MIT DEM SEGELBOOT ÜBER WELLEN FAHREN

Meine Definition von Liebe, wie ich sie lebte und verstanden habe, hat sich über die Jahre weiterentwickelt und verändert.

Damals war Liebe für mich vor allem viel Sex, viel Nähe, häufige Bekundungen der Liebe und der Wunsch zu verschmelzen.

Später war die Liebe begründet durch den Wunsch nach Sicherheit. Kinder großzuziehen und dann eben gemeinsam diese Schlacht zu schlagen.

Hinter all meinen Bedürfnissen steckte aber vorallem die Unsicherheit. Verlassen zu werden tut weh. Sich jemandem jedes Mal aufs neue anbiedern zu müssen, erstmal nur die Stärken in den Vordergrund zu stellen und Schwächen hinwegzulächeln, machte mich oft nervös.

In der ersten Phase der Verliebtheit war ich eine Göttin. Ich war witzig, sanft und laut zugleich. Ich war durchtrieben und mütterlich. Eben der Traum eines jeden Mannes. Dann kam der entscheidende Punkt, wie ich es nenne meine ersten Wellen. Ich ließ Partner in ihrem Segelboot langsam über die seichte See fahren, bis ich anfing ihre Ausdauer zu testen. Da wurde gezickt, gespielt und Erwartungen so hoch wie Schiffsbrecher angesetzt.

Wenn das Boot am Ende noch stand, konnte es in den sicheren Hafen einlaufen.

Dies tat ich in der Regel nie bewusst oder absichtlich. Es war erlerntes Verhalten, im Kampf mit mir selbst und meiner Umwelt. Erst nach und nach blickte ich auf das Meer aus Tränen und Schutt und wusste so geht es ja nicht weiter.

Also besann ich mich und lernte meine Bedürfnisse gleich zu Beginn zu kommunizieren. Nicht immer die große Show zu liefern, sondern ehrlich und autonom zu bleiben. Warum denn auch nicht? Wer mich kennenlernt, wird eine tolle Frau finden. Alles andere wäre nicht authentisch.

Und dann, als ich merkte, dass hinter all dem Sex, den Geschenken, der Zuneigung und Aufmerksamkeit auch eine Welle von Problemen, Krankheiten, Missverständnissen stehen darf, wurde mir klar wie ich Liebe lieber definieren würde.

Sie ist das Ergebnis aus dem, was wir zwei miteinander tatsächlich sind. Nämlich wir.

Kein ich in meiner besten aufgelegten Version und kein du in dieser gestelzten „Habe alles im Griff“-Manier. Wir erlauben uns zu sein wer wir sind und im Idealfall darauf ein Wir zu begründen. Das ist schwer. Das kann harte Arbeit sein. Es ist gezeichnet von Kompromissen und oft verlieren wir uns auch mal aus den Augen. Es wird sich aber nie mehr so anfühlen wie einst. Unecht, launisch, abhängig.

Es wird mich geben dürfen, nur noch ergänzt durch dich.

WAS IST IN DICH GEFAHREN?

Menschen die sich von einem Moment zum anderen wandeln, ihre Stimmung sich verändert, ihr Wesen nicht mehr dem entspricht, welches uns so wohlbekannt vorkommt, lassen uns stutzig zurück im Idealfall. Im schlimmsten Fall bringen sie uns um den Verstand.

Manchmal sind es wir selbst, die ihr Verhalten von jetzt auf gleich ändern, ohne Vorwarnung eine Entscheidung treffen, die andere ins Wanken bringt. Wir wissen nicht wieso und woher der Sinneswandel kam, aber da ist er nun.

Die klugen Köpfe unter uns, die mit viel Empathie gesegnet wurden, gehen in sich und sprechen erstmal an und später aus, dass etwas nicht stimmt. Dass sich etwas verändert, etwas anders geworden ist und vielleicht nicht mehr zurück zu holen sein wird. Manchmal bemühen wir uns um eine Besserung oder geben das alte nicht auf, lassen neue Gefühle nicht gleich Herr über unser Leben werden. Jeder hat mal eine schlechte Woche, jeder fühlt sich im Alltag gefangen oder kann sich nicht mehr vorstellen was da einst noch so reizte.

