DER SCHMERZ ERWACHSEN ZU WERDEN

Als wir Kinder waren, konnten wir es kaum erwarten erwachsen zu sein. Eigene Entscheidungen zu treffen und diese durchzusetzen.

Wir ahnten nicht, dass all der Zauber unserer Kindheit und Jugend nicht nur verblassen, sondern unter einer tonnenschweren Last an Verantwortung und Enttäuschungen begraben würde.

Wir dachten, unsere Kindheit sei der Beginn, aber nicht bloßer Zeitabschnitt und unwiederbringlich. Nur eben so etwas wie ein Leben mit noch zu kurzen Gliedern und einer Stimme die ungehört blieb.

Wir wollten genau das was wir bereits hatten, verpackt in einem anderen Gewand.

Selbstbestimmt, laut, mächtig.

Erwachsen zu werden, tat alsbald weh.

Es war uns nicht möglich die Kinderschuhe mit in die Realität zu tragen. Unsere Träume Wirklichkeit werden zu lassen und all diese Phantasien von einem Leben in Saus und Braus.

Wir lernten Rechnungen zu zahlen, arbeiten zu gehen, wohlmöglich in Jobs die wir hassen.

Wir fanden uns oft genug mit dem bitteren Geschmack der Enttäuschung ab, die einst unser Lebensentwurf war.

Menschen die uns so vertraut waren, wurden zu Schatten und nach und nach begriffen wir die Endlichkeit des Lebens. Die Falten um die Augen waren der Anfang und die Beerdigungen unserer Verwandten und Freunde blieben erhalten bis zum Schluss.

Es ist mühsam sich das Leben in all seiner Komplexität schwer zu reden. Wir genießen, so es uns möglich ist, jeden Moment. Wir schaffen uns neue Werte und besinnen uns auf die alten unserer Kindheit.

Ab und an treffen wir jemanden, der es uns erlaubt Kind zu sein. Sich zu prügeln, zu toben, zu raufen und Süßigkeiten zu essen bis wir darin ersaufen. Über Wunder zu staunen und Nichtigkeiten explodieren zu sehen.

Ab und an begegnen wir jemandem, mit dem das erwachsen werden nicht mehr weh tut.

ICH UND NOCH DREI ANDERE IN MIR

Als Kind konnte ich mich unteranderem deshalb stundenlang mit mir selbst beschäftigen, weil in meinem Kopf Zwiegespräche möglich waren. Wir waren da dann manchmal zu dritt oder viert.

Eine etwas ängstlichere Version von mir, ein frecher Junge meist noch dabei und manchmal ein Mädchen, die ich mir mit braunem Schopf und im Stil der ruhigen guten Seele ausmalte.

Wir unterhielten uns stundenlang im Spiel mit meinem Cowboys, Barbie-Puppen und Bauklötzen. So wurde mir nicht so langweilig und ich fühlte mich weniger einsam, wenn meine Eltern mich ins Zimmer schickten. Da saß ich scheinbar recht oft und sehr lange, denn diese festen Figuren meiner Kindheit sind auch heute noch Teil meiner Persönlichkeit.

Wenn ich mir eine Frage stelle, die gerade einfach kein anderer beantworten kann, gehe ich in mich. Da sitzen sie wie um ein Lagerfeuer und sind nicht gealtert. Meine Freunde aus der Vergangenheit. Sie geben mal mehr oder weniger gute Tipps und eigentlich sondieren sie nur die Lage, bis ich bereit bin meine eigene Entscheidung zu treffen.

Weil ich nicht sicher bin, ob andere Menschen ebenso mit sich in Verhandlung treten, habe ich bisher niemanden davon erzählt, aber meine damalige Therapeutin hat genau dieses Spiel mit mir im Therapiezimmer durchgespielt. Ich sollte mir Stühle aufstellen, so viele wie Meinungen in meinem Kopf vertreten waren.

