WAHRHEIT VERTRAGEN

Als Mama zweier Kinder, habe ich oftmals mein Bestes gegeben.

Früh aufstehen und Frühstück machen, am Sonntag sogar ans Bett bringen, dazu ein Trickfilm an oder optional ein Hörspiel.

Gespielt, gebastelt, beschenkt und bekuschelt. Jeden Tag. Nachts nicht einmal durchgeschlafen, weil immer jemand kam und an mir rumwuselte.

Ich habe die gefühlt dreihundert Erkältungen des jüngsten Kindes irgendwie in den Alltag integrieren können, ohne beruflich Schaden zu nehmen und mir ein so dickes Fell angeschafft nicht selbst ständig krank zu sein.

Ich habe die Wohnung finanziell alleine getragen, sieht man von den monatlichen Zuwendungen durch Kindergeld und Unterhalt mal ab. Und genau darum geht es jedes Jahr dann leider auch im Streit mit dem Kindsvater.

Dieser Mensch, der vorgibt sein Kind häufiger sehen zu wollen, möchte eigentlich Geld sparen, wohlmöglich seine Einsamkeit lindern.

Ein hartes Urteil meinerseits, aber leider ein aus Erfahrungen gemachtes.

Als ich vor fünf Jahren schwanger war, wollte er weder mit uns zusammenziehen, noch irgendwelche Verpflichtungen eingehen. Ich hatte also alsbald das alleinige Sorgerecht und nur mit viel Mühe geschafft, was sich hinterher als riesen Fehler entpuppte. Wir zogen kurz vor der Geburt doch in eine Wohnung und von da an ging das Martyrium für mich und meinen Erstgeborenen los.

Während ich jeden Tag alleine den Haushalt schmiss und zwei Kinder bespaßte, ging er arbeiten. Abends wurde ich wegen Unzulänglichkeiten abgestraft. Jeden Tag, bis auf wenige Ausnahmen, bekam ich zu hören wie unfähig oder dumm ich sei und mein Kind wurde ebenfalls ständig angegriffen. Bei aller Liebe für eine schöne nach außen hin heile Welt, ich schmiss nach dreieinhalb Jahren endlich das Handtuch.

Ich gab ihm die Hälfte des Spielzeugs und der Kleidung, hoffte mit einem großzügigen Umgangsrecht sei er zufrieden und atmete auf.

Zwar war er herzlich eingeladen mit uns Weihnachten zu feiern und sich einmal die Woche außerhalb seiner Zeiten an unseren Tisch zu setzen, aber all das war zu wenig. Er wollte mehr. Er wollte wenig Geld ausgeben.

Es ist ein Fluch mit dem Unterhalt. Jedes Jahr aufs Neue. Immer ein anderer Vater. Seit elf Jahren bin ich Mutter und davon mit Unterbrechungen neun Jahre Alleinerziehende. In dieser Zeit gab es nicht ein Jahr, in der der Mindestsatz von einem oder beiden regelmäßig einfach so gezahlt wurde.

Stattdessen schaltete sich die Beistandschaft sofort ein, meldete und schrieb an und während die Väter aus welchen Gründen auch immer nie begriffen was ein Dauerauftrag sei, musste ich noch sparsamer haushalten und mein Gehalt auf drei Leute geschickt verteilen. Miete, Strom, Betriebskosten. Jedes Jahr senkte ich die Ausgaben und verbat uns teure Urlaube oder schöne Ausflüge. Es ging einfach um die Existenz.

Ich wollte die Kinder zudem nicht trennen. Also bog ich ein Betreuungsmodell zurecht, bei dem mindestens drei Tage unter der Woche Kontakt zwischen ihnen bestand und alle zwei Wochenenden gemeinsame Ausflüge und Pläne geschmiedet werden konnten. Ein Wechselmodell o.ä. funktioniert nämlich nur dann, wenn beide Parteien zum einen finanziell gut abgesichert sind und zum anderen keine weiteren Kinder involviert. Hier ist beides nicht gegeben.

So durften die Kinder sich also unter viel Aufwand sehen, ich die Wohnung halten und im Prinzip war niemand unterversorgt an Nähe und Zuwendung.

Trotz aller Bemühungen passiert es jedes Jahr um die Weihnachtszeit, dass uns diese verfluchten drei Tage gehörig durcheinander wirbeln. Jedes Jahr teilen wir 50/50. Eineinhalb Tage ich, eineinhalb Tage er. So sind wir zufrieden und unser Kind, aber auch meine Kinder, haben Kontakt zu allen ohne Einschränkung oder Abstriche.

