DER UNSINN DEINES LEBENS

Gelegentlich wache ich auf, manchmal mitten in der Nacht, ab und an aus einem Mittagschlaf, mich fragend welchen Sinn das eigene Leben hat und ob es so wie es vor sich hinplätschert, nicht eine einzige Vergeudung ist.

Ausgelöst haben solche Gedanken dann zumeist andere, mir sehr nahestehende Personen, die gar nichts ob dieser Bürde wissen.

Wenn mir der Partner zum Beispiel erzählt, sein liebstes Gut sei die Freiheit und dem inbegriffen insbesondere das Reisen. Reisen mache schließlich frei, erweitere den Horizont und ermögliche ein ereignisreiches Leben.

Ich schaue dann auf mein Leben, zwischen Arbeit und Kindern, Studium und dem immer gleichen Alltag. Natürlich fahren wir weg, erleben etwas, gehen aus, treffen interessante Menschen und können uns nicht über Langweile beklagen, aber Reisen, tja. Fragt man eine Alleinerziehende, die nicht zufällig große Karriere gemacht hat, ob sie häufig dazu kommt zu reisen, wird die Antwort simpel „Nein“ lauten. Wir müssen doch jeden Euro dreimal umdrehen und sparen höchstens für Inlandtrips und eine neue Waschmaschine. Ausnahmen gibt es selbstredend immer wieder.

Wenn mir dann jemand erzählt, der Sinn des Lebens sei die Liebe. Gründung einer Familie, Ehe und die Kinder gemeinsam groß zu ziehen, muss ich wieder schlucken. Dieser Hafen ist mir schuldig geblieben. Da ist die Liebe, aber sie sehnt sich nicht nach dem Haus am Stadtrand, dem Blick auf die gemeinsame Zukunft und Enkelkindern, so viele wie Muscheln im Meer.

Was also bleibt, wenn die wenigen Träume die wir Menschen haben, nicht erfüllbar sind? Ist das Leben dann wertlos? Lohnen sich weitere fünfzig Jahre oder gibt es den Punkt, an dem man nur noch Tag für Tag weitermacht, sich möglichst nicht von anderen runterziehen lässt, bei der Beobachtung ihrer Wunschvorstellungen?

Hilft es, kleinere Schlösser zu bauen? Sich Ziele zu setzen, die anderen nichtig und klein erscheinen, aber nun einmal realisierbar sind? Ist es sinnvoll den Sinn des Lebens im leben des Lebens zu begreifen und sich von höherem fernzuhalten?

Mein Vater wollte drei Wochen durch Spanien reisen. Ein Jahr bereitete er sich darauf vor. Lernte Spanisch, sparte Geld, informierte sich über mögliche Ziele. Er kam eine Woche eher zurück. Es sei wunderschön gewesen. So schön zuletzt, es hätte nicht mehr schöner an einem anderen Ort sein können. Warum er dann nicht eben noch dort geblieben sei, fragten wir ihn. Wegen der Einsamkeit, sagte er. Er hatte abends niemandem mit dem er seine Erlebnisse hatte teilen können. Keinen Austausch bei einem Bier. Kein Miteinander, immer nur er.

Mein liebster Sinn wurde mir genommen, zumindest für diesen Augenblick. Er ist unerreichbar, weil er jemand anderen einschließt. Dieser andere sieht seinen Sinn woanders.

Manchmal wache ich auf und möchte wieder einschlafen. Manchmal wache ich auf und wünsche meinen Kindern niemals das Träumen aufzuhören.

GESTEIGERTES MITTEILUNGSBEDÜRFNIS ODER AUCH: DIE MÜDIGKEITSBLÖDHEIT

Morgens in den Frühdienst zu taumeln, hat sich abgenutzt. Anfangs war ich aufgeregt. Ganz alleine in einem Gebäude darauf wartend, dass mal jemand kommt. Kollegen, Kinder, Eltern. Jetzt bin ich müde, trete von einem Fuß auf den anderen und überlegte auf dem Hinweg, wen ich um die sportliche Uhrzeit von 05:35 Uhr anrufen könne, damit mir die ersten Minuten Weg und das Betreten des Hauses nicht so gespenstisch vorkämen.

Natürlich habe ich niemanden angerufen. Natürlich habe ich, wie jeder hippe Typ meiner Generation stattdessen Sprachnachrichten verschickt. Teils ohne Sinn und Verstand und sicher auch ein paar die längst überfällig waren.

Im Gebäude angekommen, fragte ich mich wieso ich immer so einen großen Drang habe mich auszutauschen? Insbesondere die Worte aus meinem Mund fließen zu lassen.

