TRENDMOBIL

Gestern hätte mich beinahe ein SUV überfahren.

Im Grunde war es meine Schuld, denn ich war verträumt über die Straße gerannt und hatte mich und die Distanz zum anfahren den Auto vollkommen unterschätzt.

Heute überlegte ich, wie weit ich wohl geflogen wäre und fluchte innerlich über diese tonnenschweren Geschosse aus Metall und Protz.

Dabei entging mir natürlich nicht, dass seit des verheerenden Unfalls vor einigen Monaten ein bereits bestehendes Ärgernis sein Ventil fand. Stellvertreter. Ein Symbolakt. Obwohl das Sterben von Menschen niemals symbolisch für oder gegen eine Sache stehen sollte.

Ich ging also so durch die Berliner Straßen und bemerkte einen neuen Trend. Neben den SUV-Monstern standen sie. Die Wohnwagen. Reihenweise Wohnmobile und umfunktionierte Busse.

Vermutlich erstanden, um irgendwann am Wochenende oder den Ferien hinaus in die Freiheit zu fahren. Von Menschen die mal vom Lande kamen und denen es dort zwar zu eng wurde, hier aber die tatsächliche Enge so spürbar ist, dass nur noch Flucht nach vorne half.

So kaufen sich moderne GroßstadtneurotikerInnen also nun Wohnwagen und fahren manchmal zurück in die Heimat, manchmal stehen sie hier aber auch nur die Parkplätze voll.

Alles kein Ding, denke ich mir. Sieht ja auch nach Freiheit aus. Nach dem Gefühl sich was nettes gegönnt zu haben. Nach Urlaub und so.

Ich überlege dann aber, ob sich nicht in ein paar Jahren Panzer rechtfertigen ließen. Krieg ist omnipräsent. Da ginge doch noch was.

Und weil wir sowieso schon kaum von Luft, genauer Frischluft, in der Stadt reden können und der Lärm mich immer nervt, wünschte ich der Trend ginge endlich zum Fahrrad oder dem guten und lässigen, sehr freien und unabhängigigen „zu Fuß“.

Da wäre ich auch wieder voll dabei.

ZUGEZOGEN GRÖSSENWAHN

Als Berlinerin bin ich seit jeher mit Vorurteilen in Berührung gekommen. Da gibt es diese Vorstellung von einem Berliner Stadtbewohner, bei dem einem die Ohren schlackern.

Als ich fünfzehn war und in Hessen eine Dorfdisko in der Heimat meines Cousins betrat, bildete sich eine Traube Menschen um mich, die aufgeregt wissen wollten wie es in der Hauptstadt so zuginge. Mit diesem plötzlichen Ruhm und der Anerkennung konnte ich natürlich nicht umgehen, kam ich doch aus einem Randbezirk der mehr rechtsradikale MitbürgerInnen gesehen hatte, als der Rest Berlins beherbergte. Als Deutsche wuchs ich daher sehr behütet auf, im Rahmen dessen, was man aus solchen Gegenden behütet nennen kann.

Da war sie aber, die Frage nach wilden Erfahrungen und der Wunsch nach Dramen um die Stadt die angeblich nie schläft. Also vor der Erfindung der Spätis Anfang der Nuller-Jahre, gab es eigentlich wenig Grund zur Annahme Schlafmangels.

Auch wir hatten Schließzeiten, in einigen Bezirken noch heute und in manchen Ecken am Samstag schon mal gegen vierzehn Uhr. Bäcker die Sonntag ihre Brötchen nicht an den Mensch bringen wollen, weil ihnen dieser Tag heilig ist. Verständlich, auch der Berliner muss mal durchatmen.

Es sind eigentlich die Zugezogenen, die diese Stadt so beleben. Die den Lifestyle einer Metropole möglich gemacht haben. Mythen und Geschichten so weit das Auge blickt. Graue Geschichte und kalter Krieg auf der einen Seite und ewig flirrende Lichter auf der anderen. Irgendwas dazwischen ist sicher immer wahr und ganz viel in der Regel nur Maulheldengesang.

Wer einmal in seinem Leben in Berlin durch die Technoszene tanzte, hat genauso wenig verpasst, wie jemand der einmal in seinem Leben im Thaipark Kakerlaken gegessen hat. Wer sich wohl fühlt inmitten von Touristen in Kreuzberg oder die überteuerten Cocktails in Mitte genossen hat, wird weder das echte Berlin vom unechten unterscheiden, noch dem Wahrheitsgehalt auf der Spur sein, den diese Stadt längst gebrauchen könnte.

