WENN MILCHSCHAUM LEISE KNISTERT

Morgens um neun in meinem Bett, die Tasse Kaffee vor mir, höre ich ein leises Geräusch. Es ist nicht der Kater und die Kinder sind aus.

Millionen Milchschaumblasen platzen. Ein zartes, angenehmes Geräusch. Wie Regen auf ein weit entferntes Dach. Wie das Feuer im Kamin. So wenig an- wie abwesend.

Eigentlich wollte ich heute ohne Metaphern auskommen, aber es passt hervorragend in meine eigentliche Geschichte. Zu diesem Albtraum der sich mir heute Nacht in den Weg stellte. Meine Murmelbahn gehörig durcheinander brachte, obwohl gerade noch so hübsch sortiert.

Ich träumte meine Trennung neu. Viel gewaltiger. Viel gewalttätigiger. Viel.

In meinem Traum wurde sich von Angesicht zu Angesicht getrennt. Ein kleiner Bonus, sollte man meinen. Wenigstens nicht via WhatsApp oder per Anruf. Doch diese Nähe war viel grausamer. Ich sah dieses lockere Lächeln, ein fast fröhlicher Mensch beim verrichten einer müßigen Aufgabe. In meinem Traum erfolgte die Trennung aus guten Gründen. Einer neuen Liebe, Sex und damit Betrug. Ich spürte die Eifersucht und den Zorn. Alles in mir wollte weg. Drei Schritte machte ich schon aus dem Haus, als ich zurück rannte und ihm meinen ganzen Ekel und die Abscheu ins Gesicht brüllte. Die Enttäuschung, die Demütigung kenntlich machend. Laut und unbarmherzig.

Und er sah mich an, überrascht und frei seiner üblichen Belustigung. Ernsthaft geknickt.

Ich ging und war stark und so stolz. Im Traum konnte ich nicht auf Kinder blicken. Scheinbar war es mir da nur möglich diese Trennung kinderlos zu bewältigen. Ich zog in eine neue Wohnung, verabschiedete mich von meinem alten Leben und empfing seine Entschuldigungen per Textnachricht.

Ich schwebte noch eine Weile durch meine Energie und blieb erst dann erschöpft zurück, als ich wach wurde und mir bewusst war wie wenig all das der Realität glich.

In meiner Realität habe ich lange gebraucht ihn zu verarbeiten. Uns. Ich war auch nie lautstark wütend geworden. Habe mich nicht ausgetobt oder etwas merklich verändern können. Ich blieb ich. Das ist auch gut so. Nur eben nicht sonderlich schnell heilsam. Meine Heilung bräuchte länger. Gute Gespräche mit Freundinnen. Nächte auf Partys oder Rückfälle in seine Arme. Es brauchte viele Nachmittage mit den Kindern im Museum oder Familienausflüge zu Kaffee und Kuchen. Es brauchte ein paar schlechte Liebesfilme und noch mehr gute Komödien über das Scheitern. Es brauchte Ablenkung auf Arbeit und eine Hautkrankheit sowie Diät die mich schrumpfen ließ. Es brauchte viel Schlaf und lange Spaziergänge und schlussendlich kaufte ich mir eine Katze, die sich als Kater entpuppt hat.

Zur Erinnerung an mich, an diesen Prozess des Lernens und des Wachsens, habe ich mir gestern einen Verlobungsring gekauft. Zumindest sieht er danach aus. Ein Symbol mich eben doch verändert zu haben.

Wenn der Milchschaum aufhört zu knistern, wird es allmählich wieder lauter im Zimmer. Der Kater schnurrt, die Nachbarskinder werden wach und die ersten Menschen schicken mir Nachrichten auf dem Handy.

Das Leben ging nie nicht weiter.

NIEMAND HAT GESAGT DAS ES LEICHT WÄRE

Wir kommen auf diese Welt, ob wir wollen oder nicht.

Manche von uns nehmen das Leben leicht und andere sehr schwer. Einige von uns werden von vorneherein in die falsche Familie geboren und andere treffen erst später fatale Entscheidungen, die ihnen ihr Leben lang Bauchschmerzen bereiten können.

Ein paar von uns wird es an Nichts fehlen. Sie werden spielend leicht mit Herausforderungen fertig und sich jeden Tag motiviert sehen.

Einige werden sich schwer tun aus dem Bett zu steigen und betrachten ihre Tasse schwarzen Kaffee jeden Morgen als halbleer.

Einige Menschen werden Schicksal nicht als solches begreifen, sondern ihren Mühen und ihrem Engagement zuschreiben. Wieder andere ringen mit ihren Erfahrungen und sehen sich ständig geprüft.

Egal wozu ich mich zähle, ich brauche den Blick in meine Vergangenheit und habe manchmal nicht genug Mut für meine Zukunft. Manchmal arbeite ich hart an mir und würde es gerne leichter haben. Manchmal würde ich gerne diese Schwerelosigkeit fühlen und versinke in einer Welt aus Chaos, ob real oder selbstgeschaffen.

