LEISE LEIDEN

Es gab Jahre, da habe ich viel geweint und mich gerne von einem Wutanfall in den nächsten geschmissen.

Ich war unausgeglichen und sehr impulsiv.

Nach und nach erkannte ich, diese Person wollte ich weder sein, noch wurde dieser Teil von mir von anderen angenommen. Das wütende oder sagen wir verletzte Kind in mir, bat lautstark um Unterstützung, bekam aber nicht selten mehr als irritierte Blicke.

Heute leide ich nicht mehr so stark unter Schwankungen. Da ist diese Stimmung und die lässt sich jetzt weder unterdrücken, noch kleinreden. Ich bin traurig, ich fühle mich schlecht, an manchen Tagen mehr und an einigen Abenden weniger.

Ich rede viel mit Freundinnen. Lasse meinen Emotionen dann ihren Lauf, wenn ich wieder etwas nicht verstehe. Dann plätschert es aus mir heraus. Seltener aus den Augen, mehr aus dem Mund.

Ich rede und rede und der Schmerz bleibt dennoch an mir haften, wie ein altes Kaugummi am Schuh. Im Grunde ist das auch ok. Es ist Winter, die Lichter und Melodien machen melancholisch und gerade hier wollen wir doch eigentlich miteinander verschmelzend im Bett liegen, als getrennt am Glühwein nippen.

Bei all der gewonnenen Größe in mir, gibt es dennoch ein Aber.

Wer mich sieht, sieht einen Schatten.

Ich halte mich an Teetassen fest, wärme mich in der Wanne auf, muss mich nachts unter zwei Decken kuscheln und die Wärmflasche fester gegen den Bauch drücken.

„Du hast abgenommen.“,sagen sie.

Ich merke es auch. Ich löse mich auf.

Da ist all die Größe in mir, aber ich beginne mich kleiner zu machen als ich bin.

Da sitzt noch immer dieses verschreckte Kind in mir und ängstigt sich vor dem Alleinsein. Vor der Lieblosigkeit. Dem Verlust.

Ich möchte mich bessern, stärken, befreien, aber das nun nicht ganz so wütende Kind in mir vergisst den Schmerz nicht. Nur der Umgang damit hat sich verändert.

Während ich eine Suppe löffel, sehe ich meine Kinder. Heute morgen meinte das eine:“Du bist aber dünn…“ und ich bekam einen Schreck, weil ich glaube mein eigenes Kind braucht mich eigentlich viel stärker als das Wesen in mir.

Ich sollte Erwachsen werden. Nicht nur für die zwei die mich brauchen. Auch und entschieden für mich selbst.

AUWEIHNACHTEN

Jedes Jahr besinne ich mich kurz vor Weihnachten, gehe in mich und konzentriere mich auf das was wirklich zählt: wir sind alle hoffentlich gesund, jedem meiner Familienmitglieder und Freunde geht es gut und ich kann mir Miete und Strom weiterhin leisten.

Dann gibt es aber da noch dieses Gefühl absoluter Panik, welches mich immer dann durchflutet, wenn irgendeiner noch irgendein Geschenk, eine Weihnachtsfeier oder etwas anderes in Geld aufzuwiegendes fordert.

So war es mir höchst unangenehm, als meine KollegInnen forderten jeder solle fünf Euro für ein Wichtelgeschenk aufbringen und sich mal nicht so anstellen.

Sie ahnen ja nichts von den zwei Kindern, vier Geschwistern, drei Großeltern, der Mutter, dem Vater und allen anderen Verwandten, die dieses Jahr den 80. Geburtstag meines Opas feiern wollen und eben dazu eine Vielzahl besonderer Geschenke erbitten. In meiner Familie wird nämlich nur selten gewichtelt. Schon gar nicht für schlappe fünf Euro.

Sie ahnen auch nicht, dass ich in Vorkasse ging, als ich für die berufliche Weihnachtsfeier meiner Schulkinder tief in die Tasche griff. Das Geld bekomme ich zurück, aber mein Konto pfeift nun auf dem letzten Loch.

Und natürlich weiß auch niemand, wie es ist als Alleinerziehende den Baum selbst zu finanzieren, die Dekoration, die Geschenke der Kinder und das Essen. Niemand der diese Ausgaben ins Kindergeld oder den Unterhalt einberechnet und niemand der fragt, ob ich dabei Unterstützung brauche. Natürlich brauche ich die.

