DIE UNGEZÄHMTE

Wie oft denken wir (ich?), der richtige Partner müsse erst noch erfunden werden.

Jemand der bleibt. Jemand der gemeinsam wachsen möchte, sich nicht vor Kompromissen scheut und selbst langweilige Momente souverän vorbeiziehen lässt. Jemand der Herausforderungen liebt, aber keine Bedingungen nach dem Motto „es braucht ewige Schmetterlinge und du bist verantwortlich sie mir zu bereiten“ stellt.

Nun, die letzten Beziehungen und Jahre haben es gezeigt. Nicht der Mann ist bindungsscheu, weil ungezähmt mehr Freude bringt, sondern ich und all meine fabelhaften Freundinnen zu wild, zu fordernd, zu aufregend.

Wir sind die Generation an Frauen, die sich nicht mehr so leicht unterkriegen lässt. In den letzten zwei Tagen habe ich jeweils eine Stunde gebraucht Möbel zu rücken, Zimmer zu renovieren und aufzuräumen. Ich habe einen Entschluss gefasst und mich dahintergeklemmt. Kein Hadern und kein Abwarten. Schon gar keine Hilfe eines Mannes oder ein mitleiderregender Anruf um Unterstützung bittend. Ich bin es auch, die neben dem Beruf noch für das Studium lernt und zwei Kinder unterschiedlichen Alters und unterschiedlicher Bedürfnisse versorgt, umsorgt und großziehen wird.

Für mich und viele andere Frauen ist der Mann längst zu einem Liebhaberprojekt geworden. Eine schöne Sache auf Zeit. Etwas, was wir uns gönnen und nichts das wir brauchen. Die Liebe bleibt dabei zwangsläufig immer im Vordergrund, weil wir aufhören in Abhängigkeiten zu denken. Weder brauchen wir das Geld der Männer, noch deren starke Arme. Wenn wir uns ihnen nähern wollen, dann auf geistig und emotionaler Höhe und gelegentlich sicher auch zum Sex.

Dass einige Männer sich davon mitunter bedroht, mindestens aber eingeschüchtert fühlen können, ist klar. Was könnten sie uns mehr bieten, als ihre geistige Reife? Möbel schrauben sicher nicht.

Wir Frauen denken noch immer zu sehr in ausgelatschten Pfaden. Wir meinen der Mann sei es der permanent auf der Flucht um seine Freiheit ist. Die Realität ist anders. Wir Frauen genießen Freiräume und erfahren Selbstbestimmung. Unsere Kompromissbereitschaft hat dann ein Ende, wenn der Partner aufhört uns ernstzunehmen oder erzählt wir bräuchten ihn, um uns vollwertig zu fühlen.

Alles was wir tatsächlich brauchen, können wir uns besorgen. Alles was Männer wollen könnten, wäre diese Unabhängigkeit zu zähmen. Wer den Eindruck hat nicht mehr gebraucht zu werden, seine Position zu untergraben und vielleicht dem Druck nicht stand halten kann, einer Frau einfach nur Liebe zu geben, wird schnell schwach und sucht bald das Weite.

Die Wahrheit ist, natürlich können wir selbst Löcher bohren, Glühbirnen wechseln und wir kennen die Telefonnummer jedes Lieferservice, der Hausverwaltung oder irgendeiner Bumsbirne.

Was uns tatsächlich einfach manchmal fehlt, ist jemand der auf Augenhöhe bereit ist mit uns diese Freiheit zu teilen. Und der Genuss kommt darunter eigentlich nie zu kurz. Schade, wer noch immer denkt wir müssten zahm sein.

GEWALT AN ALLEN

Zuerst einmal, ja, heute ist der internationale Tag gegen Frauengewalt. Ein wichtiges Thema und ohne Frage nicht kleinzureden.

Was aber ist Gewalt? Wie definiert man Gewalt? Wo fängt Gewalt an und wie erkennen wir diese?

Ist Gewalt ausschließlich die sogenannte Tracht Prügel?

Beginnt Gewalt erst im Erwachsenenalter oder setzt sie bereits viel eher ein?

Sind die Opfer von Gewalt lediglich an ihren blauen Flecken zu bemessen und der Härtegrad ebenso?

Nein.

Gewalt beginnt vielerorts schon lange vor dem ersten symbolischen Akt des Schlagens. Gewalt kann sich abspielen, wo wir Schutzräume vermuten und uns auf Menschen verlassen wollen.

In der Kita werden ErzieherInnen gewalttätig ihren Schutzbefohlenen gegenüber. Zu Hause brüllen Eltern ihre Kinder an und erheben im Streit die Hand.

