DIE IRRATIONALE PROFILIERUNGS-SCHLAMPE

Jeder kennt mindestens eine Person, ob persönlich, besonders nahe oder eben nur aus der Ferne, die sich durch besondere Eigenschaften auszeichnet. Oder auszeichnen möchte.

Menschen die Wirkung erzielen wollen, komme was wolle. Sich von ihrem unbedingten Wunsch nach Zuwendung gerne in den Vordergrund drängen und auf ein selbstgebautes Podest heben, wenn andere es nicht tun.

Da wird nicht selten getrickst und gemogelt, an der Verpackung oder am Image. Je nach Mode kann der gute Geschmack schnell zur peinlichen Posse verkommen, aber für den Content muss man manchmal Blut lassen.

Eigentlich nicht verwerflich. Jeder lebt nach seiner Fasson. Es gibt für alle Töpfe einen Deckel, sagt der Volksmund und für alle Schreihälse ihre ZuhörerInnen.

Unangenehm sind solche Leute samt Gefolgschaft immer nur dann, wenn der ständig gelebte Widerspruch sich anfühlt wie die Fahrt mit der Achterbahn. Die neuen Ideen und die Verbreitung dieser wie Thesen einer Sekte, führen manchmal zu Schnappatmung und noch zu selten zu Kopfschmerzen. Wie sich diese Menschen dennoch immer wieder AbnehmerInnen heranziehen, ist mir schleierhaft.

Je steiler die Behauptungen eben solcher Leute, umso seltener werden sie infrage gestellt. Muss ja was dran sein, denn wer würde sich so weit aus dem Fenster lehnen? Na ja. So einige Mitmenschen neigen durch Übertreibungen dazu ihr Gesagtes auszuschmücken, ihm Glanz und Gloria zu verpassen und sich gleich noch mit dazu. Dabei sind das nichts anderes als Dramen. Oft nicht einmal den Tatsachen entsprechend, sondern nur als solche gut verkauft.

Es wird gelogen, gesponnen, verdreht oder sich mitunter verstrickt in kühnen Anekdoten. Dabei erfährt das Gegenüber nie was hier die wirkliche Intention ist, es sei denn man passt gut auf und hinterfragt. Denn unter all den Geschichten über schreckliche Ereignisse, die besten Erkenntnisse, schönsten Begegnungen oder schlimmsten Erfahrungen, steckt oft der unerbittliche Wunsch nach Aufmerksamkeit. Menschen die ihre Berufung verfehlt haben und statt SchauspielerIn zu werden nun in einem staubtrockenem Job festhängen, spielen sich oft derber auf als alle anderen.

Leicht zu enttarnen sind diese Leute übrigens gar nicht, indem man ihnen ihre Widersprüche um die Ohren haut (das macht sie nur noch wütender und lässt ihre Wahrheit bestätigt fühlen – alle sind gemein zu mir), sondern durch das simple sich selbst hinterfragen: hat die andere Person heute schon mal nach mir gefragt? Wurde ich in letzter Zeit angerufen um zu hören wie es mir geht? Ging das Gespräch ausnahmslos mal um mich? Hatte die andere Person nichts von mir und blieb dennoch an meiner Seite? Wie oft erzählt diese Person etwas und wie oft handelt sie tatsächlich nach ihren angepriesenen Werten und Moralvorstellungen?

Ganz schön viele Fragen, aber mitnichten schwer zu ergründen.

Wenn wir solchen toxischen Menschen begegnen, sind wir oft fasziniert von ihren Fähigkeiten uns in ihren Bann zu ziehen. Sie wirken stark, interessant und irrsinnig selbstsicher auf uns. Die Wahrheit ist, ohne uns wären diese Menschen nicht lebensfähig.

Unsere Aufmerksamkeit ist ihr Lebenselixier. Teilweise wird dann eben auch schon mal an so einem Lebensspender bis zum Umfallen gesaugt.

ZUGEZOGEN GRÖSSENWAHN

Als Berlinerin bin ich seit jeher mit Vorurteilen in Berührung gekommen. Da gibt es diese Vorstellung von einem Berliner Stadtbewohner, bei dem einem die Ohren schlackern.

Als ich fünfzehn war und in Hessen eine Dorfdisko in der Heimat meines Cousins betrat, bildete sich eine Traube Menschen um mich, die aufgeregt wissen wollten wie es in der Hauptstadt so zuginge. Mit diesem plötzlichen Ruhm und der Anerkennung konnte ich natürlich nicht umgehen, kam ich doch aus einem Randbezirk der mehr rechtsradikale MitbürgerInnen gesehen hatte, als der Rest Berlins beherbergte. Als Deutsche wuchs ich daher sehr behütet auf, im Rahmen dessen, was man aus solchen Gegenden behütet nennen kann.