Obwohl es so leicht funktionieren könnte, setzt hier jedoch jedes Jahr der gleiche Fluch ein. Die Frage nach dem „Mehr“ im kommenden Jahr. Es wird aufgerechnet und rumgewurschtelt, an einem eigentlich gut laufenden System. Warum? Angeblich aus Liebe, aber tatsächlich aus Geiz.

Liebe wäre es nämlich, wenn gesehen würde, dass von den zweihundert Euro im Monat stabil die Miete, die Kleidung, das Essen und alle weiteren Kleinigkeiten mitgetragen werden können. Wie ich das leiste? Fragt kein Mensch nach.

Liebe wäre auch, wenn nicht nur der eigene Wunsch nach Nähe im Vordergrund stünde, sondern alle berücksichtigt wären. Die Geschwister untereinander. Der soziale Kontakt zu Freunden und Familie, diese vielen kleinen Abläufe die ein Alltag in all seiner Planung mit sich bringen.

Es scheint leicht zu sein binnen weniger Gedanken und Impulse etwas über den Haufen zu werfen, statt sich aus Liebe zurück zu nehmen. Statt etwas wachsen zu lassen und Freude daran zu empfinden, dass es den Kindern gut geht. Jedes Jahr soll hingegen ausgelotet werden wie man dem anderen aufs Neue Steine in den Weg stellt, sich wieder wegen bereits geschlossener Wunden aufreibt und für gerade einmal zweihundert Euro unnachgiebig bleibt.

Alleinerziehende zu sein kostet viel Kraft. Nach wie vor halte ich es aber für schöner und erfüllender, als alles andere was ich je getan habe.

Ich wachse über mich hinaus und bin bereit mein Leben dem zweier anderer unterzuordnen.

Wann ist der Vater endlich bereit dies auch zu tun?

AUWEIHNACHTEN

Jedes Jahr besinne ich mich kurz vor Weihnachten, gehe in mich und konzentriere mich auf das was wirklich zählt: wir sind alle hoffentlich gesund, jedem meiner Familienmitglieder und Freunde geht es gut und ich kann mir Miete und Strom weiterhin leisten.

Dann gibt es aber da noch dieses Gefühl absoluter Panik, welches mich immer dann durchflutet, wenn irgendeiner noch irgendein Geschenk, eine Weihnachtsfeier oder etwas anderes in Geld aufzuwiegendes fordert.

So war es mir höchst unangenehm, als meine KollegInnen forderten jeder solle fünf Euro für ein Wichtelgeschenk aufbringen und sich mal nicht so anstellen.

Sie ahnen ja nichts von den zwei Kindern, vier Geschwistern, drei Großeltern, der Mutter, dem Vater und allen anderen Verwandten, die dieses Jahr den 80. Geburtstag meines Opas feiern wollen und eben dazu eine Vielzahl besonderer Geschenke erbitten. In meiner Familie wird nämlich nur selten gewichtelt. Schon gar nicht für schlappe fünf Euro.

Sie ahnen auch nicht, dass ich in Vorkasse ging, als ich für die berufliche Weihnachtsfeier meiner Schulkinder tief in die Tasche griff. Das Geld bekomme ich zurück, aber mein Konto pfeift nun auf dem letzten Loch.

Und natürlich weiß auch niemand, wie es ist als Alleinerziehende den Baum selbst zu finanzieren, die Dekoration, die Geschenke der Kinder und das Essen. Niemand der diese Ausgaben ins Kindergeld oder den Unterhalt einberechnet und niemand der fragt, ob ich dabei Unterstützung brauche. Natürlich brauche ich die.

Weihnachten wurde zu einem Fass ohne Boden. Jeder Betrieb feiert eine Party. Essen umsonst, Getränke zahlen viele selbst. Jedes Kind wünscht sich nicht die eine kleine Sache, sondern zählt mitunter drei bis achtzehn Dinge auf. Verübeln kann ich es ihnen nicht, denn sie leben in einer Zeit, in der treudoofe Leute ihre Adventskalender in der Größenordnung ganzer Päckchen vergeben, als seien drei Festtage nicht genug, es müssen 26 sein. Dicht gefolgt von Silvester. Einem weiteren kostenintensiven Vergnügen, welche die Wirtschaft ankurbelt, aber mein Bankkonto und den letzten Nerv raubt.

Während einige Freunde mich fragten, ob wir nach Prag in den Winterurlaub fahren wollen, planten andere sündhaft teure Feten in Bars und Clubs. Ich wünschte diese Zeit würde einfach still und leise an mir vorbeiziehen.