Da war dann meist einer Stellvertreter meiner Wut, einer stand für meine Sorgen und Bedenken und einer war sowas wie die Hoffnung und der Inbegriff des Dazwischen.

Also setzte ich mich abwechselnd auf diese Stühle und trug vor was wer zu dem Thema der aktuellen Stunde beizutragen hatte. Es war hochinteressant wie die Gedanken und damit meine Position hin und her flitzten.

Nun sind diese unterschiedlichen Stimmen für oder gegen eine Sache vermutlich nicht so ungewöhnlich. Manche würden sie als Engel oder Teufel auf ihrer Schulter symbolisieren und wieder andere als kleine Grille die ihr Gewissen darstellt. Meine waren eben drei Kids die nie müde wurden mir ihre Empfindungen mitzuteilen.

Natürlich wäre es leichter sie zu einer Person werden zu lassen. Sie könnten aussehen wie ich, ich könnte akzeptieren, dass ich all diese Persönlichkeiten sei und sie zu einem Brei vermischen.

Aber vermutlich würde ich die Gespräche vermissen. Den Austausch, während wir nachts durch die Straßen laufen und sie mir Mut machen. Unsere gemeinsamen Geschichten. Ihre mir vertrauten Gesichter.

Sie sind das berühmte Kind in mir und weil ich damals mehr als nur einen Vertrauten und mehr als nur eine starke Persönlichkeit brauchen konnte, erschaffte ich mir drei.

Heute brauche ich sie noch hin und wieder. Erwachsen zu sein, ist eben auch nicht immer leicht.

ANDERS

In meiner Familie hat jeder einen Fernseher. Mindestens.

Sie hängen an Wänden vor der Couch, tauchen das Schlafzimmer in blassblau oder murmeln die Wohnung in erträglichem Maße aus ihrer Einsamkeit.

Meine Wohnung weist genau zwei technisch kompatible Geräte vor. Ein altes Fernsehgerät im Kinderzimmer, auf dem sich aber nur DVDs abspielen lassen und ein kleiner Laptop, um den sich die Kinder und ich reißen, wenn wir abends auf Netflix noch etwas sehen wollen. Seit die Röhre vor etwa acht Jahren aus meiner kleinen Wohnung flog, zog lediglich ein winziger Flachbildschirm ein, zum Zwecke den Kindern wenigstens ab und an eine DVD zu ermöglichen. Und das ging auf Kosten ihrer Großeltern. Irgendwie wollte sich mir nicht mehr erschließen, wieso ich es damals für Standard hielt, den Fernseher unaufhaltsam im Hintergrund laufen zu lassen. Inklusive Werbung, Sendungen die ich gar nicht verfolgte und jeder Menge Trash.

Als Kind war ich die sogenannte“Fernseheule“. Ich liebte es stundenlang Trickfilme zu schauen oder als Teenager auf MTV und Onyx Neuerscheinungen zu verfolgen. In meiner ersten eigenen Wohnung, ich war zarte 18, halfen mir ein Kater und der Fernseher über den Trennungsschmerz hinweg. Ich ließ keine Sendung aus, weil ich mir Bücher noch nicht leisten konnte und es sowas wie ein Smartphone noch gar nicht gab.

Nun bin ich erwachsen, habe zwei Kinder und kein Problem. Sie zocken weder besonders gerne, noch sind wir ausdauernde Filmjunkies. Wir schauen Serien, wenn uns danach ist und klappen den Laptop zu, sobald etwas anderes spannender wird.

Damit passen wir aber nirgends ins Bild. Popkultur ist uns ja nicht fremd und das große Kind verfolgt heimlich auf dem Handy seine Idole auf YouTube. Mein jüngstes Kind singt laut Paw Patrol Intros und brüllt es sei Catboy. Bis ich wusste wer das ist, waren die Sendungen längst alle durchgeschaut.