Da war sie aber, die Frage nach wilden Erfahrungen und der Wunsch nach Dramen um die Stadt die angeblich nie schläft. Also vor der Erfindung der Spätis Anfang der Nuller-Jahre, gab es eigentlich wenig Grund zur Annahme Schlafmangels.

Auch wir hatten Schließzeiten, in einigen Bezirken noch heute und in manchen Ecken am Samstag schon mal gegen vierzehn Uhr. Bäcker die Sonntag ihre Brötchen nicht an den Mensch bringen wollen, weil ihnen dieser Tag heilig ist. Verständlich, auch der Berliner muss mal durchatmen.

Es sind eigentlich die Zugezogenen, die diese Stadt so beleben. Die den Lifestyle einer Metropole möglich gemacht haben. Mythen und Geschichten so weit das Auge blickt. Graue Geschichte und kalter Krieg auf der einen Seite und ewig flirrende Lichter auf der anderen. Irgendwas dazwischen ist sicher immer wahr und ganz viel in der Regel nur Maulheldengesang.

Wer einmal in seinem Leben in Berlin durch die Technoszene tanzte, hat genauso wenig verpasst, wie jemand der einmal in seinem Leben im Thaipark Kakerlaken gegessen hat. Wer sich wohl fühlt inmitten von Touristen in Kreuzberg oder die überteuerten Cocktails in Mitte genossen hat, wird weder das echte Berlin vom unechten unterscheiden, noch dem Wahrheitsgehalt auf der Spur sein, den diese Stadt längst gebrauchen könnte.

Denn je mehr Menschen sich von der Magie dieser Stadt angezogen fühlen, umso wahrscheinlicher ist, dass die Stadt zu einem riesigen Disneyland verkommt. Überall für jeden Geschmack etwas zu holen und sei es ein im Tiergarten eröffnetes Geschäft für Kuhglocken (muss man nicht gesehen haben) oder die Behauptung angekommen ist man, wenn der Bäcker sich an die Zutaten für den Lieblingskaffee erinnert oder der Türsteher vom Berghain erfürchtig zur Seite tritt.

Wie überall, haben all diese Leben nämlich eines gemeinsam: gekocht wird auch nur mit Wasser und einmal am Tag geht’s auf den Pott um zu scheißen.

Es wäre schön, wenn ich als Berlinerin keine Erwartungen mehr erfüllen müsste und wenn andere, ebenfalls UrberlinerInnen mit mir tatsächliche Geschichten teilen würden. Momente in denen wir uns wiedererkennen. Momente die wahrhaftig sind und nicht herangezüchtet von einem Außen, welches in uns ihr Unterhaltungsmedium sieht. Ich mache nicht mehr Männchen für überhöhte Erwartungen und ich kann mit Sicherheit eines sagen: diese Stadt ist allen BerlinerInnen schon immer Hass-Liebe Nummer eins gewesen. Der Kult ist euer Ding, nicht unser.

SCHÖNHEIT VS REALITÄT

In Hollywood hatte man es sich zur Gewohnheit gemacht, uns nur die schönen Geschichten zu erzählen. So wurde aus dem eigentlich traurigen Film Pretty Woman, über eine Prostituierte die später verschmäht den Drogentod stirbt, eine Richard Gere gerettete Liebe, die in die Popkulturgeschichte einging. Frauen wurde erst als sie den Kinderschuhen entwachsen waren, klar, dass sie vermutlich niemals so viel Glück haben würden und schlimmer noch, die harte Realität sehr viel intensiver und häufiger zuschlug, als in 90 Minuten Spielfilm unterbringbar.

Da saßen wir also. Hollywood hatte uns das lieben gelehrt und nun wollte unser wahres Leben all das wieder wegnehmen.

Wir mögen Anfang zwanzig noch vereinzelt von Freundinnen hören, ihren Cousinen dritten Grades sei ja auch die ganz große Liebe, mit Hausbau am Strand und sorgenloser Zukunft begegnet, aber bereits mit Mitte dreißig sind wieder alle geschieden und die Sorgenfalten um Mundwinkel und Nasenwurzel enttäuschend tief.

Was aber können wir mit Sicherheit noch über die Liebe und unsere Chance diese zu erfahren, sagen? Enden wir mir dreiundsechzig als einsame Singles in einem Mehrfamilienhaus und zählen unsere Füße oder leben wir in der Großstadt inmitten vieler Menschen, von denen wenigstens ein paar unsere Freunde geworden sind? Es gibt schlechtere Lebensabende. Aber auch schönere Geschichten.

Hier möchte ich also die eine Geschichte hochhalten, die viel häufiger erzählt werden sollte.

