ANDERS

In meiner Familie hat jeder einen Fernseher. Mindestens.

Sie hängen an Wänden vor der Couch, tauchen das Schlafzimmer in blassblau oder murmeln die Wohnung in erträglichem Maße aus ihrer Einsamkeit.

Meine Wohnung weist genau zwei technisch kompatible Geräte vor. Ein altes Fernsehgerät im Kinderzimmer, auf dem sich aber nur DVDs abspielen lassen und ein kleiner Laptop, um den sich die Kinder und ich reißen, wenn wir abends auf Netflix noch etwas sehen wollen. Seit die Röhre vor etwa acht Jahren aus meiner kleinen Wohnung flog, zog lediglich ein winziger Flachbildschirm ein, zum Zwecke den Kindern wenigstens ab und an eine DVD zu ermöglichen. Und das ging auf Kosten ihrer Großeltern. Irgendwie wollte sich mir nicht mehr erschließen, wieso ich es damals für Standard hielt, den Fernseher unaufhaltsam im Hintergrund laufen zu lassen. Inklusive Werbung, Sendungen die ich gar nicht verfolgte und jeder Menge Trash.

Als Kind war ich die sogenannte“Fernseheule“. Ich liebte es stundenlang Trickfilme zu schauen oder als Teenager auf MTV und Onyx Neuerscheinungen zu verfolgen. In meiner ersten eigenen Wohnung, ich war zarte 18, halfen mir ein Kater und der Fernseher über den Trennungsschmerz hinweg. Ich ließ keine Sendung aus, weil ich mir Bücher noch nicht leisten konnte und es sowas wie ein Smartphone noch gar nicht gab.

Nun bin ich erwachsen, habe zwei Kinder und kein Problem. Sie zocken weder besonders gerne, noch sind wir ausdauernde Filmjunkies. Wir schauen Serien, wenn uns danach ist und klappen den Laptop zu, sobald etwas anderes spannender wird.

Damit passen wir aber nirgends ins Bild. Popkultur ist uns ja nicht fremd und das große Kind verfolgt heimlich auf dem Handy seine Idole auf YouTube. Mein jüngstes Kind singt laut Paw Patrol Intros und brüllt es sei Catboy. Bis ich wusste wer das ist, waren die Sendungen längst alle durchgeschaut.

Unseren Alienstatus in einer Welt voller Großbildschirme und neuester technischer Geräte, habe ich mir weder abgeguckt bei Freunden, noch als Rebellentum gegen die eigene Familie betrachtet. Ich hatte schlichtweg keine Lust auf ein Leben, ausgerichtet um den Fernseher.

Wie viele Räume werden wohl nach dem Fernseher gestaltet? Wie viele Möbel bauen sich um das Zentrum der Flimmerkiste auf? Wie häufig ist die erste Tat nach Betreten der Wohnung, dass Starten des Programms und wie viele Menschen schlafen beruhigter vor den letzten Atemzügen einer Sendung auf RTL oder Pro 7 ein?

Diese Abhängigkeit geht mir auf den Keks. Diese Sucht, diese Einsamkeit, wenn die Geräte kaputt gehen und vor lauter Stille im Raum, der eigene Herzschlag unerträglich laut wird.

Ich mag mich hier als Exotin aufspielen, aber keinen Fernseher zu haben, hat nur einen Nachteil: man muss sich alle popkulturellen Nachrichten eben auf einem winzig kleinen Display selbst ergoogeln. Heimlich unter der Bettdecke natürlich. Neben einem ein Wälzer von Tucholsky und dazu Klaviermusik im Hintergrund.

ARMUT TUT WEH

Üblicherweise pendelt sich Monat für Monat mein Kontostand ein. Ich habe mal mehr Ausgaben, wenn zum Beispiel jemand Geburtstag hat oder ich eine kleine Reise finanziere oder weniger Ausgaben.

Alles in allem war ich seit fünf Jahren nicht im Dispo und habe mir ein Leben ermöglicht, ohne fremde Hilfe. Es gab nichts, an dem es mir und den Kindern mangelte, auch wenn ich sparsam war und Luxus sich eher in Kleinigkeiten niederschlug. Als mein großes Kind nun ohne uns nach Ägypten fliegen durfte, war ich stolz dies alleine zustande gebracht zu haben und hatte ein schlechtes Gewissen, weil ich bei so manchem schönen Ferienerlebnis einfach nicht dabei sein würde. Kindheit in Armut ist schrecklich. Ich lasse meine Kinder dies möglichst nie spüren. Eher spare ich an mir und lege meine Bedürfnisse an letzte Stelle. Ein Umstand, den ich selbst zu verantworten habe, denn ich habe nochmals neu begonnen, meine Sicherheit gegen ein neues Leben getauscht.