Dezember ist ein teurer Monat. Ein Monat in dem das Weihnachtsgeld eher Almosen gleicht und das hart verdiente Geld zu schnell gekauftem Schrott wird.

Ich möchte meine fünf Euro lieber in mich investieren. In eine Badewanne voll Schaum, eine Flasche Rotwein und ein kleines Essen im Bett.

Vermutlich kaufe ich dafür billig Scheiße und mühe mir ein Lächeln ab.

Frohe Weihnachten. Für alle anderen.

GEWALT AN ALLEN

Zuerst einmal, ja, heute ist der internationale Tag gegen Frauengewalt. Ein wichtiges Thema und ohne Frage nicht kleinzureden.

Was aber ist Gewalt? Wie definiert man Gewalt? Wo fängt Gewalt an und wie erkennen wir diese?

Ist Gewalt ausschließlich die sogenannte Tracht Prügel?

Beginnt Gewalt erst im Erwachsenenalter oder setzt sie bereits viel eher ein?

Sind die Opfer von Gewalt lediglich an ihren blauen Flecken zu bemessen und der Härtegrad ebenso?

Nein.

Gewalt beginnt vielerorts schon lange vor dem ersten symbolischen Akt des Schlagens. Gewalt kann sich abspielen, wo wir Schutzräume vermuten und uns auf Menschen verlassen wollen.

In der Kita werden ErzieherInnen gewalttätig ihren Schutzbefohlenen gegenüber. Zu Hause brüllen Eltern ihre Kinder an und erheben im Streit die Hand.

Manche Gewalt ist sehr subtil. Fast unbemerkt und still. Es genügt ein Blick, eine vorher festgemachte Regel die nicht eingehalten wird und mit Drohungen quittiert.

Manchmal ist Gewalt ein Zeichen von Schwäche und nicht selten eine Demonstration von Macht.

Wer Gewalt praktiziert, wurde häufig selbst Opfer eben dieser Erfahrung. Wurde gepeinigt als Kind. Gedemütigt. Es schlichen sich sogenannte Erziehungsstile ein, die mit Verachtung gestraft werden müssten. Oft sind sie die Norm. Und auch wenn wir die TäterInnen nicht in Schutz nehmen können, sind auch sie meist selbst Opfer gewesen. Noch heute.

Gewalt kann nur gestoppt werden, wenn wir die Opfer schützen. Von Anfang an. Wenn wir die rote Karte zeigen und aufhören Opfer zu verhöhnen, nicht ernst zu nehmen oder ihnen und anderen das Gefühl geben Gewalt sei normal. Ist sie nicht.

Es gibt hier kein richtig oder falsch. Gewalt kann niemals richtig sein. Sie ist Ausdruck dessen, was unsere Gesellschaft krank macht. Einander in Hass und Angst zu begegnen, schwächt uns. Macht uns angreifbar, lässt uns verwundet zurück.

Erhebt eure Hand für Frieden. Gegen Gewalt an allen!

VATERROLLEN

In Anbetracht eigener Erfahrungen, aber auch der Wahrscheinlichkeit als Mutter häufiger davon betroffen zu sein, eine Alleinerziehende zu werden, möchte ich mich mit dem Thema Vaterschaft befassen.

Wie die Biologie und damit unsere ursprüngliche Natur uns mitgegeben hat, ist der Mann dazu in der Lage, über einen unerschöpflichen, nicht immer ganz genetisch einwandfreien, Samen zu verfügen. Mit Beginn der Pubertät und endend mit dem Ableben, könnte er sich fortpflanzen. Die Qualität seines Produktes könnte bei guter Pflege gut und gerne bis ins hohe Alter standhalten. Frauen haben hingegen eine begrenzte Anzahl fruchtbarer Jahre und was erschwerend dazukommen mag, wenn sie einmal trächtig sind, bleibt der Laden bis zu zehn Monate geschlossen. Nichts geht mehr.

Nun ist es das eine seine biologischen Vor- und Nachteile bewusst zu erleben und das andere, unbewusst als Mann immer wieder in die gleiche Falle zu tappen.

Die Frau scheint nämlich nicht nur der Schwangerschaft und anschließenden Stillzeit ausgeliefert zu sein, sondern insbesondere dem guten Willen des Partners, ob und wie lange er sie bei der Aufzucht der Kinder begleiten wird und in allen Punkten gleichermaßen unterstützt.

