WARUM ICH MICH ÜBER EINEN MIETENDECKEL FREUEN WÜRDE

Geboren bin ich als waschechte Berlinerin. Erste Wohnung mit 18 in Lichtenberg, als Altbau noch nach Altbau roch und die Nachbarn nicht selten glattköpfige Neonazis waren.

Meine Kindheit verbrachte ich in sogenannten Ost-Bezirken, vor bis nach Mauerfall waren sie lange gezeichnet. Ich wohnte in Hochhäusern, die damals als modern und geräumig galten. Ich lebte auch in Pankow, ein Bezirk der früh immer teurer wurde, weil die Investoren sich dort gut aufgehoben sahen, zwischen Prenzlauer Berg und Udo Lindenberg.

Meine Jugend verbrachte ich in Ofenwohnungen meiner Freunde und im Mauerpark roch es nach Pisse und Freiheit. Nach und nach wurden die grau verputzten Häuser der Gegend zu wunderschönen Altbauten. Yuppies saßen in neuen Café und die Parks sahen sich überfüllt. Jeder atmete Berlin. Nachts beim Clubbesuch oder morgens auf der Oberbaumbrücke, mit Blick in alle Szeneviertel. Es gab nichts, was uns Angst machte.

Dann wurde aus der zweihundert Euro Warmmiete schnell unerschwinglich. Freunde zogen an den Stadtrand, obwohl sie selbst noch in Friedrichshain geboren waren. Hohenschönhausen wurde mit Liftwohnungen gespickt, dabei wollte früher kein einziger intellektueller Familienvater einen Fuß in die rechtsgerichtete Wohngegend setzen. Zu viel Angst vor dem Abstieg. Zu viel negative Presse.

Meine erste teure Wohnung wurde in Weißensee vermietet. Ein sogenanntes Berliner Zimmer. Hinterhof, Flur, Küche und Schlafzimmer waren eins. Mein Kind lag nebenan und hatte einen Balkon. Ich warf mein knappes Geld zum Fenster raus. Einer Vermieterin aus der Schweiz in den Rachen, wäre auch treffend. Die Wohnung war renoviert, aber der Boden knarrte, die Decke hatte einen Wasserschaden und das Bad kein Fenster. Dennoch gab es viele Interessenten und auch ich beugte mich den hohen Anforderungen.

Später zog ich mit jemandem zusammen. 120 qm für nicht einmal 800 Euro warm. Wir lebten unseren Traum. Mitten im Schimmel. Grundwasser drückte sich durch die Decke, wie überall in unserem Bezirk. Das Kind wurde krank und die Miethaie ungeduldig. Miete her oder ausziehen..wir dachten gar nicht dran und nahmen uns einen Anwalt. Jede Wohnung davor oder danach war ein kleines finanzielles Fiasko. Unaufhörlich stiegen die Mieten, die Gehälter blieben gleich. Während manche Bezirke über verstopfte Straßen, Baulärm und Abgase hinwegzusehen versuchen, wird die Mietwohnung in Eigentum umgewandelt und somit Scheiße zu Gold. Es gibt keine Gerechtigkeit auf dem Wohnungsmarkt.

Immer wieder wird angeführt, Investoren würden der armen Stadt zu Ruhm verhelfen. Ich weiß ja nicht wie lange wir arm bleiben wollen, aber die Investoren der vergangen Jahrzehnte konnten dieses Loch anscheinend nicht stopfen.

Es ist tragisch, wie Mietraum entstehen soll, aber im Grunde nur noch mehr Bettenburgen für eingewanderte Bayern und Baden-Württemberger hochgezogen werden. Kein Berliner der etwas gegenteiliges behauptet. Alle nagen an der Verzweiflung, niemals reich geerbt oder gut investiert zu haben. Der Osten blutet aus. Die West-Berliner ziehen nach. Auch Charlottenburg und Neukölln sind inzwischen nett saniert und zu Trendbezirken verkommen. Hilft es dem Berliner? Wohl kaum. Es bleibt der Beigeschmack, sich nun nach der Arbeit, zu Beginn der Rente, die Kugel zu geben oder aufs Land zu ziehen. Tatsächlich ziehen aber immer mehr Menschen aufs Land, die es sich auch leisten können. Wohnung in Berlin und Haus in Brandenburg.Win Win. Nicht für die eigentlichen BewohnerInnen, aber für jeden mit prallem Bankkonto.

Wenn es also eine Möglichkeit gibt, über die Täuschung der Investoren und den Fehlentscheidungen der Politik hinwegzutrösten, nehme ich billigend in Kauf an Attraktivität als Touristenmagnet zu verlieren. London und New York machen es vor. Mehr Häuser bedeuten nicht mehr bezahlbaren Wohnraum.

Wohnraum ist nicht nur Dach über dem Kopf. Es ist Heimat und Identität. Wir haben hier unsere Geschichte und den Rückzugsort den es braucht, um Energie zu tanken für die Arbeit, die Lieben und uns. Es macht krank und belastet, mehr als die Hälfte seines Einkommens in die Miete zu investieren. Es macht krank, zusätzlich aufstocken zu müssen und als arm zu gelten.

Berlin ist arm, weil seine BewohnerInnen arm sind. Diese sind arm, weil sie kein Geld zum Leben mehr haben. Leben. Nicht wohnen. Dafür reicht es ja gerade noch.