Versteht mich nicht falsch, ich höre gerne und ausdauernd zu, wenn ich ehrlich bin, ist mir das was ich so denke, aber sehr wichtig auszusprechen. Da blubbert es dann aus mir heraus und manchmal reicht das schon, ohne Feedback, ohne Wertung. Natürlich ist eine Rückmeldung immer von Vorteil. Um sich zu reflektieren und auch mal einem anderen Gedankengang zu folgen, als ausschließlich dem eigenen.

Wenn ich das Internet so betrachte, all diese Blogs, die Kanäle, die Möglichkeiten, scheine ich damit ja nicht alleine zu sein. Wieso diese auf Masse produzierten Gedanken?

Über sich und seine Umwelt nachzudenken, ist ja erstmal nicht verkehrt. Sich und seinem Kopf aber wenig Raum für Ruhe zu geben, ist ein großes Problem (unserer Zeit?).

Da wird gesabbelt, gegrübelt, laut und leise gedacht. Nichts für das Tagebuch, alles für die Öffentlichkeit. So öffentlich wie irgend möglich. Wer wenig Freunde hat oder keine Therapeutin, nutzt sicher häufiger diese Form der Psychohygiene.

Ich habe beides. Dennoch ist der Vorrat an Gedanken unerschöpflich. Manchmal drehen sie sich im Kreis und um dieselbe Problematik, aber im Grunde könnten sie in alle Richtungen flitzen. Natürlich, Quantenphysik ist nicht mein Steckenpferd und wer mich fragt wie die Fruchtfliegen sich vermehren, wird nur ein müdes Schulterzucken ernten. Alles in allem arbeitet mein Gehirn und das der anderen scheinbar dennoch auf Hochtouren.

War das immer so? Ist das ein Ding unserer Zeit und Generation? Sind wir alle eine Reinkarnation von Schillers und Goethes?

Noch vor Jahren waren mir meine geschwätzigen Freundinnen jedenfalls zu viel. Ich bekam Kopfschmerzen, wenn sie stundenlang erzählten. Meist blieb ich stumm. Meine Tagebücher waren vollgemalt, aber Inhalt fand man wenig. Erst mit Facebook und Co. begann der Wunsch nach stetigem Austausch, nach schlagfertigen Reaktionen, nach Diskussionen und Provokation.

Ich stelle mir meinen Kopf wie einen Bienenstock vor. Oder wie einen Computer. Etwas in dem es surrt und brummt. Etwas in dem sich ständig alles vernetzt und es heiß läuft.

Wenn das schon immer so war, so fällt es mir doch erst heute auf. Morgens um sechs im Frühdienst.

MENSCH VON INTERESSE

Eigentlich dachte ich immer ein sehr interessierter Mensch zu sein. Lust auf Kunst und Kultur zu haben, mich gerne mit Geschichte und Politik zu beschäftigen und für meine Mitmenschen ein offenes Ohr zu haben.

Dies ist aber tatsächlich nur die halbe Wahrheit.

Die Realität sieht anders aus.

So rausche ich hauptsächlich deshalb über Flohmärkte und durch Ausstellungen, um mich intellektuell und interessiert zu fühlen. Um etwas von dem zu bekommen, was andere Bildung und Weltoffenheit nennen. Dabei die Faszination auszustrahlen, die anderen ins Gesicht geschrieben steht. Aber sind sie es denn auch wirklich? Fasziniert? Ist das ganze Gerede echt?

Ich stehe dem sehr kritisch gegenüber. Meiner Beobachtung nach, hetzen wir durch unsere Reiseziele, lang gehegte und angesparte Urlaube, in exotischen Orten zum Beispiel und alles was wir dort tun, ist Posing. Unsere Generation verkommt zu Mitteilern. Alle sollen teilhaben an meiner ach so spannenden Sicht auf die Dinge, meiner kultivierten Person, meinem Stil und meinen guten Entscheidungen. Hier bin ich, damit andere mich anerkennen. Mich bewundern. Da wird dann das kalte London zum hippsten Urlaubsort, obwohl die LondonerInnen bestätigen Berlin sei viel hipper und kälter. Da fahre ich Meilen in ein kenianisches Dorf, um Waisen zu helfen, für ein gutes Gefühl einmal im Jahr etwas getan zu haben und im Lebenslauf statt einer Lücke, eine Brücke zu schlagen. Von meinem Ego zu dem meines Chefs („tolle Person, wenn ich sie einstelle, wertet das die ganze Moral unseres Teams auf!“).

Habe ich wirklich jemals versucht jemandem zuzuhören oder war mein Interesse nur groß, weil sich das Gesagte nach Tratsch, nach Gossip, nach Drama anhörte? Haben sich dann meine Nackenmuskeln angespannt, hat sich mein Puls beschleunigt und ich war selig, ob der Spannung in der Luft?

War ich wirklich interessiert und war mein Gegenüber nur interessant, weil es etwas erzählen konnte, was meinen Speicher an Sensationslust aufgefüllt hat?

