NERVENSÄGE

Kennt ihr so Menschen die zu allem was zu sagen haben? Oder es zumindest denken.

Die sich einmischen, manchmal wütend, manchmal vorschnell.

Die oft in unpassenden Momenten lachen. Laut. Ordinär. Ein Hexenlachen.

Die euch die fünfte Sprachnachricht in der Woche schicken, weil all diese Gefühle scheinbar raus müssen? Aufmerksamkeitsdefizit?

Die sich mit euch freuen, manchmal euphorisch und oftmals ein bisschen drüber.

Die Dramen leben, durchstehen und ihr euch fragt was verdammt nochmal deren Problem sein könne, die haben doch scheinbar Nerven wie Drahtseile.

Diese Nervensäge bin auch ich.

Ich stänkere in Vorlesungen für mehr Feminismus und Gleichberechtigung. Ich klugscheißere mich durch meinen Arbeitstag und nehme in Kauf nicht immer verstanden zu werden. Ich würde jeden Arbeitsplatz der Welt schmeißen, wenn ich zu etwas gezwungen werde, was ich nicht bereit bin zu leisten. Ich liebe leidenschaftlich und übe mich in Wachstum und Geduld, was sich oft beißt mit meinem Ehrgeiz und meiner Emotionalität.

Ich habe hohe Ansprüche und bin gleichzeitig wahnsinnig unsensibel. Ein wenig zu ironisch, etwas zu platt. Mir kommen die Worte herausgesprudelt wie Wasser aus einem Brunnen. Ich entschuldige mich gerne, aber vermutlich ändere ich mich nur schwerfällig.

Mir ist es wichtig aufzutanken, weil ich aber nie lange stillsitzen kann, bin ich der gelebte Widerspruch. Spaziergänge über fünf Stunden, jedes Wochenende ein Abenteuer, so es die Brieftasche hergibt. Immer Action mit den Kids und mittendrin viel Ohnmacht ob der eigenen Müdigkeit bei zeitgleichem Sturm auf die Bastille. Ich nerve mich manchmal selbst.

Mein Kopf ist ein Bienenstock und mein Herz ein Affe.

Ich bin fordernd und gewillt für alles und jeden Verständnis aufzubringen. Wild und spießig zugleich. Ich habe Ziele und möchte doch am liebsten alles sofort. Wissen schlägt Emotionen zum Glück inzwischen recht häufig. Die Erfahrungen dienen dem Abgleich. Bin ich schon besser? Bin ich schon weniger ich?

Manchmal wäre ich gerne etwas ruhiger in Situationen in denen ich üblicherweise laut und drängend bin und mutiger dort, wo ich mich lieber verstecke. Als David Bowie „Loving the Alien“ sang, muss er an mich gedacht haben. Der verglühende Stern, ausgebrannt, ein Überflieger, jenseits von allen.

Wäre ich ihr, würde ich mich absonderlich finden. Und ein bisschen gut.

NIEMAND HAT GESAGT DAS ES LEICHT WÄRE

Wir kommen auf diese Welt, ob wir wollen oder nicht.

Manche von uns nehmen das Leben leicht und andere sehr schwer. Einige von uns werden von vorneherein in die falsche Familie geboren und andere treffen erst später fatale Entscheidungen, die ihnen ihr Leben lang Bauchschmerzen bereiten können.

Ein paar von uns wird es an Nichts fehlen. Sie werden spielend leicht mit Herausforderungen fertig und sich jeden Tag motiviert sehen.

Einige werden sich schwer tun aus dem Bett zu steigen und betrachten ihre Tasse schwarzen Kaffee jeden Morgen als halbleer.

Einige Menschen werden Schicksal nicht als solches begreifen, sondern ihren Mühen und ihrem Engagement zuschreiben. Wieder andere ringen mit ihren Erfahrungen und sehen sich ständig geprüft.

Egal wozu ich mich zähle, ich brauche den Blick in meine Vergangenheit und habe manchmal nicht genug Mut für meine Zukunft. Manchmal arbeite ich hart an mir und würde es gerne leichter haben. Manchmal würde ich gerne diese Schwerelosigkeit fühlen und versinke in einer Welt aus Chaos, ob real oder selbstgeschaffen.

