WENN GELIEBTE MENSCHEN STERBEN

Dann lassen sie an die tausend Erinnerungen zurück.

Sie setzen sich im Gedächtnis fest, in all ihrer Schönheit und frei jeglicher Wut.

Sie vermögen uns daran zu erinnern, dass das Leben kurz ist und welche Bedeutung diese Endlichkeit für uns gewonnen hat. Wir wollen nun viel mehr Zeit mit geliebten Menschen verbringen oder spüren in uns eine Leere. Auch das ist okay.

Wenn ein geliebter Mensch fortgeht, fühlt es sich so ähnlich an, meint meine Oma. Liebeskummer und der Tod seien für sie zwei ähnliche Gefühle. Als ihr Mann starb, bekam sie Liebeskummer. Seit nun vier Jahren wünscht sie ihn sich herbei. Nur noch einmal miteinder reden. Nur noch einmal miteinder lieben. Nur noch einmal Miteinder.

Ich erinnere mich auch nur noch an all die guten Eigenschaften. All die warmen Worte und viel wärmeren Taten. An ein besonderes Lächeln, ein besonderer Griff. An die Momente, in denen ich zum Staunen gebracht wurde oder Übermaß lachte. An das Vertrauen, die Gerüche, die Geräusche und den Sinn.

Eine Trauernde unterscheidet wohlmöglich nicht, ob jemand sie zum trauern oder der Tod die Trauer brachte. Es sitzt so tief, dass selbst auf einer Silvesterparty, umringt von schönen Männern, lustigen Gesprächen und unter Einfluss von Alkohol keine Stimmung aufkommen will. Dass sogar nach unzähligen Wochen, Angeboten, Ablenkungen und inneren Beschwörungen, allmorgendlich oder mitten in der Nacht ein Stein drückt, wo das Herz einst schlug.

Flashbacks, so sommerlich, verspielt und leicht, wie das kurze Flackern einer Laterne. Keiner sieht es, aber das Gespür lässt sich nicht täuschen. Da ist etwas.

Bunte Filmschnipsel der eigenen Geschichte, mit Dialogen, mal aufgeheizt und manchmal nur ein Murmeln.

Gemeinsame Orte, die jetzt wie Narben auf der Haut brennen und drücken. An ihnen vorbeischleichend und sich denken „Da haben wir doch vorletztens erst geknutscht.“.

Meine Oma stellt alle Fotos in ihrem Haus auf wie in einem Museum. Ein Schrein zu Opas Ehren. Ihre Erinnerung kann nicht verblassen, soll es auch nie.

Ich habe alle Fotos abgenommen, aber die Erinnerung bleibt. Eingebrannt auf jedem Möbelstück, in irgendeiner Windung meines Gehirns. Das Vergessen ist hier noch nicht möglich.

Als ich zwei Minuten nach Mitternacht die Party verließ, war ich traurig und ängstlich. Würde ich mich jetzt immer so anstellen? Aber nun gut. Silvester ist etwas besonderes und etwas besonderes will man ja auch teilen. Wollte ich.

Unser letztes Silvester war schön. Ich fühlte mich umgeben von Liebe und Freundschaft. Ich weiß, eines Tages wird mir dieses Gefühl wieder geschenkt werden und ich werde es einschließen in meine Erinnerungen, so wie dieses letzte Jahr.

Ich wünsche mir dennoch innig und wahrhaftig, keine Trauernde mehr zu sein. Es ist nämlich nicht leicht zu sein, wenn der andere beschließt das du für ihn gestorben bist.

DEFEKTE

Eigentlich wurde ich mit einem Narzissmus-Radar ausgestattet.

Diese Ding reagierte jahrelang auf Menschen mit besonderen Persönlichkeiten. Empathielose, Zweifler, ewig Ängstliche und zur Selbstüberschätzung neigende Menschen, die auf ungesunde Weise versuchten Einfluss zu nehmen.

Obwohl mein Radar feine Antennen besitzt, war ich nicht oder nur schwer in der Lage die Anziehung als Geschenk zu deuten diesen Menschen aus dem Weg zu gehen. Ich lief ihnen geradewegs in die Arme.

Diese Menschen taten mir weh, brachten mich um den Verstand, gaben mir das Gefühl unzureichend oder gar dumm zu sein. Was vielen Menschen anfangs überhaupt erst so schwer macht dies sogleich zu unterbinden, ist die Aufmerksamkeit mit der man überschüttet wird. Lovebombing genannt.

