SCHLUSS MACHEN

Es ist kein Klischee so unbeliebt, dass man sich davon tatsächlich löst.

Frauen die ihren Partnern kurz vor Dezember Adventskalender basteln. Männer die überhaupt nicht auf solchen Kitsch stehen und sich bemühen regelmäßig hineinzusehen.

Da sind diese Welten zwischen uns, die ab und an aufeinander treffen und sich dann in einem Kampf um Krieg oder Liebe anziehen und wieder abstoßen.

Sind wir Single, versuchen wir diesen Zustand oftmals bedenklich schnell zu ändern. Wir irren durch das Internet und wischen nach Bestätigung immer rechts entlang. Die Qualität ist nicht entscheidend.

Wir versprechen uns nichts mehr. Keine Selbstliebe. Keine wahren Gefühle. Hauptsache niemand muss alleine Silvester feiern oder sich bis dahin Wochenende um Wochenende in den Schlaf onanieren.

Unter der Woche essen wir Pizza, sehen Filme, treffen Kollegen und fühlen uns so frei, aber an jedem verdammten Sonntag kriecht die Langeweile uns ins Gehirn und verzeichnet, was längst traurige Gewissheit ist. Wir werden nicht gewollt. Jemand oder niemand interessiert sich für uns.

Stattdessen gehen die Frauen in kurzen Kleidern auf die Piste, sich selbst einredend sie wollen genau so jetzt aussehen und rumlaufen. Die Männer währenddessen wissen um ihren leichten Stand. Irgendeine wird schon anbeißen, muss ja nicht die große Erfüllung sein.

Wir treffen uns in der Mitte und nennen das Kompromisse. Wir gehen auseinander und die eine Seite liegt verwundet in einem Meer aus Tränen und bedauert wieder kein Geschenk zu Weihnachten bekommen zu haben, während die andere Seite sich denkt „Na zum Glück muss ich mir jetzt keinen Stress machen…die Eltern verlangen ja sowieso nichts.“

Männer die mit Mitte vierzig noch kinderlos sind, werden es vermutlich bleiben. Frauen die mit Ende dreißig noch an die wahre schicksalshafte Liebe glauben, sollten aufhören Hollywoodfilme zu konsumieren, wie der Berliner Berghainbesucher sein Ketamin.

Eines Tages sind Klischees keine Klischees mehr, sie sind bittere Realität. Eines Tages wachen wir auf und unser Leben war ein einziger Witz.

TRAUMFRAU ZU VERGEBEN

Vergebens auf der Suche nach Mr Right, machen sich Frauen da draußen auf einem Bild zu entsprechen. Dem Bild der sogenannten Traumfrau.

Aber was muss eine Frau denn mitbringen, um diesem Bildnis gerecht zu werden?

Wird eine Traumfrau nicht irgendwann auch nur zur Realität, damit also zum Alltag und nach und nach langweilig, wenn aus Traum eben Wirklichkeit wurde?

Angenommen ein Mann wünschte sich eine Partnerin die sich dezent schminkt, Absatzschuhe und nette Kleider trüge. Sie sollte außerdem stark und unabhängig sein, denn Kletten mag bekanntlich keiner, aber dennoch permanente Zuneigung durch Verfügbarkeit signalisieren.

Sie muss sich sehen lassen können. Eine Frau für’s Auge. Dumm darf sie auf keinen Fall sein, um ihn nicht zu blamieren, aber möglichst schön unkompliziert bleiben, denn selbstständig denkende Frauen sind ebenfalls ungern gesehen.

Diese Traumfrau sollte arbeiten und ihr Geld selbstständig verdienen, damit sie niemandem auf der Tasche liegt, bei gleichzeitiger Unterordnung seiner Vorstellung von Macht und Position. Er muss die Brötchen verdienen, er muss sich stark und männlich fühlen dürfen.

Sie sollte den Kinderwunsch nicht frei äußern, sondern darauf warten wann ihr Herr und Meister sich bereit erklärt. Der Körper darf dabei weder in Mitleidenschaft gezogen werden, noch das Sexleben oder die Aufmerksamkeit unter dem Spross zu leiden haben. Alles müsste so bleiben wie es war, nur hat man jetzt eben den Stammhalter gezeugt. Nachwuchs ist bekanntlich auch sowas wie ein Denkmal und Erbe.

Dann wird sich außerdem gefragt, ob diese Frau eigene Entscheidungen treffen kann. Dafür muss es möglich sein sie ab und an wohldosiert gehen zu lassen. Sie verreist also gerne, aber schenkt dem Angebeteten so viel Liebe wie möglich. Sie vermisst ihn, wünschte er wäre da. Er müsste natürlich zum Ausgleich noch häufiger verreisen, die Nächte durchmachen mit Freunden und bitte, Lady, keine Eifersucht!