Manche Gewalt ist sehr subtil. Fast unbemerkt und still. Es genügt ein Blick, eine vorher festgemachte Regel die nicht eingehalten wird und mit Drohungen quittiert.

Manchmal ist Gewalt ein Zeichen von Schwäche und nicht selten eine Demonstration von Macht.

Wer Gewalt praktiziert, wurde häufig selbst Opfer eben dieser Erfahrung. Wurde gepeinigt als Kind. Gedemütigt. Es schlichen sich sogenannte Erziehungsstile ein, die mit Verachtung gestraft werden müssten. Oft sind sie die Norm. Und auch wenn wir die TäterInnen nicht in Schutz nehmen können, sind auch sie meist selbst Opfer gewesen. Noch heute.

Gewalt kann nur gestoppt werden, wenn wir die Opfer schützen. Von Anfang an. Wenn wir die rote Karte zeigen und aufhören Opfer zu verhöhnen, nicht ernst zu nehmen oder ihnen und anderen das Gefühl geben Gewalt sei normal. Ist sie nicht.

Es gibt hier kein richtig oder falsch. Gewalt kann niemals richtig sein. Sie ist Ausdruck dessen, was unsere Gesellschaft krank macht. Einander in Hass und Angst zu begegnen, schwächt uns. Macht uns angreifbar, lässt uns verwundet zurück.

Erhebt eure Hand für Frieden. Gegen Gewalt an allen!

FEMINISMUS IST NICHT NACKT

Wenn ich auf meinen Wäscheständer schaue, sehe ich das obligatorische Kleidchen und ein paar neckische Strumpfhosen zwischen vermeintlich sexy Unterwäsche.

Ich muss mich zwangsläufig fragen, wieso ich im gefühlten Winter das Bedürfnis verspürt habe so rumzulaufen. Was treibt uns Frauen (viele, nicht jede) dazu an, auch bei tiefsten Temperaturen, im Kleid, einer Strumpfhose oder unpraktischen, aber hübschen Schuhen das Haus zu verlassen? Genau, Sozialisierung!

Irgendwer brachte uns im Laufe unserer Kindheit bei, nur zurecht gemacht, seien wir echte Mädchen. Die Haare lang, die Kleidung sauber, unsere Nägel gepflegt und stets darum bemüht vorallem durch Optik aufzufallen.

Mit der Zeit dämmerte uns zwar, dass Aussehen nicht alles sein könne und die stereotypische Frau so gar nicht unseren fortschrittlichen Weltbild entsprechen möge, so ganz ließen wir uns aber doch nicht darauf ein.

Stattdessen modellieren wir ein neues Bild der Frau. Die Frau die nun angeblich freiwillig auf ihren Körper achtet und sich im Minirock Größe 36 wohlfühlen mag, obwohl Diäten und eine Menge Disziplin von Nöten sind diesen angeblichen Wohlfühlstandard aufrecht zu erhalten.

Wir gehen noch immer oberkörperfrei demonstrieren und merken gar nicht welchen Bärendienst wir den Männern erweisen. Statt einer Botschaft die es sich lohnt unter die Leute zu tragen, bringen wir Medien und Männer in Wallung. Die Mission scheitert schon an der Idee. Aufmerksamkeit durch Optik. Hier kann man sicher nicht einmal von Überraschung sprechen, denn voraussehbarer geht es kaum. Eine Frau hat nichts zu sagen, eine Frau muss ihren Körper sprechen lassen, um gehört zu werden.

So lassen wir uns noch immer (vielleicht unbewusst) diktieren was wir tragen sollen, geben dem Partner nach, weil der nun einmal Overkneestrümpfe lieber mag als Jogginghosen und gehen davon aus wir haben genau das auch favorisiert.

Haben wir?

Also ich trage auch gerne Pels. An meinen Beinen. Am ehesten, wenn ich Single bin.

Ich gehe in meinem wärmsten Mantel spazieren und der ist nicht für seine Schönheit bekannt. Ich esse ungesund, wenn mir danach ist und kenne keinen Mann der mir zu Liebe auf Schnitzel verzichten würde, weil mich seine Gesundheit interessiert oder ich im Grunde nur nicht gerne mit Dicken kuschel (Hypothese zur Überspitzung).

Ein Mann kann uns genau das einreden und wir merken es nicht einmal.

Wir sind genau so groß geworden.

Unser ganzes Leben lang war geprägt von diesen kleinen und feinen Prinzipien die es zu leben galt. Eine Frau muss hübsch sein, bescheiden agieren und das Gefühl haben sich auch nur genau so wohlzufühlen.

