtwissen über Kindererziehung bei Eltern. „Können die nicht lesen? Wollen die sich nicht informieren?“ und eine Kommilitonin ergänzte „Ja also wenn ich höre was die so zum Frühstück servieren….kein Obst am Morgen, geht ja gar nicht!“. Ich saß da, beschämt und wütend. Wir sind Studentinnen im fünften Semester Pädagogik und scheinen noch immer keinen Umgang mit diversen Lebensmodellen und Lebenswelten gefunden zu haben. Wir kritisieren ohne zu hinterfragen. Wir stellen uns über andere und begeben uns nicht auf Augenhöhe. Wir sind die Guten. Die anderen sind Schrott. Trash.

Ich hebe also meine Hand, hole tief Luft und berichte von mir. Klar. Erfahrungen gehen nicht über Theorien. Aber sie berühren und bei angeblich so empathischen Mitmenschen sollte es klappen.

Nein, meine Kinder essen morgens auch kein Obst. Sie essen für gewöhnlich gegen sechs Uhr gar nicht gerne. Nein, damit schließe ich nicht aus im Laufe des Tages Obst und Gemüse zu servieren. Wird dann auch bereitwillig am Nachmittag verspeist. Nein, nicht alle Eltern informieren sich vor Eintritt der Schwangerschaft über die Fallhöhe der Aufgaben. Sie werden wohlmöglich durch ältere Generationen zusätzlich mit dummen Informationen versorgt und sind dann überfordert.

Ja, auch ich kenne das. Obwohl ich mich für engagiert halte. Manchmal engagierter als andere. Fleißiger, bemühter, angestrengt. Was mich aber tatsächlich ausmachen könnte, ist meine Offenheit. Ich bin ehrlich, es ist schwer und es ist nicht alles perfekt.

Wer sich selbst nicht reflektieren will, es wohlmöglich sogar nicht kann, kann doch aber immernoch eines mit Bestimmtheit: Kinder bekommen. Wer sich in unserem Beruf nicht selbst reflektieren kann oder unter ständigem Vorurteilen arbeitet, gehört meiner Meinung nach dort dann aber ebenso wenig hin.

Die Krönung kam abschließend von selbiger Dozentin: sie sieht manchmal Pädagogen mit Kaffeetasse rumstehen.

Ach was. Sowas nennt man Pause und in der Regel haben wir diese nunmal leider nicht mittags. Danke für’s zuhören.

WARUM ICH MICH IM INTERNET NICHT MEHR ÜBER KINDER LUSTIG MACHE

-Insbesondere zuallererst die eigenen-

Zunächst einmal, ja auch mir passiert es hin und wieder, dass ich über meine eigenen Kinder lästern möchte oder die Kids auf Arbeit mich belasten und ich mit Kollegen und Kolleginnen dann wahnsinnig abziehe.

Dies ist aber der geeignete Rahmen, wenn man so will. Unter Freunden, Kolleginnen oder der eigenen Familie. Geschützt, verstanden und in einem Kontext aufgegriffen den jeder nachvollziehen kann. Jeder kennt sich, jeder weiß um die Beziehung und es einzuordnen. Nachher schäme ich mich entweder oder habe mir mittels Psychohygiene richtig Luft gemacht. Stress wegreden oder weglachen.

Was aber im Internet steht, geht nicht an die engsten Verbündeten. Es geht hinaus in die Welt und wird dort weitergetragen oder falsch bewertet. Kinder werden abgewertet. Dies nennt man Adultismus und hat nichts auf Twitter und Co. zu suchen.

Weder lästern wir hier über die Pubertät unseres Sprösslings, noch über sein Aussehen, seine Freundschaften oder seine Interessen. Wir zählen nicht die Mängel auf und stellen keine peinlichen Fotos online. Unsere Kinder sind nicht das Vergnügen aller. Sie sind nicht einmal zu unserem eigenen Vergünstigung auf der Welt. Uns mit ihrem Quatsch zum Beispiel zu belustigen oder durch natürliche Gegebenheiten zu amüsieren.

Ich sehe Bilder und sarkastische Kommentare. Ich sehe großes Augenrollen und das sogar unter Feministinnen, Antirassisten und Menschen die Diskriminierung verurteilen. An ihren Kindern toben sie sich aus.