Denn je mehr Menschen sich von der Magie dieser Stadt angezogen fühlen, umso wahrscheinlicher ist, dass die Stadt zu einem riesigen Disneyland verkommt. Überall für jeden Geschmack etwas zu holen und sei es ein im Tiergarten eröffnetes Geschäft für Kuhglocken (muss man nicht gesehen haben) oder die Behauptung angekommen ist man, wenn der Bäcker sich an die Zutaten für den Lieblingskaffee erinnert oder der Türsteher vom Berghain erfürchtig zur Seite tritt.

Wie überall, haben all diese Leben nämlich eines gemeinsam: gekocht wird auch nur mit Wasser und einmal am Tag geht’s auf den Pott um zu scheißen.

Es wäre schön, wenn ich als Berlinerin keine Erwartungen mehr erfüllen müsste und wenn andere, ebenfalls UrberlinerInnen mit mir tatsächliche Geschichten teilen würden. Momente in denen wir uns wiedererkennen. Momente die wahrhaftig sind und nicht herangezüchtet von einem Außen, welches in uns ihr Unterhaltungsmedium sieht. Ich mache nicht mehr Männchen für überhöhte Erwartungen und ich kann mit Sicherheit eines sagen: diese Stadt ist allen BerlinerInnen schon immer Hass-Liebe Nummer eins gewesen. Der Kult ist euer Ding, nicht unser.

GROSSER PENIS FÜR ALLE!

Der neue SUV in der Innenstadt. Die Elektroroller an jeder Straßenkreuzung. Ein Smartphone in der Hand, eines ruhend in der Tasche und Technik unterm Arsch, die eines Tages drei Schrottplätze füllen könnte.

Wir rüsten auf. Fortschrittlich und der Zukunft zugewandt nennen wir es. Eine gute Marketing-Strategie würde ich es nennen. Wenn uns jemand vor fünfzehn Jahren noch sagte ein kleines Auto (Mini oder Smart) und ein kleines Handy (Nokia oder Samsung) seien die hitverdächtigen Produkte um sich als moderner Großstädter auszeichnen zu lassen, ist der Wunsch eben in dieser Generation Größe.

Jeder hat die technische Penisverlängerung parat, wenn es das Bankkonto hergibt. Wohin auch mit seinem Geld? Es lebt sich einfach besser, wenn jeder Dekadenz auch tatsächlich sehen kann. Wir rüsten uns für eine Zukunft auf, in der Stahlmäntel unser Panzer gegen das gefährliche Außen eintreten. Unser Handy ist längst keine Notwendigkeit mehr, um im Notfall mal eben jemanden anzurufen, niederschwellig erreichbar zu bleiben oder sich das leidige Suchen der Telefonzelle ersparen lässt. Es ist Spielzeug, permanente Ablenkung und Bespaßung und der Garant sich auf dem Weg zur Arbeit abzuschirmen. Niemand spricht mir den Sitzplatz im Bus ab, wenn ich wahnsinnig vertieft Spiegel online lese oder mir unterwegs gerade angestrengt via Amazon einen Smoothie Mixer bestelle.

Wohin führt uns diese Masche? Wohin führen uns diese Maschinen? Brauche ich tatsächlich alle paar Jahre umgerüstete technische Geräte, die noch drei Updates überstehen und dann ausgetauscht werden müssen? Werden die neuen Fahrkartenautomaten in der Tram tatsächlich so lange überleben, wie die alten? Was wenn ich kein Smartphone habe und mich der Technik verweigere, bin ich dann ebenfalls bald Geschichte?

Technik ist großartig und lässt uns Menschen unsere Hybris leben, zur Schau stellen und immer wieder Grenzen überwinden. Evolution am Modell. Technik ist aber auch Fluch. Extrem störanfällig. Verschleiß auf Raten. Kein Risiko, sondern Kalkül.

Während wir also fruchtig in unsere Bonzenkarre steigen und Kurzstrecke zum Aldi fahren, freut sich irgendwo ein anderes Bankkonto, ein Topmanager, ein großes Wirtschaftsunternehmen, über unser Geld, unsere Kurzsichtigkeit und unser getriggertes Belohnungssystem. Wie die Kinder bewegen wir uns durch unserer großes Disneyland und merken gar nicht wie leer wir innendrin eigentlich sind.

