ANDEREN WAS GÖNNEN KÖNNEN

Mein großes Kind ist heute mit meiner Familie nach Ägypten geflogen. Ich habe ein Jahr gespart und diesen Urlaub ermöglichen können. Statt traurig zu sein, weil das Geschwisterkind und ich nicht mitfahren konnten, zähle ich glücklich die Regentropfen am Fenster und freue mich für das liebe Kind.

Natürlich würde ich lieber Freude teilen. Dort in der Ferne. Gemeinsam. Aber ich bin mir sicher, alleine verreisen, fühlt sich für mein Kind auch aufregend an und meine Familie wird mich rund um die Uhr mit Fotos versorgen.

Einzig einen kleinen Haken hatte das Ganze.

Heute früh wachte mein jüngster Spross auf und suchte das ältere Kind überall in der Wohnung. Trotz Ankündigungen und im Flur stehender Koffer, wurde erst die Abwesenheit der anderen Person zur Untermauerung des schon Geahnten.

Mein Kind wurde ganz traurig und fragte, wieso wir nicht mitfahren würden. Ich antwortete so wahrheitsgemäß wie möglich, nicht genug Geld für drei Personen zu haben, aber nächstes Jahr fahren wir dann wieder alle gemeinsam.

Da rannte das Kind in sein Zimmer und kam mit der Spardose zurück. „Aber ich habe doch ganz viel Geld, Mama!“. Von hier bis nach Ägypten konnte man mein Herz brechen hören. Was lieb‘ ich meine Kinder. Und deshalb würde ich ihnen immer und immer wieder Urlaube buchen, so es mir gelingt dafür zu sparen. Ich würde lieber auf Kleidung und Wannenbäder verzichten, als den beiden sonnige Erlebnisse vorzuenthalten.

Nächstes Jahr fahren wir dann aber tatsächlich zu dritt. Eigentlich sogar zu viert plus. Es wird ein rundum Familienurlaub und ich werde jeden Moment aufsaugen, denn ich möchte nichts mehr verpassen.

EINSAMES COWGIRL

Obwohl ich heute in den Tag startete neben Partner und Kind, danach ausgiebig mit Freundinnen und all unseren Kids, von klein bis größer, frühstückte und nachmittags noch in die Stadt lief, um einzukaufen,fühlte sich etwas in mir einsam.

Einsam im Sinne von alleine, leer, gelangweilt und zeitgleich gestresst.

Ich weiß es handelt sich hierbei eher um eine subjektive Wahrnehmung, ausgelöst durch die Hormone (PMS) und den sogenannten Ferienblues.

Immer wenn ich Urlaub habe und mindestens eins von zwei Kindern weg ist, zieht sich durch meinen Magen dieser Wurm. Ich nenne dieses Gefühl auch Kummer.

Dieser Kummerwurm möchte dann am liebsten von morgens bis abends etwas unternehmen oder mit jemandem zusammen sein. Bei einem Glas Wein am Abend oder mittags schlafend auf dem Sofa, in Gliedmaßen eines anderen verknäuelt. Natürlich albern, denn ich habe ja eine Menge unternommen die Tage.

Und obwohl ich gut alleine sein kann, mich selten richtig langweile und vermutlich auch viel mehr unternehmen könnte, erfüllt mich der Kummer von Kopf bis zu den Zehenspitzen und jammert:“Mir ist öde…! Wo sind denn alle?“.

Mein Kind kann diese Lücke auch nur bedingt füllen.

Ich kam zu der Erkenntnis, dass neben den Hormonen noch etwas anderes eine Rolle spielen muss:

Alleinerziehend zu sein.

Ich unterhalte mich im Urlaub eigentlich ganztags mit den Kindern. Es sind diese Gespräche um Schokolade zum Frühstück, Trickfilme rund um die Uhr, Vorteil Spielplatz zu Besuch eines Cafés und Diskussionen um Kleinigkeiten. Gespräche mit Freundinnen oder meinem Partner sind da willkommene Abwechslung. Wenn ich abends nicht alleine bleibe, sauge ich die Informationen der Außenwelt förmlich auf.

Wer Kinder hat, kennt das. In den Ferien oder im Urlaub, wenn Schule und Kita geschlossen sind, wird es oft langatmig. So ein Tag hat dann gefühlt nochmal zehn Stunden mehr und keine davon vermag die Einsamkeit zu füllen. Es ist, als würde ich nur im Kopf mit einer Erwachsen sprechen und innerlich führe ich tolle Monologe, wenn nicht während jedes Klogangs ein Kind rufen würde „Was machst du gerade, Mama?“.

So gehe ich also abends in die Wanne, trinke Kaffee und Wein, wann es mir passt und male mir aus, wie toll es wäre, wenn sich die Tür öffnen und mein Partner mit lustigen Anekdoten statt schlechter Laune nach Hause käme. So er denn kommt. Denn er ist erschöpft vom Tag und fällt nicht selten lieber in sein eigenes Bett.

Also lese ich abends vielleicht nochmal etwas, aber sind wir ehrlich, wer kleine Kinder hat geht lieber früh schlafen oder schaut Netflix.

Ich beklage mich nicht. Es ist ein Tatsachenbericht. Oh. Ein Reim.