Meiner Erkenntnis nach, kann nur ich mich wirklich selbst begreifen. Ich sehe die anderen und weiß so gut wie nichts über sie. Was sie bewegt, warum sie lächeln oder weshalb ein anderer dauerhaft wütend und ablehnend erscheint.

Ich weiß was mich zu mir gemacht hat und welchen Einfluss ich selbst auf mich nehme. Meine Probleme, meine magische Anziehungskraft auf immer schwerere Lasten. Ich glaube zu einem gewissen Maß ist es möglich Muster zu durchbrechen und Klarheit zu gewinnen, statt sich auf den immer gleichen Rhythmus zu verlassen. Die Komfortzone zu verlassen und sich dennoch nicht verlassen zu fühlen.

Denn ich bin ja da.

Auch wenn ich immer denke alleine ist es schwerer. Ist es ja auch. Aber ich bin ja da. Ich sehe mich. Ich spüre mich. Ich höre mich atmen, fühle meine Beine sich bewegen und jeden Tag viele Schritte machen.

An manchen Tagen ist das Aufstehen schwer und an den meisten anderen Tagen lacht die Sonne mir ins Gesicht und ich lache zurück.

Meine Haut ist momentan dünner und meine Beine schwerer, aber niemand hat gesagt, dass es leicht wird.

Von niemandem lasse ich mir sagen, dass es schwer bleibt.

HANGELN

Etwas zu fühlen ist wichtig. Wenn wir fühlen, sind wir frei, bleiben gesund. Wenn wir fühlen, kann unser Geist atmen und sich entfalten. Dabei ist egal, ob wir Freude, Trauer oder Wut empfinden. Es sind unsere Gefühle und unsere Möglichkeiten ein Ventil, einen Katalysator oder eine innere Hilfe zu finden, durch etwas auf das wir wohlmöglich weniger Einfluss nehmen können.

Wenn wir aufhören zu fühlen, uns blockiert haben oder die Gefühle verstummt sind, werden wir automatisch krank. Wir beginnen uns zu verlieren. Wir sind dann nur noch eine leere Hülle.

Manche von uns bevorzugen diese Gefühllosigkeit. Es dient ihnen zum Schutz oder zur Bewältigung.

Manche von uns wollen die Gefühle auf Biegen und Brechen hervorkitzeln, wenn sie glauben zu wenig zu spüren. Sich zu verlieren und diesen Verlust ausgleichen zu müssen.

Manche von uns nehmen sich dann zu wenig Zeit in sich hineinzuhören. Zu erforschen wohin die Gefühle verschwunden sind. Sind sie nämlich nicht. Sie sind einfach verschütt unter einem Berg von Ballast. Unter einem Trauma, einem Schreck, der Trauer oder einem Verlust. Sie verstecken sich, weil echte Gefühle auch echte Menschen machen und damit angreifbar sind.

Einige von uns lösen diesen Konflikt mit sich selbst, indem sie sich betäuben. Drogen und Alkohol gegen das Verstummen. Etwas künstliches für etwas wahres.

Einige sind bereit sich von einer Beziehung in die nächste zu flüchten. Sie gehen zu einer Verabredung und obwohl sie wissen wie es ausgehen wird, halten sie diesem Marathon an Aufgesetzheit stand.

Einige erzeugen Dramen, unlösbare Tragödien, erfinden sich ständig neu oder versuchen anderen das Leben wenn möglich zur Hölle zu machen, Hauptsache es wird wieder eine Emotion erzeugt. Wenn nicht die eigene, dann doch die der anderen.

Die Tragik dahinter ist schwer zu erkennen. Die Außenstehenden wollen es nicht wahrhaben. Sie beginnen sich zu erregen, werden wütend, suchen vielleicht bald das Weite. Sie erkennen nicht, dass die Gefühle des anderen blockiert sind. Sie wollen sich damit nicht belasten.

Aber wieso auch?

Wieso etwas schaffen, was die Person nicht einmal selbst bewerkstelligen kann? Dem Fremdkörper das geben, was er sich selbst nicht ermöglicht? Für Frieden sorgen, obwohl der Krieg im anderen selbst verursacht tobt.

Es ist an jedem selbst sich zu richten. Es ist an jedem von uns sich zu heilen. Wir können uns nur von anderen helfen lassen, indem wir um Hilfe bitten. Manche bitten auf ihre Weise.

Manche bitten indem sie uns von sich stoßen.

ES IST NICHT MEINE SCHULD, WENN…

Gelegentlich lege ich ein ganz schlechtes Benehmen an den Tag. Wenn sich das bei mir wiederholt und ich andere Menschen damit mehrfach vor den Kopf stoße, beginne ich inzwischen darüber nachzudenken, was mich zu meinem Verhalten führt.

Manchmal komme ich nicht gleich darauf und einige Male war da unterbewusst schon was im Argen. Manchmal sind es auch die Hormone während der PMS-Zeit oder ich habe viel Stress gehabt.