Auch das ist ein nach Unten treten.

Kinder wehren sich nicht. Sie sehen diese Sprüche vermutlich erst später. Wenn überhaupt. Sie können nicht eingreifen oder werden weniger Ernst genommen. Nehmt sie ernst. Viele Jugendliche schämen sich später, wenn Mama wieder von der peinlichen Pupertät und dem ach so stinkenden Teenager berichtet hat.

Wir wollen später auch nicht Teil ihrer Lästereien werden. „Heute saß Mama wieder im Rollstuhl. Die Windel war voll und ich habe mich für ihr Gesabbel über die Vergangenheit geschämt.“

So oder so ähnlich könnte es aussehen. Sollte es aber nicht.

ORIGINAL WHAT?

Vorab, ich habe mich nicht ausgiebig genug mit der original play -Methode auseinandergesetzt, um sie tatsächlich und fundiert anzuprangern, aber in einem eben gelesenen Spiegel-Artikel, wurde etwas so eindeutig unterschätzt, dass ich mich als Pädagogin dazu äußern möchte.

Original Play soll angeblich Kindern auf sehr natürliche Weise ermöglichen frei zu spielen, raufen, toben und eben auch zu kuscheln, indem sie eigene und andere Grenzen erkennen und respektieren. Haben sie das Bedürfnis mit einem Erwachsenen oder anderem Kind in den körperlichen Kontakt zu gehen, müssen sie dies nur signalisieren und los geht das Spiel. Dabei befinden sich alle auf Matten oder dem Boden und bewegen sich auf allen Vieren aufeinander zu.

Soweit so gut. Die Idee sich frei von Spielsachen oder angeleiteten Spielen bewegen zu dürfen, ist weder neu noch ungesund. Was aber in den auf YouTube und anderen Plattformen befindlichen Videos schnell klar wird, die Freiwilligkeit der Kinder darf in Zweifel gestellt werden. Da werden eben doch alle Kinder von Erwachsenen ermuntert zu toben. Sie werden gelockt, herangezogen oder immer wieder aufgefordert sich zu beteiligen. Der Gruppenzwang erledigt in der Regel den Rest.

Mitten im Spiel sieht man dann manchmal eine Umarmung seitens der Erwachsenen, die nicht von den Kindern ausging. Ein Ziehen am Arm, ein Drücken unter die Achsel, den Kopf an den des anderen gepresst. Die Videos geben wenig Raum für Fehlinterpretationen. Da sind Erwachsene die gerne toben und kuscheln wollen und die Kinder dazu ersteinmal auffordern.

Nun können wir auch interpretieren, die Kinder hätten ja auch verlernt frei zu toben und dürften auch gar nicht mehr einfach so mit jedermann kuscheln. Alles richtig. Aber darauf zielt diese Idee ja ab. Uns glaubhaft zu machen, überall wo künstliche Errungenschaften den natürlichen Trieb unterdrücken, muss ein Erwachsener kommen und entscheiden was für das Kind am besten ist.

Die Frage wäre also, möchten diese Kinder tatsächlich mit ihnen völlig fremden Menschen kuscheln? Ohne jede Beziehung, ohne sich über einen längeren Zeitraum vertraut zu machen? Möchten denn wirklich alle Kinder mit dem vorhandenen Trainer oder Spielpartner in Aktion treten und wenn die Beziehung nicht aufblühen will, wird dann wirklich akzeptiert, dass ein Kind in der Runde“nein“ sagt?

Ich stelle fest, hier gibt es zu viele Fragezeichen.

In der Beschreibung liest sich das Klientel bereits wie das who is who der vor Machtmissbrauch am schlechtesten geschützen Wesen. Flüchtlinge, Kinder mit Heimerfahrung, Kinder die eine Beeinträchtigung haben oder traumatische Erfahrungen machten. Eben Kinder, die sich nun nach Schutz, Berührung und Zuwendung sehnen. Kinder denen das Spiel und der Körperkontakt wohlmöglich zu Hause fehlt, weil es kein zu Hause mehr gibt.

