DIE FRAGE NACH DEM WARUM

Ich lese gerne und viel. Online und offline nun auch wieder.

Momentan beschäftigen sich in meinem Umfeld viele Schreiberlinge mit dem Thema Behinderungen durch Feindiagnostik ausschließen-Warum unsere Gesellschaft sich eine gesunde und nichtbehinderte Familie wünscht.

Als Nichte einer schwerstbehinderten Tante, wuchs ich mit der Freude, dem Leid, den Sorgen und Problemen und der ganz normalen Bereicherung all jener Menschen auf, die es unter Vielfalt und Berücksichtigung von Diversität so geben sollte. Meine Tante brachte mir viel über das Leben mit Menschen bei. Die Abgründe und die Höhepunkte. Meine Großmutter jedoch führt diesen ewigen Kampf beinahe ihr Leben lang alleine. Sie sorgt, versorgt, gestaltet und hält die Stellung-finanziell, emotional und körperlich. So hat sie früh Unterstützung gesucht und meine Tante in eine Wohnstätte gebracht. Dort lebt sie seit ich denken kann und kommt zu Urlauben und an den Wochenenden zu Besuch.

Meine Oma ist bald achtzig. Sie hat sich ihr Leben sicher einmal anders vorgestellt. Ein Partner nach dem anderen ließ sie und ihre drei Kinder alleine. Sie musste sich beruflich in der DDR einschränken und vieles was sie an Lebenskraft einmal hatte, ist einer Grundunzufriedenheit und Angst gewichen. Angst um die eigene Tochter. Angst vor einer Gesellschaft die zunehmend wieder verroht. Angst finanziell niemals aufwenden zu können, was dieses ewige Kind, ihre Tochter auf dem geistigen Stand einer Zweijährigen aber so dringend braucht. Medikamente, Betreuung, Lebenssinn.

Hätte sie die Wahl gehabt, hätte sie auch in ihrem Sinne entschieden.

Ich selbst kam chronisch krank zur Welt.

Ich lag zwei Jahre im Krankenhaus und es sollten weitere zwanzig folgen, voller Schmerzen, Medikamente, Operationen und einer Zukunft in Ungewissheit. Ich musste kämpfen. Ich habe gelitten. Meine Mutter immer an meiner Seite. Mein Vater als Schattenfigur eine Randerscheinung.

Meine Mutter verlor ihre Energie, sie wurde wütend, sie war frustriert und doch gab sie mich nie auf. Wir hielten zusammen, aber unsere Beziehung blieb ungesund. Meine Abhängigkeit führte zu einem langen steinigen Weg der Abnabelung. Wir hatten verlernt ohne den anderen zu sein. Ich war längst kein hilfloses Kind mehr, aber sie hielt mich lange dafür. Ihre Sorgen wurden zu meinen. Wir waren Hypochonder. Jedes Zwicken ein Weltuntergang.

Als mein Kind die gleiche Erkrankung wie ich haben sollte, weinte ich wochenlang. Ich weinte um die Zukunft, um eine schmerzfreie Zeit, um Unabhängigkeit und Lebensfreude. Ich tat mir leid. Mein Kind tat mir leid. Es kam zum Glück nicht so heftig, aber ich wollte immer unbedingt gesunde Kinder. Kinder die nicht jedes Wochenende ins Krankenhaus müssen. Kinder die niemals leiden sollten. Kinder die ich nicht ein Leben lang versuche zu beschützen, sondern ihnen beibringen kann mutig die Welt zu erobern, frei von Medikamenten, ärztlicher Betreuung und dieser Abhängigkeit.

Natürlich ist es vollkommen normal in einer Gesellschaft Menschen anzutreffen die Behinderungen haben, krank sind oder eingeschränkter leben als andere. Die Gesellschaft muss sich dessen annehmen und damit einen soliden und sozialen Umgang finden. Nicht basierend auf Mitleid und in einer Selbstverständlichkeit die gefälligst mit der Muttermilch aufgesogen wird.

Leid und das ist nun einmal was viele, aber natürlich nicht alle, Behinderungen und Erkrankungen mit sich bringen, können wir jedoch nicht nehmen.

Wir können Schmerzen stillen, aber sie sind da. Wir können Trost geben, aber die Tränen wird es geben. Wir können ein Leben so angenehm wie möglich machen, aber uns nicht erdreisten dem anderen seine Qual abzusprechen.