Meiner Erkenntnis nach, kann nur ich mich wirklich selbst begreifen. Ich sehe die anderen und weiß so gut wie nichts über sie. Was sie bewegt, warum sie lächeln oder weshalb ein anderer dauerhaft wütend und ablehnend erscheint.

Ich weiß was mich zu mir gemacht hat und welchen Einfluss ich selbst auf mich nehme. Meine Probleme, meine magische Anziehungskraft auf immer schwerere Lasten. Ich glaube zu einem gewissen Maß ist es möglich Muster zu durchbrechen und Klarheit zu gewinnen, statt sich auf den immer gleichen Rhythmus zu verlassen. Die Komfortzone zu verlassen und sich dennoch nicht verlassen zu fühlen.

Denn ich bin ja da.

Auch wenn ich immer denke alleine ist es schwerer. Ist es ja auch. Aber ich bin ja da. Ich sehe mich. Ich spüre mich. Ich höre mich atmen, fühle meine Beine sich bewegen und jeden Tag viele Schritte machen.

An manchen Tagen ist das Aufstehen schwer und an den meisten anderen Tagen lacht die Sonne mir ins Gesicht und ich lache zurück.

Meine Haut ist momentan dünner und meine Beine schwerer, aber niemand hat gesagt, dass es leicht wird.

Von niemandem lasse ich mir sagen, dass es schwer bleibt.

STÄRKEN UND VERDAMMT VIELE SCHWÄCHEN

Ich habe eine schnelle Auffassungsgabe. Binnen weniger Sekunden fällt mir zu jedem Thema etwas ein und sei es eben nur Blödsinn. Das macht mich zu einem sehr schlagfertigen Menschen und einer Freundin spontaner Diskussionen. Ich suche außerdem, auch mal ungefragt, nach Lösungen und kann mich relativ mühelos in Menschen hineinversetzen, selbst wenn mir nicht jeder Standpunkt gefällt.

Nun zu meinen Schwächen. Und das sind echt nicht wenige.

Unter den Einfluss von PMS kann ich mich schwer gedulden. Selbst wenn mir völlig klar ist, dass ich gerade im Unrecht bin und mich etwas zurücknehmen muss, gibt es unbeherrschte Momente. Außerdem bin ich permanent auf Diät, obwohl ich mich als Feministin sehe und es besser wissen müsste. Dabei dreht sich immer wieder alles um meinen Körper und die Außenwirkung. Als gäbe es nichts wichtigeres.

Ich habe manchmal eine große Klappe, in Situationen die unpassend erscheinen. Es gibt Lacher oder eben rollende Augen und jedesmal nehme ich mir vor mich zu bessern. Ruhiger zu werden. Mein inneres Pubertier nicht so laut lospoltern zu lassen.

Ich denke oft von mir etwas alleine am besten leisten zu können und arbeite mich so nur stets und ständig in den Burnout. Sowohl auf Arbeit, aber auch im Privaten. Dabei nehme ich am allerwenigsten Rücksicht auf mich selbst und denke noch eine Schippe mehr kann nicht schaden. Die Quittung folgt dankend.

Ich bin ambivalent. Mal möchte ich meine Freunde sehen und dann wieder nicht. Spontanität funktioniert mit mir am besten. Langgehegte Pläne fast nie. Wenn ich auf etwas keine Lust habe, merkt sich mein Körper das und boykottiert unsere Verabredungen. Dann liege ich mit Migräne im Bett oder habe Halsschmerzen. Meine Freundinnen sind zum Glück sehr verständnisvoll, aber meine Mutter nimmt mir sowas schon mal übel.

Ich weiß oft erst was ich will, wenn ich es ausprobieren konnte. Sei es eine Ausbildung oder ein Studium oder eben eine Beziehung. Da ich unstet bin, muss mich etwas immer wieder reizen und locken. Anstrengend für einige Mitmenschen und sicher auch indirekt für mich selbst. Natürlich wäre es von Vorteil zwanzig Jahre im selben Job glücklich zu sein und wie cool wäre es, sich auf den Partner einzulassen, der Haus, Ehe und Familie favorisierte. Mit mir gibt es eben eher kreative Künstler und Freigeister, zum Kummer meiner Kinder.

