MENSCHEN ÜBER MENSCHEN

Ich lese gehäuft folgende Aussage:“Du hast dich da und da verschrieben, deshalb bist du ein schlechter Mensch!“. Falsch liebe Leute, niemand mit Lese-Rechtschreibschwäche ist automatisch dumm und niemand ohne, ist freundlich, klug und belesen.

Sich über sogenannte Defizite lustig zu machen, hat System in Deutschland. Die zu große Nase, der Bierbauch, die Rechtschreibung, die Hängebrust. Immer gibt es etwas an der Oberfläche auszusetzen, wenn man in der Tiefe treffen möchte. Ob der andere Eigenschaften hat, die viel tiefgreifender kritisiert werden könnten, spielt dann keine Rolle, wenn der Gegner einen ersten herben Schlag landen möchte und offensichtliches anprangert, vor den Augen aller.

Ein Leben mit einem Kind, welches eine Rechtschreibschwäche hat, ist hart. Für mein Kind viel härter. Diese ständigen Bewertungen und das sich mühen. Teilhabe wird hier im Internet noch immer verweigert. Wer nicht kann, ist raus.

Ich frage mich, ob eine Frau mit krummen Beinen oder ein Mann mit schiefen Zähnen sich solche Kommentare auch noch anhören müsste? Vermutlich. Vermutlich aber seltener als den bissigen Kommentar:“Lern erstmal richtig schreiben!“.

SCHEMATHERAPIE

Heute habe ich auf Twitter wieder die Empörungswelle kommen sehen. Jemand hat einer traumatisierten Freundin geraten sich ihrem Trigger auszusetzen, bis es kein Trigger mehr sei. Natürlich eine verkürzte Darstellung, denn Twitter bietet in 280 Zeichen (+-) wenig Raum die ganze Geschichte zu erfassen, geschweige denn beide Seiten anzuhören.

Stattdessen wurde von eben jener Person allen Lesern und Leserinnen empfohlen den Mund zu halten, wenn sie keine Ahnung hätten und Opfern von Gewalttaten weder Tipps zu geben ihr Trauma zu überwinden, noch auf Trigger zu setzen, als Abhärtung gegen das Geschehene.

Ich sage, weder A noch B sind verkehrt oder richtig.

Je nach Mensch, Erlebtem und augenblicklicher Situation, je nach Kontext und Problematik, je nach GesprächspartnerIn und Umgang miteinander, ist es möglich zu einer Handlung zu raten oder sich bedeckt zu geben.

In meinen langjährigen Therapieerfahrungen musste auch ich verschiedene Therapeuten, Methoden und Mittel ausprobieren, um herauszufinden was mir hilft und gut tut. Die Schematherapie sollte schließlich nach fast vier Jahren greifen, heilen und helfen.

Und genau dort wurden meine Trigger nach und nach bedient. Zu Beginn selbstverständlich nicht. Es war ein sich Abtasten und Kennenlernen nötig. Die Trigger sind wie eine Keule. Sie können wieder etwas auslösen und den Therapierten zurückwerfen.

Nach über zwei Jahren Gespräch, Rollenspielen und Momentaufnahmen, folgte was folgen musste. Ich sollte die schlimmsten Erfahrungen aufzählen. Wie ein Rückblick und ganz ohne Hast und Eile. Es war ernüchternder als ich dachte. Keine Tränen, nur ab und an ein Kratzen im Hals und eine brüchige Stimme zur Folge.

Meine Therapeutin zeichnete einen Kreis und schrieb Ereignis für Ereignis nieder. Von meinem zweiten Lebensjahr, bis zu meinem elften. Neun Jahre Demütigung und Gewalt.

Da saß ich nun und sie kannte jedes Detail, jede Peinigung und Missetat. Ich war leererzählt. Aufgeschrieben waren es vielleicht noch etwa zwölf Vorfälle die mir direkt in den Sinn kamen, aber in meiner Erinnerung war es mein ganzes Leben.

Nach und nach brach sie jede kleine Erinnerung auf. Ich sollte mit dem für mich leichtesten Thema beginnen. Ganz klar, die körperliche Gewalt. Nicht umsonst behaupten viele Menschen, Schläge seien einfacher wegzustecken als seelische Grausamkeiten. So auch bei mir.

Ich sollte mich hineinwerfen und erzählen und am Höhepunkt stoppte sie.

Ab hier musste ich die Geschichte umdichten. Zur Heldentat. Wurde meine eigene Retterin.

