WAS SIE ÜBERSEHEN WOLLEN

Ich habe eben einen Kommentar zu einer der weltklasse Wettkampfläuferinnen unserer Zeit gelesen. Darin ging es um ihre Leistungen. Ich betrachtete ihre Bilder und fragte mich unweigerlich, wie Artikel um Artikel nicht ein Journalist auf die Idee käme ihren sehr mageren Körper in den Fokus zu rücken.

Tagtäglich müssen sich inzwischen Models sagen lassen sie seien zu dünn. Designer werden dafür ebenso wie Modelagenturen gerügt zu junge und schlanke Models auf den Laufstegen zu bevorzugen und ein ungesundes Schönheitsideal zu promoten. Heidi lässt seit Jahren sogenannte Curvymodels durch ihre Shows stöckeln und endlich zieren diverse Menschen Werbeplakate, wo einst fragwürdige Schönheit und fragile Vorbilder prangten.

Nur im Sport scheint sich ein jeder einig. Die Leistung steht im Vordergrund und somit gilt jede Kritik an der optischen Erscheinung mindestens tot zu schweigen. Einige Artikel wird man jedoch fündig und selbst diese befassen sich eher am Rand mit dem seit jeher vom Sport geprägten Figurdilemma und greifen lieber frauenfeindliche Strukturprobleme auf. Sicherlich gibt es diese hier auch. So mag man seltener von zu dünnen männlichen Läufern lesen, aber häufiger weibliche Sportlerinnen in den Fokus des Interesses rücken. Nun sind es jedoch auch die Frauen, die sich oft mit anderen Frauen vergleichen. Junge Mädchen die ihre Körper mit denen der anderen gleichaltrigen Mädchen nicht nur abgleichen, sondern kleinste Unterschiede strenger bewerten und sich häufiger in Essstörungen wiederfinden als die Herren.

Als vor Jahren der Skandal um die Magersüchtigen aus dem Skisprungsport entstand, wurde zwar ein Tabu gebrochen (auch Männer haben Essstörungen), aber ein weiteres nicht einmal angetastet: viele SportlerInnen trainieren nicht ausschließlich für ihre Fitness, sie geiseln sich. Sie arbeiten hart an ihrer Leistung und noch härter an den dafür entsprechenden Normen und Vorgaben.

Eine Kollegin kommt aus dem Leistungssport. Sie erklärte mir wie sie vor den Wiegeterminen eine Woche Schwitzkuren in Plastiktüten machte. Drei Kilo Wasser waren weg und kurz nach dem Wettkampf brach sie erschöpft ein. Gewonnen wurde seltener.

Ein Freund erzählte mir, wie er einst magersüchtig wurde. Er war Teenager, als er in seiner Gewichtsklasse gegen die schweren und großen Gegner antreten sollte. Aus Angst vor den Kämpfen, aß er so wenig, dass sie ihn nur mit jüngeren antreten ließen. Noch als Erwachsener hat er heute ein gestörtes Verhältnis zu essen. Zwischen Binge eating und massiven Hungerkuren ist alles dabei.

Gerne wollen wir den SportlerInnen ihre Mühen und den Verzicht, die Leistungen und all den Schmerz hoch anrechnen. Sie sind anders als die Models in unseren Augen tatsächliche Helden. Tun etwas für ihr Geld. Geben uns das Gefühl jede Goldmedaille sei auch indirekt ein Verdienst für das eigene Land. Da weht die deutsche Flagge auf dem Siegertreppchen. Wir mussten dafür nichts leisten, aber mitunter haben wir billigend in Kauf genommen, einem anderen Menschen Schaden zuzuführen.

Es ist egal, ob auf dem Laufsteg oder der Rennstrecke. Ein ungesundes Verhalten ist und bleibt ein ungesundes Verhalten und schlechte Vorbilder werden nicht besser, nur weil ihre Art Geld zu verdienen anerkannter ist.

Ich wünschte mir, auch dieses Tabu würde endlich gebrochen. Illusorisch, ich weiß. Aber öffnet doch eure Augen wenigstens ein Stück. Sport muss nicht länger Mord sein.

OBERFLÄCHENAMT

Gestern am Badesee sah ich sie kommen, die nächste Sinnkrise.