Männer die einen morgens um sechs mit Kaffee vor der Tür überraschen. Männer die Gedichte wortlos auf den Frühstückstisch legen. Männer die Liebeslieder singen oder Kinder auf Schultern tragen, lachend, vergnügt und voller Zuversicht:“Du bist es, daher kann ich endlich ankommen.“

Natürlich ist es schwer zu unterscheiden, wann einem die wahre Liebe begegnet und wann es sich nur um eine Masche handelt. Mein Radar hätte nicht erahnen können, was mir noch bevorsteht, aber mir nach mehrfacher Erfahrung einfach häufiger die rote Lampe zeigen sollen. „Achtung! Hier geht es nicht um Liebe, es geht um Bestätigung!“

Stattdessen überhörte ich all das was ich unbewusst sicherlich schon wusste. Ich begab mich immer wieder in die mir bekannten Muster und redete mir ein, sowas kann doch nicht häufiger passieren und im Grunde unterscheiden sich die Männer doch auch voneinander.

Taten sie in der Regel leider nicht.

Anfangs wahnsinnig verliebt, später dem Wahnsinn verfallen.

Anfangs wurde ich auf Händen getragen und in all meiner Pracht gefeiert, später konnte ich nichts richtig machen und lief auf Eierschalen in eine unsichere Zukunft.

Obwohl ich nicht oft verlassen wurde und mich häufig selbst aus diesen toxischen Beziehungen rettete, muss ich mich dennoch fragen, wieso ich? Was mache ich falsch?

Es war ein langer Weg zu erkennen, dass der Wunsch nach Liebe und Zuneigung mich hat empfänglich für Scharlatane und Lügner werden lassen. Für Ausbeuter und all die jenigen, die sich aufwerten lassen mussten. Die in einer Liebenden fanden was sie glaubten zu sehen: sich selbst.

Heute höre ich auf meinen Radar. Ich überprüfe dreimal wem ich nun etwas von mir zu geben bereit bin. Zeit, Aufmerksamkeit, Nähe.

Es ist im Prinzip sehr leicht die Narzissten auszumachen. Es ist sehr viel schwerer ihrem Charme, ihrer anfänglichen Zuwendung und scheinbaren Besonderheit zu entkommen. Wer sich allerdings gar nicht erst bezirzen lässt, kann sich sicher sein, jede Maske fällt.

Es ist eben doch wie man sagt: alles eine Frage der Zeit.

Viel wichtiger jedoch: vertraut eurem Frühwarnsystem!

DIE FAMILIE

Mit Blick auf diese Feiertage, besinnliche Weihnachten und das Einläuten eines neuen Jahres, fragte ich mich, wie ich und andere wohl das Wort Familie für sich definieren.

Meine Kinder und ich bilden die kleinste Zelle. Da sind diese zwei Menschen, mit mir in einem Haushalt lebend, den Alltag teilend und auf mich so angewiesen, wie ich inzwischen auf sie. Nun bin ich zwar nicht von ihnen abhängig, aber ihren Einfluss auf mich kann ich nicht abstreiten. Wir gehen gemeinsam durch unsere Leben. Ich begleite sie ein Stück ihres Weges und sie werden hoffentlich immer ein Teil meines Lebens bleiben. Momentan ist es so. Wir sind eng verknüpft.

Dann gibt es meine nahen Verwandten. Die Eltern und Großeltern. Die Geschwister und ggf. Partner und Kinder. Sie sind großer Teil unseres Seins. Prägend, involviert in jeden Meilenstein, wie die Geburten, Feiertage oder eben besonderen Momente. Uns hat das Leben zusammengeschlossen. Wir gingen durch Höhen und Tiefen, kennen einander wie kaum ein zweiter. Unser Kontakt blieb zum Glück beständig und eng, selbst wenn die Ansichten und Lebensmodelle nicht immer übereinstimmen. Besonders im Winter rücken wir näher zusammen und laden uns gegenseitig zueinander ein, teilen Wärme und geben Halt. So fängt man die Oma auf, die den Opa, ihre Liebe, vor Jahren bereits verlor. So halten wir meine Mutter, nach ihrer fünfundzwanzig Jahre andauernden, nun gescheiterten Beziehung auf Trab und meistern Patchwork an Feiertagen wie das laufende Uhrwerk. Es muss funktionieren, aber wir wollen es auch funktionstüchtig halten. Meine Geschwister, die mit Freude ihre Neffen sehen. Meine Großeltern, die uns mit Geschichten versorgen und beispielhaft verdeutlichen, wie es ist zu altern. Manchmal in Würde, manchmal in Verfall.