Meine Tante ist seit ihrer Geburt gepeinigt von Schmerz und Krankheiten. Sie hat geistig nicht die Möglichkeit sich über ihre körperlichen Beschwerden auszudrücken. Oftmals kommt Hilfe dann zu spät. Ich konnte mich früh ausdrücken.

Ich lag mit einundzwanzig zum etwa sechsten Mal auf dem OP-Tisch. Als alles vorbei war, weinte ich wie ein Baby. Ich war es nicht gewohnt schmerzfrei zu leben. Ich hasste meinen Körper. Ich hasste diese Schmerzen und ich hasste dieses Leben. Heute bin ich stark. Heute bin ich freier. Hätte ich jedoch die Wahl meinen ungeborenen Kindern dieses Leben durch frühe Diagnostik zu ersparen, würde ich es wohl tun.

Ich weiß, wir glauben diese Menschen handeln egoistisch. Sie handeln in Sorge oder befremdend. Viele von ihnen handeln aber auch einfach menschlich. Sie sehen und sie reagieren empathisch, ohne benennen zu können was hakt.

Ich glaube, eine Gesellschaft muss beides zulassen. Menschen die sich für und Menschen die sich gegen eine Zukunft mit einer solchen Verantwortung entscheiden. Wir können Kinder abtreiben die keine Behinderung haben. Wir können Kinder abtreiben die eine Behinderung haben. Wir sollten nicht drängen und urteilen, sondern akzeptieren, dass es Eltern gibt die sich sorgen und ihrem Kind Sorgen ersparen wollen. Manchmal steckt einfach gar nichts anderes dahinter.

WEIT WEG VON

Morgens nachdem Aufstehen, brüllt mein jüngstes Kind mich an:“Ich will Trickfilme schauen!“. Grammatikalisch herausragende Leistung, aber inhaltlich und emotional sowas von daneben. Sechs Uhr früh an einem Freitag gibt es keine Trickfilme in unserem Haus. Da gibt es Kaffee für mich im Bad, während ich mich schminke und mit einem Ohr im Wohnzimmer hänge. Außerdem gibt es Frühstück, also genauer definiert, Joghurt für die Kinder in der Küche.

Der Tag beginnt fast immer gleich. Ich kümmere mich zuerst um die anderen, mache Betten, lüfte, Katze versorgen, Kinder versorgen und dann komme ich. Zwischen kaltem Milchkaffee und einer schnellen Dusche, so überhaupt möglich, endet der Morgen vor der Kita, wenn alle abgegeben sind und ich kurz durchatmen kann. Dann ist es fünf vor sieben.

Gestern kritisierte eine Dozentin das Verhalten und Nichtwissen über Kindererziehung bei Eltern. „Können die nicht lesen? Wollen die sich nicht informieren?“ und eine Kommilitonin ergänzte „Ja also wenn ich höre was die so zum Frühstück servieren….kein Obst am Morgen, geht ja gar nicht!“. Ich saß da, beschämt und wütend. Wir sind Studentinnen im fünften Semester Pädagogik und scheinen noch immer keinen Umgang mit diversen Lebensmodellen und Lebenswelten gefunden zu haben. Wir kritisieren ohne zu hinterfragen. Wir stellen uns über andere und begeben uns nicht auf Augenhöhe. Wir sind die Guten. Die anderen sind Schrott. Trash.

Ich hebe also meine Hand, hole tief Luft und berichte von mir. Klar. Erfahrungen gehen nicht über Theorien. Aber sie berühren und bei angeblich so empathischen Mitmenschen sollte es klappen.

Nein, meine Kinder essen morgens auch kein Obst. Sie essen für gewöhnlich gegen sechs Uhr gar nicht gerne. Nein, damit schließe ich nicht aus im Laufe des Tages Obst und Gemüse zu servieren. Wird dann auch bereitwillig am Nachmittag verspeist. Nein, nicht alle Eltern informieren sich vor Eintritt der Schwangerschaft über die Fallhöhe der Aufgaben. Sie werden wohlmöglich durch ältere Generationen zusätzlich mit dummen Informationen versorgt und sind dann überfordert.

Ja, auch ich kenne das. Obwohl ich mich für engagiert halte. Manchmal engagierter als andere. Fleißiger, bemühter, angestrengt. Was mich aber tatsächlich ausmachen könnte, ist meine Offenheit. Ich bin ehrlich, es ist schwer und es ist nicht alles perfekt.

