BIS ES UNS TRIFFT

Manches Mal habe ich BloggerInnen verfolgt die ich so interessant fand, dass ich mir die Mühe machte auch ihre alten Einträge zu lesen. Die Feststellung, alle hätten sich im Laufe der Zeit ebenso weiterentwickelt wie der Planet auf dem wir uns befinden, war nicht überraschend. Irritiert hat mich jedoch, dass einige von ihnen ganze Widersprüche binnen weniger Wochen unter ihre Leserinnen und Leser gestreut hatten.

Botschaften die heute so klar und eindeutig formuliert sind, können morgen schon wieder rigoros verdrängt und durch andere Inhalte überlagert werden.

Mich hat das so angestrengt, dieser Prozess und die Metamorphose, dass ich überlegte, wie sich wohl Langzeitfollower auf diesem Weg anpassen konnten und ob sie das auch widerstandsfrei gemacht haben?

Jemand der einst Fitnessvideos hochlud, postet eben jetzt Aufrufe für eine umweltbewusste Haltung. Damit könnte eine Zielgruppe ordentlich verprellt oder tatsächlich auf den Pfad der Tugend geführt worden sein.

Eine junge Frau die über ihr Leben und Lieben auf sehr ironische, manchmal melancholische Weise schrieb, viele Wünsche an die Zukunft gerichtet und stets auf der Suche nach dem Einen war…jetzt Vollblutfeministin und belehrend wo immer der Zeigefinger sie hinführt.

Ich finde diese Wandlungen teilweise großartig. Auch ich möchte mich für Nachhaltigkeit und Bewusstsein gegenüber dem Einsetzen was uns geschenkt wurde und was wir uns einfach rauben. Auch ich möchte meinen Kindern eine Welt hinterlassen, die sie noch Generation nach ihnen ruhigen Gewissens weitergeben könnten. Auch ich habe getindert und gelernt, Feministinnen können Lust auf Liebe, Sex und/oder eine Familie haben. Auch ich weiß, eine Frau die sich nackig zeigt und ruft „mein Körper gehört dennoch nur mir!“ hat einfach vollkommen Recht.

Mein Aber wendet sich an die Geschwindigkeit und den Umgang.

Ändert sich meine Meinung oder sogar Einstellung, ändert sich meine ganze Haltung oder in großen Teilen, dann wird der Leser/die Leserin vermutlich erstmal mindestens überrumpelt. Nicht jeder kann jeden meiner Gedankengänge sofort nachvollziehen und nicht alle wollen auf Veränderungen angemessen eingehen, nämlich behutsam, respektvoll und abwartend.

Viele Menschen fürchten sich geradezu davor, von jemandem die Hörner aufgesetzt zu bekommen. Hat man eben doch noch einträchtig wie das Idol Himbeeren aus einer Plastikschale genascht und dabei den Fitnessurlaub auf Gran Canaria gebucht, so zeigt einem eben dieses Idol plötzlich die verfehlte Ökobilanz und den Vogel.

Hat man sich eben noch heimlich einen auf die schönen Beine der Instagrammerin runtergeholt (denn ja auch das passiert und ist im Grunde keine Schande), wird im nächsten halben Jahr überall unter ihren Posts geschrieben „men are trash“. Mindestens irritierend.

Hat man eben noch in großer Verbindung miteinander Gedanken und Episoden aus dem Leben seines Kindes gepostet (ggf. hat das Kind sogar Besonderheiten), weil die andere Person auf Twitter das über Jahre perfektioniert hat, steht da jetzt mit viel Wut geschrieben: „Haltet eure Kinder aus dem Internet raus!“.

Ja,was denn nun? Ja, wie denn nun?

Und dann gibt es zwei oder achthundert Möglichkeiten damit umzugehen. Die falscheste ist wohl, sich aufzuregen. Sich Luft zu machen und zu denunzieren oder zu Cybermobbing aufzurufen. Eine leichte Variante davon wäre zu entfolgen und zu ignorieren.

Eine weitere Idee wäre die Anpassung. Mein Vorbild ist und bleibt es nämlich nur, wenn ich Vorgebildetes auch weiterhin nachmachen kann. Bin ich dazu bereit? Manchmal.

In der Regel braucht es aber Zeit. Es braucht Verständnis. Für den anderen und für sich selbst. Es braucht auf beiden Seiten die unbedingte Fähigkeit der Geduld. Niemand kann von jetzt auf gleich ernsthaft einen Wandel vollziehen. Zumindest keinen echten. Auch der Blogger oder die Twitterin haben sich vermutlich über einen längeren Zeitraum mit ihrem handeln auseinander gesetzt. Das ist gut so und wichtig.

Ich wünsche mir also, auf beiden Seiten mehr Achtsamkeit. Mehr Verständnis. Und ggf. einfach die Fähigkeit sich bei anderer Meinung nicht auf den Sack zu gehen.

Dies gilt überall im Leben. Wandel findet persönlich statt und ist kein aufspringender Passagier.