Diese Form der Therapie war hilfreich und furchtbar zugleich. Ich hatte diese Stunden auf Tonband und sollte sie mir mindestens dreimal die Woche anhören. Dreimal zu viel. Ich schob es hinaus und schwindelte, wenn sie fragte wie es mir erging. Eines Tages, beim Bügeln, tat ich es. Ich hörte mir zu. Anfangs war es grausam. Dann wurde es leichter. Irgendwann war da nur noch Stimme.

Ich brach nach zwei weiteren Aufnahmen ab. Ich wollte die anderen Geschichten nicht mehr hören. Ich hatte mich begriffen und wusste nun langsam was ich kann, wer ich bin und das die Vergangenheit, so unauslöschlich, mir nicht mehr weh tun kann.

Ich weiß um die Trigger. Manchmal ärgert mich etwas und nicht selten begegne ich auf Arbeit Kindern wir mir. Heute brauche ich aber nicht mehr davonlaufen. Ich gehe darauf zu. Ich bin die helfende Erwachsene. Die starke Persönlichkeit. Nicht das Opfer, sondern die Erfahrene.

Mit meiner Kraft ist es möglich anderen zu helfen. Vorbild zu sein, wachsam zu sein, hilfreich zu werden.

Trigger ermüden. Sie sind überall zu finden. Aus Erfahrungen Gold zu machen, schafft nicht jedes Opfer. Es reißt einen zu Boden und kann einen dort festnageln. Mich nagelt niemand mehr fest.

Es gibt nicht den einen Weg und Opfern zu sagen sie seien immer Opfer, ist genauso gefährlich, wie zu behaupten es gäbe den Königsweg.

Es gibt viele Zweige, Stränge und Ideen und jeder muss für sich individuell die Lösung finden. Dabei ist Unterstützung wichtig und Zeit.

Ein Tweet kann niemals begreiflich machen, was Jahre der Therapie und des Alterns einen lehren.

NO MAKE-UP, ABER FILTER

Ach Leute…

Wie so häufig zeigt sich das Internet grotesk und herrlich naiv im Umgang mit der Wahrheit. Da stehen die Damen vom Grill, fotografieren sich und versehen das Portrait, neudeutsch Selfie, mit dem Hashtag #nomakeup, aber der Filter, Weichzeichner und das passende Licht korrigieren was Mutter Natur nicht zu heilen vermag.

Wie dumm sind wir inzwischen darauf noch hereinzufallen? Oder wollen wir das Offensichtliche ja auch gar nicht sehen? Ist es besser, ja sogar angenehmer, sich ab und an für dumm verkaufen zu lassen, weil die Realität nun einmal weder schön, noch erträglich wäre?

Um ehrlich zu sein, mir gefällt die Realität. Ich schminke mich sehr gerne. Ich ziehe sogar Bauchweghosen an, wenn es mich besser fühlen lässt, aber Himmel, wie wunderschön finde ich reale, echte Menschen. Streifen, Narben, Falten, Speck oder Knochen. Ich liebe die Unebenheiten unserer Körper und je selbstbewusster alle damit auch online umgehen, umso sicherer werde ich im Umgang mit mir und meinem Körper.

Wir leben in dieser oberflächlichen Gesellschaft. Schönheit um jeden Preis. Wer sich online verkaufen möchte, für ein paar Likes, wird den Teufel tun und die Wahrheit zeigen. Bauch einziehen, Kamera geschickt positionieren und für Licht und Atmosphäre sorgen. Wir kennen das Spiel mit der Täuschung. Dennoch wäre es ja großartig, wenn die Protagonisten endlich wirklich authentische Bilder hochladen würden. Instagram und Co. waren eine nette Spielerei. Es fing vor zehn Jahren harmlos an und heute finanzieren wir NichtskönnerInnen auch herzlich gerne, schenken ihnen kostenlose Urlaube und erhalten dafür den gestellten Einblick in ihr ach so reales Leben. Langsam sollte aber mal wieder gut sein. Diese Vorbilder sind keine. Sie sind Abbilder. Abbilder ihrer selbst. Sie altern nicht, haben keine Ecken und Kanten und profilieren sich durch oberflächliche Inhalte. Ihr Dasein ist Schein. Das ist auch irgendwie okay, genauso wie es auch irgendwie falsch ist.

Es sollte nicht heißen müssen „Mehr Realität auf Instagram“, sondern:“Weniger Instagram in der Realität“. Nieder mit der schönen, gestellten Welt! Es darf wieder jeder echt sein!

