HERZEN BRECHEN LAUT

Ich lese gerade seit langer Zeit mal wieder Nachrichten. Seit ich nicht mehr in der Politik arbeite, immerhin schon knapp zwei Jahre, davor aber sechs Jahre intensiv, beschäftigt mich politisches Gerangel nur noch am Rand.

Wie oft blutete mein Herz, weil Entscheidungen von Außen weit abwegiger als nachvollziehbar schienen. Wie oft fragte ich mich, weshalb Akteur X sich so und Akteur Y sich so verhielt. Die Komplexität dieser Welt und unserer Gesellschaften sei nun einmal schwer zu begreifen, dachte ich dann.

Und doch, fern ab jeder Realität und all dem worum es eben zu gehen scheint, Geld, Macht, Einfluss, Gebiete, Lebensgrundlage und immer wieder Differenzen zwischen den Kulturen und Religionen, blieb doch eines unbeachtet.

Wie kann das Herz sich frei machen von all dem Kummer in der Welt? Dem Missbrauch von Macht durch große Amtsinhaber? Dem Unausgesprochenen, Unverständlichem? Wie können wir seelenruhig denken, unsere Handlungen seien gerechtfertigt? Wie kann uns Mord ein adäquates Mittel erscheinen? Wie können wir Raub und Vergewaltigung tolerieren und Familien bedrohen, endzweien und auslöschen? Wie können wir unsere Existenz über die anderer stellen und uns nicht einmal dabei schuldig fühlen?

Es werden Waffen rumgereicht, als seien es Süßigkeiten. Es werden Wahrheiten verbogen und Lügen zu heroischen Geschichten verkauft. Es wird Tatsachen ins Gesicht gespuckt und Köpfe rollen, wie einst im Mittelalter.

Uns gehen die Möglichkeiten und Mittel aus langfristig in Frieden alle Menschen dieser Erde satt und glücklich zu machen. Wir verlängern Leben im Westen und nehmen Tode im Osten und Süden in Kauf. Wir gehen miteinander im gegeneinander um. Wir denken nur global, wenn es darum geht anderen etwas zu nehmen, um uns zu bereichern. Uns schreckt nichts, bis es vor unserer Tür ungemütlich wird. Wir unterstützen die Monster und übersehen wissentlich die einzig vernünftige Lösung.

Unsere Herzen müssten lauter brechen. Hörbar für alle. Auch die der Idioten, ungefragt und ohne ihr Zutun. Sie müssten brechen, während jeder Gräueltat. Einfach und laut. Es müsste bei jedem Attentat auf unsere Moral, unsere Ethik und unseren Verstand so laut in der Brust knacken, dass wir augenblicklich inne halten und zuhören. Hören auf das innere Kind, dieses naive und fröhliche Wesen, welches wir einst waren. Frei jeglichen Hasses, frei jeglicher Vorurteile.

Unsere Herzen brechen noch viel zu leise.

SCHÖNHEIT VS REALITÄT

In Hollywood hatte man es sich zur Gewohnheit gemacht, uns nur die schönen Geschichten zu erzählen. So wurde aus dem eigentlich traurigen Film Pretty Woman, über eine Prostituierte die später verschmäht den Drogentod stirbt, eine Richard Gere gerettete Liebe, die in die Popkulturgeschichte einging. Frauen wurde erst als sie den Kinderschuhen entwachsen waren, klar, dass sie vermutlich niemals so viel Glück haben würden und schlimmer noch, die harte Realität sehr viel intensiver und häufiger zuschlug, als in 90 Minuten Spielfilm unterbringbar.

Da saßen wir also. Hollywood hatte uns das lieben gelehrt und nun wollte unser wahres Leben all das wieder wegnehmen.

Wir mögen Anfang zwanzig noch vereinzelt von Freundinnen hören, ihren Cousinen dritten Grades sei ja auch die ganz große Liebe, mit Hausbau am Strand und sorgenloser Zukunft begegnet, aber bereits mit Mitte dreißig sind wieder alle geschieden und die Sorgenfalten um Mundwinkel und Nasenwurzel enttäuschend tief.

Was aber können wir mit Sicherheit noch über die Liebe und unsere Chance diese zu erfahren, sagen? Enden wir mir dreiundsechzig als einsame Singles in einem Mehrfamilienhaus und zählen unsere Füße oder leben wir in der Großstadt inmitten vieler Menschen, von denen wenigstens ein paar unsere Freunde geworden sind? Es gibt schlechtere Lebensabende. Aber auch schönere Geschichten.

Hier möchte ich also die eine Geschichte hochhalten, die viel häufiger erzählt werden sollte.

Von einem Freund trennten sich die Eltern. Soweit nicht ungewöhnlich und natürlich auch irgendwie schade. Beide Kinder waren da längst aus dem Haus und hatten ihren Eltern nichts nachgetragen. Die Eltern hatten sich sogar beide fast zeitgleich in andere Menschen verliebt, was dann eben zwangsläufig zur Trennung führte. Niemand war einander böse.