Heute ging ich zur Bank und wusste, mein Kontostand pfeift gerade aus dem letzten Loch und die sonst magische Untergrenze dürfte unterschritten sein. Ich spare seit einem Monat wieder vermehrt und lege bereits Geld für den nächsten Urlaub im kommenden Jahr zur Seite.

Als ich jedoch mutig auf den Kontostand linste, fiel ich fast rückwärts um. Da waren noch genau 149 Euro mein Eigen. Mein Erspartes liegt woanders und soll dort auch bleiben, aber das Geld, zum Leben und Überleben, war weg. Ich war verwirrt und unsicher. Ich hatte keine großen Ausgaben getätigt und die letzten Jahre gehaushaltet wie immer. Nichts unüberlegtes oder sinnlos zum Fenster rausgeworfen. Was also war passiert?

Als ich den Kontoauszug begutachtete, fiel es auf. Ich hatte dahinplätschernde Ausgaben. Mal zwanzig Euro für einen Einkauf bei Netto, mal vierzig Euro bei Edeka. Alles im Rahmen. Auch die üblichen Fixkosten wurden eben weiterhin durch mein Gehalt gedeckt. Das Kindergeld floß pünktlich zu und die Miete in all ihrer Härte wieder ab. Monat für Monat. Doch halt. Wo war der Unterhalt geblieben?

Da war sie. Sie Realität hatte mich wieder einmal eingeholt. Ein unzuverlässiger Kindsvater, der bereits mindestens zwei Monate seiner Verpflichtung aus dem Weg gegangen war. Ich hatte durch ihn immerhin so viel weniger eingenommen, dass mein kleines Gehalt am Ende wie morsche Balken zu knarren anfing und unter der Last zweier Kinder, einer Wohnung, Strom, Essen und aller anfallenden Kosten zu brechen drohte.

Es ist ätzend von jemandem abhängig zu sein. Jemandem Monat für Monat zu vertrauen und so enttäuscht zu werden. Die Erziehung des Kindes, alle Bedürfnisse zu erfüllen, die Klassenfahrt, die Vereine, Versicherungen und Kosten zu decken für Schule, Kita und Hort, steht im krassen Missverhältnis zu dem was der Kindsvater sich ab und an aus der Rippe denkt zu schneiden. Statt mich zu warnen und mir zu sagen wo der Schuh drückt, laufe ich ins Messer.

Denn was viele Väter nicht wissen: der Unterhaltsvorschuss greift nur, wenn ein vorher gestellter Antrag bewilligt wurde. Das dauert und es muss über die Mutter in Angriff genommen werden. Ohne das Wissen um diesen nötigen Schritt, bleibt das Konto leer und der Weg in die Armut wird geebnet.

So fühle ich mich jetzt also verraten, bin erschöpft und wütend. Nicht ich hatte mein Leben nicht im Griff, war zu verschwenderisch oder konnte nicht mit Geld umgehen, sondern er. Nicht ich war es, die sich aus einer Verantwortung zog, sondern er. Nicht ich musste mit den Konsequenzen leben, sondern wir. Niemals würde ich den Lebensstandard meines Kindes drosseln, sondern noch eher meinen eigenen. Nicht meine Kinder müssen auf Medikamente, Urlaube oder gutes frisches Essen verzichten, sondern ich. Ich grabe ihnen ihre Zukunft nicht ab, aber er meine.

Es ist ein Unding sich so fühlen zu müssen. Arbeiten zu gehen, sparsam zu leben, niemandem zu schaden und nirgends zu fordern, aber doch tappt es sich als Alleinerziehende ständig in die Ex-Falle. Eines Tages werde ich aus der Wohnung ausziehen, meine Kinder in die Welt entlassen und hoffen niemals mehr zurück zu blicken. Ich möchte endlich sicher sein, vor der Willkür anderer Menschen und mir nicht mehr ihr Verständnis erhoffen.

Eines Tages wird mich heute nicht ruhig schlafen lassen.

MAMA, ICH KANN DAS ALLEINE!

Nicht selten machen Menschen andere Menschen von sich abhängig. Nicht selten handelt es sich dabei um nahestehende Personen, ob in einer Partnerschaft, ob bewusst oder völlig ahnungslos.

Manchmal sind auch Mütter die jenigen, die ihre Kinder bis ins hohe Alter nicht loslassen können und ihnen einreden, ohne die mütterliche Fürsorge geht’s nicht.

