STÄRKEN UND VERDAMMT VIELE SCHWÄCHEN

Ich habe eine schnelle Auffassungsgabe. Binnen weniger Sekunden fällt mir zu jedem Thema etwas ein und sei es eben nur Blödsinn. Das macht mich zu einem sehr schlagfertigen Menschen und einer Freundin spontaner Diskussionen. Ich suche außerdem, auch mal ungefragt, nach Lösungen und kann mich relativ mühelos in Menschen hineinversetzen, selbst wenn mir nicht jeder Standpunkt gefällt.

Nun zu meinen Schwächen. Und das sind echt nicht wenige.

Unter den Einfluss von PMS kann ich mich schwer gedulden. Selbst wenn mir völlig klar ist, dass ich gerade im Unrecht bin und mich etwas zurücknehmen muss, gibt es unbeherrschte Momente. Außerdem bin ich permanent auf Diät, obwohl ich mich als Feministin sehe und es besser wissen müsste. Dabei dreht sich immer wieder alles um meinen Körper und die Außenwirkung. Als gäbe es nichts wichtigeres.

Ich habe manchmal eine große Klappe, in Situationen die unpassend erscheinen. Es gibt Lacher oder eben rollende Augen und jedesmal nehme ich mir vor mich zu bessern. Ruhiger zu werden. Mein inneres Pubertier nicht so laut lospoltern zu lassen.

Ich denke oft von mir etwas alleine am besten leisten zu können und arbeite mich so nur stets und ständig in den Burnout. Sowohl auf Arbeit, aber auch im Privaten. Dabei nehme ich am allerwenigsten Rücksicht auf mich selbst und denke noch eine Schippe mehr kann nicht schaden. Die Quittung folgt dankend.

Ich bin ambivalent. Mal möchte ich meine Freunde sehen und dann wieder nicht. Spontanität funktioniert mit mir am besten. Langgehegte Pläne fast nie. Wenn ich auf etwas keine Lust habe, merkt sich mein Körper das und boykottiert unsere Verabredungen. Dann liege ich mit Migräne im Bett oder habe Halsschmerzen. Meine Freundinnen sind zum Glück sehr verständnisvoll, aber meine Mutter nimmt mir sowas schon mal übel.

Ich weiß oft erst was ich will, wenn ich es ausprobieren konnte. Sei es eine Ausbildung oder ein Studium oder eben eine Beziehung. Da ich unstet bin, muss mich etwas immer wieder reizen und locken. Anstrengend für einige Mitmenschen und sicher auch indirekt für mich selbst. Natürlich wäre es von Vorteil zwanzig Jahre im selben Job glücklich zu sein und wie cool wäre es, sich auf den Partner einzulassen, der Haus, Ehe und Familie favorisierte. Mit mir gibt es eben eher kreative Künstler und Freigeister, zum Kummer meiner Kinder.

Ich handelte oft aus dem Bauch heraus und habe mir gleichzeitig angewöhnt zu viele Gedanken zu machen. Inzwischen weiß ich dies wiederum positiv zu nutzen. Punkt für die andere Seite der Medaille.

Nun ja. So oder so ähnlich ticken viele Menschen. Ich gehöre ganz sicher nicht zu denen die sich runterziehen wollen oder klein halten. Sich ab und an dahingehend zu reflektieren und wahrheitsgemäß sagen:“Ich bin nicht perfekt.“,ist so hilfreich. Runter vom Ross, Blick in den Spiegel und sich annehmen wie man ist. Schwächen akzeptieren oder verändern. Jammern nützt niemandem was. Schon gar nicht mir selbst.

CHARAKTERSTÄRKE

Was wir Pädagogen längst wissen und an unseren Schützlingen immer und wieder erproben müssen, ist der Umgang mit ihnen, ihren Stärken und Kompetenzen und die Vernachlässigung ständiger Defizitorientierung.