Selbst Frauen die dick sind, würden sich hüten zusätzlich einen Kurzhaarschnitt und Damenbart zu tragen. Zu viel des Guten eben. Wer auf dem Markt der Eitelkeiten überleben möchte, beruflich anerkannt und von der Männerwelt gesehen werden, passt sich an.

Anpassung jedoch ist unnatürlich. Da wird gezupft, gestützt und verdrängt. Erst die Bauchschürze und später die eigene Autonomie.

Wir sollten uns so nicht fühlen müssen.

Emanzipation war niemals sexy. Sie muss nicht nackt sein, um ihre Werte besser zu verkaufen.

Ich bin eine Frau, aber nicht die Wichsvorlage. Ich bin ein Mensch und habe Bedürfnisse und faktisch genauso oft die Möglichkeit einen Bart, Busch, Bauch oder Wutanfall zu bekommen wie die Männer.

Mein FEMINISMUS sieht vor sich bewusst zu entscheiden, aber sich niemals mehr zu entschuldigen. Meine Weiblichkeit speiste sich lange aus der Idee von dem was weiblich sein soll. Warum aber fühle ich mich eher künstlich als weiblich?

Feminin ist nicht euer Problem. Ich sage den Männern ja auch nicht wie sie mir gegenübertreten sollen, damit ich sie ernst nehme.

MORALINSAURE DROPS

Eine meiner Dozentinnen für Ernährung und Gesundheit, führt ein sehr lockeres Regiment. In ihren Kursen bleibt es uns überlassen wie wir unser Dasein fristen, denn sie blickt bereits soweit auf uns und unsere Lebensweisen herab, dass jeglicher Versuch uns zu verändern und Verantwortung für uns zu übernehmen ihr zuwider ist. Die Einstellung hat sie nicht von ungefähr, denn sie trägt das große üble Wissen der Verdammnis in sich.

Diese Frau ist spindeldürr und bewegt sich scheinbar mit vierzig kmh durch alle Räume. Ihrer Aussage nach ernährt sie sich im Prinzip nur noch von Kräutern, regionalem Gemüse und Olivenöl aus Griechenland. Eigens für sie eingeflogen.

An ihrem Körper befindet sich weder Plastik, noch sogenannte Bio-Baumwolle. So kann sie Gift Nummer eins nicht mit Gift Nummer zwei tauschen.

Sie weiß wieso es sich nicht lohnt Avocados zu kaufen, kennt den Weg der Orange auf unsere Teller und rät dringend dazu ab andere für einen kochen zu lassen. Zucker hält sie für genauso giftig wie Fleisch und tierische Produkte würde sie nur empfehlen, wenn kurz vor Herzversagen sowieso alles gesagt ist.

Diese Frau ist spitze.

Sie vereint optisch alle Vorurteile in sich, die wir schon immer hatten, wenn wir sagen „Nichts darf man mehr!“. Deo das Krebs genauso erregt wie Duschbäder. Kleidung die entweder nicht fair oder giftig produziert wurde, im besten Fall meist sogar beides. Südfrüchte in unseren Supermärkten, die hier so gar nicht wachsen und damit entweder dem heiligen Gral der ewigen Jugend begegnet sind oder einfach genmanipulierte, gespritzte Wesen der dritten Art wurden.

Wir laufen durch Straßen die uns mit soviel Feinstaub, Abgasen und Lärm belästigen, fallen zu Hause in unseren Kühlschrank made bei Schrott und schmieren uns abends eine dicke Paste Gift ins Gesicht. Wir gehen davon aus, wo Bio draufsteht, ist auch Bio drin, aber haben uns kaum Gedanken gemacht was das bedeutet. Wer dieses Siegel bekommen darf und wo die Trennschärfe zu Nichtbio liegt. Unser Gemüse wird bei guter Pflege wochenlang nicht schlechter und obwohl uns die Lebensmittelindustrie etwas anderes einredet, wäre heutzutage kein einziges Nahrungsergänzungsmittel in unserem Land mehr notwendig, es sei denn wir sind altersbedingt unterernährt, gehen nicht mehr in die Sonne oder sind ein Baby.

Die wenigsten von uns wissen wie sie sich ernähren sollen. Die meisten von uns machen alles falsch. Es liegt dabei nicht nur am Verbraucher, nein. Da sind Unternehmen die verkaufen wollen und in bester Absicht Massen versorgen. Sie produzieren über den Bedarf, hauen raus was wir später wegwerfen werden, weil wir irgendwie doch zweifeln, dass eine angebrochene Verpackung zwei Wochen Appetitlosigkeit standhält.

