SIEH MAL MEINER AN

Sagt man ja auch viel zu selten.

Wann habe ich zuletzt so gefühlt wie heute? So glücklich? So frei? So stark und bewusst? Wann war das, wann?

Wie kam es und wodurch? Zeit? Glück? Demut und ein wenig Unterstützung von da draußen? Ganz sicher.

Heute ist wieder eine schöne Woche vorbei. Abschließend haben die Kinder und ich eine Stunde im Wohnzimmer getanzt. Die Musik meiner Kindheit und Jugend lief. Zugegeben, eher die Musik der Jugend meiner Mutter. The Smith, The Clash, etwas Police und Elton John. Sie hüpften auf dem Sofa und ich auf dem Dielenboden.

Ich hatte zum Kaffee etwas Baileys. Verdient. Denn als ich heute die Einkäufe samt Katzenstreu zur Kita schleppte, frisch aus meiner letzten Vorlesung, war mir kurz die Luft abhanden gekommen. Ein unruhiges Kind später und ein paar gefühlte Meilen zwischen sicherer Wohnung und überfüllten Straßen, brach das Freitagsgefühl endlich durch.

Vor ein paar Wochen waren Freitage meine schlimmsten Tage. Schlimmer als Sonntage. Da kann ich wenigstens mit den Kindern ins Museum oder andere Alleinerziehende besuchen. Freitag war „unser Abend“. Kochen, Filme, Spieleabend. Jetzt sind Freitage wieder meine Tage.

Ich liege auf dem Bett, tippe diesen Text und neben mir schnurrt der Kater, den ich mir mit diesem Mann nie hätte holen können. Es gab zum Abendessen Bratkartoffeln mit Zwiebeln, die dieser Mann nie gegessen hätte und ich kann und werde heute sehr zeitig ins Bett fallen. Der Weg dahin war etwas schwurbelig, aber hier und heute geht es mir gut. Befreit von mir und meinem Kummer. Der Angst etwas zu vermissen.

Möglicherweise vermisst uns jemand. Jemand der noch nicht weiß wie toll die Abende bei uns sind. Tanzen zu Britpop und Jenga-Spieleabenden. Wir, die voller Unternehmungslust stecken. Wir, die laut und leise können. Die wir uns brauchen und lieben und raufen und zanken. Momentan kenne ich nichts schöneres als das hier. Diese Nähe und das Gewusel. Momentan ist es so ein Geschenk, ich möchte nicht einmal teilen.

EINKÄUFE

Als ich eben im Supermarkt stand, war es wieder da. Dieses Gefühl absolut etwas, bzw. jemanden, zu vermissen.

Ich habe dieses Gefühl in den letzten zwei Monaten häufig beobachten können. Meist erst auf dem Weg nach Hause, mit Taschen links und rechts beladen. Diesmal schon zehn Schritte vorher, als ich nach der Milch griff.

Während meine Hand den Wagen schob, mein Blick zum Milchregal gewandt, stach er zu. Der Trennungsschmerz.

Dieses Bedürfnis jetzt mit ihm einkaufen zu gehen und daraus resultierend die Frage, warum ausgerechnet hier mein großer Schmerz liegt. Könnte ja auch anderswo passieren. Zum Beispiel abends an einem Sonntag im Bett. Oder morgens, wenn ich den Kaffee zubereite und die Kinder für das Frühstück rufe.

Hier stand ich also und nahm den Liter Milch, schluckte und tat was ich immer tue. Einkaufen.

Als der Wagen voll war, das Band belegt, die Tüten gefüllt und ich meinen Weg nach Hause antrat, wogen nicht die Lebensmittel schwer, sondern mein Herz.

Als wir einmal im Urlaub einkaufen waren, packten wir uns den Korb mit unnützen Sachen voll. Ich musste grinsen, weil seine Auswahl genauso wenig erlesen war wie meine. Irgendein Schrott, den man sich in der Heimat nur selten einpackt, aber im Urlaub magische Schätze waren.