Zicken sind sowieso ganz schlimm. Was kann er für seine Libido und Anziehungskraft auf das andere Geschlecht? Also sollte sie ihm huldigen, indem sie akzeptiert was eben unumgänglich scheint. Auch andere Frauen haben Recht auf ein Stück vom Kuchen. Umgekehrt ist sie natürlich treu.

Andere Männer dürfen gucken, aber sie rennt treudoof immer nur zu ihm. Dabei muss sie neben ihrer Fähigkeit als Sexbombe aber noch ein paar andere Skills draufhaben. Kochen können, wäre nett. Eine Palette schlechter Witze erzählen können. Angemessen oft die Klappe halten, aber ihm andächtig lauschen wollen. Sportinteressiert sein, ohne ihm sein Fachwissen abzusprechen. Der Haushalt ist für sie Leidenschaft und am liebsten erledigt sie all das nackt.

Es ist hart die Traumfrau all dieser Männer da draußen zu sein. Schon ein untreuer Mann bringt das Gleichgewicht ins schwanken. Was weiß denn die Traumfrau von den Träumen des jeweiligen Mannes?

Liest man sich auf Tinder oder anderswo nämlich mal durch was da so gesucht wird, überbieten sich die Herren an Unmöglichkeiten. Schmink dich nicht zu stark, aber mach dich schön! Sei schlank, aber verbiete dir nicht das Essen! Keine Kinder, aber Sex ist unbedingt wichtig! Eine Menge Erfahrung, aber bitte ohne Vergangenheit! Usw.

Liebe furchtbare Single-Männer, wir Frauen haben eigentlich nur einen Wunsch auf unserer Liste:

Seid keine Arschlöcher!

„GEHEN FRAUEN AUF’S KLO?“ UND ANDERE BEDENKEN

Mein Kind fragte erst kürzlich bei einem Drogeriemarktbesuch, ob Frauen überhaupt auf die Toilette müssen, warum wir also folgerichtig Klopapier kaufen.

Ich stand da ziemlich fassungslos. Neben mir eine andere Frau, mit Griff zu der begehrten Schüsselware. Wir sahen uns unsicher an. Sollten wir lachen oder uns ärgern? Ärgern über ein seit jeher bestehendes Gefühl nicht ohne Scham zur Toilette gehen zu können, zu pupsen, zu bluten, Durchfall wie jeder andere zu bekommen oder sich mit Schmackes zu übergeben. Frauen bleiben sauber. Unberührt.

Lachen wollten wir dennoch, denn die Aussage eines Vierjährigen kann nicht so Ernst genommen werden, wie das Thema behandelt.

Ich nickte also schnell und rief laut für alle umstehenden Leute aus „Natürlich!“. Denn genau darum geht es ja. Es ist natürlich. Nichts was wir ablehnen können, wegdenken, uns ausreden. Es passiert. Eigentlich täglich.

Wie aber kam mein Kind in diesem Alter auf diese Idee?

Ich erinnere mich deutlich an mindestens drei Jahre ununterbroches vor der Tür Klopfen, bis ich genervt nach gab und wir dann zu zweit im Bad hockten. Mag schon sein, meist habe ich die wirklich intimen Situationen ausgespart und versucht ein wenig Privatsphäre zu erhalten. Gelang aber nicht so oft wie gewünscht. Stattdessen hockte einer über dem Klo und ein anderer sah sich vergnügt im Bad um, beobachtete hier und da die Mutter und spielte mit dem Tamponkörbchen neben der Toilette. Naturgemäß entstehen irgendwann Fragen. „Was ist das? Warum hast du das? Wo ist dein Penis? Was machst du?“.

Als gute Mutter und Pädagogin, möchte ich dem Kind nichts vorenthalten und berichte so ehrlich und kindgerecht wie möglich.

„Mamas Scheide. Weil ich so geboren wurde. Hab keinen. Eigentlich wollte ich in Ruhe…ach vergiss es.“

Und vermutlich war es genau dieser Moment in dem meinem Kind unklar blieb wieso ich da so saß und die Fähigkeit von sich auf mich zu schließen, blieb aus. Als mein Kind nämlich älter wurde, blieb die Tür endlich zu.

So muss ich nun also Literatur kaufen, in der Öffentlichkeit darauf hinweisen mindestens zwei Toilettenformen aufzufinden, auf andere Frauen deuten und sagen „Die gehen jetzt aufs klo. Kacken!“.

Natürlich dürfte dies zu Irritationen führen, aber besser als eines Tages einen weiteren Mann in die Welt zu senden, der glaubt seine Freundin dürfte ja eigentlich keinen Ton von sich geben und übel riechen sowieso nicht.

Nicht mit mir, Frauen dieser Welt! Mein Kind wird so nicht!