Dann gibt es die anderen. Die Verwandtschaft die einmal im Jahr zutage tritt. Meist an Neujahrstagen oder Weihnachten. Sie sind da. Schweben über uns, aber in eigene Leben verstrickt. Wir sind einander nicht böse, sich selten sehen bedeutet nicht sich weniger lieben. Wir lauschen einander und teilen Geschichten wie frisches Brot. Wir nutzen gemeinsame Zeit sehr bewusst und erfreuen uns am Miteinander, nicht an Abwesenheiten.

Und dann kommen die Freunde. Menschen, die zur Familie wurden, weil wir sie dazu auserkoren haben.

Unsere freiwillige Familie.

Sie treten das ganze Jahr in Erscheinung und überreichen einem zu Weihnachten noch diesen besonderen Bonus der Nächstenliebe. Da werden Geschenke und Karten verteilt, sich per Smartphone Fotos und Nachrichten gesendet und in Liebe, mit Pathos und viel Humor berichtet wie schrecklich schön das Weihnachten in der jeweiligen Familie ablief. Die Kinder werden bedacht und die Tage gezählt einander bei einem Glas Wein dann wieder beizustehen. Aus der Ferne, jeder in seiner Familie, vermag die kurze Kommunikation aber reichen. Ein „Ich denke an dich“ aus der Distanz schafft Nähe.

Da sind diese Momente, wo man sich mit Freunden trifft, die keine Familie haben. Die wohlmöglich alleine unter dem Baum sitzen und denen es an diesen Tagen schwer geht. Die sich nun jemanden wünschen, obwohl sie sonst wunschlos glücklich sind.

Da sind die Leute, die den Herbst über seltsam still blieben, aber im Winter aktiv von sich hören lassen. Die in Gedanken und Herzen bei dir sind, weil du sie genau da berührt hast. Und es heißt ja auch Fest der Liebe.

Ich habe mich gegen Ende des Jahres sehr geliebt gefühlt. Von meinen Kindern, meinen Eltern und Großeltern, meinen Geschwistern und den Verwandten, von meinen Freundinnen und Freunden, den Bekannten und all den Menschen die da waren, als ich mich kurz sehr einsam fühlte.

Unser Herz hat Kammern, die sieht man gar nicht. Und durch diese treten die Gäste ein und aus. Meine Gäste sind zur Familie geworden und ich bin froh um jedes einzelne Mitglied.

Wenn man mich fragt, was für mich Familie ist, kann ich sagen:

Jeder der mein Herz berührt. Jeder dessen Herz ich berühren konnte.

OBDACH

Heute früh wurde ich geweckt mit einem kurzen Statement aus der Tagespresse. Ein obdachloser Mann hätte nun lebenslange Haft bekommen, für den versuchten Mord an einem Radfahrer. Erst einmal ein Schock, natürlich.

Dieser Mensch hatte ihm nichts getan und war ihm einfach zufällig in die Planung geraten. Dieser Mensch wird wohlmöglich für den Rest seines Lebens leiden, körperlich wie seelisch. Dieser Mensch und seine Angehörigen haben einen Schock erlitten, ohne wenn und aber.

Mein wenn und aber bezieht sich nicht auf das Opfer. Ein Opfer, welches ich nicht wegrede oder kleinschreibe.

Der Täter war ein obdachloser Mensch. War, weil er jetzt im Gefängnis sitzt. Er gab seine eigene Freiheit auf, um seinem Zustand der Obdachlosigkeit zu entkommen. Er beendete sein Leben und das für warme Mahlzeiten und ein Bett. Dafür nahm er in Kauf auch das Leben eines anderen zu beenden. Dass dies moralisch falsch ist, stellt keiner in Frage.

Wie verzweifelt Armut einen jedoch werden lässt, wie verbittert, wie ängstlich der eigene Tod oder der Gedanke daran, zeigt dieses Beispiel.