Während also da draußen jetzt andere Urlaub haben, Arm in Arm mit ihren Liebsten und sich ausmalen wie toll es ist Kinder zu bekommen, sitzen meine Freundinnen (alleine oder mit Mann) und ich da, wartend, immer hoffend jemand käme und würde unser Gehirn anregen. Unsere Gefühle erspüren. Uns in den Arm nehmen und von der großen weiten Welt berichten. Vielleicht noch lieber mit uns die große weite Welt bereisen.

Alleinerziehend zu sein, kann bedeuten, vor Erschöpfung und Langeweile gleichzeitig zu zerfließen. Sich zu fühlen, als sei man eine Rabenmutter/ein Rabenvater. Sich schämen für den Mangel an Lust jeden Tag mit seinem Kind zu verbringen.

Vor einigen Monaten hatte ich das Bedürfnis mit Mann und Kindern nach Schweden auszuwandern. Ich stelle mir mich gerade in einem dunklen Land vor, ohne Sprachkenntnisse, vielleicht vorerst ohne Arbeit. Einsam.

Vermutlich sollte ich in Berlin bleiben und die paar Stunden der Ruhe genießen. Irgendeine Freundin vermisst mich und unsere Gespräche sicherlich ebenfalls schon und greift gleich zum Telefon.

ZEUGNISSE

Es ist wieder soweit. Unsere Kinder bekommen Zeugnisse. Und während der allgemeine Konsens sich darauf einigt, Noten seien wichtig und gute Noten der Eintritt in eine goldene Zukunft, gibt es zum Glück schon vereinzelt andere Ansichten.

Als Pädagogin und Mutter, möchte ich eine Lanze brechen für schlechte Zensuren. Ein gutes Zeugnis ist ohne Frage toll. Es verdient Anerkennung, denn dahinter kann eine Menge Arbeit stecken. In manchen Familien müssen die Kinder jeden Tag büffeln oder in anderen wirklich lange trainieren. Manchen Menschen fliegen gute Noten zu, weil sie einfach gerne lernen oder die große Begabung haben, ohne viel Stress zu sehr guten Ergebnissen zu gelangen. So ein Mensch bin ich. Während des Studiums und auch in der Schulzeit. Ich war und bin eine Selbstläuferin. Die meisten Themen interessieren mich, ich war eine Stubenhockerin und fand die ersten zehn Jahre einfach. In meiner Abiturzeit ging dann alles schon viel zäher von statten. Ich musste lernen zu lernen. Meine Familie war keine Hilfe.

Im Studium gehöre ich zu den Besten. Das Thema interessiert mich und ich stehe voll und ganz hinter dem was ich lernen muss. Hausaufgaben machen mir meist Spaß und die Nervosität bei Klausuren und in Prüfungen hält sich gerade noch so in Grenzen.

Mein großer Sohn ist da ganz anders geraten. Er komponiert eigene Songs auf dem Keyboard und hat sich selbst Klavier spielen beigebracht. Er malt viel, ist im Theater und kann sich alle Texte merken, was er auch muss, da er unter der LRS leidet. Er lernt gar nicht gerne. Themen die ihn interessieren, nimmt er sich spielerisch an, alles andere geht unter. Er hat Strategien gefunden, um dem Lernen zu entgehen, in dem er beispielsweise seine Hefte und Bücher im Schulgebäude vergisst oder sich Hausaufgaben nicht einträgt. Was Mama nicht weiß, macht sie nicht heiß. Die Quittung bekam er jetzt.

Ich war enttäuscht und traurig. Traurig für ihn, weil ich weiß was er erreichen kann und wie schwer es wird, ohne Abitur einmal seinen Wunschberuf in diesem Land zu erlernen.

Er ist elf und weiß noch nicht genau was er mal werden möchte. Ich wusste es mit 30 noch nicht und manchmal schwanke ich noch heute.

Dennoch, wenn ich sehe wie sehr sich Eltern quälen und wie egal den Kindern ihre Noten und Zeugnisse eigentlich sind, frage ich mich, wozu das alles?

Die Kinder gucken kurz auf ihr Zeugnis, zucken die Schultern, einige strahlen, nur wenige zeigen es herum. Dann gehen sie raus und haben Spaß mit ihren Freunden. Die bewerten sie nicht nach Noten. Sie fragen nicht und sorgen sich nicht. Kaum kommen die Eltern durch die Tore, geht das bewerten los:“Uuuuund, was hast duuuu?“ Wer da nicht glänzt, darf das jetzt die ganzen Ferien ausbaden.

Eltern vergleichen. Eltern zeigen die Zeugnisse in der Familie herum. Eltern fotografieren diese ungefragt ab und stellen sie online. Eltern sind nervtötend.

Unsere Kinder sind uns keine guten Ergebnisse schuldig. Weder wenn wir mit ihnen lernen, noch weil wir ihnen geholfen haben. Aber so fühlt es sich an. Wir haben die Bücher bezahlt und die Hefte gekauft. Wir rennen zu den Gesprächen und nehmen uns abends nochmal Zeit für die Mappe oder Mathematik. Wenn die Kinder dann scheinbar versagen, versagen auch wir.

So ist es aber nicht. Warum ein Kind nicht mitkommt oder kein Interesse hat, ist so vielschichtig wie das Kind selbst. Warum sollten alle genormt sein? Warum muss immer alles funktionieren? Zu Zeiten der Entschleunigung, trifft der Optimierungswahn besonders hart.

Ja, aber was denn nun? Wie wollen wir sein? Was wünschen wir uns tatsächlich für unsere Kinder?