EINE KLEINE HORRORSHOW

Hervorgehoben

Ihr wolltet schon immer wissen wie es ist, wenn ihr oder eure Kinder aufgrund ihrer Hautfarbe, ihres Stammbaums, einer Behinderung oder sexuellen Präferenz des Landes verwiesen werdet/n? Na dann Gratulation! In ein paar Jahren dürfen wir hautnahe erleben, wie es ist sich diskriminiert zu fühlen und seine Liebsten als unwertes Leben abgestempelt und verurteilt zu sehen.

Noch keine Angst, weil es euch nicht betrifft? Klasse! Dann zeichnen wir mal weiter unsere kleine Diktatur.

Ihr seid jetzt Anfang zwanzig und eure größte Sorge ist, der eingewanderte Nachbar könnte euch Job und Freundin klauen. Angenommen die Freundin ließe sich nicht rauben und die Postbotenstelle sei euch sicher, weil man dafür nach wie vor einwandfrei Deutsch in Wort und Schrift beherrschen müsse (Hust..na, bei wem drückt hier schon der Schuh?). Wie ginge es in einem Horrorfilm jetzt weiter? Genau. Ihr heiratet, weil das die deutsche neue alte Tradition so vorschreiben wird und zeugt ein bis zehn blonde Engel. Leider wird eines mit einem Gendefekt geboren. Abtreibungen sind per Gesetz seit der letzten Vereidigung des neuen Bundeskanzlers (natürlich ein fetter weißer Kerl) verboten und eurer Baby kommt zur Welt. Noch im Krankenhaus beginnt ihr dieses Kind zu lieben. Es ist klein und das gleiche rote Blut eurer Familie fließt durch seine Adern, ABER! Es muss weg. Die neuen Gesetze verbieten unwertes Leben. Hier wird sortiert, noch bevor ihr richtig Abschied nehmen konntet. Eine Krankenschwester nimmt das Bündel Leben vom Bauch der Mutter und niemand sagt euch wohin es verschwindet.

Vielleicht seid ihr sogar froh. Ein hungriges Maul weniger. Die Schande blieb euch erspart und die lebenslange Verpflichtung ebenso. Zu blöd, eure Familie und Nachbarn wissen Bescheid. Sie schämen sich, nur wenige haben genug Mitgefühl.Die Welt ist eine andere seit damals. Kaum Mitleid und diese Härte in allen Gesichtern.

Ihr wohnt in einer Großstadt. Dort gibt es noch viele Homosexuelle. Früher war die Stadt bunt und es wurde viel gefeiert. Heute grenzt die Stadt an ein Musterbeispiel von Zucht und Ordnung. Nur die grölenden Massen glattköpfiger Idioten, die tatsächlich genauso gerne Frauen betatschen und Flaschen werfen, sind noch da. Bereit Ärger zu machen. Sie greifen zunächst euren schwulen Onkel Karl an. Er kommt mit einem blauen Auge davon, aber ihr seid Zielscheibe politischer Konsequenzen. Ihr müsst zum Appel antreten und erklären, in welcher Beziehung ihr zu diesem Schandfleck steht. Heimlich denkt ihr an noch fünf weitere Bekannte und Freunde aus dem engsten Kreis, die ebenfalls gerne Muschis lecken und Schwänze lutschen. Früher, in der Uni, habt ihr ja selbst mal experimentiert. War nix für euch, aber dafür auf’s Maul? Bisschen viel.

Ihr geht zur Arbeit und seht auf der Straße plötzlich eine an der Wand stehende Gruppe Ausländer. Manche mit Kopftuch und alle mit eindeutigen Tätowierungen auf der Stirn. Früher war es das Band am Arm, heute ein nicht auslöschbarer Makel. Dieses Stigma wurde auch eurer besten Freundin verpasst. Die ist dritte Generation Russin und in ihrem ganzen Leben hat sie nie die Grenzen abseits der Stadt verlassen. Dennoch, sie gilt jetzt als Migrantin und Schmarotzerin. Raus mit ihr.