Unseren Alienstatus in einer Welt voller Großbildschirme und neuester technischer Geräte, habe ich mir weder abgeguckt bei Freunden, noch als Rebellentum gegen die eigene Familie betrachtet. Ich hatte schlichtweg keine Lust auf ein Leben, ausgerichtet um den Fernseher.

Wie viele Räume werden wohl nach dem Fernseher gestaltet? Wie viele Möbel bauen sich um das Zentrum der Flimmerkiste auf? Wie häufig ist die erste Tat nach Betreten der Wohnung, dass Starten des Programms und wie viele Menschen schlafen beruhigter vor den letzten Atemzügen einer Sendung auf RTL oder Pro 7 ein?

Diese Abhängigkeit geht mir auf den Keks. Diese Sucht, diese Einsamkeit, wenn die Geräte kaputt gehen und vor lauter Stille im Raum, der eigene Herzschlag unerträglich laut wird.

Ich mag mich hier als Exotin aufspielen, aber keinen Fernseher zu haben, hat nur einen Nachteil: man muss sich alle popkulturellen Nachrichten eben auf einem winzig kleinen Display selbst ergoogeln. Heimlich unter der Bettdecke natürlich. Neben einem ein Wälzer von Tucholsky und dazu Klaviermusik im Hintergrund.

EINHEITSBREI

Ich bin ein Kind des Ostens. Noch genau zwei Jahre habe ich in der ehemaligen DDR gelebt und erinnere mich wirklich an nichts mehr. Weder an die Regelung vor unserer Kaufhalle, heute Supermarkt, im Kinderwagen warten zu müssen (wurde nach Babyklauskandal überdacht), noch an die Nacht des Mauerfalls.

Ich erinnere mich an Windpocken, die wohl genau zu dieser Zeit eine Rolle gespielt haben und ich erinnere mich an mein erstes Überraschungsei (dieser Geruch!) und ein aus dem Westen geschenkter Muff, den ich damals geliebt und gehasst zugleich habe.

Ich weiß noch, wie die Umgebung aus der ich kam langsam immer schöner wurde. Aus plattem Land wurden Plattenbauten. Aus alten Wohnungen, Neubaublöcke. Ich erinnere mich an den Duft nach Ofen und Räucherware in Leipzig und an den ersten Besuch einer Wohnung mit Teppichboden.

Ich weiß noch, wie eine ältere Dame aus dem Hochhaus in dem ich wohnte, sprang, weil sie Angst vor der Zukunft hatte und nur wenige Jahre später taten es ihr weitere Rentner nach.

Ich weiß noch, wie meine Mutter mir Geld für den Cola-Automaten gab und ich wie selbstverständlich morgens auf ihrer Arbeit, in einem Altersheim, Trickfilme schauen konnte, die Zeit meines Lebens bis dahin nie eine Rolle gespielt hatten. Ich erinnere mich an grobe Erzieherinnen der alten Schule und freundliche junge Pädagoginnen, die dann alles anders machten.

Meine Kindheit in der DDR war kurz. Meine Familie ging völlig unterschiedlich damit um. Eine Oma die bereits kurz nach Mauerfall in die Wilhelmstraße zog und auf der Loveparade mitlief und eine Mutter die im Osten kein Abitur machen durfte und im Westen mit ihrer Ausbildung nicht weiterkam.

Eine Familie, die zu Teilen geflüchtet war und eine Familie die noch lange an Dauerwelle und Karottenhose festhielt.

Eine Familie die keine Angst vor der Zukunft hatte und eine Familie die nun mit Armut kämpfte.

Ich saß in meinem Kinderzimmer aus altem dunklen Holz und plötzlich, nur wenige Jahre später, waren die Wände schreiend pink und meine Möbel reinweiß. Dazwischen wurde meine Schwester geboren, die sich nicht erinnert wie richtiger Kartoffelbrei schmeckt oder Pudding aus dem Topf. Die nie mit kleinen Autos oder Cowboy und Indianer gespielt hat und stattdessen eine Barbie um die nächste bekam.