Wir überlegen dann. Wir horchen in uns rein. Wir teilen uns hoffentlich mit.

Wenn jemand uns vor vollendete Tatsachen stellt, sind wir wie hilflose Kinder. Da bleibt wenig Zeit sich an eine Situation zu gewöhnen und die Energie die es benötigt sich umzustellen, begräbt sich unter der Verlustangst und dem Kummer. Wenn wir also wissen wie es sich anfühlt, wissen wir auch was wir dem anderen nicht an tun wollen.

Wir gehen vorsichtig vor. Wir sprechen das Unangenehme aus. Wir reden, reden, reden. Wir teilen die Gefühle und lassen sie so wirken. Wir überprüfen, ob der andere damit umgehen kann und lassen uns nicht von einer Laune leiten, sondern der Vernunft und dem Gefühl das mal da war.

Wir suchen eine gemeinsame Lösung. Einen Weg. Eine Art moralische Verpflichtung dem anderen, aber auch uns gegenüber. Alles was wir unvollendet zurücklassen, holt uns in irgendeiner Form später ein. Wir arbeiten uns wohlmöglich ein Leben lang an dieser Aufgabe ab.

Wir gehen den Weg niemals alleine. Jede Entscheidung trifft auf uns und betrifft in der Regel auch andere. Wenn wir in der Lage sind unser Gefühl frei zu kommunizieren, erlauben wir dem anderen uns besser zu verstehen und ggf. zu helfen eine Lösung zu finden.

Wer diesen Weg abkürzt, weil impulsive Sprünge sich einfacher anfühlen, wird den eigenen Horizont nicht erweitern, sondern stagnieren wo er immer stand. Entwicklung ist keine leichte Lektion.

GEFÜHLSPALETTE

In einem Gespräch mit einer Kindertherapeutin lernte ich kürzlich eine eigentlich selbstverständlich klingende Wahrheit kennen:

Menschen, insbesondere während ihrer Kindheit, müssen eine ganze Palette an Emotionen und Gefühlen kennenlernen. Viele Kinder unterschieden hauptsächlich Wut und Trauer, was in etwa so facettenreich wie schwarz und weiß wäre.

Wenn Kinder nicht erkennen, das Wut nicht die erste und einzige ihrer Gefühlsregungen und die ihrer Mitmenschen sei, blieben sie verhaftet in dem Gefühl eines Extrems. Kinder neigen dann dazu sehr absolut zu denken und Probleme nicht abstufen zu können, geschweige sie zu bewältigen.

Wut sei aber nur eine Empfindung von vielen. Der Weg zur Wut, kann von vielen anderen Eindrücken gepflastert werden: Ärger, Besorgnis, Gram, Unsicherheit, Hilflosigkeit, Frust usw. Zu erkennen welches dieser vielen Gefühle und all ihren Begleiterscheinungen sich da im inneren auftun, ist der erste Schritt mit ihnen umzugehen. Bin ich sauer, weil mir jemand gerade einen schönen Moment kaputt gemacht hat? Fühle ich mich hilflos und ungehört und reagiere dementsprechend gereizter als sonst? Habe ich sogar Angst und überspiele dies jetzt, indem ich die Zähne fletsche?

Es scheint uns total abwegig, aber eben genau diesen Gefühlen berauben wir unsere Kinder immer wieder, weil auch wir Erwachsene verlernt haben genau hinzuhören. Wir lauschen nicht mehr nach innen, bleiben der Situation unachtsam und loten kaum aus woher die momentane Stimmung kommt. Stattdessen schmeißen wir mit Wut und Trauer als Begrifflichkeiten um uns, als seien sie der Weisheit letzter Schluss.

Auch traurig zu sein, darf nicht zum Druckmittel werden, wenn es darum geht Kindern eine Lektion zu erteilen. „Du machst mich traurig.“,kann in dem anderen so viel auslösen und kaputt machen. Es wäre besser sich zu fragen, ob Trauer hinter unserem Gefühl steckt oder eben doch noch so viel mehr. Bin ich hilflos oder überfordert? Bin ich verstört oder erschöpft? Bin ich genervt oder gestresst?