Viele Menschen denken, Unterhaltung sei der wahrlich einzige Lebensinhalt. Sie schauen Filme, gehen tanzen, reisen, verlieben und trennen sich. Sie produzieren ihre eigene Serie. Bestehend aus Ereignissen für andere. Etwas, um es später den Enkeln erzählen zu können oder eben heute der ganzen Twitter-Gemeinde. Etwas, um sich gesehen zu fühlen, aus der Masse herauszustechen.

Habe ich mich wirklich jemals für etwas begeistert, was anderen egal war? Nicht in dieser Anti-Haltung: ich gegen den Rest der Welt. Sondern für mich, ohne es mit anderen teilen zu wollen. Habe ich jemals jemandem zugehört, wenn derjenige einfach von seinem langweilen Leben berichtete und wenn nicht, wieso nicht? War ich in Gedanken bei ihm oder war ich längst im nächsten Abenteuer? Brauchen wir ständig Entertainment?

Wir Menschen sind schon merkwürdig.

DARF ICH?

Sein so wie ich bin und wenn ja, wie bin ich denn?

Mancher Mann wird sich fragen, ob er denn tatsächlich nicht zu vielen Ansprüchen genügen muss. Im Beruf, auf der Straße, in einer Beziehung. Mancher Mann sitzt sicher auch mal zu Hause oder auf dem Klo und denkt darüber nach, wie er es besser machen könnte. Mancher Mann schaut sicher in den Spiegel und überlegt angestrengt, ob das T-Shirt ihn dick aussehen lässt oder er darin heute ggf. sexuell belästigt wird. Er wird sich fragen, ob er abends noch eine Wäsche wäscht oder lieber kurz bevor er die Kids zur Kita fährt.

In der Realität und breiten Masse, trifft all das nicht auf manchen Mann, sondern jede Frau zu. Sie grübeln, kalkulieren, probieren und strengen sich an. Arbeit und Kinder unter einen Hut? Kein Problem. Den eigenen Körper trimmen, perfektionieren oder wenigsten kaschieren, klaro. Sich in einer Gesellschaft so bewegen, dass der Spagat zwischen Auffallen und unsichtbar Werden gelingt, bitte gerne.

Wenn Männer von heute in eine Beziehung gehen, versprechen sie der Angebeteten alles und nichts. Gerade so viel, um etwas zu bewirken, aber mit einer Hintertür so groß wie ein Scheunentor. Und wenn die Dame ihrer Wahl angebissen hat, gehen die Forderungen los.

Lass mich sein so wie ich bin. Ich mag drei Stunden me time pro Tag, zwei freie Wochenenden im Monat, abends Fußball schauen oder Videospiele zocken, mich mit Freunden und Frauen treffen, Sex haben wann immer mir danach ist, mit einer rasierten Frau oder vintage, falls es mir gefällt und bitte trag auch an kalten Tagen den Minirock. Aber hey, Kinder kann ich auch noch mit 60 bekommen, denn mein Sperma ist Goldstaub und meine Falten ziehen noch bei Mädchen um die 19.

Frauen können sich glücklich schätzen, wenn unter dem Anforderungskatalog für Fortgeschrittene noch Platz für ihre Wünsche und Bedürfnisse bleibt. Warum sie sich das überhaupt an tun? Na weil’s so beigebracht wurde.

Als wir mit 16 einfach kein geeignetes Material zum knutschen und quatschen fanden, griffen wir auf die Jungs der Uni zurück. Sie wirkten reif und erfahren. Was wir nicht merkten: keine Frau um die 20 sah das ähnlich. Die hingegen orientierten sich nach oben zu Männern Ende zwanzig oder älter und die mussten das Gefühl haben, ihnen stünde die Welt der Jugend offen. Nee meine Herren, weil ihr später dran seid, eure Mutter euch einfach zu spät aus dem Nest geschubst hat und ihr gar nicht wisst wie es ist mir einer gleichaltrigen Dame zu kommunizieren, wird sich nach unten umgesehen. Das ist erstmal auch okay und für beide Parteien eine win-win-Situation, aber im Grunde auch ein Armutszeugnis.

Während Frauen im Schnitt früher das Elternhaus verlassen und heute mindestens genauso leicht Löcher bohren, Waschmaschinen anschließen und Geld verdienen können, sind Männer ewige Studenten, unfertige Wesen, die auch nicht vor haben erwachsen zu werden.