Wir sehen Kinder in Afrika, die auf einer Matte hin und hergezogen werden. Sie lachen und nehmen die Berührungen an. Sie bewegen sich aber im keiner Weise freiwillig und im ersten Schritt auf den erwachsenen weißen Mann zu. Sie werden gelockt, animiert und gezogen.

Ich sehe die begründete Sorge deutlich. Wer sich als Pädagoge nicht unwohl dabei fühlt, wird es vielleicht als Elternteil.

AN EURER SEITE

Was mir als Pädagogin noch schwer fällt, ist es glaubhaft zu transportieren, an der Seite der Eltern und ihrer Kinder zu stehen.

Viele Eltern haben verlernt, den Pädagogischen Kräften Vertrauen zu schenken. Natürlich basierend auf Erfahrungen und dem Wissen um schwarze Pädagogik. Obwohl sie uns auf der einen Seite ihre Kinder mehr oder minder freiwillig (Job und Schulpflicht zwingen ja wohl eher) in Obhut geben und wir damit teilweise mehr Zeit mit diesen anvertrauten Menschen verbringen, als sie selbst, bleibt da immer dieser Unmut. Das Gefühl, die andere Erziehungsperson könnte Fehler begehen, etwas fehlinterpretieren oder in völlig anderem Stil gegen die eigene Richtung lenken.

Und manchmal haben die Eltern ja auch Recht. Viele meiner Kollegen und Kolleginnen neigen hier und da noch zu groben Maßnahmen und reagieren aus Überforderung oder eigener Sozialisierung heraus völlig falsch. Da werden Kinder nicht nur psychisch und körperlich unterdrückt, sondern ganze Kübel von Vorurteilen gegenüber der Familie, den Eltern, der Herkunft usw. über dem Kind ausgeleert.

So möchte ich aber nicht sein. Ich möchte die Eltern als das begreifen was sie sind. Meine wichtigsten Ansprechpartner. Meine Verbündeten, meine Experten und RatgeberInnen. Sie sind bereits Eltern vor der Geburt ihrer Kinder. Sie haben sich Gedanken um ihre Kinder und die Art der Erziehung gemacht. Sie wissen ihr Kind besser einzuschätzen als ich es je könnte. Natürlich gibt es Ausnahmen, aber die können dennoch auf mehr gelebte tatsächlicher Erfahrung zurückgreifen als sie denken. Wonach sehnt sich das Kind, wenn es müde ist? Wie reagiert es bei Überforderung? Ist es lieber alleine oder in großer Gesellschaft? Braucht es Zuwendung und Unterstützung oder ruft es erst nach Hilfestellung, wenn nichts mehr geht? Es sind diese tausend Ideen, die wir dem Kind an Beachtung leider gar nicht schenken können. Wir können aber versuchen mit den Eltern in Kommunikation zu treten und einigermaßen kindentsprechend zu agieren.

Mir fällt es noch sehr schwer diese Haltung herüberzubringen. Eltern sehen in mir die freundliche Ansprechpartnerin, aber auch große Kritikerin. Sie sehen, was ich erwarte und ich bleibe meiner Linie treu immer ehrlich und reflektiert zu handeln.

Eltern sind es nicht mehr gewohnt, dass jemand zuallererst ihrem Kind verpflichtet arbeitet und dann schließlich auch ihnen gegenüber. Wir sind nun einmal Dienstleister. Wir haben uns der Aufgabe verschrieben gemeinsam ihre Kinder zu begleiten. Jeder von uns freiwillig und jeder aus einer bestimmten Motivation heraus.

Meine Motivation ist, den Eltern und Kindern eine so angenehme Zeit wie möglich bereiten zu wollen. Eine Weile mit ihnen zu gehen und sie hoffentlich gestärkt verabschieden zu dürfen. Ich habe manchmal Angst diese, meine Werte nicht genügend sichtbar zu machen und Eltern gegen mich aufzubringen, obwohl sie in mir ihre helfende Hand sehen können.

Wir sind nicht Teil einer Generation der Respektlosen. Wir sind dabei Kinder wie Menschen zu behandeln, weil sie nichts anderes als das sind. Wir sind dabei Eltern ernstzunehmen und wünschen ernstgenommen zu werden.

Gemeinsam sind wir hier. Gemeinsam für das Kind. Ihr Kind.