Ich handelte oft aus dem Bauch heraus und habe mir gleichzeitig angewöhnt zu viele Gedanken zu machen. Inzwischen weiß ich dies wiederum positiv zu nutzen. Punkt für die andere Seite der Medaille.

Nun ja. So oder so ähnlich ticken viele Menschen. Ich gehöre ganz sicher nicht zu denen die sich runterziehen wollen oder klein halten. Sich ab und an dahingehend zu reflektieren und wahrheitsgemäß sagen:“Ich bin nicht perfekt.“,ist so hilfreich. Runter vom Ross, Blick in den Spiegel und sich annehmen wie man ist. Schwächen akzeptieren oder verändern. Jammern nützt niemandem was. Schon gar nicht mir selbst.

DEFINITION ICH

„Wer bin ich und wenn ja wie viele?“, fragten wir uns vor ca. fünfzehn Jahren alle, nachdem eine Welle von R.D. Precht Werken über die Ladentheke, in unsere Küchenpsychologieschublade gefunden hatte.

Wir definieren uns immer neu. Fragt man einen Jugendlichen, ob er sich noch als Kind, insbesondere das Kind seiner eigenen Kindheit,definiere, würde er vermutlich erst „Hä?“ denken und dann „Nee…“ sagen.

Vor fünf Jahren habe ich mich anders definiert als heute. Vor einem halben Jahr war ich eine andere Version meiner selbst und selbst morgen werde ich vermutlich noch ein Stück reifer sein als gestern. Jeden Tag lernen wir dazu, verändern winzige Kleinigkeiten oder werfen ganze Eigenschaften unserer Persönlichkeit über Bord.

Als meine damalige Therapeutin mich fragte wie ich mich sehe und welche Rolle meine Vergangenheit spielte, konnte ich sehr ehrlich zugeben, mich über meine verkorkste Kindheit und all die Dramen im Anschluss definiert zu haben. Natürlich macht diese Zeit viel mit einem. Sie prägt wie kaum etwas anderes. Mit eigenen Kindern ist auch eine weitere Entwicklungsstufe genommen und zwischen der Geburt bis zur Pubertät eben dieser Kinder, wächst man innerlich zwangsläufig mit. Ob man eben möchte oder nicht, nichts ist mehr wie zuvor.

Definieren sich Menschen allerdings nur über ihre Elternschaft, sind sie in meinen Augen schier verloren. Es gibt jenseits der Kinder und all der damit zusammenhängenden Aufgaben noch mehr gelebtes Leben. Gedanken die sich ausschließlich um die Mutterschaft drehen, nehmen groteske Züge an. Und was, wenn die Kinder ausgezogen sind? 18 Jahre plus/minus sind schnell rum. Eben war ich selbst 18 und nun bin ich Anfang dreißig.

Wenn wir also unsere Kindheit Kindheit sein lassen und die Elternschaft nicht so wichtig nehmen wollen, was bleibt dann noch übrig?

Manche Menschen würden nun den Job erwähnen. Ganz unbedingt sogar. Immerhin verbringen wir nicht selten acht Stunden am Tag auf Arbeit. Wir denken und handeln dann für diese eine Aufgabe und selbst nach dem vollzogenen Arbeitstag, bleibt der ein oder andere Gedanke auf Arbeit haften. Sich also nicht über die Arbeit zu definieren, wird schwer.

Wer aber sind wir, wenn das Wochenende oder der Urlaub einsetzt? Wenn die Kinder aus dem Haus sind, unsere Hilfe nicht mehr brauchen und wir unsere Kindheit seit sicher fünfzig Jahren aus den Augen verloren haben? Wer sind wir, wenn unsere Eltern langsam gehen und uns nicht mehr sagen können wer wir waren? Wer sind wir, wenn die Rente sich wie eine dünne Decke über uns legt und den letzten Lebensabschnitt ankündigt? Wer sind wir, wenn niemand da ist? Wer sind wir, wenn unsere Rollen durch andere besetzt sind? Jemand der lauter flucht als wir. Jemand der sich besser einbringt auf Arbeit. Jemand der die Kinder mit genau solcher Hingabe großzuziehen vermag.