Wir waren groß darin uns unter Einfluss von Alkohol und gelöster Stimmung teure Salate an der Bar zu mixen, um sie dann im Hotelbett mit mäßiger Begeisterung, aber doch diebischer Freude zu zerpflücken.

Wir gingen durch die unterschiedlichen Gänge und kamen am anderen Ende wieder zusammen, lächelnd.

Wir standen an der Kasse und ich wusste, egal wieviele Hände ich freigehabt hätte, er würde eher fünf Tüten tragen, als mich eine davon schleppen zu sehen.

Es waren diese Kleinigkeiten, die eine Beziehung für mich im Nachhinein zu einem Paradies sehr individueller Details macht. Momente die in jeder Beziehung auftreten, aber in der Regel einem Paar zugeschrieben werden, wie ein Fingerabdruck einer Person.

Die Persönlichkeit unserer Beziehung fand sich am stärksten wohl im Supermarkt wieder. In diesem Wirrwarr aus Möglichkeiten, Lauten, Menschen und Farben. Wir fanden uns immer wieder. Jetzt gehe ich dennoch alleine.

Es wird noch eine Weile dauern wieder wie einst meine Einkäufe zu erledigen. Lustlos, liebslos, bedeutungslos.

WENN GELIEBTE MENSCHEN STERBEN

Dann lassen sie an die tausend Erinnerungen zurück.

Sie setzen sich im Gedächtnis fest, in all ihrer Schönheit und frei jeglicher Wut.

Sie vermögen uns daran zu erinnern, dass das Leben kurz ist und welche Bedeutung diese Endlichkeit für uns gewonnen hat. Wir wollen nun viel mehr Zeit mit geliebten Menschen verbringen oder spüren in uns eine Leere. Auch das ist okay.

Wenn ein geliebter Mensch fortgeht, fühlt es sich so ähnlich an, meint meine Oma. Liebeskummer und der Tod seien für sie zwei ähnliche Gefühle. Als ihr Mann starb, bekam sie Liebeskummer. Seit nun vier Jahren wünscht sie ihn sich herbei. Nur noch einmal miteinder reden. Nur noch einmal miteinder lieben. Nur noch einmal Miteinder.

Ich erinnere mich auch nur noch an all die guten Eigenschaften. All die warmen Worte und viel wärmeren Taten. An ein besonderes Lächeln, ein besonderer Griff. An die Momente, in denen ich zum Staunen gebracht wurde oder Übermaß lachte. An das Vertrauen, die Gerüche, die Geräusche und den Sinn.

Eine Trauernde unterscheidet wohlmöglich nicht, ob jemand sie zum trauern oder der Tod die Trauer brachte. Es sitzt so tief, dass selbst auf einer Silvesterparty, umringt von schönen Männern, lustigen Gesprächen und unter Einfluss von Alkohol keine Stimmung aufkommen will. Dass sogar nach unzähligen Wochen, Angeboten, Ablenkungen und inneren Beschwörungen, allmorgendlich oder mitten in der Nacht ein Stein drückt, wo das Herz einst schlug.

Flashbacks, so sommerlich, verspielt und leicht, wie das kurze Flackern einer Laterne. Keiner sieht es, aber das Gespür lässt sich nicht täuschen. Da ist etwas.

Bunte Filmschnipsel der eigenen Geschichte, mit Dialogen, mal aufgeheizt und manchmal nur ein Murmeln.

Gemeinsame Orte, die jetzt wie Narben auf der Haut brennen und drücken. An ihnen vorbeischleichend und sich denken „Da haben wir doch vorletztens erst geknutscht.“.

Meine Oma stellt alle Fotos in ihrem Haus auf wie in einem Museum. Ein Schrein zu Opas Ehren. Ihre Erinnerung kann nicht verblassen, soll es auch nie.

Ich habe alle Fotos abgenommen, aber die Erinnerung bleibt. Eingebrannt auf jedem Möbelstück, in irgendeiner Windung meines Gehirns. Das Vergessen ist hier noch nicht möglich.