FREUNDSCHAFT ODER WAS WIR DARUNTER ZU VERSTEHEN GLAUBEN

Seit wir uns auf Onlineportalen wie Facebook und Twitter rumdrücken, haben wir den Begriff Freundschaft für uns ganz neu definiert. Bereits Studivz.-NutzerInnen konnten sich Freundschaften per Mausklick bestätigen lassen und sie genau so schnell wieder beenden. Teilweise türmten die SammlerInnen unter uns ganze Berge vermeintlicher Freunde und Freundinnen. Viele davon waren uns vielleicht erst einmal begegnet, auf einer Tanzfläche im Berghain oder im Italien-Urlaub am Grillstand.

Wenn wir ehrlich zu uns sind, ist der Beigeschmack den diese sogenannten Freundschaften hinterlassen müssten, mit den Jahren und der Gewohnheit abhanden gekommen. Einst schmunzelte man über 400 Freunde, heute gelten die FolloweInnen als Statussymbol, noch vor Job oder Automarke.

Wer da tatsächlich noch echte Freundinnen unter den kaum tatsächlich bekannten Gesichtern findet, kann sich glücklich schätzen. Oder schämen. Denn mal ehrlich, wer schickt seinen Freunden und Familie regelmäßig einen Abriss über das Tagesgeschehen, teilt Gedanken und Gefühle und lässt sich dazu hinreißen sämtliche Garderobe als OOTD per WhatsApp weiterzuleiten? Eben. Sowas geht eigentlich nur mit Fremden.

Freunde und Familie würden vermutlich anfangs staunen, sich über die Aufmerksamkeit freuen und nach und nach genervt die Sinnhaftigkeit in Frage stellen. Fremde tun das nicht. Denn wer sich einst nach nur einem Glas Wein dazu entschlossen hatte Kontaktdaten auszutauschen, ward sich der Gefahr bewusst die online lauert: der medialen Ausschlachtung des Privatlebens bis zum Umkippen.

Während also echte Sammler und wahre InfluencerInnen nach und nach den Überblick verlieren dürften, wer da noch zu den Freundinnen aus Realität und Alltag gehört, halten die anderen ihren wenigen tatsächlichen Freundschaften die Treue.

Das hier wohlmöglich aufkeimende Problem ist nämlich, dass echte Freundschaften das Bedürfnis nach Nähe verlieren, wenn sie im andauernden Austausch hören, lesen und sehen was das Gegenüber so zu bieten hat. Die Geheimnisse, die Gemeinsamkeiten, werden einfach jedem zuteil und so verschwindet das magische Band einer Besonderheit.

Menschen die im realen, nichtvirtuellen Leben, viele Freundschaften pflegen, scheinen online ein gutes Gespür für Selektion zu haben. Sie wissen sowohl wie viel und wie häufig sie Informationen teilen, als auch die Menge ihrer Kontakte überschaubar zu halten.

Menschen die wenig tatsächliche Freundschaften aus Fleisch und Blut pflegen, haben vielleicht keine Ahnung wie es sich im Alltag ohne Smartphone und Internet sozial lebt. Ihr Sozialleben speist sich aus dem, was online Aufmerksamkeit beschert. Freundinnen die abends auf ein Bier vorbeikommen oder die am Wochenende feiern, Sport treiben oder mit ins Museum gehen, bleiben aus. Eine Onlinefreundschaft scheint da heilsam. Raus aus der Einsamkeit.

Es wäre spannend was zuerst da war. Huhn oder Ei? Einsamkeit vor oder nach der Dauernutzung des Internets?

DAS INTERESSIERT KEINEN, STEPHANIE

Wer Social Media genauso aufmerksam wie süchtig verfolgt (einschließlich mir), trifft auf ein Phänomen, welches so alt ist wie die Menschheit selbst: der Drang nach Selbstdarstellung.

Da räkelt sich jemand leicht bekleidet in der Badewanne, auf dem Sofa, im Bett, vor dem Laptop oder am Arbeitsplatz. Es wird das Essen vom Frühstücksmorgen fotografiert und die neuesten Tindergeschichten veröffentlicht. Selbstoffenbarung soweit das Auge reicht.

Manche Menschen teilen wichtige und spannende Anekdoten und andere jedes Fitzelchen ihres Tages. Einige haben Botschaften und andere nur Lust sich zu vermarkten.