Weihnachten wurde zu einem Fass ohne Boden. Jeder Betrieb feiert eine Party. Essen umsonst, Getränke zahlen viele selbst. Jedes Kind wünscht sich nicht die eine kleine Sache, sondern zählt mitunter drei bis achtzehn Dinge auf. Verübeln kann ich es ihnen nicht, denn sie leben in einer Zeit, in der treudoofe Leute ihre Adventskalender in der Größenordnung ganzer Päckchen vergeben, als seien drei Festtage nicht genug, es müssen 26 sein. Dicht gefolgt von Silvester. Einem weiteren kostenintensiven Vergnügen, welche die Wirtschaft ankurbelt, aber mein Bankkonto und den letzten Nerv raubt.

Während einige Freunde mich fragten, ob wir nach Prag in den Winterurlaub fahren wollen, planten andere sündhaft teure Feten in Bars und Clubs. Ich wünschte diese Zeit würde einfach still und leise an mir vorbeiziehen.

Dezember ist ein teurer Monat. Ein Monat in dem das Weihnachtsgeld eher Almosen gleicht und das hart verdiente Geld zu schnell gekauftem Schrott wird.

Ich möchte meine fünf Euro lieber in mich investieren. In eine Badewanne voll Schaum, eine Flasche Rotwein und ein kleines Essen im Bett.

Vermutlich kaufe ich dafür billig Scheiße und mühe mir ein Lächeln ab.

Frohe Weihnachten. Für alle anderen.

DAS PROBLEM IN EIGENE FALLEN ZU TAPPEN

Ich nehme von mir in den meisten Fällen an, ein vorurteilsbewusster Mensch zu sein. Möglichst weitestgehend frei von Diskriminierung, ständiger Wut oder alles überrennender Angst.

Leider erwische ich mich öfter dabei genau wie alle anderen in die gleichen Fallen zu tappen. Jene, die ich selbst gelegt habe, als ich im Kampf gegen Ungerechtigkeiten und Willkür alles aufzählte, was einen oder mehrere Menschen schaden und verletzten könnte.

So habe ich beispielsweise in den letzten Jahren versucht ein Vorbild in der Erziehung und Begleitung von Kindern, allen voran meinen eigenen, zu werden. Dennoch witzel auch ich hier und da mit zynischen Kommentaren den Seelenfrust weg und berufe mich auf mein Recht der Psychohygiene. Das teilweise Schrammen am Adultismus, nehme ich dann in Kauf und werte Kinder noch immer, mindestens in stammtischähnlichen Gesprächen mit Kollegen oder Freundinnen ab.

Dann gibt es diese peinlichen Gespräche, die sich unter Einfluss von Alkohol gerne mal mehr oder weniger geduldet als Sarkasmus verkaufen. Nicht selten endet das in einem Schimpfen über Menschen die mir weder näher bekannt sind, noch meiner Verallgemeinerung zuträglich. Männer kommen dabei schlecht weg, manchmal auch Frauen, ab und an trifft es irgendwen, dem ich sonst nie schlechtes wünsche.

Und was ist eigentlich mit positivem Rassismus? Schon die Aneinanderreihung dieser zwei Worte sollte ein Ding der Unmöglichkeit sein. Rassismus kann nie positiv sein, aber dennoch ist er manchmal in bester Absicht und als völlig falsch eingestuftes Kompliment aus meinem Mund geblubbert worden. „Schwarze Kinder sind ja süß.“ Äh. Super. Nett gemeint, nicht im geringsten klug gedacht.

Während ich mich zum Glück häufig genug dabei ertappe eben solche moralischen Keulen zu verteilen, bei mir selbst aber noch Luft nach oben besteht (sowas nennt man dann Reflexion), frage ich mich, wie viele da draußen noch von sich denken sie seien frei jeglicher abwertender Sprache und dabei andere, niemals aber sich selbst hinterfragen?

Wenn Männer Studien zum Feminismus entwerfen, aber eine Frau nach der anderen bumsen, schwängern und alleine lassen. Wenn Alleinerziehende sich mehr Respekt für ihre Leistungen wünschen, aber andere Mütter abwerten. Wenn jemand mit Migrationsgeschichte sich darüber erhebt welcher Ausländer ein guter und welcher ein schlechter sein würde. Oder wenn wir auf der einen Seite denken jeder Mensch mit Behinderung müsse dankbar sein, dabei kennen wir nichtmal zwei RollstuhlfahrerInnen persönlich.