Ob das viel in Filmen und Büchern zitierte Bild der Schwiegermutter, die ihren Sohn, zum Ärger der Partnerin, jeden Tag fünfmal anruft oder die Glucke, die ihr Kind gar nicht erst ausziehen lässt, weil eigenständige Kinder eben keine Kinder, sondern Erwachsene geworden sind.

Sie alle haben vermutlich etwas gemeinsam, nämlich Angst. Sorge um das eigene Kind, Sorge nicht zu wissen wer sie ohne den anderen eigentlich seien.

Wer Kinder hat, verliert sich manchmal in ihnen. Da wird jeder Tag die ersten Jahre zur Zerreißprobe, zwischen mütterlicher Zuwendung und unerträglicher Nähe. Bleibt diese dann plötzlich aus, fehlt etwas. Eine Aufgabe mindestens. Aber wieso eigentlich plötzlich?

Wenn wir genauer hinschauen, wollen unsere Kinder doch nichts anderes als endlich autonom werden. Sie wollen uns entwachsen. Sie wollen eigenständige Menschen sein. Wir geben ihnen das Rüstzeug für eine Welt, in der sie sich früher oder später ohne uns bewegen müssen. Mütter die diesen Schritt unterbinden, indem sie dem Kind vielleicht einreden es könne ohne Unterstützung nichts werden, gibt es leider einige.

Kinder die nur schwer dieser Annahme entwachsen, leider auch. Sie bleiben ewige Kinder. Unselbständige Wesen, die wohlmöglich den Schritt nie aus dem Elternhaus wagen oder auch danach noch in ständiger Abhängigkeit zum Hörer greifen, um sich versichern zu lassen, ihre Mama ist noch da. Bereit sie in ihre offenen Arme zu nehmen.

Meine Großmutter entschied sich eines Tages, ihre Tochter in eine Wohnstätte zu geben. Da war diese bereits erwachsen und alle anderen Kinder, ohne Beeinträchtigung wie bei ihr, aus dem Haus. Es war Zeit. Zeit für meine Großmutter loszulassen und Zeit für meine Tante sich auf die eigenständigste Weise von ihr zu emanzipieren. Für beide ein großer und schwerer Schritt und dennoch notwendig. Keine nächtlichen Störungen, kein aneinander Rumnästeln. Jeder lebt sein Leben und jeder kann frei entscheiden, im Rahmen der Möglichkeiten. Sie sehen sich, sie haben sich, sie gehen dennoch getrennte Wege.

Eine Dozentin von mir hingegen lebt mit ihrer beeinträchtigten Tochter zusammen und pflegt diese, obwohl bereits jenseits der fünfzig. Daran kann nichts verwerflich sein, außer die missglückte Idee von Inklusion und Selbstbestimmung. Natürlich kann man sich je nach Fall und Situation kein Urteil erlauben. Dass wir in einer Gesellschaft aber noch immer glauben, Mutter zu sein, bedeutet sich sein Leben lang dem anderen zu verpflichten und gleichzeitig dem Kind aufzubürden es sei eine Verpflichtung, ist schade.

Kinder sind nicht unser Lebenssinn, den wir verlieren, weil wir ihn ziehen lassen. Sie sind nicht für uns verantwortlich. Das sind wir selbst. Und wir sind es ihnen schuldig, sie gehen zu lassen, wenn sie das möchten. Sie niemals von uns abhängig zu machen und ihnen alles, aber auch wirklich alles zuzugestehen, was sie sich wünschen.

Hören wir ihnen zu und ignorieren nicht, was sie sich von uns wünschen. Ein eigenes Leben.

ANDEREN WAS GÖNNEN KÖNNEN

Mein großes Kind ist heute mit meiner Familie nach Ägypten geflogen. Ich habe ein Jahr gespart und diesen Urlaub ermöglichen können. Statt traurig zu sein, weil das Geschwisterkind und ich nicht mitfahren konnten, zähle ich glücklich die Regentropfen am Fenster und freue mich für das liebe Kind.

Natürlich würde ich lieber Freude teilen. Dort in der Ferne. Gemeinsam. Aber ich bin mir sicher, alleine verreisen, fühlt sich für mein Kind auch aufregend an und meine Familie wird mich rund um die Uhr mit Fotos versorgen.

Einzig einen kleinen Haken hatte das Ganze.

Heute früh wachte mein jüngster Spross auf und suchte das ältere Kind überall in der Wohnung. Trotz Ankündigungen und im Flur stehender Koffer, wurde erst die Abwesenheit der anderen Person zur Untermauerung des schon Geahnten.

Mein Kind wurde ganz traurig und fragte, wieso wir nicht mitfahren würden. Ich antwortete so wahrheitsgemäß wie möglich, nicht genug Geld für drei Personen zu haben, aber nächstes Jahr fahren wir dann wieder alle gemeinsam.