Wer sich selbst nicht reflektieren will, es wohlmöglich sogar nicht kann, kann doch aber immernoch eines mit Bestimmtheit: Kinder bekommen. Wer sich in unserem Beruf nicht selbst reflektieren kann oder unter ständigem Vorurteilen arbeitet, gehört meiner Meinung nach dort dann aber ebenso wenig hin.

Die Krönung kam abschließend von selbiger Dozentin: sie sieht manchmal Pädagogen mit Kaffeetasse rumstehen.

Ach was. Sowas nennt man Pause und in der Regel haben wir diese nunmal leider nicht mittags. Danke für’s zuhören.

WARUM ICH MICH WIRKLICH MEHR ANSTRENGEN MUSS

Vor ein paar Tagen war ich in einer Ausstellung mit dem Titel „Fast Fashion“.

Dieses Thema beschäftigt mich bereits seit Jahren. Mein Umgang als einzelne Person mit Konsum, Mode und Umwelt sowie sozialer Verantwortung und der Umgang aller, also meiner Umwelt und der Gesellschaft in der ich lebe.

Nicht erst seit Greta und fff wissen wir hoffentlich, dass Schnelllebigkeit und Globalisierung eben auch Schattenseiten hat. Dass der Kauf mehrerer kurzlebiger Artikel sich am Ende irgendwo bezahlt macht, vielleicht nur eben nicht in meiner Brieftasche. Und natürlich sind sich auch viele Menschen bewusst, nicht alles was ich will, brauche ich auch.

Dennoch schien mir in den letzten Jahren das Shopping mehr Hobby als Nutzen zu haben. Eine Form der Selbstregulation, um mich zu erheitern, auszugleichen, meine Bedürfnisse die an anderer Stelle zu kurz kamen, zu befriedigen.

Amazon machte dann außerdem noch möglich, schneller und häufiger das Belohnungssystem zu aktivieren. Wieder ein neues Paket, wieder eine Ladung Schrott den keiner braucht, wohlmöglich sogar gratis über SpenderInnen aus dem www.

Ich schämte mich schon auch mal und erwog, wie lange ich es durchhielt frei von Nippes und neuester Mode meinen Alltag zu bestreiten. Fast hundert Tage immerhin. Ich reagierte mich in dieser Zeit anders ab und fand mein Seelenheil beim Kauf eines Lippenstifts oder Hygieneartikels. Ich füllte ganze Listen auf Amazon an und ließ sie ungekauft. Meist gefielen mir die Sachen auch bereits wenige Monate später gar nicht mehr und ich erkannte meinen Irrtum.

Diese Ausstellung jedoch half, mich nochmals zu begreifen, warum es so wie es ist nicht weitergehen kann. Nicht weitergehen wird.

Fabriken die einstürzen sind ja schon Grund genug. Menschen die sterben. Über tausende ArbeiterInnen waren es. Viele davon noch minderjährig.

Oder der Fakt, dass unsere Kleidung und die Produkte aus Übersee tatsächlich manchmal bis zu neun unterschiedliche Länder und Regionen gesehen haben, auch wenn nur eine, nämlich die letzte Station auf dem Etikett vermerkt wurde. Die CO2- Bilanz, eine Katastrophe!

Desweiteren der nicht schön zu redende Anreiz, dass bereits mehrfach der viertgrößte See weltweit ausgetrocknet war, weil die Nutzung für Fabriken der Umgebung, bei der Herstellung von Kleidung nicht unwesentlich ist. Wir sprechen von einer memschengemachten Umweltkatastrophe. Einer Tatsache beruhrend auf der Idee Kleidung zu produzieren. Mehr nicht. Kleidung.

Eine weitere Tatsache: die Menschen, insbesondere die Frauen, werden in diesen Fabriken unwürdig behandelt, geschändet und teilweise getötet. Die Regierung sieht weg, ja boykottiert sogar Streiks und lässt ArbeiterInnen unter unwürdigen Bedingungen für einen Lohn von umgerechnet 13 Cent pro Tag arbeiten. Wir reden von einer Arbeitszeit von fünf Uhr früh bis zweiundzwanzig Uhr abends. Schlaf finden viele Arbeiterinnen und ihre Kinder in Baracken neben der Fabrik. Fensterlose, ungepflegte Räume ohne Betten. Sie lagen aufeinander gestapelt im Raum, erschöpft und hungrig. Sich also rauszureden, wir würden diesen Menschen ja wenigstens Arbeitsplätze ermöglichen, ist blanker Hohn.