BERLINER UND BERLINERIN

Diese Liebeserklärung war längst überfällig! Berlingeborene vereinigt euch und bezieht Stellung zu all den Vorurteilen, Nachrufen auf vergangene Zeiten und dem Schmutz der uns anlastet.

Oder lasst es bleiben.

Denn was kümmert uns die Deutungshoheit irgendeiner Provinzzugezogenen, die Dörfler und Kinder ihrer reichen Eltern aus dem Süden oder Norden dieses Landes?

Wir sind rüde, haben sie gesagt. Berliner Schnauze gilt als Kompliment unter den Beleidigungen.

Unsere Straßen sind verstopft und dreckig. Die BVG immer zu spät und die Bahn erst gar nicht im Einsatz. Unsere Clubs ziehen Millionen in die Metropole. Studenten verweilen und gründen vor dem Absturz lieber eine Familie. Danach klagt es sich umso schöner von Szenebezirk zu Kurortgefühl.

Natürlich wollen auch wir Alteingesessene sanierte Wohnungen und niemand vermisst tatsächlich das Klo im Hinterhof. Teure Mieten und Verdrängung an den Stadtrand, lässt aber auch den sonst so coolen Berliner schwitzen.

Da wo andere sich in Höflichkeit spreizen, sagen wir was Sache ist. Keine falsche Scheu, kein Optimismus wo er nicht hingehört. Wir sind ein armes Volk. Wir ham nüscht und wir jebm och nüscht! Na ja, fast. Wir streuen altes Brot am Alex, den Tauben, unseren Ratten der Lüfte, entgegen. Geben Mal ne Mark und Mal drei Cent in die Portokasse unseres Stammbäckers und selbst die achte Bettlerin im U-Bahnhof kann uns nicht schrecken. Wir kommen von ganz unten und wissen wie sich das anfühlt.

Klar, auch wir sind Kinder von Einwanderern. Unsere Großeltern aus Polen, Sachsen oder dem Norden. Wir sind eine Suppe aus Arbeitern und Bauern. Im Westen sitzen wir neben Türken fünfter Generation und weigern uns sie Deutsche zu nennen. Wir wuchsen mit Russen und Vietnamesen auf, aber ihre Kulturen bleiben uns fremd. Berliner zu sein, verpflichtet zu einem dicken Fell. Ein dickes Fell will weder gestreichelt noch gezogen werden. Einfach nur existieren.

Wenn von Außen jemand kommt, reagieren wir mitunter Achsel zuckend. Was soll schon sein? Wieder ein See voller. Wieder eine Universität bis unters Dach gefüllt mit unterschiedlichen Dialekten und Ansichten. Wir leben ja hier kein Wunschkonzert.

Und so ist es an jedem Berliner, sich nicht so anzustellen, wenn in der Bahn alle nach Schweiß riechen, die Straßen verstopft sind und die Wohnung dreihundert Prozent teurer vermietet wird.

Unser Herz zeigt sich immer dann, wenn es um Akzeptanz des Unveränderlichen geht. Wir haben keinen Einfluss auf den Wandel. Wir laufen immer weiter, immer mit.

Manchmal, zum Trotz, weil Tante Erna keinen Platz im Altenheim findet oder die Kitas brechend voll sind, während in Westdeutschland noch viele Mütter zu Hause bleiben, wählt jemand die falsche Partei. Da wird sich kurz gerührt, wenn auch in die verkehrte Richtung.

BerlinerInnen kauen lieber Nägel, gewöhnen sich an die neue Form der Metamorphose und hoffen die dreckigen Parks und beschmierten Häuser schrecken ab. So wie früher, als alle ihre Söhne und Töchter vor dem Bahnhof Zoo warnten. Als Neukölln noch ein Garant für Bandenkriege war und der Prenzlauer Berg als Schimpfwort galt. Als Touristen kamen und wieder gingen. Als die Mundart noch klar abzugrenzen wusste woher du stammst. Als eine Identität noch nicht verwässert wurde und alle anderen akzeptierten, das ist die Heimat der Menschen die hier leben.

Berlin ist eine wunderbare Stadt, weil der Berliner sie so wunderbar sein lässt. Berührt von vielen. Geformt durch alle. Kein Moloch wie es so oft verächtlich heißt. Es ist ein Sammelbecken derer die unsichtbar bleiben wollen oder schillernd ans Licht treten. Für die,die Neues wagen oder die anderen, die ihr altes Leben loswerden müssen.

Berlin bedeutet Nächstenliebe. Eine Liebe die alle aufnimmt und jeden verschluckt. Eine Liebe, ein Gefühl, ein Leben.