Da rannte das Kind in sein Zimmer und kam mit der Spardose zurück. „Aber ich habe doch ganz viel Geld, Mama!“. Von hier bis nach Ägypten konnte man mein Herz brechen hören. Was lieb‘ ich meine Kinder. Und deshalb würde ich ihnen immer und immer wieder Urlaube buchen, so es mir gelingt dafür zu sparen. Ich würde lieber auf Kleidung und Wannenbäder verzichten, als den beiden sonnige Erlebnisse vorzuenthalten.

Nächstes Jahr fahren wir dann aber tatsächlich zu dritt. Eigentlich sogar zu viert plus. Es wird ein rundum Familienurlaub und ich werde jeden Moment aufsaugen, denn ich möchte nichts mehr verpassen.

KINDS GESPÜR FÜR DISTANZ

Mein kleines Kind ist seit einigen Tagen sehr weinerlich und nun auch anhänglich.

Schon morgens schleicht es in mein Bett und schläft neben mir weiter, während ich dann hellwach bleibe, bis der Wecker uns erlöst.

Zur Kita möchte mein Kind getragen werden, denn das Fahrrad scheint momentan eine unüberwindbare Distanz zu schaffen. Nach der Kita wird sofort in einen weinerlichen Ton umgeschaltet, der sich bis in die Abendstunden fortführen lässt. Selbst Bestechung im Form von Eis oder einem Trickfilm helfen nicht mehr und die Flucht in die Badewanne wird boykottiert, weil jetzt unbedingt gemeinsam gebadet werden soll.

Was wir bereits längst überwunden hatten, wird nochmals aufgerollt. Diese unsichere Haltung, in der das Kleinkind denkt, die Mutter wäre von einem zum nächsten Augenblick wohlmöglich verschwunden.

Während ich mich frage, warum Kuscheleinheiten auf dem Sofa und gemeinsame Ausflüge zum Eis essen oder auf den Spielplatz momentan nicht ausreichen, wird mir bewusst, dass mein Unwohlsein sich vielleicht unbewusst übertragen haben könnte.

Ich arbeite, lerne, muss abends mit dem großen Kind lernen und Referate vorbereiten und mache ganz mechanisch den Haushalt und das Abendessen. Am Tisch sitzen ich dann oft erschöpft über dem Teller und weigere mich die Essenskritik meiner Kinder anzunehmen. „Dann esst eben nicht!“,fluche ich leise. Dieser sonst so dicke Geduldsfaden wird immer dünner und das Verständnis für jedes eigentlich so wichtige Problem meiner Kinder, fühlt sich an wie Verrat an all meinen Mühen.

Natürlich habe ich gerade alles im Griff. Die Arbeit ist hart, macht aber Spaß. Ich bekomme viel Anerkennung und gehe jeden Tag gerne zu den mir anvertrauten Kindern. Meine Partnerschaft ist besser als je zuvor. Keine Konflikte die wir nicht lösen könnten und Harmonie pur. Ich bin immer auf Höchstleistung gelaufen die letzten Jahre, was sich gesundheitlich jedoch immer wieder gerächt hat. Aber Probleme? Nein. Eigentlich nicht. Selbst finanziell bleibt es stabil und für diverse Urlaube spare ich so nebenbei.

Wenn ein Mensch aber funktioniert wie es von ihm erwartet wird, zum eigenen Erstaunen und mit einer Portion Stolz, muss sich dennoch nicht alles als richtig erweisen. Da gibt es diese Momente, in denen Fehler schwerer verziehen werden und insbesondere die eigenen immer wieder als Schwäche ausgelegt werden. Mit dieser Strenge im Bauch, optimiere ich mich tagtäglich noch ein bisschen stärker und merke wie die Seele den Körper endlich verstehen will. „Ach du brauchst Ruhe, alter Freund.“

In diesen Augenblicken scheint mein Kind eine Distanz zu spüren. Eine Veränderung. Jemand der „nein“ sagt oder mit müdem Blick ausweichend auf die Frage reagiert, ob abends noch etwas vorgelesen wird.

Mein Kind sucht nach mir, weil ich mich zurückgezogen habe. Ich bin in der Badewanne oder drei Minuten länger auf der Toilette. Ich signalisiere, dass nicht meine Kinder das sind, was ich aktuell am meisten brauche.

Natürlich wird sich diese Phase wieder mit einer großen Portion Achtsamkeit und gelebter Sicherheit legen. Ich überwinde meinen Perfektionismus und mein Kind seine Furcht vor Veränderung.

Bis dahin läuft eben noch eine weitere Folge Paw Patrol im Nebenzimmer.