ADVENT ADVENT MEIN LÄCHELN BRENNT

Gestern meinte jemand zu mir, ich bekäme im Alter sicher diese Merkelsche Mundpartie.

Ich war geschockt.

Heute früh googelte ich mich durch Portraitaufnahmen und verglich frühere Bilder mit neueren. Ja, sie hatte im Laufe der Jahre etwas marionettenartiges. Links und rechts von ihren Lippen, zogen sich zwei anfangs feine, später tiefe Gräben bis hinunter zum Kinn.

Ich inspizierte also mein eigenes Gesicht und schaute dabei seltsam entrückt, wie sie es teilweise auf Fotos tut und dann wieder so wie ich mich tatsächlich kenne, meist strahlend oder lachend. Keine Marionette.

Also kniff ich mir noch dreimal in die Wange und überlegte, ob der besagte Freund jetzt aus der Telefonliste gestrichen werden müsse oder ich mir mit viel Mühe einen chirurgischen Eingriff ansparen sollte.

Alles in allem bin ich mit meinem Aussehen sehr zufrieden, aber ja, wenn ich abends in der Tram mein Spiegelbild im Fenster sehe, schaue ich schnell wieder weg. Mit 32 fangen die Wangen an sich Dank der Schwerkraft nach unten zu bewegen. Das Geheimnis sich dagegen zu Wehr zu setzen, ist ein breites Grinsen. Automatisch zieht es das Gewebe Richtung Ohren und die Leute halten mich auch gleich für einen angenehmen Menschen. Einen der sein Leben und seine Mundpartie im Griff hat.

Ich schätze, Frau Dr. Merkel hat ihre Mundpartie einer schweren Arbeit und einer noch bedrückenderen Wirksamkeit zu verdanken. Meine Reichweite ist viel kleiner, die Erwartungen an mich viel geringer. Alles was ich tun muss, ist mich unauffällig durch dieses Leben zu bewegen.

Während ich also das Grinsen zurück in die Tasche verschwinden lasse, im Spiegel außerdem meine kleine Zornesfalte bewundere und über meine recht große runde Nase schiele, empfinde ich mich als sehr hübsch.

Mein Gesicht mit alldem was es schon erlebt und gesehen hat. Das Gesicht einer alten Frau. *Hier bitte ein lautes ordinäres Lachen vernehmen.