ZWISCHEN WELTEN

Ein junges Mädchen, noch nicht ganz Frau, aber besonders noch nicht ganz Erwachsen, setzt sich auf die Straße mit einem Schild und streikt für ganze Generationen, gegen Klimawandel und Umweltkatastrophe.

Als der Mensch der ich bin, finde ich das groß. Ich empfinde Stolz und heimlich auch ein bisschen Schadenfreude. Sie macht das gut, authentisch und hartnäckig. Sie hat eine ganz neue Form der Streikkultur geschaffen, denn nun gehen nicht mehr nur Erwachsene auf die Straße für ihre Rechte, sondern fast doppelt so viele Kinder und Jugendliche.

Sie hat Menschen motiviert wieder über den Tellerrand zu sehen und sich mit ihrer Umwelt auseinander zu setzen. Sie muss weder Antworten liefern, noch Brücken bauen. Sie ist in der Lage Menschen den Spiegel vorzuhalten und Vorbilder zu hinterfragen. Dass denen diese Botschaften missfallen, ist nicht verwunderlich. Plötzlich ist ein Kind in der Lage sich lautstark Gehör zu verschaffen, jenseits der Quengelzone oder des Spielplatzes.

Als Pädagogin bin ich unsicher.

Ich sehe eine Jugendliche mit Ambitionen und messerscharfem Verstand. Ich sehe, dass sie ihre Eltern sicher nicht lange überzeugen musste und ihr eine Menge Freiraum bei der Durchführung ihrer riesigen Aufgabe gelassen wird. Ich sehe, dass sie nicht nach ihre Lebensjahren oder ihrer Schulbildung beurteilt wird, sondern ihren Taten und ihrer Überzeugung.

Ich sehe aber auch ein Kind. Einen Menschen der von Präsidenten öffentlich denunziert wird. Jemand der mehr Feinde als Freunde unter den Erwachsenen auf den Bühnen dieser Welt findet und jemand, der sich im Internet und vermutlich auch auf der Straße die schlimmsten Dinge anhören muss. Eine große Last. Eine eventuell niemals absehbare, traumatische Erfahrung. Eine Verselbstständigung, die ihre Eltern vermutlich so nicht kommen sahen.

Kinder und ihre Eltern treten in eine Art Machtkampf, wenn die Ansichten und Werte zu unterschiedlich sind. Es beginnt harmlos am Frühstückstisch und endet nervenaufreibend online. Wenn groteske Rundmails auf Facebook und Twitter verschickt werden, in denen Väter ihre Überlegenheit demonstrieren, weil sie ihr Kind so richtig vorführen konnten.

Greta konnte um all das nichts wissen. Selbst wenn, sie trägt keine Schuld. Es sind die Erwachsenen, die sich wie Idioten benehmen. Schlimmer noch, wie Unmenschen. Sie haben ihre Ideale vergessen und verleumden ihre Kindheit. Alles was übrig blieb, aus einer längst verdrängten Zeit, ist die Hörigkeit zum Elternhaus und der Gehorsam gegenüber den Großen.

Als Pädagogin wünschte ich, sie dürfte noch ein paar Jahre Kind sein. Ihre Eltern sollten an ihrer Stelle sitzen. All die Eltern da draußen, sollten ihre Arbeit niederlegen, für einen Streik auf die Straße gehen und protestieren. Eltern können sich verantwortlich zeigen und müssten ihren Kindern nicht mehr diesen Druck aufbürden die Welt zu retten, geschweige Feindbild für Konzerne und Präsidenten zu sein.

Eltern, legt doch jeden Freitag die Arbeit nieder. Drei Stunden auf die Straße und den Verkehr lahm legen, die Supermärkte schließen und die Computer runterfahren. Eure Kinder wären in vielfacher Hinsicht dankbar. Bisher sind sie unser Schild, Blitzableiter und unsere geheime Waffe.

Als Mutter und Pädagogin, beginne ich mich zu schämen. Für mich. Meine Generation. Uns Eltern. Wir sind auch die Zukunft. Teilen wir die Last und bündeln wir die Kräfte!

BIS HIERHIN UND WIE WEITER?

Eigentlich sollte ich längst schlafen. Ich bin seit halb fünf wach und hatte Frühdienst. Wie so oft frühstücke ich danach erst einmal und lese währenddessen ein paar Schlagzeilen auf dem Smartphone. Heute ließ mich die ein oder andere Überschrift nicht zur Ruhe kommen.

