DAS GUTERMENSCHSEIN-SYNDROM

Ich leide ganz offensichtlich unter einer Gutmensch-Einstellung.

Bereits in früher Jugend kamen unbekannte Menschen zu mir und baten mich um Hilfe oder Rat. In der Schule musste immer ich die Klassensprecherin geben und fand mich u.a. deshalb sehr häufig in den Schulfluren mit weinenden Mädchen wieder, die der Lehrer mir auf’s Auge gedrückt hatte, um sie zu trösten. Überhaupt war die Erwartung an mich recht ausgeprägt und so durfte ich in der neunten Klasse die ausgefallene Sekretärin vertreten und wurde in die Raucherecke gestellt, um „positiven Einfluss auf meine MitschülerInnen auszuüben“. Ohne Witz. Solche kleine und größere Katastrophen blühten mir ständig.

Als ich Anfang zwanzig war, ließ man mich im sozialen Praktikum bereits alleine mit den Patienten einer Ergotherapie-Praxis (ohne Vorkenntnisse und Schulungen) und während ich irgendwann eine Weiterbildung genoss zum Thema „Ehrenamt in der Demenzhilfe“, setzten sich in den Pausen ältere Damen zu mir und schilderten ihre Lebensgeschichte. Anfangs glaubte ich an Zufälle und fand mich mit diesen Begegnungen ab. Später wurde mir diese Rolle anstrengend und ich zog mich in mir zurück. Schließlich kamen die Leute hauptsächlich dann, wenn es Leid zu beklagen gab.

Auch jetzt im Studium passiert es ständig, dass neue Kommilitonen mir schneller als nötig ihren privaten Werdegang aufdrücken und mich um Kleinigkeiten bitten. „Hast du schon die Hausaufgaben?“, „Weißt du wann wir anfangen müssen? Und welchen Kurs hast du belegt?“.

Was wie ein wunderbarer Push für das Ego klingen könnte, ist für mich oft reine Belastung. Mir unbekannte oder wenig vertraute Menschen melden sich bei mir, stellen schnell Erwartungen und vergessen, dass ich weder Therapeutin, noch gute Freundin bin. Ich warte auch nicht darauf Fragen beantworten zu können oder in meiner Freizeit Tipps für das schöne Leben zu geben. Dennoch, irgendwas strahle ich aus, was diese Vermutung stützt.

Eine Kollegin meinte kürzlich, meine offene und freundliche Art würde zu dieser Annahme führen. Die Menschen fühlen sich wohler und nehmen automatisch an ich würde ihnen diesbezüglich entgegenkommen.

Für mich als offensichtlicher „Gutmensch“ ist das eine Qual. Zuviel Nähe, zu wenig Distanz. Ich menschel gerne vor mich hin und genieße den Austausch, aber auch ich habe Probleme, nicht für alles Lösungen und brauche starke Schultern um mich auszuweinen. Ich bin verplant, hibbelig und eigentlich sogar etwas introvertiert. Neben dem Job und Studium, stehen die Kinder und der Partner an erster Stelle. Da wird der Raum knapp für andere Projekte, Probleme und Lösungen. Gutmenschen sind nicht deshalb gut, weil sie etwas erwarten oder sich vom anderen zwangsläufig zurück wünschen, aber sobald man eigene Bedürfnisse äußert, fallen die meisten zornig und enttäuscht über sie her.

„Wie, du willst mir nicht helfen? Egoist!“ „Wo ist denn das Problem dir etwas Zeit für mich zu nehmen? Blöde Kuh!“ Usw.

Wer anderen gerne hilft und sich offen ihre Belange zu Gemüte führt, wird schnell als selbstverständlich verstanden und das von anderen gebaute Podest lässt tief fallen, wenn man als undankbar und arrogant wahrgenommen wird.

Gutmenschlich zu sein, bedeutet auch eine große Verantwortung zu übernehmen. Nicht immer freiwillig. Es bedeutet unantastbar und gleichzeitig sympathisch rüberzukommen. Authentisch muss dabei scheinbar niemand bleiben. Hauptsächlich geht es darum anderen ein Wohlgefühl zu verkaufen.

Ich rate mir selbst regelmäßig dazu andere vor den Kopf zu stoßen. Statt zu lächeln und allen das Gefühl zu geben ich schultere jede noch so große Herausforderung, zeige ich mich menschlich. Ich fluche, kratze mich, reiße schlechte Witze oder reagiere auch mal zickig. Ich weiß ja was ich kann, die Bestätigung der anderen brauche ich mir nicht mehr zu holen.