SICHTBAR WERDEN

Über viele Jahre pflegte ich viele Männerfreundschaften. Oder das, was ich darunter verstand.

Männer wurden zu guten Gesprächspartnern, aber im Grunde flirteten wir nur.

Sie waren da, wenn ich sie brauchte, aber eigentlich nutzte ich sie hier und da eben doch nur aus. Zum Beispiel, um mich von A nach B zu fahren oder mir mal eben beim Umzug zu helfen.

Weder kamen sie, um auf meine Kinder aufzupassen, noch wahrhaftig meine Hand nach einer Trennung zu halten oder waren daran interessiert sich meine tausendste Arbeitsgeschichte anzuhören.

Sie luden stattdessen gerne großzügig zum Essen ein und erhofften sicher nicht selten im Anschluss etwas, was ich durch den falschen Augenaufschlag ermuntert hatte.

Meist sagte ich Nein zu dem nächsten Schritt, behielt aber den Fuß in der Tür. Sicher nicht bewusst. Sicher oft im naiven Glauben so würde Freundschaft zwischen Männern und Frauen eben funktionieren. Als Flirterei und luftige Alternative zu all den schweren und tiefen Frauenfreundschaften.

Letztlich ist da auch viel wahres dran. Aber wo sind all diese Männer, wenn ich weinend jemanden sprechen muss, weil mir das Herz vor Kummer überläuft? Wo sind sie, wenn ich Zuhörer suche und keine Ratgeber? Bleiben sie auch dann, wenn ich ganz banal Essen gehen möchte, einen Spaziergang machen, statt Versprechungen die keine sind?

Ich las einst auf einer Karte „Männer und Frauen passen nicht zusammen, außer in der Mitte“. Damals war ich zu jung um zu begreifen. Heute glaube ich in Teilen auch daran.

Wenn nicht mindestens einer am anderen näher interessiert ist, ist schon was faul oder der Drops mindestens einmal gelutscht worden. Ob mangels Anziehungskraft oder eben bereits durchgespielter Versuche, es gibt selten Ausnahmen.

Heute wollte ich einen Freund treffen. Ein einfaches Essen, etwas Wein. Wir saßen im Lokal, lachten und unterhielten uns. Er sprach von seiner Freundin und ich von meiner Liebe. Auf dem Heimweg wollte er mich küssen. Es war so anstrengend sich nicht aus der Situation herausreden zu müssen, dass ich letztlich entschied diese Freundschaft erstmal abkühlen zu lassen.

Es sind die gleichgeschlechtlichen Freundschaften, die mir heute noch etwas bedeuten. Frauen die keinerlei Erwartungen an mich stellen und denen ich ganz ohne körperliche Nähe nahe bin.

Ein trostloser Gedanke, auf wunderbare Geschichten und Lacher verzichten zu müssen, weil die Herren der Schöpfung eben am Ende des Tages wirklich alles riskieren würden, für ein bisschen Sex.

Mehr gibt es eigentlich auch nicht zu erzählen…

KINDFRAU

Wenn ich eines gelernt habe im Laufe der letzten Jahre, dann wohl, weder Frau noch Mädchen zu sein und mich auch weder mit dem einem noch dem anderen angefreundet zu haben.

Frauen sind bereits in jungen Jahren dressiert. Sie sollen sich hübsch kleiden und brav benehmen. Sie sollen möglichst langes Haar tragen und in einem Kleid oder einer engen Jeans zur Zierde durch diverse Männerfantasien wandeln. Frauen waren schon als junge Mädchen gekleidet wie Puppen. Hier eine Schleife im Haar und dort ein paar Strumpfhosen die keinen Räuberberg überstanden. Wir wurden gezüchtet.

Wenn wir uns darauf ausruhen gesehen zu werden, statt für unsere inneren Werte geliebt und gemocht, nur nach der Schale beurteilt zu werden, wird die Realität und spätestens mit dem Alter einholen.

Ein Verlust birgt dann jede Falte, der Speck am Bauch und das Haar am Kinn für all jene, die früher als hübsch und süß bezeichnet wurden. Die damals schon Männern den Kopf verdreht haben und einem Ideal, aber niemals der Wirklichkeit entsprachen.

Auch ich galt ein paar Jahre als süß. Als niedlich. Als jemand mit sympathischem Augenaufschlag.

Ich war sogar manchmal sexy. Eine Frau in engem Top und kurzen Rock.

Ich war in meiner Jugend für einen Moment anerkannt und beliebt. Nachdem ich mir eine fast erschreckend dünne Statur angeeignet hatte und mein Haar feuerrot gefärbt zur Schau stellte.

Ich war alles. Nur nie ganz bei mir.

Ich war jede Fantasie, nur eben nicht ich.