Wir gehen billig einkaufen, weil wir gelernt haben das Schnäppchen gejagt werden müssen. Vor jedem Feiertag rennen die Leute los und decken sich mit allem ein was das Herz begehrt. Der Verbrauch steigt an und damit holen wir uns wieder von Sklaven geschaffene Ware, chemisch vergiftet und bis zur Unkenntlichkeit durch die Marketingabteilung schöngeredet: Bio, Billig! Kauft!

Wenn wir also wirklich etwas ändern wollen, dann unsere Sicht auf die Dinge. Was brauchen wir und nicht was wollen wir.

Brauche ich zehn Hosen? Brauche ich zwölf Paar Schuhe? Brauche ich im Winter Erdbeeren oder Fisch aus dem Pazifik? Muss für meine Avocados irgendwo irgendwer sterben oder wird an meinem Gewissen irgendwer reich?

Wir haben aus Zeitmangel verlernt Dinge selbst herzustellen. Früher wurde genäht, gekocht, eingelegt. Es wurde sich ausgetauscht mit dem Nachbarn „wer hat und kann was?“ und überlegt wie man seinen Sonntagsbraten zubereitet, statt zu Fastfood zu greifen. Alles war entschleunigt, weil die Menschen sich weniger Druck machten alles auf einmal leisten zu müssen.

Meine Dozentin lebte mir die neue Form des Drucks vor. Quasi die formvollendete Ausführung, was passiert wenn ein System kippt. Sie isst kaum noch, sie hält sich gegen alle Spielregeln an das was ihr Körper und Menschenverstand ihr signalisiert, sie ist frei von Konflikten, woher und unter welchen Bedingungen ihre Waren kommen. Dieses Leben ist sehr entbehrungsreich, aber im Grunde ja nicht.

Niemand zwingt uns dazu die Amazon-Wishlist vollzukrachen. Kein Mensch verhungert, wenn er isst was sein Körper braucht, nicht was der Geist fordert. Niemand muss nackt herumlaufen, aber ob es am Ende immer modisch ist, bleibt natürlich fraglich.

Wir können unser Gewissen wohlmöglich außen vor lassen, unsere Gesundheit nicht. Sie wird uns eines Tages zeigen, was wir mit all dem Stress, der Plastik, dem Zucker, den Zusätzen, der Belastung in Wasser und Luft und der Ausbeutung anderer Lebewesen und Menschen angerichtet haben.

Der Mensch bleibt ein Egoist. Verzicht war schön immer etwas für die anderen.

ACHTERBAHNFAHRT

Wie kleine Blitzlichter durchzucken mich nach inzwischen zwölf Tagen noch immer meine Erinnerungen.

Morgens, an stillen Wochenenden, ohne die Kinder im Haus, ist es am schlimmsten.

Es beginnt mit oberflächlichen Gedanken.

„Jetzt bist du bestimmt auch wach. Trinkst deinen ersten Kaffee. Etwas Zimt dazu.“

Später werden sie tiefer. Ich fühle die Haut, erinnere mich an die Stärke deiner Brust und kann die Wärme in der Halskuhle bis zu mir spüren.

Dann wird es wieder ruhiger.

Manchmal lasse ich schon los. Denke, es gibt für jeden von uns einen Sack voll anderer Möglichkeiten. Kann mich nicht mehr erinnern wie die anderen vor dir gerochen oder sich angefühlt haben. Waren sie warm, schlugen ihre Herzen schneller, hatten sie morgens gute oder schlechte Laune?

Aber hier und heute weiß ich das alles noch über dich. Die Wärme, der gleichmäßige Herzschlag, die gute Laune. Jeden Morgen.

Mit jedem vergangen Tag soll es besser werden, sagen sie. Nach zehn Tagen wollten sie mich bereits verkuppeln. Andere Mütter haben auch schöne Söhne.

Ich sah mir die anderen Söhne beiläufig an. Schönheit ist derzeit nichts für mich. Mir fehlt die Substanz.

Jetzt bin ich erkältet. Und obwohl ich lieber schlafen würde und mich mit einer Kanne Tee in deine Arme kuscheln, fällt mir die Decke auf den Kopf und ich werde ruhelos. Ich wünsche mich nach draußen, einfach laufen, einfach rein in die Welt und raus aus meiner Gedankenblase.

Manchmal gelingt mir der Sprung von dir zu mir. Leider viel zu selten.

Ich halte fest, was längst weg ist. Ich begreife nicht, stehe unter Schock.

Es ist, als seist du gestorben. Auf der Autobahn gegen einen Pfeiler geknallt. Du liegst längst unter der Erde und ich stehe noch immer besinnungslos an deinem Grab. Die Erde unter meinen Füßen ist noch warm, dein Herz hat aufgehört für mich zu schlagen.