Hey Mädels, das Leben ist kurz. Richtig. Und es wird kürzer auf unsere Kosten. Wenn ich mir mit 30 einen Mann suchen muss der 45 ist, weil der eventuell etwas ruhiger, entspannter und ggf. angekommen ist, habe ich vermutlich das große Pech, dass aus irgendeinem Grund auch bei dem was nicht gerade lief. Vielleicht schon dreimal verheiratet und fünf Kinder? Vielleicht schon zehn Hamster vor mir gedatet? Vielleicht auch einfach ein Zufall, dass ich auch nur für ein Jahr seine Wohnung ziere.

Es wäre so wichtig sich auf Augenhöhe zu befinden und Augenhöhe bedeutet nicht, dem Mann an seiner Seite eine gute Freundin und Frau zu sein, sondern beiderseits gehört, gewollt und verstanden zu werden. So. Wie. Man. Ist.

Und nicht so wie Mann ist.

DAS DING MIT DER DOPPELMORAL

Manche Menschen sind schon merkwürdig. Sie merken nicht, wie sie sich Stunden, ach was, Monate, über Themen, Menschen und in ihrem Augen unangemessenes Verhalten aufregen können, um dann im nächsten Augenblick ebenfalls ähnlich angelegte Strukturen zu verteidigen.

Vermutlich bezieht man am liebsten Stellung zu Dingen, die einem vertraut sind. Liebgewonnene Themenbereiche, in denen man schon selbst reichlich Erfahrung sammeln konnte. Man ist sozusagen Experte/Expertin in diesem Gebiet.

Und als Experten empfiehlt es sich, diese Expertise immer wieder unter Beweis zu stellen. Sich mit Inbrunst hinterzuklemmen. Manchmal geht das Ganze soweit, dass aus Pflichtbewusstsein Wut wird und aus Interesse andere zu informieren, eine Art aggressive Missionierung entsteht.

Menschen die anders denken, werden nun angeprangert. Im Internet geht das schneller als durch jeden Dorfbuschfunk.

Da werden Menschen die anders denken verlinkt und markiert. Es werden kryptische Posts verfasst oder ganze Screenshots gebastelt.

Das Interessanteste am Internet mag aber tatsächlich sein, dass dieses nicht oder nur sehr schwer dazu in der Lage ist zu vergessen. Habe ich also heute diese Meinung und morgen jene, mag der Satz „was interessiert mich mein Geschwätz von gestern“ zwar gelten, aber Fakt ist auch, jeder kann meinen minütigen Sinneswandel nachvollziehen..na sagen wir nachlesen.

Fand ich es eben noch Scheiße, fremde Kinderfotos online bei anderen zu entdecken, kann man mir ganz klar nachweisen, dass ich vor Jahren ggf. genau solche Fotos noch drollig fand. Klar, Lerneffekt und so…man lernt aus Fehlern, man entwickelt sich weiter.

Aber! Darf ich denn laut brüllen:“Alter weißer Mann, du bist Kacke!“ und mir und der Welt dann sagen:“Steht ja nur für ein Problem und nicht tatsächlich für den alten Rentner an der Kasse!“?

Und kann ich rufen:“Alle Männer sind Scheiße!“,wenn ich selbst Söhne habe, mir die Verantwortung absprechend, dass auch diese irgendwann meine Texte lesen könnten?

Und kann ich dann aber hingegen sagen:“Es tut mir sehr weh wie ihr über dieses und jenes denkt und urteilt [Themenschwerpunkt beliebig einfügen]. Hört doch auf alle über einen Kamm zu scheren und so zu verallgemeinern!“ oder bin ich dann nicht mehr glaubwürdig?

Vermutlich kann man alles mit Ja beantworten. Klar kann man a Scheiße und b Dufte finden. Klar kann man sich heute so und morgen so entscheiden. Natürlich kann man klagen und dennoch nutznießen.

Uns steht in einer Demokratie fast alles offen. Niemand kann uns vorgeben was wir zu tun oder zu lassen haben. Kritisieren kann man es, aber auch nicht mehr.

Es gibt kein Recht auf Authentizität. Es gibt aber den frommen Wunsch, nach Nachvollziehbarkeit.

Ich möchte wissen, ob ich es mit einem Schreihals zu tun habe, der diesen wendet nach Trend und Gutdünken oder ob da jemand einfach mehrere Ansichten hat, die er gut argumentieren und reflektieren kann.

In der Regel verlockt uns das Internet dazu, unsere Meinung alle paar Minuten umzudenken, anzupassen und einem Trend zu unterwerfen. Wenn heute Umweltschutz angesagt ist, kann ich mir morgen dennoch einen SUV kaufen. Wenn ich gestern noch Diät gehalten habe, kann ich morgen auf meinen Speck deuten und sagen „shame meinen body nicht, bitch!“ usw.

Wir sind komplex und manche von uns sind ein bisschen verrückt. Wir sind unsicher und manchmal auch einfach und klar.

Es ist ein Jammer, dass wir uns nicht zur besseren Einordnung in Schubladen stecken lassen.