Sobald Kinder in einer sozialen Einrichtung unterkommen, Kita oder Schule, wird ihnen und ihren Eltern eine Menge abverlangt. Pädagogen, insbesondere die jüngere Generation, aber auch die gut informierten und stets engagierten, greifen in Elterngesprächen auf dieses Wissen zurück. Dabei wird den Eltern gezeigt was das Kind bereits mitbringt an Ressourcen, Fähigkeiten und großartigen Eigenschaften. Hin und wieder wendet man sich auch auf sensible Weise dem zu, was liebevoll unter Förderungsbedarf verstanden wird. Dennoch, Schwächen niemals vor Stärken und Stärken immer höher bewerten.

Angenommen diese tolle Formel würde nun nicht nur von Pädagogen zu Eltern und Kindern angewandt werden, sondern Lebensformel werden. Wir würden vermutlich alle viel zufriedener durch die Straßen gehen. Akzeptiert für das was und wer wir sind. Fehlt uns etwas oder können wir eine bestimmte Sache nicht? Egal! Kann’s halt jemand anders besser als wir, was soll’s?

Wir würden uns nicht immer vergleichen oder ungefragt gesagt bekommen, dass wir falsch seien oder verkehrt denken. Jemand würde uns sagen, es gäbe Luft nach oben in einer Disziplin, aber wir seien ungeschlagen in einer anderen.

Wir könnten aufhören immer an mehr als hundert Prozent zu glauben. Hundert Prozent ist das maximale Maß aller Dinge. Wer will schon immer und überall auf volle Leistung laufen? Da wäre der Verschleiß schnell erreicht.

Wir könnten unser Potential endlich selbstbestimmt ausschöpfen, weil jemand an uns geglaubt hat, ohne zu drängen oder zu verzweifeln, wenn etwas schief ging.

Wir hätten die Chance auf Selbstbesinnung. Wir hätten das Recht auf Unfähigkeit und Unwissenheit, weil niemand den Maßstab kennt.

Jemand könnte nun argumentieren, wenn wir alle immer nur machen und leben dürften wie wir wollten, frei von Kritik und Druck, wären sicher keine Astronauten zum Mond geflogen oder KünstlerInnen so gros geworden. Unser Antrieb ist oftmals aus Konkurrenz geboren. Unser Hass, die Wut und die Zweifel jedoch auch.

Diese entstehen, wenn uns das Urvertrauen fehlt. Wenn Erwachsene uns immer wieder das Gefühl haben, wir hätten lediglich einen Wert, wenn wir etwas leisten.

Dieser Kummer in uns, weil wir nicht in allen Lebenslagen souverän sind und das Schicksal manchmal Streiche spielt, wächst ebenfalls aus einer falschen Vorstellung. Der Vorstellung wir müssten irgendwem da draußen etwas beweisen. Etwas sein. Mehr als wir schon sind.

Niemand hat sich ausgesucht geboren zu werden. Niemand wurde geboren in die Lebensumstände seiner/ihrer Wahl. Wir beginnen erst sehr spät selbstständig zu entscheiden und nehmen das Erbe unserer Kindheit meist bis ins hohe Alter mit.

Würden wir alle leben, als sei es uns wichtiger die positiven Dinge im Leben zu betrachten, gäbe es ausnahmslos fröhliche Gesichter. Da es dafür zu spät ist, kann man nur Schadensbegrenzung betreiben und hoffen die kommenden Generationen stoßen auf blickige Eltern, Pädagogen und einflussnehmende Erwachsene.

Nieder den Defiziten!

DIE MENSCHLICHKEITS-LÜCKE

In den letzten Tagen dreht sich medial vieles um die schrecklichen Ereignisse in Deutschland. Zwangsläufig kommt es auch zu Überlegungen und Diskussionen, wie man solche Taten vermeiden, wem man sie in die Schuhe schieben kann und ob man hätte etwas verändern können.

Dabei stieß ich auf eine Aussage die da lautete, es handelt sich nicht um eine Sicherheitslücke, sondern eine Menschlichkeitslücke. Ein sehr treffender Begriff.

Es braucht nicht mehr Kameras und ein höheres Polizeiaufgebot. Es benötigt Menschlichkeit und Empathie.