Von einem Freund trennten sich die Eltern. Soweit nicht ungewöhnlich und natürlich auch irgendwie schade. Beide Kinder waren da längst aus dem Haus und hatten ihren Eltern nichts nachgetragen. Die Eltern hatten sich sogar beide fast zeitgleich in andere Menschen verliebt, was dann eben zwangsläufig zur Trennung führte. Niemand war einander böse.

Während wir an dieser Stelle denken mögen“Trotzdem, so eine lange Ehe aufgeben und wofür? Die Sekretärin?“, wird die Geschichte uns gleich Lügen strafen. Es gibt hier nämlich keinen Bösen. Nur gut.

Die Mutter zog nach Italien. Ihre Liebe zerbrach zwar nach wenigen Jahren, aber der Mann der darauf kam, blieb es und sie wurde sehr glücklich. Ein Haus im Süden, ein Neuanfang und die Liebe.

Ihr Exmann unterdessen, hatte sich der neuen Frau voll und ganz verschrieben. Sich und ihrer sechs mitgebrachten Kinder. Davon noch mindestens drei im Haus, zwei im feinsten Teenageralter. Sie mochten nicht nur eine große Familie sein, nein, ihre Historie war auch dermaßen verzwackt, dass der Vater beschloss, auf Wunsch der ältesten Kinder, diese zu adoptieren. Jahrelang kämpfte er an ihrer Seite für ihre Rechte, gegen einen Vater der keiner sein konnte und blieb nicht nur, er steuerte geradewegs darauf zu.

Als ich dieser Familie begegnete, war ich gerade eineinhalb Jahre Alleinerziehende und zarte 23. Ich war überwältigt von der Wärme im Haus. Von der Nähe zueinander und der fröhlichen Stimmung. Sie alle mochten sich, wirkten befreit und glücklich. Immer lachte irgendwann jemand und immer sah ich ihn und seine Frau lächeln. Mir tat das Herz weh, nicht zu wissen, ob mir solch ein Glück auch jemals beschert würde.

Von nun an aber glaubte ich genau daran. Eines Tages ist da dieser eine Mensch, der meine Kinder und mich niemals als Hindernis begreift, sondern als Zugewinn. Als etwas, was sich nur so richtig anfühlen wird und Freude über all unsere Leben bringt.

Warum ich das erzähle?

Hollywood mag uns geblendet haben und die Realität dann bitter eingeholt. Uns nun aber nur noch Horrorgeschichten über Scheidungen, Betrug, Tinder und Einsamkeit erzählen? Ich glaube nicht.

ZWISCHEN WELTEN

Ein junges Mädchen, noch nicht ganz Frau, aber besonders noch nicht ganz Erwachsen, setzt sich auf die Straße mit einem Schild und streikt für ganze Generationen, gegen Klimawandel und Umweltkatastrophe.

Als der Mensch der ich bin, finde ich das groß. Ich empfinde Stolz und heimlich auch ein bisschen Schadenfreude. Sie macht das gut, authentisch und hartnäckig. Sie hat eine ganz neue Form der Streikkultur geschaffen, denn nun gehen nicht mehr nur Erwachsene auf die Straße für ihre Rechte, sondern fast doppelt so viele Kinder und Jugendliche.

Sie hat Menschen motiviert wieder über den Tellerrand zu sehen und sich mit ihrer Umwelt auseinander zu setzen. Sie muss weder Antworten liefern, noch Brücken bauen. Sie ist in der Lage Menschen den Spiegel vorzuhalten und Vorbilder zu hinterfragen. Dass denen diese Botschaften missfallen, ist nicht verwunderlich. Plötzlich ist ein Kind in der Lage sich lautstark Gehör zu verschaffen, jenseits der Quengelzone oder des Spielplatzes.

Als Pädagogin bin ich unsicher.

Ich sehe eine Jugendliche mit Ambitionen und messerscharfem Verstand. Ich sehe, dass sie ihre Eltern sicher nicht lange überzeugen musste und ihr eine Menge Freiraum bei der Durchführung ihrer riesigen Aufgabe gelassen wird. Ich sehe, dass sie nicht nach ihre Lebensjahren oder ihrer Schulbildung beurteilt wird, sondern ihren Taten und ihrer Überzeugung.

Ich sehe aber auch ein Kind. Einen Menschen der von Präsidenten öffentlich denunziert wird. Jemand der mehr Feinde als Freunde unter den Erwachsenen auf den Bühnen dieser Welt findet und jemand, der sich im Internet und vermutlich auch auf der Straße die schlimmsten Dinge anhören muss. Eine große Last. Eine eventuell niemals absehbare, traumatische Erfahrung. Eine Verselbstständigung, die ihre Eltern vermutlich so nicht kommen sahen.

Kinder und ihre Eltern treten in eine Art Machtkampf, wenn die Ansichten und Werte zu unterschiedlich sind. Es beginnt harmlos am Frühstückstisch und endet nervenaufreibend online. Wenn groteske Rundmails auf Facebook und Twitter verschickt werden, in denen Väter ihre Überlegenheit demonstrieren, weil sie ihr Kind so richtig vorführen konnten.