Was auch immer dazu führt mich dann schlecht zu fühlen, es ist kein Grund sich auch schlecht aufzuführen. Es gibt mehr als nur meine Probleme, meine Gefühle und meine Bedürfnisse. Das Bedürfnis der anderen ungestört leben zu dürfen, ist nicht geringer als meines. Ich muss also verantwortungsvoller mit mir und meiner Verhaltensweise umgehen. Nicht jeder Satz sollte gesagt werden, bevor ich reflektiert habe, ob diese auf der Zunge liegende Boshaftigkeit tatsächlich für mich spricht und das was ich heute sage und fühle auch morgen noch Gültigkeit besitzt.

Viele Menschen schieben ihr schlechtes Verhalten anderen gegenüber auf Umstände von außen oder eben innere Mächte die sie angeblich nicht kontrollieren können. Die Wahrheit aber ist, wir können lernen uns in den Griff zu bekommen.

Menschlich sein, bedeutet sich seines Bewusstseins zu bedienen. Sich bewusst für oder gegen etwas entscheiden zu können beispielsweise. Niemand ist Opfer seiner Launen, niemand muss andere zum Opfer machen, um diese besser aushalten zu können.

Wenn ich mir vorstelle, nach jeder hormonellen Veränderung einen Flächenbrand verursacht zu haben, bleibt irgendwann wenig Land mehr zu betreten. Wenn jeder seiner Lust nach Zerstörung und Schaden nachginge, wären wir längst von der Landkarte gestrichen.

So wie Männer nicht einfach sagen dürfen „Ich bin nun einmal ein Mann, ich konnte nichts dafür auf ihren Minirock reagiert zu haben!“,so sollte auch jedem Alkoholiker klar sein, es gibt keine Entschuldigung für böswilliges und fahrlässiges Verhalten anderen gegenüber. Krankheiten hin oder her, wenn jeder der krank wäre das Recht hätte seine Hilflosigkeit durch Wut auszudrücken, hätten uns vermutlich bereits viele Staatsleute in die Luft gesprengt. Ein Mensch der Neigungen hat, die anderen weh tun, sie für ihr Leben zeichnet, kann sich nicht darauf berufen krank zu sein usw.

Wir werden uns nicht in jeder Situation kontrollieren können und wir werden uns mehr als einmal im Leben für unser Verhalten entschuldigen. Wir sollten aber auch lernen mit anderen besonnen und achtsam umgehen zu wollen und insbesondere uns, den Menschen der uns am nächsten steht, besser kennenzulernen, besser zuzuhören und begreiflich machen, dass es keinen anderen gibt auf den wir größeren Einfluss ausüben können.

Nutzen wir diese Erkenntnis weise.

INTEGRITÄT

Nicht vielen Menschen gelingt es immer integer zu bleiben. Es ist nur zu menschlich seine Werte und Haltung zu verkaufen, wenn ein gutes Angebot höherwertiger erscheint.

Politik macht es vor, Medien es nach. Eben wurde uns ein Projekt als sozial und menschlich verkauft und im nächsten Moment wird es vom Kapitalismus gefressen.

Auch unbedeutend kleine Menschen können integer sein. Sie haben ebenfalls Werte und handeln danach. Der Spielraum diese Werte auszudehnen, ist natürlich größer und bleibt meist folgenlos. Freundinnen und Kollegen wundern sich nicht seltener als die breite Öffentlichkeit, aber es bliebe am Ende bei einem Gespräch oder einem Stirnrunzeln.

Wer jedoch mit einem Bein in der Öffentlichkeit und dem anderen Bein in seiner kleinen privaten Überlegenheit schwebt, dürfte sich weniger Ausrutscher auf dem Paket erlauben. Da wird jedes Anprangern einer anderen Person mit Argusaugen beobachtet: bleibt die Person denn selbst makellos? Frei von Fehlern? Unantastbar vor dem hohen Gericht des Internets?

Wenn ich mich gegen Diskriminierung und Rassismus ausspreche, dürfte ich beispielsweise meine Prinzipien nicht für einen kurzen Moment der Aufmerksamkeit über Bord werfen. Das große Geld ist nie so viel wert, wie der Verlust meiner Glaubwürdigkeit mich nachher kostet.

Wer sich gezwungen sieht finanziell am Hungertuch die Hand des Teufels zu greifen, kann natürlich weitaus weniger integer sein. Da fehlt es an allen Ecken und Kanten.

Aber genau so funktioniert dieses System. Jemand der wenig hat oder nach einem Mehr trachtet, ist empfänglich für die Verlockungen des anderen. Es würde unter Garantie niemals jemand wahrer Größe und klaren Verstandes etwas verraten, mit dem Wissen diese Würde bliebe unantastbar.

Seine Prinzipien sollte man regelmäßig überprüfen. Bin ich wer ich vorgebe zu sein oder bin ich eigentlich nur wer ich gerne sein möchte? So gerne wären viele Leute taff, klug, weise und Vorbilder. Warum sind sie es dann nicht einfach?