Mein Ich ist eine Fette, zufriedene, haarige und in weiten Gewändern verpackte Frau. Eine mit Falten, die sich vor ihrem fünfundzwanzigsten Lebensjahr nie eingecremt hat und es heute am liebsten nie tun würde. Eine, die auf stützenden BH und Bauchweghose verzichten möchte und stattdessen lieber noch eine Schokolade in den Wagen legt. Eine, die Blähungen hat und lacht wie ein Bauarbeiter.

Stattdessen bin ich ein Produkt der Ideen anderer Leute. Eine Prise Humor, aber nie zu wild. Eine Prise Scharfsinn, aber bloß nicht zu klug. Eine Prise Leichtigkeit, aber Loyalität und Treue vorausgesetzt. Jemand der gut aussieht, Makel kaschiert und Probleme unterdrückt, überschminkt und einfach weglächelt.

Eine Frau zu sein, bedeutet ein Produkt zu sein. Eine Idee von wem auch immer. Den Eltern, den Männern, den Partnern, den Medien, dem Koran und der Bibel usw.

Zur Frau wird man bereits geboren, noch bevor man selbst weiß was man sein möchte. Es gibt keine Chance sich anders zu begreifen, als durch das was andere einem zugestehen.

Ich sage nicht, dass Männer nicht einem ähnlichen Schicksal folgen. Männer sind bereits in ein so enges Korsett gepresst, dass es auch ihnen nicht leichter fallen dürfte diesem zu entwachsen. Sie haben nur das Glück, ein Stück mehr akzeptiert zu werden für Eigenschaften die sie nun einmal als Menschen mitbringen. Wildheit, Neugier, Haare, Körperfunktionen. All das und noch viel mehr.

Eine Frau zu sein, bedeutet am Arsch zu sein. Im nächsten Leben möchte ich ein Mann sein. Ein fetter, haariger und selbstbestimmter Typ.

AUSSCHEIDUNG

Die Menstruation der Frau enttabuisieren zu wollen, erfuhr in den letzten zehn Jahren ja einen Run.

Frauen haben einmal im Monat ihre Periode und das gut und gerne mehrere Jahrzehnte lang. Wieso darum ein Geheimnis machen oder sich unter der Vorstellung verschämt winden?

Wenn ich jetzt noch schreibe, dass die meisten Menschen, ja, auch Frauen, täglich zur Toilette müssen, um (Verzeihung) zu kacken, schlackern sicher einigen die Ohren.

Wie und woher kommt diese Einstellung der makellosen Frau aber zustande? Frauen die nicht morgens oder nach einem deftigen Essen zum Klo hetzen und sich dort genauso verhalten wie jeder männliche Vertreter der menschlichen Art auch? Wer hat das Gerücht in dir Welt gesetzt, Frauen gingen sich lediglich die Nase pudern oder auf der Toilette kurz mal frisch machen?

Seit Sex and the City gab es durchaus so etwas wie eine kleine Evolution auf dem Damenklo. Frauen die sich die Hosen im Urlaub vollschissen, nachdem versehentlich Leitungswasser getrunken wurde. Eine Situation die fast jeder schon einmal erlebt hat. Jede allerdings auch.

Und während viele Frauen im Urlaub oder in den ersten Monaten ihrer frischen Beziehung einfach nicht in der Fremde oder vor anderen können, denken Männer mitunter das Recht zu haben sie für einen rausgerutschten Pups verurteilen zu dürfen. Sowas macht eine Dame ja schließlich nicht.

Unsere Kinder gehen mit dem Thema durchaus unbefangener um. Es gibt diese Phase ihrer Kita-Zeit, in der sie das Wort „Kacka“ inflationär über den Hof brüllen und sich gegenseitig auf die Schenkel klopfen vor lachen.

Wieso fällt es uns im Erwachsenenalter also so schwer das Natürlichste der Welt nicht zu behandeln wie einen Stiefbruder der nur einmal im Jahr zum Essen kommt und dabei schon alle Toleranz abverlangt?

Diese verkrampfte Haltung von Männern und Frauen, führt nicht selten zu schwerwiegenden Problemen. Blähungen die sich nachts zurückdrängen lassen, sind noch das harmloseste Problem. Wir gehen durch eine Welt der Lügen und sind so verklemmt, dass es schwer fällt überhaupt an irgendwas zu glauben.

Wenn wir also das nächste Mal wieder laut Musik spielen müssen, um den Partner nicht an unserem Paukenkonzert auf der Schüssel teilhaben zu lassen, sollten wir uns fragen, ob all die Emanzipation eigentlich irgendwas wert ist, wenn wir dem Gegenüber noch immer nicht zugestehen, uns Mensch sein zu lassen. Kackend, blutend, rülpsend.

DAS HAUS DER FRAUEN

Aus Sicht eines Kindes, erinnere ich mich gerne an die Zeit im Frauenhaus zurück.