Als ich zwei Minuten nach Mitternacht die Party verließ, war ich traurig und ängstlich. Würde ich mich jetzt immer so anstellen? Aber nun gut. Silvester ist etwas besonderes und etwas besonderes will man ja auch teilen. Wollte ich.

Unser letztes Silvester war schön. Ich fühlte mich umgeben von Liebe und Freundschaft. Ich weiß, eines Tages wird mir dieses Gefühl wieder geschenkt werden und ich werde es einschließen in meine Erinnerungen, so wie dieses letzte Jahr.

Ich wünsche mir dennoch innig und wahrhaftig, keine Trauernde mehr zu sein. Es ist nämlich nicht leicht zu sein, wenn der andere beschließt das du für ihn gestorben bist.

DIE FAMILIE

Mit Blick auf diese Feiertage, besinnliche Weihnachten und das Einläuten eines neuen Jahres, fragte ich mich, wie ich und andere wohl das Wort Familie für sich definieren.

Meine Kinder und ich bilden die kleinste Zelle. Da sind diese zwei Menschen, mit mir in einem Haushalt lebend, den Alltag teilend und auf mich so angewiesen, wie ich inzwischen auf sie. Nun bin ich zwar nicht von ihnen abhängig, aber ihren Einfluss auf mich kann ich nicht abstreiten. Wir gehen gemeinsam durch unsere Leben. Ich begleite sie ein Stück ihres Weges und sie werden hoffentlich immer ein Teil meines Lebens bleiben. Momentan ist es so. Wir sind eng verknüpft.

Dann gibt es meine nahen Verwandten. Die Eltern und Großeltern. Die Geschwister und ggf. Partner und Kinder. Sie sind großer Teil unseres Seins. Prägend, involviert in jeden Meilenstein, wie die Geburten, Feiertage oder eben besonderen Momente. Uns hat das Leben zusammengeschlossen. Wir gingen durch Höhen und Tiefen, kennen einander wie kaum ein zweiter. Unser Kontakt blieb zum Glück beständig und eng, selbst wenn die Ansichten und Lebensmodelle nicht immer übereinstimmen. Besonders im Winter rücken wir näher zusammen und laden uns gegenseitig zueinander ein, teilen Wärme und geben Halt. So fängt man die Oma auf, die den Opa, ihre Liebe, vor Jahren bereits verlor. So halten wir meine Mutter, nach ihrer fünfundzwanzig Jahre andauernden, nun gescheiterten Beziehung auf Trab und meistern Patchwork an Feiertagen wie das laufende Uhrwerk. Es muss funktionieren, aber wir wollen es auch funktionstüchtig halten. Meine Geschwister, die mit Freude ihre Neffen sehen. Meine Großeltern, die uns mit Geschichten versorgen und beispielhaft verdeutlichen, wie es ist zu altern. Manchmal in Würde, manchmal in Verfall.

Dann gibt es die anderen. Die Verwandtschaft die einmal im Jahr zutage tritt. Meist an Neujahrstagen oder Weihnachten. Sie sind da. Schweben über uns, aber in eigene Leben verstrickt. Wir sind einander nicht böse, sich selten sehen bedeutet nicht sich weniger lieben. Wir lauschen einander und teilen Geschichten wie frisches Brot. Wir nutzen gemeinsame Zeit sehr bewusst und erfreuen uns am Miteinander, nicht an Abwesenheiten.

Und dann kommen die Freunde. Menschen, die zur Familie wurden, weil wir sie dazu auserkoren haben.

Unsere freiwillige Familie.

Sie treten das ganze Jahr in Erscheinung und überreichen einem zu Weihnachten noch diesen besonderen Bonus der Nächstenliebe. Da werden Geschenke und Karten verteilt, sich per Smartphone Fotos und Nachrichten gesendet und in Liebe, mit Pathos und viel Humor berichtet wie schrecklich schön das Weihnachten in der jeweiligen Familie ablief. Die Kinder werden bedacht und die Tage gezählt einander bei einem Glas Wein dann wieder beizustehen. Aus der Ferne, jeder in seiner Familie, vermag die kurze Kommunikation aber reichen. Ein „Ich denke an dich“ aus der Distanz schafft Nähe.