Wir schieben gerne mit Begriffen um uns, die unser Gegenüber zu einer Reaktion zwingen sollen. Je stärker das Wort, umso wahrscheinlicher die Reaktion. Je weniger wir erklären, umso größer der Interpretationsspielraum des anderen.

Sich und dem anderen aber zu erklären worum es tatsächlich geht, bleibt man einander oft schuldig. Stattdessen suggerieren wir, die Mauer ist oben und die Chance diese abzubauen wird schwer.

Verständnis für sich und die eigenen Gefühle sind so essentiell, um dem anderen die Möglichkeit zu geben etwas zu verändern. Die Kommunikation ist der Schlüssel und obwohl sie für uns Menschen existenziell wichtig ist, scheinbar noch immer unsere größte Hürde.

DIPLOMATIEARBEIT

Es mag vielen Menschen unwirksam erscheinen und sicher haben wir oft Erfahrungen gesammelt, die uns verbittert zurückgelassen haben, aber der einzige Weg für ein friedliches Miteinander, ist ein diplomatischer.

Wer sich permanent einmischt, um mitzumischen, kennt das. Da war etwas gut gemeint und kam dennoch völlig falsch rüber.

Es wurde beispielsweise nicht auf die Wortwahl geachtet oder der Kontext ließ sich nicht mehr für alle Empfänger herstellen. Im Internet geht sowas schnell. Auch die Presse bedient sich dieser winzigen Ausschnitte einer Szenerie, um etwas auszuschmücken.

Es ist nicht leicht sich der Neutralität zu verpflichten, denn wir sind Menschen und Menschen sind emotional. Wir denken, aber noch stärker fühlen wir. Manchmal zum Leid und häufig zu unserer Freud‘.

Was wir ebenfalls nicht vergessen dürfen, mit Speck fängt man die Mäuse und nicht mit der Falle. Es wird uns nicht gelingen ein Gegenüber mit Wut und flammenden Reden zu überzeugen. Anteilnahme und ein Maß an Steuerung helfen schon eher. Klingt manipulativ? Ist es auch.

Natürlich müssen wir oft über Schatten springen und werden bei dem Gedanken zu einem uns unsympathischen anderen nun auch noch nett sein zu müssen, unglücklich. Wer sich aber tatsächlich um Perspektivwechsel bemüht und versucht durch die dicke Brille des anderen zu sehen, erkennt woran so manche Möglichkeit krankt. Oftmals sind die anderen nämlich genau so wütend wie wir. Wohlmöglich fehlt ihnen die Weitsicht oder sie sind mit sich so im Unreinen, dass eine aggressive und sture Geisteshaltung leichter fällt, als sich einzugestehen hilflos zu sein. Keine Ahnung zu haben.

Es ist okay anders zu agieren. Ich empfehle für eine offene Kommunikation aber immer einen diplomatischen Weg und seine Überlegenheit sinnvoll zu nutzen. Hohn, Spott und Herablassung wecken nur das schlimmste im anderen. Und wer schonmal in sich selbst gehorcht hat, müsste darum bestens wissen.

SCHEMATHERAPIE

Heute habe ich auf Twitter wieder die Empörungswelle kommen sehen. Jemand hat einer traumatisierten Freundin geraten sich ihrem Trigger auszusetzen, bis es kein Trigger mehr sei. Natürlich eine verkürzte Darstellung, denn Twitter bietet in 280 Zeichen (+-) wenig Raum die ganze Geschichte zu erfassen, geschweige denn beide Seiten anzuhören.

Stattdessen wurde von eben jener Person allen Lesern und Leserinnen empfohlen den Mund zu halten, wenn sie keine Ahnung hätten und Opfern von Gewalttaten weder Tipps zu geben ihr Trauma zu überwinden, noch auf Trigger zu setzen, als Abhärtung gegen das Geschehene.

Ich sage, weder A noch B sind verkehrt oder richtig.