Ich sah Bilder von Toten. Sah Bilder von Verschwendung. Bilder von Leid. Frauen die zur Abtreibung gezwungen wurden, wenn die Leiter sie vergewaltigten. Frauen die Verträge abschließen mussten, sich fünf Jahre nicht schwängern zu lassen, damit sie arbeiten konnten. Kinder die nie eine Schule besucht hatten. Familien in vierter Generation im gleichen Betrieb schuften.

Ein Video blieb mir ebenfalls eindrücklich hängen. Unsere Kleidung ist nicht frei von Pestiziden. Alles muss beim Transport gespritzt werden. Selbst Baumwolle ist hochgradig verseucht und Krebs erregend. Aber schlimmer noch, der Umgang mit Tieren. Schafe die bei lebendigem Leib geschändet wurden. Wolle abgezogen, als sei es ein Heftpflaster. Leiber auf Müllhaufen. Tiere gequält und wir reden nicht von Pelzmode.

Natürlich ist es ein steiniger Weg zu einer gerechten Gesellschaft. Zu einer Verantwortung die alle betrifft, weil sie betroffen macht.

Zu oft lese ich noch: wer arm ist, der muss ja nun mal da und dort billig kaufen. Es mag stimmen. Billig und teuer unterscheiden sich aber nicht in der Produktion, es sei denn wir kaufen regional. Es sei denn wir unterstützen tatsächlich kleinere Labels. Je mehr wir in die Verantwortung treten, umso häufiger wird es wieder kleine Designer geben, die ihre Ware hier produzieren und ihre Stoffe in der Gegend erwerben. Die Recycling und Upcycling fest integrieren. Modeketten, die ihre Linien wieder zweimal im Jahr verändern und nicht zwölf Mal pro Monat.

Die Regierungen dieser Welt haben längst erkannt, wo ein Konsument, da eine Möglichkeit. Sie wirtschaften sich in die eigene Tasche und nehmen dabei große längerfristige Katastrophen in Kauf.

Der Markt ist voll mit Produkten die keiner mehr will. Längst gibt es Tauschbörsen, niederschwellige Angebote und Möglichkeiten sich online oder direkt einfach und günstig einzukleiden. Der Markt profitiert von der Anfrage der KäuferInnen und passt sich an.

Wer also noch immer sagt „mach ich nicht, denn ich kann es nicht“, macht es sich zu einfach. Es mag stimmen, einige Dinge werden eben nicht heute oder morgen lieferbar sein. Und es ist richtig, zunächst ist Qualität mit einem höheren Preis verbunden, aber auf Dauer lohnt sich der Ausstieg aus dem Konsumrad. Es werden wieder Ideen geboren, die es längst gab. Schneiderein, NäherInnen, echte Ware aus der Gegend. Davon profitieren wir hier und die armen Ländern anderswo. Wir schaffen eine Zukunft für alle und nicht nur für einzelne. Wir sind bereit uns wieder Zeit zu lassen und abzuwägen. Uns ein gutes Stück dann zu kaufen, wenn wir es uns leisten können und ein dringend gebrauchtes von einem kurzen Impuls zu unterscheiden. Wir werden wieder Zeit finden unsere Stunden besser zu füllen und aufhören uns mit anderen zu vergleichen, wegen Banalität, auf ordinäre Weise.

Wir müssen einen Anfang machen. Ich. Du. Wir.

OBDACH

Heute früh wurde ich geweckt mit einem kurzen Statement aus der Tagespresse. Ein obdachloser Mann hätte nun lebenslange Haft bekommen, für den versuchten Mord an einem Radfahrer. Erst einmal ein Schock, natürlich.

Dieser Mensch hatte ihm nichts getan und war ihm einfach zufällig in die Planung geraten. Dieser Mensch wird wohlmöglich für den Rest seines Lebens leiden, körperlich wie seelisch. Dieser Mensch und seine Angehörigen haben einen Schock erlitten, ohne wenn und aber.

Mein wenn und aber bezieht sich nicht auf das Opfer. Ein Opfer, welches ich nicht wegrede oder kleinschreibe.

Der Täter war ein obdachloser Mensch. War, weil er jetzt im Gefängnis sitzt. Er gab seine eigene Freiheit auf, um seinem Zustand der Obdachlosigkeit zu entkommen. Er beendete sein Leben und das für warme Mahlzeiten und ein Bett. Dafür nahm er in Kauf auch das Leben eines anderen zu beenden. Dass dies moralisch falsch ist, stellt keiner in Frage.