Wir Kinder brachten uns bei wie man aus Zucker und Wasser so etwas wie Sprite mixt. Wir kletterten aus der untersten Etage, vom Fensterbrett auf Bäume. Wir tobten im Bewegungsraum, bis dieser begann nach Schweiß, Freiheit und Käsefüßen zu riechen. Wir ließen uns abends von fremden Müttern die Haare zu Zöpfen flechten und durften im Aufenthaltsraum schon früh Filme wie pretty woman und dirty dancing sehen. Niemand hielt uns davon ab die Spielsachen der anderen Kinder zu klauen und keine Mutter war mehr im Stande ihr Kind zu bestrafen. Ein echtes Räuberleben.

Die Wahrheit war eine andere.

Bereits Jahre zuvor wuchsen einige nun schon mit Gewalt auf. Meist war es der eigene Vater, Mal der Freund der Mutter. Viele von uns waren missbrauchte Kinder. Geschlagen, angeschrien, geknebelt oder nachts von ihnen im Schlaf geweckt worden. Wir erzählten uns nichts. Wir erzählten unseren Müttern nichts. Wir waren Nichts.

Unsere Mütter atmeten ein und aus, von nervös und angespannt, zu erleichtert und bald wieder glücklich. Wir bezogen kleine Zimmer, in denen wir nach und nach Poster aufhängen durften. Wir gingen endlich vor die Tür, an den Badesee oder Eis kaufen. Jede Woche eroberten wir uns ein Stück mehr Leben zurück.

Die Vergangenheit holte uns nur ein, wenn Neuzugänge weinend in der Tür standen. Wenn der einzige Mann, ein Hausmeister, gerufen wurde, um wütende Exmänner zu verjagen. Wenn wir nachts die Augen schlossen und nicht ruhig schlafen konnten.

Ein halbes Jahr meiner Kindheit war vergangen. Ich war etwa fünf Jahre alt und doch erinnere ich mich so deutlich an alles, als sei es gestern gewesen. Jeden Geruch, jede kleine Szene die mir wichtig erschien. So auch, als meine Mutter nach sechs Monaten Aufenthalt entschieden hatte zu meinem Stiefvater zurückzugehen. Sich schwängern zu lassen. Einen Neuanfang wagte. Eine Wiederholung startete.

Sie war das Opfer. Ich war es ebenso.

Ich weiß noch, wie wenig Einfluss ich nehmen konnte. Wie wenig Mitspracherecht mir eingeräumt wurde. Ein Körper ohne Stimme. Eine Hülle. Innerlich schrie ich. Äußerlich blieb ich brav.

Ich blieb auch brav, als er mich Woche um Woche schlechter behandelte. Seine Schuld sich in Wut verwandeln sollte. Als er uns einsperrte, als er uns schlug, als er ohne Grund brüllte und nachts wieder vor dem Bett stand.

Ich dachte an das Räuberparadies zurück. Dieses halbe Jahr Kinderglück. Andere wie ich. Andere wie meine Mutter.

Ich dachte auch viele Jahre später zurück. Und ich begann sie zu hassen. Diese Frau, die so schwach war. So selbstzerstörerisch. So dumm. Diese Frau, die mich nie schützte und auch Jahre nach diesen fast grausamen zehn Jahren nie aufhören konnte über dieses Leben zu reden, als sei es einfach passiert.

Eltern die ihre Kinder länger als nötig solchen Gefahren aussetzen, sind nicht einfach nur menschlich. Sie sind nicht immer mit Verständnis und Güte zu bedauern. Sie sind keine Opfer ausschließlich, sondern auch Täter.

Wer mit Kindern in ein Frauenhaus geht, hat sich entschieden etwas zu ändern. Sich Schutz und Hilfe gesucht. Wer mit Kindern in ein Frauenhaus muss, hat sich über vermutlich lange Zeit quälen lassen. Sein Kind nicht beschützt. Ihm eine Zukunft in ewiger Erinnerung geschenkt.

Mich hat ein Partner einmal geschlagen. Das Geschenk meiner Mutter. Ich nahm ihr Vermächtnis nicht an und ging sofort. Von nun an sollte es jeder Mann der es wagte mich oder mein Kind auch nur schief anzusehen bitter bereuen.

Ich bin laut. Ich bin ehrlich. Ich bin stark. Ich bin von einem Räuberkind zu einer schützenden Mutter geworden. Zu einem liebenden Ich.

Schützt euch und eure Kinder. Sofort! Nicht morgen, nicht übermorgen. Sofort!

Kinder werden nie begreifen wieso ihr sie habt so lange leiden lassen. Euer Leid steht nicht auf einer Stufe mit ihrem Leid. Denn sie würden gehen, wenn sie jemand gehen ließe.