Da sind diese Momente, wo man sich mit Freunden trifft, die keine Familie haben. Die wohlmöglich alleine unter dem Baum sitzen und denen es an diesen Tagen schwer geht. Die sich nun jemanden wünschen, obwohl sie sonst wunschlos glücklich sind.

Da sind die Leute, die den Herbst über seltsam still blieben, aber im Winter aktiv von sich hören lassen. Die in Gedanken und Herzen bei dir sind, weil du sie genau da berührt hast. Und es heißt ja auch Fest der Liebe.

Ich habe mich gegen Ende des Jahres sehr geliebt gefühlt. Von meinen Kindern, meinen Eltern und Großeltern, meinen Geschwistern und den Verwandten, von meinen Freundinnen und Freunden, den Bekannten und all den Menschen die da waren, als ich mich kurz sehr einsam fühlte.

Unser Herz hat Kammern, die sieht man gar nicht. Und durch diese treten die Gäste ein und aus. Meine Gäste sind zur Familie geworden und ich bin froh um jedes einzelne Mitglied.

Wenn man mich fragt, was für mich Familie ist, kann ich sagen:

Jeder der mein Herz berührt. Jeder dessen Herz ich berühren konnte.

DER MORGEN DANACH

Als Alleinerziehende begegneten mir häufig potentielle Anwärter um die Stelle des neuen Mannes an meiner Seite. Sie alle hatten jedoch etwas gemeinsam.

Am nächsten Morgen, meist wenn die Kinder bei mir waren, standen sie schon nach dem Frühstück in der Tür und verabschiedeten sich.

Dieses Gefühl hasste ich. Immer und immer wieder, egal wie nahe mir der andere eben noch war oder wie sehr wir mit Liebe und Zuneigung überschüttet wurden, am Folgetag entschieden sich die Herren zu gehen.

Nun habe ich überlegt wonach ich eigentlich suche. Ich weiß wer ich bin, endlich. Weiß um meine Vorstellungen und kann klar benennen wieso mich dieser Augenblick kurz bevor sie die Wohnung verlassen so wurmt.

In einer echten Partnerschaft würde nach dem Frühstück die gemütliche Zeit beginnen. Einer räumt den Tisch ab, beide machen sich noch einen Kaffee, die Kinder wuseln durch das Haus. Man setzt sich gemeinsam aufs Sofa, kuschelt und irgendwann beginnen die Pläne zu schmieden. Ausflüge, Gammeltag, Lernen. Alltag eben.

Niemand wird ruhelos oder getrieben in die eigene Wohnung. Niemand flüchtet sich in seine Schuhe und kratzt mit der Sohle Furchen in die Dielen. Niemand geht im Flur auf und ab und sieht dabei zur Uhr. Der Tag gehört uns, wie zuvor die Nacht.

Nun sind die meisten meiner Beziehungen leider oft anders gelaufen. Männer die sich am nächsten Tag wohler in den eigenen vier Wänden fühlten und das auch nicht verheimlichen konnten. Sie saßen bei uns am Abend und leisteten Gesellschaft am Morgen, aber der Rest des Wochenendes oder der freien Tage gehörte ihnen. Dabei war es egal, ob ursprünglich eine Partnerin gesucht wurde und keine Mätresse. Es war auch egal, ob in der Beschreibung offenherzig stand „zwei Kinder-ganz oder gar nicht“. All das rührte zu Beginn noch und blieb später dann auf der Strecke. So ein Leben mit fremden Kindern schafft. So ein Leben im Angesicht des Tageslichts, ist nichts für alle.

Und das ist was mich ärgert, denn ich suchte nicht nach allen. Ich suche bewusst und verliebe mich ehrlich. Ich wäge ab und gebe Chancen.

Wenn dann jemand nicht weiß was er will, aber was er nicht haben soll, wird interessant, dann sitze ich am Ende des Morgens alleine auf dem Sofa.

Na ja, nicht ganz alleine. Zugegeben.