Wer anderen Menschen Schäden zufügt oder zufügen möchte, kann nicht unbedingt gestoppt werden, indem man ihm das Gefühl der Dauerbeobachtung vermittelt. Vermutlich werden diese Menschen dann sogar, aus der unbequemen Lage in die Ecke gedrängt zu stehen, nur noch uneinsichtig und vielleicht aggressiver. Sehen wir es ein, Wut und Hass, aber auch Verzweiflung und Angst machen Menschen schwach. Wer sich schwach fühlt, sucht Auswege und Auswege nehmen manchmal die absurdesten Formen an.

Unsere Menschlichkeit. Was ist das überhaupt? Was unterscheidet uns vom Tier oder einem Stein? Sind die Unterschiede gravierend und weshalb gibt es diesen Begriff, der uns eine Fähigkeit der Überlegenheit unterstellen soll?

Ist es nicht menschlicher, auszubeuten oder zu schaden? Ist es nicht auch menschlich, ständig wegzusehen, sich nicht beschäftigen zu wollen, mit all dem Leid der anderen? Ist es nicht menschlich, seinen Arsch immer als erstes an die Wand zu bekommen?

Es ist nicht weniger menschlich sich schlecht zu verhalten, wie gut. Es ist nicht immer klar zu trennen, wo wir uns noch von Tieren und Steinen unterscheiden. Es ist nicht immer leicht, Menschlichkeit zu bewahren, wenn andere uns unmenschlich erscheinen und es ist manchmal leichter einem Tier Menschlichkeit anzuerkennen, als unserem Gegenüber.

Wir brauchen diesen Begriff, um uns zu erinnern. An eine Gesellschaft. An ein Miteinander. An eine Welt die wir zwar nicht ganz begreifen, die uns aber nicht ängstigen soll.

Wir wollen uns einreden, dass all die Menschen die tagtäglich unseren Weg kreuzen freundlich und harmlos sind. Für eine Vielzahl trifft diese Aussage zu.

Wir würden vor die Hunde gehen, wenn uns die Unmenschlichkeit bewusst würde. Die Qualen die wir im Stande sind zu bereiten. Der Hass, die Wut, die Abscheu in uns und dem anderen.

Wir würden uns bis auf’s Blut bewaffnen, wenn wir in die Köpfe und Herzen der anderen sehen könnten. Dahin, wo wir keinen Zutritt gewährt bekommen. Wo wir Zutritt verweigern.

Menschlichkeit ist ein Gerücht. Es ist eine Idee sich und andere zu schützen. Es ist ein Mittel, sich sicher zu fühlen. Wenn uns die Menschlichkeit fehlt, nützen uns auch Polizei und Kameras nichts. Wir bleiben ängstliche kleine Kinder, die sich fragen müssen, was im anderen vor sich geht.

Bewahrt euch die Menschlichkeit, meine Lieben.

DER NEID DER BESITZLOSEN

Jeder von uns ist in seinem Leben neidisch. Manchmal auf Freunde oder PartnerInnen, auch auf Kolleginnen oder Geschwister. Da bildet niemand die Ausnahme. Gewisser Neid, wenn auf liebevolle und anerkennende Weise ausgesprochen, kann auch nützlich sein. Lässt uns wachsen. Gibt dem anderen eine Bestätigung, ohne dafür etwas zurückzubekommen.

Es ist allerdings ein fragwürdiges Unterfangen, unterdrückte Gefühle, lange Entbehrungen und eine ungünstige Sternenkonstellation in Form von Aggressionen und Wut am anderen abzuladen. Natürlich führt Neid in einigen Ländern zu Kriegen. Neid schafft Blockaden und baut Missgunst auf, statt Vorurteile ab. Wer neidisch ist und sich an anderen abarbeitet, füllt Herzen und Gedanken zwangsläufig immer mit Negativem an. Alles wird schwer und dunkel. Alles wird traurig und macht das Neidhammel genauso krank, wie den der unter dem Neidausbruch zu leiden hat.

Da gibt es unterschiedliche Formen von Neid und Neidern. In der Regel geht es online derber zu, als im direkten Feedback. Niemand würde dem Kollegen direkt ins Gesicht sagen wie verärgert man ist, wenn das ganze Gefühl auf so etwas Subjektivem wie Neid beruhe.