Während wir an dieser Stelle denken mögen“Trotzdem, so eine lange Ehe aufgeben und wofür? Die Sekretärin?“, wird die Geschichte uns gleich Lügen strafen. Es gibt hier nämlich keinen Bösen. Nur gut.

Die Mutter zog nach Italien. Ihre Liebe zerbrach zwar nach wenigen Jahren, aber der Mann der darauf kam, blieb es und sie wurde sehr glücklich. Ein Haus im Süden, ein Neuanfang und die Liebe.

Ihr Exmann unterdessen, hatte sich der neuen Frau voll und ganz verschrieben. Sich und ihrer sechs mitgebrachten Kinder. Davon noch mindestens drei im Haus, zwei im feinsten Teenageralter. Sie mochten nicht nur eine große Familie sein, nein, ihre Historie war auch dermaßen verzwackt, dass der Vater beschloss, auf Wunsch der ältesten Kinder, diese zu adoptieren. Jahrelang kämpfte er an ihrer Seite für ihre Rechte, gegen einen Vater der keiner sein konnte und blieb nicht nur, er steuerte geradewegs darauf zu.

Als ich dieser Familie begegnete, war ich gerade eineinhalb Jahre Alleinerziehende und zarte 23. Ich war überwältigt von der Wärme im Haus. Von der Nähe zueinander und der fröhlichen Stimmung. Sie alle mochten sich, wirkten befreit und glücklich. Immer lachte irgendwann jemand und immer sah ich ihn und seine Frau lächeln. Mir tat das Herz weh, nicht zu wissen, ob mir solch ein Glück auch jemals beschert würde.

Von nun an aber glaubte ich genau daran. Eines Tages ist da dieser eine Mensch, der meine Kinder und mich niemals als Hindernis begreift, sondern als Zugewinn. Als etwas, was sich nur so richtig anfühlen wird und Freude über all unsere Leben bringt.

Warum ich das erzähle?

Hollywood mag uns geblendet haben und die Realität dann bitter eingeholt. Uns nun aber nur noch Horrorgeschichten über Scheidungen, Betrug, Tinder und Einsamkeit erzählen? Ich glaube nicht.

KOMPROMISERE

Bereits mit Anfang zwanzig wusste ich, zu lieben, bedeutet kompromissbereit zu bleiben. Immer.

Denn wer davor zurückschreckt auch mal in den eigenen Bedürfnissen zurückzustecken, wird vermutlich sehr einsam bleiben.

Funktionierende Beziehungen basieren auf der ersten Anziehung und der daraus resultierenden Fähigkeit und dem absoluten Wunsch sich gegenseitig zu akzeptieren wie man ist, aber die Unterschiede die nun einmal zwangsweise aufkommen, nicht zum Scheitern der Verbindung werden zu lassen.

So gibt es genug Beziehungen, in denen Paare sich nach wenigen Monaten wieder aus den Augen verlieren, weil beide oder mindestens einer nicht in der Lage ist sich für Neues zu öffnen. Kompromisse sind nämlich Veränderungen. Sie können den eigenen Horizont erweitern und erfordern mehr Mut und Anstrengung als Forderungen zu stellen, an einen anderen, unter dem Vorwand es handele sich um bedingungslose Liebe. Die gibt es nicht.

Bereits im Kennenlernen stellen wir Bedingungen. Zunächst die unausgesprochenen. Wir haben Vorstellungen und Werte, die wir auf den anderen übertragen. Anfangs sehen wir unser Spiegelbild im anderen. Unsere Nähe zum anderen verstärkt dieses Bild oder lässt den Spiegel schnell wieder zerbrechen. Wir können herausfinden, ob der andere oder wir ihm ähneln. Was wir auf jeden Fall bald aber erkennen müssen, bei all den Ähnlichkeiten gibt es eben immer auch Unterschiede.

Diese Unterschiede kann nicht jeder zelebrieren. Wie auch? Manche werden zu Differenzen und nicht wenige zu großem Leid. Wir fühlen uns in den Unterschieden einander fremd. Wer den anderen dann nicht in Ruhe kennenlernen möchte, herausfinden, ob er in der Lage ist über den eigenen Tellerrand zu blicken und dort genauso zu überleben wie in der sicheren Komfortzone, wird die Beziehung beenden.

Die anderen lernen mit und voneinander. Sie gehen gemeinsam neue Wege und werden bald unumstößlich für Gefahren von außen. Die gemeinsamen Erfahrungen sind dann der Bindekleber und nicht die vorher festgestellten Gemeinsamkeiten. Erfahrungen,die andere von außen nicht teilen. Erfahrungen, die Kompromisse erforderlich machten. Nicht jeder möchte das. Manche warten ihr Leben lang auf den einen Menschen. Den Menschen bei dem alles stimmen muss. Sie werden bitter enttäuscht.