Wir sind noch lange weg von einem Recht auf Wohnen. Wir sind noch lange weg von der Freiwilligkeit der Obdachlosigkeit. Von einer Entscheidung, bewusst schon einmal gar nicht.

Da sind Menschen unter uns jeden Tag von Armut und schlimmer noch Obdachlosigkeit gepeinigt. Sie sitzen in der Kälte und trotzen dem Hunger. Sie sind die VerliererInnen unter den Gewinnern. Sie sind unsichtbar für die die sie nicht sehen wollen und machen sich nur selten sichtbar, für die die sich gestört fühlen.

Dazwischen gibt es wenig Mitgefühl. Wenige Taler sich von ihrem Leid freizukaufen. Mein Euro für mein besseres Gewissen.

In einem Sozialstaat gibt es sie tatsächlich. Und einer von ihnen kam auf die Idee das System zu brechen, indem er zurückschlug.

Das war falsch. Es war hinterhältig. Es war grausam. Es war menschlich.

Eines Tages werden wir uns damit auseinandersetzen müssen. Wieso Menschen grausame Taten begehen, um der Armut zu entkommen. Es ist so alt wie die Unterscheidung von Arm und Reich.

Noch immer sind wir Meister darin diese Schere zu übersehen und uns in Sicherheit zu fühlen.

Dabei ist Armut das schlüssigste Motiv.

HART ARBEITEN, KURZ LEBEN

Mir sind in meinem Leben häufiger Männer begegnet, als Frauen, die gerne und viel hart arbeiten und ihr Privatleben dafür hinten anstellen.

Nicht daß sie keine Freundschaften pflegen würden oder Beziehungen ablehnten, aber sie bleiben all dem seltsam fremd.

Ihnen gelingt es mühelos die ganze Nacht und Tage ihres Urlaubs, sogar Sonntag, wenn alle anderen Ausflüge unternehmen oder lange im Bett ruhen, das Handy und die Mails zu checken.

Sie sind erst dann wirklich glücklich, wenn ihre Arbeit erledigt ist und wie wir wissen ist sie dies nie.

Sie fühlen sich wohlmöglich gebraucht, aber vielleicht verstehen sie auch einfach tatsächlich mehr von ihrem Job, als von ihrem Privatleben.

Es ist schwer sich solchen Menschen nahe zu fühlen, weil man niemals an erster Stelle steht. Verheiratet mit der Arbeit- ein ziemlich zutreffender Spruch.

Wenn diese Menschen sich im Alter in die Rente begeben, so sie dies überhaupt vorhaben, blicken sie dann in eine leere Zukunft? Sind dann dort Menschen geblieben oder ihnen auf ihrem Weg alle abhanden gekommen?

Hatten sie je Zeit für Kinder? Konnten sie jemals so innig lieben und Liebe empfangen wie andere? Oder müssen sie stellvertretend neue Herausforderungen suchen, um diese Lücke zu füllen?

Ich liebe meine Arbeit ebenso. Ich gehe auf in dem was ich tue und fühle mich dazu inzwischen berufen.

Wenn ich jedoch wählen müsste (und ich bin froh es nicht zu müssen), würde ich mir doch immer Menschen an meiner Seite wünschen, mit denen ich alt werden kann. Freunde, Partner, Kinder und später Enkel. Ich möchte alles im Leben und nicht nur eine Möglichkeit haben. Karriere oder Familie zum Beispiel.

Es ist weitaus schwerer sich all das zu ermöglichen, so ist mir klar. Dennoch sollte mein Leben voller Liebe sein. Arbeit gibt einem keine echte Liebe zurück. Sie ist ein Katalysator für etwas. Leistung steht für Erfolg und Erfolg kann sich kurzzeitig wie Liebe anfühlen. Arbeit hat einen Nutzen. Ich verdiene Geld, bin sozial gebunden und verpflichte mich einer Sache. Ich lerne, wachse und gebe Erfahrungen weiter. All das ist aber auch im Zwischenmenschlichen möglich und nötig.

Wer sich niemals in einem Urlaub zurücklehnen konnte, den Dingen ihren Lauf lassen und dabei in die wunderbaren Augen seiner Mitmenschen geblickt hat, wird sich wohlmöglich später fragen, wann er am glücklichsten war.

Vielleicht ja tatsächlich am Schreibtisch.