Wie verzweifelt Armut einen jedoch werden lässt, wie verbittert, wie ängstlich der eigene Tod oder der Gedanke daran, zeigt dieses Beispiel.

Wir sind noch lange weg von einem Recht auf Wohnen. Wir sind noch lange weg von der Freiwilligkeit der Obdachlosigkeit. Von einer Entscheidung, bewusst schon einmal gar nicht.

Da sind Menschen unter uns jeden Tag von Armut und schlimmer noch Obdachlosigkeit gepeinigt. Sie sitzen in der Kälte und trotzen dem Hunger. Sie sind die VerliererInnen unter den Gewinnern. Sie sind unsichtbar für die die sie nicht sehen wollen und machen sich nur selten sichtbar, für die die sich gestört fühlen.

Dazwischen gibt es wenig Mitgefühl. Wenige Taler sich von ihrem Leid freizukaufen. Mein Euro für mein besseres Gewissen.

In einem Sozialstaat gibt es sie tatsächlich. Und einer von ihnen kam auf die Idee das System zu brechen, indem er zurückschlug.

Das war falsch. Es war hinterhältig. Es war grausam. Es war menschlich.

Eines Tages werden wir uns damit auseinandersetzen müssen. Wieso Menschen grausame Taten begehen, um der Armut zu entkommen. Es ist so alt wie die Unterscheidung von Arm und Reich.

Noch immer sind wir Meister darin diese Schere zu übersehen und uns in Sicherheit zu fühlen.

Dabei ist Armut das schlüssigste Motiv.

HART ARBEITEN, KURZ LEBEN

Mir sind in meinem Leben häufiger Männer begegnet, als Frauen, die gerne und viel hart arbeiten und ihr Privatleben dafür hinten anstellen.

Nicht daß sie keine Freundschaften pflegen würden oder Beziehungen ablehnten, aber sie bleiben all dem seltsam fremd.

Ihnen gelingt es mühelos die ganze Nacht und Tage ihres Urlaubs, sogar Sonntag, wenn alle anderen Ausflüge unternehmen oder lange im Bett ruhen, das Handy und die Mails zu checken.

Sie sind erst dann wirklich glücklich, wenn ihre Arbeit erledigt ist und wie wir wissen ist sie dies nie.

Sie fühlen sich wohlmöglich gebraucht, aber vielleicht verstehen sie auch einfach tatsächlich mehr von ihrem Job, als von ihrem Privatleben.

Es ist schwer sich solchen Menschen nahe zu fühlen, weil man niemals an erster Stelle steht. Verheiratet mit der Arbeit- ein ziemlich zutreffender Spruch.

Wenn diese Menschen sich im Alter in die Rente begeben, so sie dies überhaupt vorhaben, blicken sie dann in eine leere Zukunft? Sind dann dort Menschen geblieben oder ihnen auf ihrem Weg alle abhanden gekommen?

Hatten sie je Zeit für Kinder? Konnten sie jemals so innig lieben und Liebe empfangen wie andere? Oder müssen sie stellvertretend neue Herausforderungen suchen, um diese Lücke zu füllen?

Ich liebe meine Arbeit ebenso. Ich gehe auf in dem was ich tue und fühle mich dazu inzwischen berufen.

Wenn ich jedoch wählen müsste (und ich bin froh es nicht zu müssen), würde ich mir doch immer Menschen an meiner Seite wünschen, mit denen ich alt werden kann. Freunde, Partner, Kinder und später Enkel. Ich möchte alles im Leben und nicht nur eine Möglichkeit haben. Karriere oder Familie zum Beispiel.

Es ist weitaus schwerer sich all das zu ermöglichen, so ist mir klar. Dennoch sollte mein Leben voller Liebe sein. Arbeit gibt einem keine echte Liebe zurück. Sie ist ein Katalysator für etwas. Leistung steht für Erfolg und Erfolg kann sich kurzzeitig wie Liebe anfühlen. Arbeit hat einen Nutzen. Ich verdiene Geld, bin sozial gebunden und verpflichte mich einer Sache. Ich lerne, wachse und gebe Erfahrungen weiter. All das ist aber auch im Zwischenmenschlichen möglich und nötig.

Wer sich niemals in einem Urlaub zurücklehnen konnte, den Dingen ihren Lauf lassen und dabei in die wunderbaren Augen seiner Mitmenschen geblickt hat, wird sich wohlmöglich später fragen, wann er am glücklichsten war.

Vielleicht ja tatsächlich am Schreibtisch.