Nicht selten werden Frauen bereits vor der Möglichkeit mit einer Schwangerschaft gesegnet zu sein, gewarnt. Der Partner erklärt sich äußerst wackelig und unsicher bei dem Gedanken ein eigenes Nest bauen zu müssen und sich wohlmöglich an Partnerin und neues Leben zu binden. Die Verantwortung ist einfach zu groß und der in ihm lodernde Drang für immer frei zu sein, steht nicht unbedingt im Missverhältnis zur Streuung seiner Gene. Allerdings durchaus in Diskrepanz zu dem Wunsch dieses Kind zwar gut und gerne sein eigen zu nennen, wenn er es dann aber nicht bitte auch noch 18 Jahre aufziehen muss.

Die Frau wusste also nun worauf sie sich einlässt und überlegt dreimal, unter Berücksichtigung aller Faktoren, ob der Sex zu Stande kommen wird oder nicht. Leidenschaft, Liebe, Verantwortung. Tolle Sache.

Da liegt sie nun schweißgebadet unter ihm und zittert nicht etwa vor Wollust, sondern weil sie im Kopf überschlägt wann die nächste Periode oder der Rauswurf aus der Beziehung droht. Die Pille längst abgesetzt, denn Krebs und Schlaganfall waren doch nicht Teil ihrer Zukunftsplanung, betet sie zu allen Göttinen um ein stabiles Kondom.

Er hingegen schiebt und drückt und denkt an gar nichts.

Nun kommt es nicht selten zu den sogenannten Unfällen. Da platzt nichts laut oder wird mit Fanfaren begossen. Stattdessen verabschiedet sich still und heimlich das Gummi unter den ruckartigen Bewegungen der Liebe und eine saftige Strafe folgt sogleich. Schwanger.

Was also nun?

Manche Männer greifen sofort zur Hand der Frau und führen sie vor Traualtar und in ein Leben in gemeinsamer Verantwortung. Wohlmöglich werden sie nicht alt miteinander und wohlmöglich wird sich bald gestritten und verletzt.

Andere Männer drehen sich auf dem Absatz um und lassen die Frau samt Entscheidung für oder gegen das Leben nun alleine. Sie ignorieren den Fakt hier wohlmöglich gleich zwei Leben auf dem Gewissen zu haben.

Wieder andere Männer, berufen sich auf ihr Recht auch mitentscheiden zu dürfen. Ist ja auch unfair. Die Frau ruht sich schön aus auf ihrem Kinderwunsch und sitzt nun im gemachten Nest, zwischen Unterhalt und Kindergeld. Was für eine bodenlose Unterstellung.

Denn tatsächlich ist es so, bekennt der Mann sich nicht zu seiner Verantwortung und seiner Mittäterschaft, wird die Frau bis an ihr Lebensende die Versorgerin bleiben. Finanziell und emotional.

Jeder neue Partner wird sich nämlich ebensowenig um die Kinder sorgen, wie sie es tut.

Klar, es wird gespielt und geliebt und getobt und beschenkt. Die Erziehung liegt aber bei ihr. Die Kosten trägt sie. Die Tränen trocknet sie und jede Rechtfertigung bleibt bei ihr.

Wochenendväter, so sie es denn zulassen, tummeln sich am Sonntag auf den Spielplätzen und am Samstag waren sie bei den Großeltern, die unterstützend Mittag servierten. Unter der Woche blieb das Telefonat aus. Ist ja nur ein Kind, was hat das schon zu berichten?

Die Frau ist die Versorgerin, Mutter, Verantwortliche und ständige Begleitung ihres Kindes. Es führt selten ein Weg dran vorbei. Und wenn schlaue Köpfe nun sagen mögen „Ja, dann gibt das Kind doch weg!“,wird schnell übersehen wo unser Egoismus und diese Haltung uns in einem Sozialstaat, einem Wirtschaftsstandort, einer Welt, nachher hinführen wird. Ins Leere.

Die Vaterrolle beschränkt sich in der Regel auf das Engagement des Mannes. Hat er Lust Vater zu sein oder ein Interesse für das was in dem Kind vorgeht, könnte sich die Schwere in eine abnehmbare Herausforderung verwandeln.

Sieht er sich aber weder in der Funktion noch Rolle, dem Lebewesen gegenüber, dass er da gezeugt hat oder dem Lebewesen dessen er sich angenommen hat, als Begleiter zur Verfügung zu stehen, hat die andere Partei keinerlei Wahl, als sich alleine in die Spur zu machen.