Die Ausländer an der Wand werden ruppig behandelt und angebrüllt. Die euch versprochene Idylle ist keine. Seit Monaten schreiben Polizisten Leute auf der Straße an und marschieren durch die Parks. Sie klingeln nachts die Nachbarn wach und knüpfen sich in der Schule alles Personal vor, welches anders gewählt hat. Die Stadt wird enger. Euer Land wird nicht ruhiger und übersichtlich. Es wird bedrohlich und böse. Wer der Feind ist, stand bereits im Wahlprogramm, aber ihr wolltet es nicht lesen. Alles Schnickschnack.

Apropos lesen. Eure Lieblingssender sind alle tod. Fernsehen wie es einst einmal war, musste genau wie die Pizza, der Döner und natürlich McDonald’s weichen. Heute steht Heimatpflege an. Deutsches Essen. Deutsche Kultur. Wenn ihr Kultur noch definieren wollt, dann ist das die Zeit eurer Urgroßeltern und älter. Seit ihr lebt, gab es Multikulturelle Einflüsse und ihr habt sie gerne genutzt. In Frieden gelebt und geliebt. Gegessen und gesagt was ihr wolltet. Manchmal wütend gepöbelt und im Wissen um eure Freiheit die ein oder andere Demo genossen, genau wie einen Joint auf der Fensterbank. Ihr habt öffentlich geknutscht und wenn ihr psychologische Betreuung nach heftigem Liebeskummer hattet, wurde niemand des Landes verwiesen. Heute ist das anders. Heute seid ihr Verbrecher, weil ihr eurem Staat schadet. Ihr seid dafür da Geld zu verdienen und in eurer Freizeit Kinder zu zeugen. Ob das je eurer Ziel war oder ihr eigentlich lieber mit dem Motorrad die Küsten Europas abgefahren hättet, spielt heute keine Rolle mehr. Eure Reisen beschränken sich nun auf das Inland.

Nach drei Jahren Schwermut klingen die Sirenen. Sie sind installiert worden, nach vierzig Jahren Abriss. Ihr rennt heute nicht mehr in den Keller runter. Sollen sie euch doch heute erwischen. Ihr seid es Leid. Zur Schule geht sowieso keiner mehr und eure Jobs sind dem Militärdienst gewichen. Eure Frau ist neulich gestorben, als eine Granate sie erwischt hat. Eure Kinder sehen aus wie müde kleine Zombies. Grüne Wiesen sind den oberen zehntausend vorbehalten. Aller Reichtum dient der Elite.

Ihr seid aber der Pöbel. An euch denkt heute genauso wenig jemand wie damals. Damals gab es diesen kurzen Moment, in dem es wichtig war eure Stimmen zu gewinnen. Diese elende Wahl, als euer Kreuz an falscher Stelle saß. Als die Demokratie dazu verhalf eine Diktatur zu schaffen.

Ihr geht durch die Trümmern und denkt an die Freiheit zurück, die euch damals dazu brachte den falschen Schritt zu gehen. Ihr seid müde. Ihr seid endlich wach.

WAS GEHT’S UNS AN?

Prinzipiell behaupten eine Menge Menschen von sich mit Toleranz gesegnet zu sein. Sie werfen sich gegen Diskriminierung jeder Art in die Bresche oder verneinen zumindest vehement frauenverachtend, rassistisch und homophob zu sein. Man könnte ihnen sonst nämlich nachweisen, dass sie klein, ängstlich und unwissend sind. Eigenschaften die sich niemand gerne unterstellen lässt.

Was aber, wenn wir anfangen in Nachbarsgarten zu schauen? Was hat die denn heute wieder angehabt im Fernsehen? Boah, der alte Kerl mit dieser jungen Frau? Wie sie ihre Kinder erziehen, da bekomme ich das kotzen! Usw.

Es gibt unzählige Situationen, in denen wir unsere ganzen Werte und die tolerante Einstellung über Board werfen und zu eben diesen verhassten Arschlöchern werden, die wir zwei Sätze vorher noch angeprangert haben. Und das ist auch nicht ungewöhnlich. Der Mensch grenzt sich gerne ab. Abgrenzen erfolgt nicht zwangsläufig darüber, in einer Sache besser zu sein, sondern oft darin andere schlechter zu machen. Wir tragen unsere Nasen also höher und zeigen mit dem Finger auf andere und automatisch gibt es eine Millionen Dinge die wir besser machen würden. Mindestens anders.