Je nach Mensch, Erlebtem und augenblicklicher Situation, je nach Kontext und Problematik, je nach GesprächspartnerIn und Umgang miteinander, ist es möglich zu einer Handlung zu raten oder sich bedeckt zu geben.

In meinen langjährigen Therapieerfahrungen musste auch ich verschiedene Therapeuten, Methoden und Mittel ausprobieren, um herauszufinden was mir hilft und gut tut. Die Schematherapie sollte schließlich nach fast vier Jahren greifen, heilen und helfen.

Und genau dort wurden meine Trigger nach und nach bedient. Zu Beginn selbstverständlich nicht. Es war ein sich Abtasten und Kennenlernen nötig. Die Trigger sind wie eine Keule. Sie können wieder etwas auslösen und den Therapierten zurückwerfen.

Nach über zwei Jahren Gespräch, Rollenspielen und Momentaufnahmen, folgte was folgen musste. Ich sollte die schlimmsten Erfahrungen aufzählen. Wie ein Rückblick und ganz ohne Hast und Eile. Es war ernüchternder als ich dachte. Keine Tränen, nur ab und an ein Kratzen im Hals und eine brüchige Stimme zur Folge.

Meine Therapeutin zeichnete einen Kreis und schrieb Ereignis für Ereignis nieder. Von meinem zweiten Lebensjahr, bis zu meinem elften. Neun Jahre Demütigung und Gewalt.

Da saß ich nun und sie kannte jedes Detail, jede Peinigung und Missetat. Ich war leererzählt. Aufgeschrieben waren es vielleicht noch etwa zwölf Vorfälle die mir direkt in den Sinn kamen, aber in meiner Erinnerung war es mein ganzes Leben.

Nach und nach brach sie jede kleine Erinnerung auf. Ich sollte mit dem für mich leichtesten Thema beginnen. Ganz klar, die körperliche Gewalt. Nicht umsonst behaupten viele Menschen, Schläge seien einfacher wegzustecken als seelische Grausamkeiten. So auch bei mir.

Ich sollte mich hineinwerfen und erzählen und am Höhepunkt stoppte sie.

Ab hier musste ich die Geschichte umdichten. Zur Heldentat. Wurde meine eigene Retterin.

Diese Form der Therapie war hilfreich und furchtbar zugleich. Ich hatte diese Stunden auf Tonband und sollte sie mir mindestens dreimal die Woche anhören. Dreimal zu viel. Ich schob es hinaus und schwindelte, wenn sie fragte wie es mir erging. Eines Tages, beim Bügeln, tat ich es. Ich hörte mir zu. Anfangs war es grausam. Dann wurde es leichter. Irgendwann war da nur noch Stimme.

Ich brach nach zwei weiteren Aufnahmen ab. Ich wollte die anderen Geschichten nicht mehr hören. Ich hatte mich begriffen und wusste nun langsam was ich kann, wer ich bin und das die Vergangenheit, so unauslöschlich, mir nicht mehr weh tun kann.

Ich weiß um die Trigger. Manchmal ärgert mich etwas und nicht selten begegne ich auf Arbeit Kindern wir mir. Heute brauche ich aber nicht mehr davonlaufen. Ich gehe darauf zu. Ich bin die helfende Erwachsene. Die starke Persönlichkeit. Nicht das Opfer, sondern die Erfahrene.

Mit meiner Kraft ist es möglich anderen zu helfen. Vorbild zu sein, wachsam zu sein, hilfreich zu werden.

Trigger ermüden. Sie sind überall zu finden. Aus Erfahrungen Gold zu machen, schafft nicht jedes Opfer. Es reißt einen zu Boden und kann einen dort festnageln. Mich nagelt niemand mehr fest.

Es gibt nicht den einen Weg und Opfern zu sagen sie seien immer Opfer, ist genauso gefährlich, wie zu behaupten es gäbe den Königsweg.

Es gibt viele Zweige, Stränge und Ideen und jeder muss für sich individuell die Lösung finden. Dabei ist Unterstützung wichtig und Zeit.

Ein Tweet kann niemals begreiflich machen, was Jahre der Therapie und des Alterns einen lehren.