Mutterschaft ist keine Wahl. Es passiert und dann bleibt es.

Vaterschaft ist freiwillig.

Jeder Mann der sich einer Frau mit Kind nähert, der eine fruchtbare Partnerin hat, sollte sich bewusst werden, welche Konsequenzen es nach sich zieht, wenn das Leben erst einmal geschaffen wurde.

Wir sitzen auf einem Rücken Alleinerziehender. Die meisten davon noch immer Frauen. Diese Rolle sucht sich die Frau selten selbst aus. Sie wird ihr zugeschrieben und für selbstverständlich gehalten. Ich halte die Rolle des Mannes aber nicht für selbstverständlich.

Es heißt: ein Mann muss tun, was ein Mann tun muss.

Richtig.

ORIGINAL WHAT?

Vorab, ich habe mich nicht ausgiebig genug mit der original play -Methode auseinandergesetzt, um sie tatsächlich und fundiert anzuprangern, aber in einem eben gelesenen Spiegel-Artikel, wurde etwas so eindeutig unterschätzt, dass ich mich als Pädagogin dazu äußern möchte.

Original Play soll angeblich Kindern auf sehr natürliche Weise ermöglichen frei zu spielen, raufen, toben und eben auch zu kuscheln, indem sie eigene und andere Grenzen erkennen und respektieren. Haben sie das Bedürfnis mit einem Erwachsenen oder anderem Kind in den körperlichen Kontakt zu gehen, müssen sie dies nur signalisieren und los geht das Spiel. Dabei befinden sich alle auf Matten oder dem Boden und bewegen sich auf allen Vieren aufeinander zu.

Soweit so gut. Die Idee sich frei von Spielsachen oder angeleiteten Spielen bewegen zu dürfen, ist weder neu noch ungesund. Was aber in den auf YouTube und anderen Plattformen befindlichen Videos schnell klar wird, die Freiwilligkeit der Kinder darf in Zweifel gestellt werden. Da werden eben doch alle Kinder von Erwachsenen ermuntert zu toben. Sie werden gelockt, herangezogen oder immer wieder aufgefordert sich zu beteiligen. Der Gruppenzwang erledigt in der Regel den Rest.

Mitten im Spiel sieht man dann manchmal eine Umarmung seitens der Erwachsenen, die nicht von den Kindern ausging. Ein Ziehen am Arm, ein Drücken unter die Achsel, den Kopf an den des anderen gepresst. Die Videos geben wenig Raum für Fehlinterpretationen. Da sind Erwachsene die gerne toben und kuscheln wollen und die Kinder dazu ersteinmal auffordern.

Nun können wir auch interpretieren, die Kinder hätten ja auch verlernt frei zu toben und dürften auch gar nicht mehr einfach so mit jedermann kuscheln. Alles richtig. Aber darauf zielt diese Idee ja ab. Uns glaubhaft zu machen, überall wo künstliche Errungenschaften den natürlichen Trieb unterdrücken, muss ein Erwachsener kommen und entscheiden was für das Kind am besten ist.

Die Frage wäre also, möchten diese Kinder tatsächlich mit ihnen völlig fremden Menschen kuscheln? Ohne jede Beziehung, ohne sich über einen längeren Zeitraum vertraut zu machen? Möchten denn wirklich alle Kinder mit dem vorhandenen Trainer oder Spielpartner in Aktion treten und wenn die Beziehung nicht aufblühen will, wird dann wirklich akzeptiert, dass ein Kind in der Runde“nein“ sagt?

Ich stelle fest, hier gibt es zu viele Fragezeichen.

In der Beschreibung liest sich das Klientel bereits wie das who is who der vor Machtmissbrauch am schlechtesten geschützen Wesen. Flüchtlinge, Kinder mit Heimerfahrung, Kinder die eine Beeinträchtigung haben oder traumatische Erfahrungen machten. Eben Kinder, die sich nun nach Schutz, Berührung und Zuwendung sehnen. Kinder denen das Spiel und der Körperkontakt wohlmöglich zu Hause fehlt, weil es kein zu Hause mehr gibt.

Wir sehen Kinder in Afrika, die auf einer Matte hin und hergezogen werden. Sie lachen und nehmen die Berührungen an. Sie bewegen sich aber im keiner Weise freiwillig und im ersten Schritt auf den erwachsenen weißen Mann zu. Sie werden gelockt, animiert und gezogen.

Ich sehe die begründete Sorge deutlich. Wer sich als Pädagoge nicht unwohl dabei fühlt, wird es vielleicht als Elternteil.