Greta konnte um all das nichts wissen. Selbst wenn, sie trägt keine Schuld. Es sind die Erwachsenen, die sich wie Idioten benehmen. Schlimmer noch, wie Unmenschen. Sie haben ihre Ideale vergessen und verleumden ihre Kindheit. Alles was übrig blieb, aus einer längst verdrängten Zeit, ist die Hörigkeit zum Elternhaus und der Gehorsam gegenüber den Großen.

Als Pädagogin wünschte ich, sie dürfte noch ein paar Jahre Kind sein. Ihre Eltern sollten an ihrer Stelle sitzen. All die Eltern da draußen, sollten ihre Arbeit niederlegen, für einen Streik auf die Straße gehen und protestieren. Eltern können sich verantwortlich zeigen und müssten ihren Kindern nicht mehr diesen Druck aufbürden die Welt zu retten, geschweige Feindbild für Konzerne und Präsidenten zu sein.

Eltern, legt doch jeden Freitag die Arbeit nieder. Drei Stunden auf die Straße und den Verkehr lahm legen, die Supermärkte schließen und die Computer runterfahren. Eure Kinder wären in vielfacher Hinsicht dankbar. Bisher sind sie unser Schild, Blitzableiter und unsere geheime Waffe.

Als Mutter und Pädagogin, beginne ich mich zu schämen. Für mich. Meine Generation. Uns Eltern. Wir sind auch die Zukunft. Teilen wir die Last und bündeln wir die Kräfte!

ALLE MACHEN FEHLER, ALLE MACHEN FEHLER…

…keiner ist ein Superman.“, sangen Rolf und meine Schulklasse heute um die Wette. „Ja, verdammt!“, dachte ich daraufhin und behielt den Ohrwurm noch stundenlang bei.

Leider ist es doch aber eine Tatsache, unsere Fehlerkultur halten wir Deutschen in Ehren. Oder sollte ich sagen sauber? Fehler werden immer nur von anderen gemacht und es ist an uns diese dann genüsslich unter die Nase zu reiben. Je nachdem wie sympathisch uns der andere ist, verpacken wir die Hiobsbotschaft dann diplomatisch oder auch nicht. Und wenn uns jemand in der Hierarchie überragt, neigen wir auch gerne dazu hinter dem Rücken zu lästern, aber ins Gesicht würden wir unserem Chef oder unserer Vorgesetzen wohl höchstens kleinlaut sagen was schief lief.

Tragisch bleibt es dennoch. Da sind Menschen und die machen seit jeher Fehler und wir verändern uns ständig, sind in einem Prozess, niemals starr. Wieso also werden Fehler oder scheinbare Missstände permanent auf das strengste abgemahnt, während es schwer fällt ein Lob zu verteilen oder Anerkennung zu zollen? Ist es uns nicht möglich die Fehler der anderen zu akzeptieren, weil wir bereits von klein auf selbst ermahnt, bestraft oder verhöhnt wurden? Galt uns keine Gerechtigkeit, können wir ebenso wenig über unseren Schatten springen? Oder macht es uns Freude dem anderen immer und immer wieder zu zeigen wie unfähig er wirkt?

Fehlerkultur muss Fehler erst einmal zulassen. Fehler dürfen auch von selbst erkannt werden. Fehler müssen reflektierbar sein und sowas geschieht vorallem in Ruhe und aus eigener Motivation. Natürlich hilft es, wenn jemand sagt „Deine Lösung ist so nicht korrekt.“, sollte der andere sich komplett vergaloppiert haben. Jemandem aber sofort ein schlechtes Gewissen zu machen, anzuprangern und mit dem Finger deutlich auf ihn zu zeigen, führt nicht selten zum genauen Gegenteil.

Heute wurde ein Mädchen aus einer Klasse darauf hingewiesen, sie hätte etwas falsch gemacht. Mehrfach riefen die umstehenden Jungs „Du hast noch was vergessen! So geht das nicht!“. Sie blieb stumm und rührte sich nicht. Dann holte sie Luft und sagte:“Ich weiß das jetzt, aber so lange ihr auf mich einredet, mache ich jetzt erst Recht nichts mehr!“. Genauso funktioniert unsere Welt. Wer droht auf den Scheiterhaufen geworfen zu werden, wird sich eine Strategie zulegen, um sich zu schützen. Manche ignorieren die lauten Rufe und einige brüllen noch lauter zurück.

Lasst Fehler zu. Korrigiert, wenn es sein muss. Aber so, wie ihr selbst behandelt werden wollt. Respektvoll, menschlich und um Himmels Willen nicht für jeden Pups.