Wer sich online nackig macht, tatsächlich oder im übertragenen Sinne, erwischt immer mindestens eins, zwei Leute die sich dafür interessieren könnten. Mehr Bestätigung als im Alltag. Auf jedes Foto eine Reaktion. In Form von Likes oder Kommentaren.

Im realen Geschehen passiert sowas eher selten. Ob alleine im Büro oder während der Fahrt in der Bahn, wer sich dort mit einer vermeintlich guten Idee plagt, die so unters Volk drängt, bliebe ewig unbefriedigt, wäre da nicht das Internet.

So lässt es sich wunderbar über andere lästern und man verkauft diese eigentlich moralisch fragliche Einstellung als sinnstiftend. Es wird Humor bewiesen bei der Darbietung und die Follower schreiben sich die Finger wund, teilen und fügen ihren Seelenmüll eifrig dazu.

In der Realität würde sich vielleicht noch die Mühe gemacht zu Hause am Abendbrotstisch mit dem Mann zu reflektieren oder der nächsten Kollegin den Tratsch brühwarm beim Kuchen aufzutischen. Online geht das alles viel subtiler. Man muss seinem Publikum ja schließlich was bieten und so wird aus jeder Kleinigkeit ein goldverzierter Scheißhaufen gezaubert.

Da fahren Influencer in den Urlaub und verkaufen ihren Kram jetzt eben mit Strand-Kulisse, statt vom heimischen Sofa aus. Es wird eine Story nach der anderen abgedreht, weil die Online- Community ja schließlich auf Content wartet und jedes Supermarkterlebnis zu einer pointierten Geschichte. Wie man sich vermarktet, hängt vom derzeitigen Bedarf des Konsumenten ab.

Was ist gerade gefragt? Was bringt Clicks? So durchforstet man andere Profile und zieht seine Schlüsse, unabhängig davon, inwiefern man tatsächlich noch glaubwürdig bliebe. Hashtags wie „vegan“ oder „fitgirl“ fehlen unter keinem Bild, obwohl ganz klar vom letzten Grillabend eine Fotocollage samt Käseplatte und Fleischspieß gepostet wurde. Wer kann da auch schon so kleinlich sein? Es wollen schließlich viele Menschen und Bedürfnisse befriedigt werden.

So passiert es auch nicht selten, dass man sich in Widersprüchen verstrickt, weil man noch vor Monaten ganz sicher dieses und jenes unter Garantie niemals tun wollte, um sich dann mit dem schwachen Argument „ich werde mich nicht rechtfertigen“, aus der Affäre zu ziehen.

Nicht wenige Selbstdarstellungen laufen auch gerne ins Nichts. Die Follower haben Eichhörnchenköpfe. Sie reagieren auf jeden Impuls und davon gibt es online wahrlich viele. Um die Massen also kurzzeitig bei Laune zu halten, darf schnell ein Nacktfoto für Abhilfe sorgen. Natürlich alles unter dem Vorwand der Kunst. Doch sind die PoserInnen tatsächlich KünstlerInnen oder einfache Wendehälse?

Es gibt nicht viel was man diesen Menschen vorwerfen kann. Sie sind ein Zeichen ihrer Zeit und Generation. Sie haben den heiligen Gral der ewigen oder sagen wir eher kurzzeitigen Bestätigung gefunden. Ruhm ist ja leider vergänglich und jede Zeit läuft unter der absoluten Talentlosigkeit einmal ab. Ältere Frauen werden von jüngeren ersetzt, stahlharte Männer bekommen einen Bierbauch, Feministinnen werden zu Hausfrauen und Punks zu Vorstadtvätern. Alles eben vergänglich. Alles schon immer so gewesen.

Wer sich aber mit diesen fünf Minuten Aufmerksamkeit wohl fühlen und abfinden kann, wird eine Menge Spaß haben. Sich online zu tummeln und immer mal einen Kick zu erfahren, weil der Briefkasten Post ankündigt, hat schon was…

Alle anderen sollten sich baldmöglichst fragen, was sie nach dieser glorreichen Zeit mit ihrer Freizeit anfangen werden? Ob sie den geschriebenen und geposteten Seelenstrip auch Jahre später noch von ihren Chef nachvollziehen lassen wollen und ob ihre Kinder später genauso viel Verständnis für die gemachten Kinderfotos auf dem Topf haben werden, wie ihre Eltern es einst glaubten.

Aufmerksamkeit ist nicht alles. Und nicht alles was du erlebst und tust, ist von Interesse.