Da gibt es so viele Baustellen an denen es zu arbeiten gilt und so viel in uns, was noch zu begutachten wäre. Niemand ist makellos, natürlich nicht, aber je stärker wir andere an unserem Prozess des Wachsens, inklusive Scheiterns und kleiner Rückschritte, teilhaben lassen, umso klarer wird vielleicht allen wie schwer, aber niemals unmöglich es ist auch aufgeschlossen und fair zu verhalten. Ein Vorbild kann jeder von uns sein. Ein Arschloch natürlich auch.

VOM ENDE EINER HARTEN WOCHE

Wenn ich morgens aufstehe, tue ich das nicht selten neben meinem jüngsten Kind.

Während die Nacht mir unfassbar kurz erschien, weil ich Händchen gehalten und Hustensaft gereicht habe, gluckst der Wasserkocher mir etwas vor und der dunkle Morgen verdrängt die noch dunklere Nacht.

Tag um Tag um Tag bin ich aufgestanden, habe Kaffee gekocht, den Kindern Frühstück bereitet und mich im Badezimmer geschminkt.

Ich ging zur Arbeit, lächelte dieses professionelle Arbeitslächeln, drückte fremder Leute Kinder, ließ meinen Alltag wieder Herr der Lage werden und sperrte das Handy in den Schrank. Begraben unter meiner Verantwortung.

Abends ging ich früh ins Bett und jeden Tag ein wenig später.

Dann, ganz sicher geworden, ob all meiner Gefühle und Bedürfnisse, nahm ich die Herausforderung an wieder unter die Lebenden zu gehen. Zu lachen, bis mir heiße Tränen über die Wange rollten. Freundinnen zu fragen wie es ihnen ginge und nicht immer nur zu erzählen wie beschissen ich mich fühlte.

Ich ging wieder nach Hause, obwohl ich lieber 24/7 gearbeitet hätte. Mich abgelenkt. Diese Wohnung, in der man gemeinsam wirkte.

Ich schob mein Bett in eine andere Richtung und damit meine Gedanken an dich ebenfalls.

Ich fing an den Kuchen für den Schulbasar zu backen, die Einkäufe zu tragen, meine Kinder zu beschäftigen und all das ohne Unterstützung.

Ich kaufte Geschenke und verpackte sie. Hörte wieder Musik, wenn ich in der Tram saß und niemand relevantes neben mir.

Ich aß wieder etwas, sagte Verabredungen zu und bestellte deine Teilnahme ab. Ich blockierte deine Nummer und bereinigte die falsche Annahme es gäbe ein zurück. Gibt es nicht.

Da wo ich war und da wo ich bin, sind zwei völlig verschiedene Leben.

Am Ende einer harten Woche, freue ich mich zum ersten Mal seit langer Zeit wieder auf die Wochenenden. Auch ohne dich. Ganz für mich alleine.

AUS DER SCHWÄCHE

Wer ganz unten war, spürt kleine Erhebungen manchmal intensiver.

Ea ist wie das Nachlassen eines Schmerzes. Obwohl er noch da ist, fühlt sich alles schon viel besser und leichter an, als der Moment des Höhepunkts, als wir dachten sterben zu müssen.

Plötzlich ist alles wieder angenehmer. Rausgehen macht Sinn, sich mit Dingen beschäftigen, die kurzzeitig in Vergessenheit gerieten.

Wenn der Tiefpunkt erreicht wurde, gibt es kein noch tiefer. Es geht nur noch bergauf, was natürlich jeder für sich selbst definiert.

Meine Tiefpunkte waren immer die Wiedergeburt meiner selbst. Manchmal mit Hilfe anderer und inzwischen viel öfter aus eigener Kraft.

Ich rappel mich nach und nach auf. Ein Lachanfall ins Leben, beweist: ich bin zurück. War nie weg. Nur kurz verschwunden unter einem Berg erdrückender Emotionen.

Sobald ich das Tageslicht wieder in mir spüren kann, den Morgen, die Freude mich durchdringt, gibt es keinen Weg zurück in die Unendlichkeit der Trauer.

Ich fühle mich stärker. Es hat mich nicht umgebracht.

Zum Leben gehört nun einmal auch das ewige Sterben. In Momentaufnahmen. In einer Häufung, die uns auf das tatsächliche Ableben vorbereitet. Auf eine Stille, eine Unveränderbarkeit, über die wir keine Kontrolle haben.

Diese Macht und Energie in mir, lässt mich den Menschen entwachsen, die mich in die Tiefe gestoßen haben. Sie sind dann nur noch Randfiguren meines eigenen Theaterstücks. Jemand der einmal da war, taucht noch im Abspann auf und hat sich im Parkett verewigt. Spuren hinterlassen sie alle. Aber insbesondere hinterlassen sie mich größer, erwachsen.