Ich wünschte mir, Kompromisse wären nicht so verpönt. Präsidenten machen es vor und auch die Werbung gibt ihr Bestes Kompromisse schlecht aussehen zu lassen. Junge Menschen folgen dem Irrglauben ein Kompromiss sei ständig faul. Die Tatsache ist, es gibt kein Leben in einer Gesellschaft ohne Kompromisse. Wir leben unsere Individualität auf den Rücken anderer, so lange, bis jemand uns das Gefühl vermitteln wird auf unserem Rücken zu leben.

Erst da merken wir, ohne Kommunikation und den Willen eine gemeinsame Lösung auszuhandeln, werden wir zwangsläufig unter der Last zerbrechen.

Kompromisse sind das Salz in der Suppe, im Miteinander, welches wir uns so sehr wünschen.

ALS IHR FORTGEGANGEN SEID

Hat mein Kind sich zunächst einmal gefragt wo ihr bleibt, warum ihr euch nicht verabschieden könnt und ob ihr nochmal vorbeikommen werdet.

Dann wurde euer Name immer seltener genannt oder zu einem Synonym für all das Schlechte was wir mit euch verbinden konnten.

Die Tränen weinte ich heimlich im Badezimmer oder abends unter der Decke. Meine Kinder weinten nicht. Nicht laut und nicht leise.

Wer ging, war weg. Manchmal plötzlich und manchmal konnte man es ahnen. Auch die Kinder.

Manchmal war das Plötzlich schlimmer als die Ahnung.

Manchmal saßen wir beisammen und kuschelten den Kummer weg und manchmal verlor ich den Halt und verfluchte dieses Leben. Sich trennen mit Kindern ist hart. Kinder sind wie ein Schuldeingeständnis. Wie eine Ermahnung, es endlich besser zu wissen. Endlich erwachsen zu handeln. Liebe? Liebe gibt es nicht. Nur zwischen Eltern und Kindern. Zwischen denen, die dazukamen und dann einfach gingen, existierte sowas nicht. Das gesagte „Papa“ verflog. Aus den gemeinsamen Momenten wurden verblasste Erinnerungen. Und dazwischen so viel Kummer, so einiges Leid.

Als ihr fortgegangen seid, habt ihr uns zurückgelassen. Nicht mich. Uns.

DA GEHT NICHTS ZWISCHEN UNS

Manchmal trifft man auf einen Menschen, den man vom ersten Moment an gut findet. Beide genießen die ersten Augenblicke in Aufregung. Alles neu und alles besonders.

Wie riecht der andere? Wie sieht er nackt aus? Wie klingt sein Lachen und wie sein Atem in der Nacht?

Je nach Sympathie und Gemeinsamkeiten, wird aus der ersten Verliebtheit mehr. Mehr Nähe. Mehr Zuneigung.

Wir sind inzwischen an einem Punkt, über die erste große Frische und das Unbekannte hinaus. Wissen um die Sorgen des anderen und die Möglichkeit den anderen zum lachen zu bringen. Wir kennen einander besser. Wir erkennen die Gefühle des anderen schneller.

Irgendwann liegt man im Bett, isst gemeinsam Brote, schaut dabei einen ausgewählten Film oder die Lieblingsserie. Ab und an zwinkert man sich zu. Zwickt den anderen in die Seite oder legt selbstverständlich den Kopf auf des anderen Schultern. Einer deckt den anderen zu oder bringt ein Glas Wasser mit. Einfach so. Manchmal gibt es Fragen, manchmal kennt jeder die Antwort. Dieser Punkt des Miteinanders, ist auch der Augenblick, in dem der andere unersetzlich wird.

Hier lässt sich niemand anderes mehr vorstellen. Keine andere Person könnte jetzt besser verstehen, besser reagieren, angenehmer riechen. Nach zu Hause, nach angekommen sein.

Würde ich an diesem Punkt lieber ausgehen und das Abenteuer suchen? Eine fremde Person küssen wollen? Mich von jemand anderem berühren lassen? Mit jemand anderem lauter lachen? Nein.

Und dieses Gefühl hatte ich noch nie.

Da war immer diese andere Person. Die Fiktion einer besseren Option. Jemand der noch näher kommen könnte oder mich besser kennenlernen würde.

Diese Person scheint jetzt hier vollkommen zu reichen. Und das ist mehr als genug. Mehr als jemals zuvor jemand war. Ausreichend.

Zwischen uns passt momentan kein Blatt Papier. Würde mir jemand sagen, ich könnte nochmals neu beginnen, wüsste ich nicht wofür.

Ich hoffe dieses Gefühl noch lange in mir zu tragen.