Noch immer schreiben Medien auf fahrlässige und provokante Weise ihre Texte über die FifF-Bewegung. Greta kommt dabei als kleines grünes Alien daher, die scheinbar von einem anderen Planeten in Mission unsere Kinder zu verführen, startete. Sie wird von vielen Vertretern älterer Generationen mit dem Ballast ihrer Zeit belegt. Sie alleine habe es scheinbar zu verantworten, wenn ganze Jugendgruppen durch Städte laufen, Transparente schwingend und mutig. Sie sei es auch, die plötzlich die Umwelt gefährde, weil eben jene Schülergruppen ja nichts mehr lernen würden, um beispielsweise später zu retten, was die Elterngeneration zerstört hat. Sie ist ebenso Verführerin der faulen, launischen und doppelmoralischen Generation Z.

Alles geschrieben und aufgedeckt von, dreimal darf man raten: Genau, alten Männern. Schade.

Als gestern ein Obdachloser, irritiert und ggf. auf Drogen, auf einer Hauptverkehrsstraße tanzte und die Autos nur mit lautem Gehupe reagierten, mühevoll an ihm vorbeifahrend. Da waren es drei Frauen, eine davon ich, die zur Straße rannten, auf ihn einredeten und die Polizei riefen. Die Feuerwehr, ebenfalls ein Herr am Telefon, verweigerte schonmal ganz ihr Kommen und die Polizei wirkte irritiert. Klar, lassen wir das Kind doch in den Brunnen fallen und ihn überfahren. Drei Straßen weiter standen schon seit einer halben Stunde drei Polizisten und schleppten eine widerrechtlich geparkte Vespa ab, aber ein Verkehrstoter mehr oder weniger, vor den Augen der Kinder? Was soll’s!

Es sind genau diese und viele weitere Beispiele die mir zeigen, Bequemlichkeit beginnt im öffentlichen Raum. Die Wahrnehmung der Menschen reicht von hier bis vor die eigene Brust. Alles andere geht keinen was an. Und wer sich in den Weg stellt, stört.

Es ist traurig die Menschen dabei zu beobachten sich gestört zu fühlen. Ihnen zusehen zu müssen, wie sie sich winden und immer neue Dinge einfallen lassen, um ihre eigene Bequemlichkeit aufrecht zu erhalten. Umweltschutz ist unbequem. Da muss man was machen. Da muss man reagieren und sich eventuell sogar verändern.

Natürlich machen wir alle die gleichen Fehler. Wir sind doch keine Roboter oder Maschinen. Auch ich kaufe noch nicht im Unverpacktladen ein oder verzichte auf tierische Produkte. Aber muss ich, müssen wir, denn stets perfekt agieren, während Menschen mit echter Handhabe sich querstellen? Sind es nicht die großen Wirtschaftsunternehmen, die den längeren Hebel umlegen sollten? Sind es nicht die Politik, der öffentliche Dienst und die Beamten, die man einmal dazu zwingen muss ihren Job zu machen? Vorbild zu sein. Ihrer Verfassung treu zu bleiben.

Als der Feuerwehrmann mich aus der Leitung pöbelte, schoben bereits zwei zierliche Frauen den Obdachlosen von der Straße. Raus aus der Gefahr und rein in die Menschlichkeit. Ich war wütend, weil jemand seine Arbeit nicht getan hatte. Ich war dankbar, weil andere diesen Job ohne nachzudenken übernommen haben. Greta und viele andere übernehmen unseren Job. Die Aufgabe unserer Eltern und Großeltern. Die Aufgabe der Politiker und Unternehmerinnen. Die Aufgabe aller vergangenen Generationen, die nichts auf die Kette bekamen. Und sie machen es bestmöglich. Nicht perfekt, aber mit dem Ziel für eine bessere Zukunft für alle. Vom Kind bis zum Obdachlosen.

Liebe Medien, liebe Besserwisser, liebe Menschen mit Einfluss: dies mag eine naive Idee sein und sogar ein naiver Text, aber er tut niemandem weh und ist nicht auf Schaden ausgerichtet. Könnt ihr das von eurem Gebärden ebenfalls behaupten?