Wir benutzen beim Radfahren ja immer ein Helm, nicht wie die soundso vielen Verkehrstoten, selbst Schuld…sowas würde vermutlich kaum jemand laut sagen. Nein, es müssen Kleinigkeiten sein. Sowas wie ein Kodex auf den sich viele einigen können: Achtung – fertig – los – lästern!

Erfahrungen die uns haben schlecht fühlen lassen, übertragen wir gerne auch auf andere. Wenn wir uns irgendwo jemals gestört fühlten, versuchen wir Verbündete im Kampf um dieses Unwohlsein zu finden. Hat uns unser Partner für eine jüngere Frau verlassen, sind alle Männer die es gleich tun eben sexistische Schweine. Hat uns Mal ein Hund gebissen, mögen wir eben lieber Katzen. Wir sind nur dann wirklich tolerant, wenn wir uns identifizieren können. Haben wir eine ähnliche Krankheit wie der andere durch, vermag sich etwas in uns regen. Schon kleine Abweichungen machen uns dies schwer. Zu behaupten wir seien alle zur Empathie fähig und könnten uns ja in andere einfühlen, stimmt dann auch nur bedingt. Wer kann sich mit weißer Hautfarbe in einen Menschen mit schwarzer Hautfarbe einfühlen? Und wer möchte sich dies überhaupt rausnehmen? Wer ist größerer Experte? Derjenige mit Behinderung oder der, der mit Menschen arbeitet die eine Behinderung haben? Sind beide allem gegenüber automatisch toleranter? Nein.

Auch unter sogenannten Betroffenen (bitte mit Anführungszeichen zu verstehen), lässt es sich wunderbar lästern, herabsetzen und Scheiße labern. Man wird nicht automatisch zum besseren Menschen.

Und so müsste die Frage eher lauten: Was geht es mich an? Deine Freiheit darf meine Freiheit nicht einschränken und umgekehrt. Alles andere betrifft mich nicht und damit habe ich dich leben zu lassen wie du es für richtig hälst. Punkt.

SAG MIR WAS DIR WICHTIG IST UND ICH SAG DIR WER DU BIST

Was ist mir wichtig? Geld, Gesundheit, Leben, Liebe, Freundschaft, Ruhm, Anerkennung?

Es gibt viele Dinge die mir wichtig sind. Es sind Werte die ich vermittelt bekam, die jetzt an meine Kinder weitergegeben werden.

Macht und Geld waren es nie. Permanente Bestätigung auch nicht. Eher ein Mangel an Bestätigung machte es kurze Zeit nötig diese durch fremde Meinungen und Menschen aufzuholen.

Aber wichtig? Nicht wirklich.

Gesundheit ist mir sehr wichtig geworden. Als chronisch Kranke sowieso. Wenn man Menschen beim Sterben begleitet, wird man ebenfalls demütig dem Alter gegenüber. Seines eigenen Körpers gegenüber auch.

Bildung ist mir wichtig. Ich rede nicht von Abschlüssen. Ich rede von Neugier, Interesse und Aufgeschlossenheit. Von Menschen die sich der Welt stellen und mutig bleiben. Diskriminierung und Hass keine Plattform geben.

Liebe ist mir wichtig. Es liebt sich doch so wunderbar. Es ist Abenteuer und Reise. Es ist Entwicklung und Nahrung.

Entwicklung ist mir auch wichtig. Alle Lebensumstände lassen mich wachsen. Manches mehr als anderes. Auch meine Neurosen, klar. Aber es ist an mir diese zu besiegen oder mit ihnen zu leben.

Leben ist mir wichtig. Leben ist kurz. Befristet sozusagen. Ein Geschenk.

Mir bedeutet es nichts, von anderen gesehen oder bewertet zu werden, für mein Aussehen, meine Hülle. Ich möchte nicht akzeptiert werden, weil ich etwas kann oder leiste oder habe. Ich brauche niemanden der mir zeigt wie ich mich optimiere. Ich optimiere mich für mich und allerhöchstens selbst.

Kontrolle, Hass, Macht und Einfluss sind mir nicht wichtig. Sie begrenzen meine Freiheit.

Freiheit ist mir wichtig. Die Freiheit niemandem zu nehmen, ist mir wichtig.

Achtsamkeit ist mir wichtig. Niemandem weh zu tun, zu schaden. Niemandem, auch nicht mir.

Werte zu haben, macht dich zu jemandem. Welche Werte das sind, entscheidest am Ende du.