Online lässt es sich aber so schön stänkern.

Da werden Beleidigungen zum guten…eher schlechten Ton. Es wird leicht dahingetippt, was man im realen Leben nicht einmal in den Mund nehmen würde. Hier darf sich am anderen abgearbeitet werden, weil der andere nicht vor einem sitzt, mit all seinen Gefühlen und Reaktionen.

Hat schon einmal jemand ein Herz brechen sehen?

Menschen die andere beleidigen, mit Boshaftigkeit abstrafen wollen oder ihnen Schaden zufügen, aus welchen kleingeistigen Gründen auch immer, sehen online den Schmerz nicht, den sie auslösen können.

Sie sehen nicht, wie der andere sich an die Brust fasst. Das Herz unter seiner Hand geschützt. Sie sehen nicht, wie sich die Stirn in Falten legt. Wie der Puls sich beschleunigt, die Füße wippen.

Jemand der durch Neid hervorgerufene Wut in sich aufsteigen lässt, reagiert bisweilen falsch. Online ist die Lösung Geschwindigkeit. Etwas gegen die ständig wechselnden Posts, Trends und Meinungen anzuschreiben, bevor es unter einem Wust weiterer Neuigkeiten verschwindet. Dazu braucht man schnelle Finger und eine spitze Zunge. Zu überlegen, bevor man loslegt, ist nicht. Dies könnte wertvolle Klicks und Kommentare kosten.

Im wirklichen Leben würden wir uns so manchen Streit sparen, wenn wir nochmal eine Nacht darüber schliefen. Wir würden durchatmen. Uns mit Freundinnen unterhalten und ggf. abstimmen. Braucht der andere eine Lektion oder bin ich es, die hier gerade dazulernt?

So schaut man sich dreimal um, bevor man auf offener Straße, im Büro oder vor Kindern etwas Dummes sagt oder tut. Online sind einem die ZuschauerInnen gerade recht. Da buhlt man um die Aufmerksamkeit aller. Sollen doch alle sehen was ich dem anderen da jetzt ins Gesicht spucke. Online ist die Hemmschwelle klein, weil das Individuum am anderen Ende der Verbindung gesichtslos bleibt. Zumindest unabhängig des kleinen Profilbilds.

Selbst wer online angibt eine liebende Mutter oder eine preisgekrönte Person von öffentlichem Interesse zu sein, wird reduziert auf das was sichtbar ist: ein paar Zahlen und Daten, die für den Algorithmus wichtig waren, aber rein gar nichts über den anderen aussagen.

So sitzt man also da, zerfressen vom Neid, dem Hass auf die Welt und spiegelt diesen auf den anderen. Den der gerade in die Schusslinie geriegt.

So wird auf eine scheinbar dumme Aussage nicht mit Kritik, sondern Hohn, Spott und Melodramatik reagiert. Beleidigungen Dritter werden billigend in Kauf genommen, das Schaffort auf den Dorfplatz geschoben und alle versammeln sich um das erwählte Opfer. Die Person von Interesse. Den Auslöser.

Es darf dann jeder Mal einen Stein werfen und da wo wir auf offener Straße spätestens jetzt sehen würden wie der andere verblutet, sich menschlich und verletzlich zeigt, verlieren wir unsere Menschlichkeit. Geben sie ab, beim Öffnen der App.

Es ist ein Trauerspiel und eine Dreistigkeit. Es ist hinterrücks und rückständig. Sich beklagen und gleichzeitig klagenden bleiben.

Menschen die anderen Menschen offenen Auges Schäden zufügen wollen, weil etwas ganz anderes in ihnen wühlt, haben eine Macht die es gilt immer und immer wieder zu entreißen. Durch Umstehende. Durch die, klaren Verstandes.

Wer sie sieht und erkennt, möge es ihnen zeigen und sagen. Möge sie nicht füttern mit Macht. Möge die Opfer schützen und den Tätern Hilfe anbieten. Möge reflektieren und sich niemals anstecken lassen, vom Neid der anderen.