BEGEHRE MICH

Auch wenn viele Menschen unserer Generation es nicht zugeben wollen, wir finden uns immer noch gerne viel zu häufig in veralteten Geschlechterrollen und Klischees wieder.

Frauen und Mädchen die sich auf Instagram inszenieren, behaupten alle zehn Bilder, sie wollen mehr „real Life“ propagieren, haben bis zu eben jenem zehnten „Schnappschuss“ aber bereits neun gestellte, bearbeitete und fein säuberlich gewählte Kunstaufnahmen hochgeladen.

Es ist nicht verboten sich in dieser Welt aus Schein und weniger Sein zu bewegen. Wir lieben diese kleinen Alltagsfluchten. Nicht umsonst gibt es Accounts, die von Otto-Normal-Frauen geführt werden, auf denen Barbie stellvertretend das Leben lebt, was ihnen vorenthalten bleibt. Es gibt Frauen, die sind Jahre unfreiwillig Single, arbeiten sich den Arsch ab und ziehen ihre Kinder alleine groß, aber online sind sie angebliche Sexsymbole, in netter Kulisse in Szene gesetzt. Ein nacktes Bein hier, ein angedeuteter Busen da, etwas Erotik beim Modeshooting und natürlich nicht zu vergessen irgendeine Botschaft. Viele Instagramerinnen lieben Pseudobotschaften.

Da wird gequirlte Kacke zu Gold und Sinnentleerung schnell zum Trend. „Sei ganz du selbst!“,faselt die eine Dame, die im nächsten Beitrag Dank Filter und Make-Up niemals hat zu erkennen geben wer sie selbst ist. Eine Maske, ein Abbild, eine Inszenierung.

Es ist keine Schande sich selbst in der Kunst zu begreifen. Zu erkennen, dass man ein Produkt aus Wünschen, Illusionen und Träumen ist. Gemacht von anderen. Weil andere einen nur so mit Aufmerksamkeit überschütten und der Inhalt zur Zweitrangigkeit wird.

Nicht nur Frauen rutschen immer wieder in diese alten Muster aus Idealisierung und Lusterfüllung. Auch Männer brauchen das Abziehbildleben, in dem sie entweder besonders stark, gebildet oder mindestens humorvoll wirken. Der Mann unserer Träume findet sich dementsprechend eigentlich nicht auf Instagram wieder, sondern twittert politisch und hingebungsvoll über seine Familie. Er hält das Stöckchen tief, damit andere leichtfüßig drüber springen können. Da wird er schnell zum nachdenklichen Poeten, der die Ungerechtigkeit dieser Welt nicht mehr versteht. Wird zum fleißigen Vater, der seine Frau zu Hause selbstverständlich unterstützt. Oder er ist ein Maulheld. Weiß alles, kann alles, wird ausfallend, sobald Kritik hagelt.

Wer sich online permanent völlig abstrusen Vorstellungen hingibt, wir würden Gerechtigkeit zwischen den Geschlechten wollen, sollte die Zeichen besser deuten und sein eigenes Verhalten stärker reflektieren.

Rollen entsprechen unserer Sozialisierung. Sie sind nicht fest, sie sind aber auch Mustern unterlegen. Klischees sind eigentlich keine Klischees, sondern Häufungen, die einer Masse bekannt und auffällig wurden. Vorurteile kann man nur abbauen, wenn diese Häufungen ausbleiben und Individualität tatsächlich etwas bedeutet. Nicht zu sein wie alle. Nicht zu handeln, wie die Erwartungen eben entsprechen.

Wer online Bilder von sich hochlädt, auf denen viel nackte Haut zu sehen ist. Diese Bilder mit Hashtags garniert werden, auf denen die „Legs“ in Szene gesetzt wurden, wird für irgendwen, irgendwo als Wichsvorlage herhalten. Frauen spielen hin und wieder, auf Instagram gehäuft, mit dieser Form der Manipulation, um beispielsweise etwas zu erreichen. Geld, Konsumgüter, Aufmerksamkeit und Anerkennung könnten es sein. Damit entsprechen sie leider einem Klischee und werden sich noch lange behaupten müssen, in einer Welt in der Männer auf der anderen Seite ihrem sabbernden, sexuell schnell erregbarem Rollenbild nachkommen.

Verantwortung für sein Tun, seine Gebärden, seine Bedürfnisse und wie wir diese erreichen, trägt jeder selbst. Maßen wir uns nicht mehr an Klischees aus dem Weg räumen zu wollen, wenn wir sie permanent nutzen, um unsere Identität zu festigen.

Unsere Kinder bleiben in ihren Rollenbildern, wenn die Bandbreite der Möglichkeiten nur von einer Minderheit dargestellt wird. Wir, wir sind leider die Norm.