BEGEHRE MICH

Auch wenn viele Menschen unserer Generation es nicht zugeben wollen, wir finden uns immer noch gerne viel zu häufig in veralteten Geschlechterrollen und Klischees wieder.

Frauen und Mädchen die sich auf Instagram inszenieren, behaupten alle zehn Bilder, sie wollen mehr „real Life“ propagieren, haben bis zu eben jenem zehnten „Schnappschuss“ aber bereits neun gestellte, bearbeitete und fein säuberlich gewählte Kunstaufnahmen hochgeladen.

Es ist nicht verboten sich in dieser Welt aus Schein und weniger Sein zu bewegen. Wir lieben diese kleinen Alltagsfluchten. Nicht umsonst gibt es Accounts, die von Otto-Normal-Frauen geführt werden, auf denen Barbie stellvertretend das Leben lebt, was ihnen vorenthalten bleibt. Es gibt Frauen, die sind Jahre unfreiwillig Single, arbeiten sich den Arsch ab und ziehen ihre Kinder alleine groß, aber online sind sie angebliche Sexsymbole, in netter Kulisse in Szene gesetzt. Ein nacktes Bein hier, ein angedeuteter Busen da, etwas Erotik beim Modeshooting und natürlich nicht zu vergessen irgendeine Botschaft. Viele Instagramerinnen lieben Pseudobotschaften.

Da wird gequirlte Kacke zu Gold und Sinnentleerung schnell zum Trend. „Sei ganz du selbst!“,faselt die eine Dame, die im nächsten Beitrag Dank Filter und Make-Up niemals hat zu erkennen geben wer sie selbst ist. Eine Maske, ein Abbild, eine Inszenierung.

Es ist keine Schande sich selbst in der Kunst zu begreifen. Zu erkennen, dass man ein Produkt aus Wünschen, Illusionen und Träumen ist. Gemacht von anderen. Weil andere einen nur so mit Aufmerksamkeit überschütten und der Inhalt zur Zweitrangigkeit wird.

Nicht nur Frauen rutschen immer wieder in diese alten Muster aus Idealisierung und Lusterfüllung. Auch Männer brauchen das Abziehbildleben, in dem sie entweder besonders stark, gebildet oder mindestens humorvoll wirken. Der Mann unserer Träume findet sich dementsprechend eigentlich nicht auf Instagram wieder, sondern twittert politisch und hingebungsvoll über seine Familie. Er hält das Stöckchen tief, damit andere leichtfüßig drüber springen können. Da wird er schnell zum nachdenklichen Poeten, der die Ungerechtigkeit dieser Welt nicht mehr versteht. Wird zum fleißigen Vater, der seine Frau zu Hause selbstverständlich unterstützt. Oder er ist ein Maulheld. Weiß alles, kann alles, wird ausfallend, sobald Kritik hagelt.

Wer sich online permanent völlig abstrusen Vorstellungen hingibt, wir würden Gerechtigkeit zwischen den Geschlechten wollen, sollte die Zeichen besser deuten und sein eigenes Verhalten stärker reflektieren.

Rollen entsprechen unserer Sozialisierung. Sie sind nicht fest, sie sind aber auch Mustern unterlegen. Klischees sind eigentlich keine Klischees, sondern Häufungen, die einer Masse bekannt und auffällig wurden. Vorurteile kann man nur abbauen, wenn diese Häufungen ausbleiben und Individualität tatsächlich etwas bedeutet. Nicht zu sein wie alle. Nicht zu handeln, wie die Erwartungen eben entsprechen.

Wer online Bilder von sich hochlädt, auf denen viel nackte Haut zu sehen ist. Diese Bilder mit Hashtags garniert werden, auf denen die „Legs“ in Szene gesetzt wurden, wird für irgendwen, irgendwo als Wichsvorlage herhalten. Frauen spielen hin und wieder, auf Instagram gehäuft, mit dieser Form der Manipulation, um beispielsweise etwas zu erreichen. Geld, Konsumgüter, Aufmerksamkeit und Anerkennung könnten es sein. Damit entsprechen sie leider einem Klischee und werden sich noch lange behaupten müssen, in einer Welt in der Männer auf der anderen Seite ihrem sabbernden, sexuell schnell erregbarem Rollenbild nachkommen.

Verantwortung für sein Tun, seine Gebärden, seine Bedürfnisse und wie wir diese erreichen, trägt jeder selbst. Maßen wir uns nicht mehr an Klischees aus dem Weg räumen zu wollen, wenn wir sie permanent nutzen, um unsere Identität zu festigen.

Unsere Kinder bleiben in ihren Rollenbildern, wenn die Bandbreite der Möglichkeiten nur von einer Minderheit dargestellt wird. Wir, wir sind leider die Norm.