Meine Kindheit im Osten war nicht schwer. Nicht härter als andere Kindheiten. Wir waren nicht unglücklich oder vermissten tatsächlich etwas. Wir konnten leben und irgendwie Anerkennung finden.

Mit dem Mauerfall wurde alles bunter und größer. Es gab plötzlich Konflikte die ich nicht verstand und ich habe mich immer fragen lassen müssen, ob ich Ossi oder Wessi sei. Für mich hat das nie eine Rolle gespielt, weil ich weder etwas für meine Geburt, noch mein Elternhaus konnte.

Wenn ich mir was wünschen könnte, dann weniger verklärte Erinnerungen. Weniger Filme mit Grauschleier oder Sepiaton. Weniger Gerüchte, über den dummen Ossi oder den hochnäsigen Wessi. Alles was ich möchte, ist sein.

PESSIMISMUS VERERBEN

Manchmal fällt es schwer unsere Kinder nicht wie beste Freunde zu behandeln.

Schlimmer noch, wir geben ihnen so manches Erbe mit auf den Weg, welches doch lieber hätte in unserem Besitz bleiben sollen.

Unsere pessimistischen Gedanken auf die Welt und die Menschheit.

Kinder kommen in erster Linie fröhlich und unbeschwert zur Welt. Sind sind neugierig und freuen sich auf alles was da kommt. Studien haben belegt, dass Kinder die nicht umsorgt werden, einfach irgendwann sterben. Geht recht schnell und hat dem Thema frühkindliche Zuwendung einen Bärendienst erwiesen.

Da wird gekuschelt, gelacht und gespielt. Manche übertreiben es bei der Förderung etwas, aber im Idealfall hilft es dem Kind mehr als es schadet.

Was hingegen gar nicht geht, ist der Umgang auf sehr erwachsene, nicht altersgerechte Weise. Damit meine ich nicht, Kinder wie Babys zu behandeln, auszuschließen oder ihnen ständig die heile Welt vorzugaukeln. Es geht um einen fairen Umgang die Welt selbstständig zu entdecken, ohne ihnen unseren düsteren Stempel der schlechten Erfahrungen aufzudrücken.

Jetzt mag man denken, wir können ja nicht alles Leid von ihnen fern halten. Wir können doch nicht den Kindern zu Liebe auf Authentizität verzichten oder zum Heulen in den Keller gehen. Alles richtig. Es muss aber einen Mittelweg geben. Eine Idee davon, was es mit Kindern macht, wenn sie bereits im zarten Alter denken alle Menschen seien blöd, schlecht oder barbarisch.

Wie sollen wir Kinder für eine Welt öffnen, sie Akzeptanz lehren, ihnen zeigen das Mut und Miteinander wichtige Eckpfeiler sind, wenn wir selbst eingesperrt in Vorurteilen leben? Wir sind ihre Vorbilder. Wir sind die, von denen sie lernen. Sie schauen uns dabei zu, wie wir die Welt und das Leben begreifen. Sie beobachten genau, wie wir mit anderen umgehen.

Ich kann noch so oft predigen es sei wichtig ein guter, mitfühlender und hilfsbereiter Mensch zu sein, wenn ich nach außen völlig anders handle. Ich kann noch so oft für Toleranz und Nächstenliebe einstehen, wenn ich anderen gegenüber bösartig oder zynisch bin. Meine Absichten mögen in der Theorie funktionieren, aber in der Praxis läuft gar nichts. So etwas sehen Kinder und werden uns schnell nacheifern. Sie sind nicht die Zukunft, sie sind die Gegenwart. Neben uns stehend, zu uns anfangs aufsehend, gestalten sie jetzt schon mit uns.

Manchmal ist es wichtiger durch ihre Augen zu sehen. Zurück zu blicken in unsere Kindheit. Frei von Wut und Angst. Als wir noch neugierig und freudig waren. Als die Welt nicht erschien wie ein Ort des Zorns. Als wir auf Zuwendung hofften und Geborgenheit bekamen.