Wir sind wie eine Vase, aufgefüllt mit bunten Murmeln. Jede Murmel eine Erfahrung. Manche sind größer und einige winzig. Manche sind schillernd und andere stumpf. Einige sind bunt und andere einfarbig, sogar schwarz wie die Nacht. Nehmen wir eine Murmel raus, blieben noch genug Erfahrungen übrig, um uns zu prägen und zu dem zu machen was wir sind. Reich an allem. Reich an Wissen, reich an Ideen, reich an Erlebten. Nichts was wir getan oder gesehen haben, steht alleine für das was wir sind und das wer wir sein könnten. Es sind so viele Menschen in uns, man müsste die Murmeln eigentlich permanent murmeln hören.

Sich also nur über eine Sache und ein Können zu definieren, bedeutet eine gradlinige Entwicklung. Entwicklung ist aber nicht geradlinig. Sie ist kontinuierlich, aber kein gerade Weg.

Ich bin ich. Mehr Definition kann es nicht brauchen.

HINWEG

Ein eigenartiges Wort. HINWEG. Hin oder weg, ja was denn nun?

Über jemanden hinweg zu kommen, ist ähnlich paradox. Wir wünschen uns nichts lieber als in Verbindung zu stehen, müssen aber einsehen, der/die andere ist fort. Vielleicht für immer.

Manchmal schaue ich auf alte Beziehungen, die sich aufgelöst haben. Ich frage mich, wie ich es geschafft habe über sie hinweg zu kommen. Ob das überhaupt je möglich war oder ist.

Da sind gute Freundschaften einfach beendet oder verblasst. Menschen an denen ich lange hing, durch die Zeit und Umstände zu fernen Gedanken geworden. Freundinnen die mir lange nahe waren, heute eine verschwommene Erinnerung.

Da sind Kinder die ich nie bekam. Ich zähle manchmal heimlich die Jahre und überlege wie sie wohl ausgesehen hätten oder ob mein Leben sich deutlich anders gestaltet hätte.

Da sind ganz klar die Partner, die nicht mehr sind. An denen mein Herz lange hing oder die deren Herzen ich brach. Die Geschichten und Gefühle sind noch in mir. Ich kann sie jeder Zeit abrufen, mich daran erfreuen oder erkranken.

Da sind die Lieben, die von uns gingen. Gestorben. Einfach weg. Manchmal in langen Abschieden und einige unverhofft. Ich sehe ihre Gesichter vor mir und verknüpfe deutlich Erlebnisse, die so einfach nie wieder kommen.

Da bin ich. Mein Leben. Meine Kindheit und Jugend. Mein Aussehen und meine Entwicklung. Meine eigenen Kinder, Momente die so nicht mehr sind und Neuerungen die mir Angst machen.

Da ist so viel Gutes und so einiges schlecht gelaufen. Es sind Gedanken und Gefühle, wie ich es schaffte, mich immer wieder aufzurappeln. Wie wir alle es immer wieder schaffen aufzustehen. Sich dem Leben zu widmen, statt der Trauer und Dunkelheit.

Es gehört viel dazu, etwas behalten zu wollen und gehen zu lassen. Seinen Frieden zu finden und einen Abschluss zu akzeptieren, obwohl noch viel möglich gewesen schien.

Es ist wichtig sich Trauer und Wut zu erlauben. Zu fluchen und zu leiden. Oder gar nichts zu fühlen. Einfach gehen zu lassen.

Es ist wichtig sich und sein Leben ernst zu nehmen, aber nie zu ernst zu betrachten. Leben bedeutet Fortgang. Leben bedeutet Entwicklung. Es bedeutet, nicht zu wissen wie es weitergeht und sich darauf einzulassen. Es bedeutet, Schwere und Leichtigkeit zugleich.

Das Wort „hinweg“ trifft es sogesehen doch tatsächlich am ehesten.