Eine ungerechtfertigte Haltung mir und meinem Körper gegenüber, die auch Jahre nach Therapien, schlauen Erkenntnissen und Achtsamkeitstraining einfach nicht verschwinden will.

Ich fühle mich am Strand unzulänglich.

Habe ich zu Hause vor den Spiegel noch ein durchaus positives Körpergefühl, bei dem ich mich nicht nur wohl, sondern auch richtig dazugehörig fühle, fehlt davon am Strand, unter halbnackten Menschen wieder alles.

Da trimme ich mich wochenlang, esse bei diesem Wetter sowieso nur Wassereis und Salat, aber zwischen meiner Decke und dem kühlen Nass gestaltet sich der Weg zum Spießrutenlauf.

Es wird verglichen, es wird abgecheckt und bewertet und bitte tut nicht so, als sei da nichts dran. Ist es nämlich.

Während ich mir die schönen Menschen nämlich genauso ansehe, in traumhafter Bikinimode oder neckisch beim Spielen im Wasser, werde ich ebenfalls gründlich unter die Lupe genommen.

Da schauen die ersten Leute neugierig, wie ich mich beginne mehr oder weniger umständlich aus meinem Kleid zu schälen. Wurde mir eine Stunde zuvor noch ein Kompliment hinterhergerufen, sehe ich mich hier völlig außer Konkurrenz. Denn blass und wabbelig gibt es nicht.

Früher hatte ich Hemmungen mich überhaupt auszuziehen. Seit der Geburt meiner Kinder, durchziehen mich wunderschöne, total unnötige Schwangerschaftsstreifen. Von Brust bis Wade alles voll. Zum Glück werden die Dinger mit der Zeit blass, aber weniger leider nicht. Und so tanze ich den Affentanz bis ins rettende Wasser und wäge ab, ob ich einen Herzinfarkt riskiere oder die Blossstellung, durch ein zu langes Preisgeben meiner Schwabbelstellen und wähle den Herzinfarkt (soll heißen, ich hüpfe ins kalte Wasser, ohne mich vorher nass zu machen).

Im Wasser überlege ich schon, wann ich wohl Lust habe mich wieder nach draußen zu begeben. Die Antwort lautet stets: nie.

Ich war noch nie ein freier Mensch. Von klein auf erinnere ich mich, wie ich neben meinem besten Freund im Auto saß und unsere Beine verglichen habe. Er hatte diese jungstypischen Streichhölzer und ich war sicher auch sehr schlank, aber eben nicht dürre. Also hob ich die Beine etwas an und versuchte die ganze Autofahrt bis zum Strand keine ungeschickte Bewegung zu machen. Ich war die ungeschickte Bewegung. Schon im Alter von sechs total verhaltensauffällig. Nicht auffällig genug. Meine Mutter wusste von all dem nichts.

Mit elf machte ich dann meine erste Diät. Bis heute sind es unzählige. Ich nahm unfreiwillig ab, als man mir die Mandeln entfernte. Anschließend lobten alle meine schlanke Figur. Ich ernährte mich lange nur noch von Brei, weil mir die Komplimente so gut getan hatten.

Mit 14 sah ich einen Film über eine Magersüchtige. Ich nahm sie mir zum Vorbild und begann mit Sport und Diät. Bei 46 kg war ich mir immernoch zu dick. Ich sah sicher aus wie eine Schnur und meine besten Freundinnen und ich waren in einem irrwitzigen Wettbewerb getreten. Wir wollten alle schlank sein. Juhu, was für ein blödes Ziel. Als sei uns schlank irgendetwas leichter gefallen. Schule, Pflege der Beziehung zu unseren Eltern, die Pubertät.

Mit 17 war mir das Diät halten zu blöd und anstrengend. Ich war ein wandelndes Jojo und begann mich von nun an lieber zu übergeben. Wer denkt, dass sei ein einfacher Weg um abzunehmen, irrt. Ich war ausgelaugt und mir erging es schrecklich. Niemand merkte etwas und so fuhr ich wieder viele Nettigkeiten ein. Schlank zu sein, wird in unserer Gesellschaft nun einmal mit erfolgreich und begehrenswert gleichgesetzt. Wer eine 17 jährige begehrt, hat sie doch nicht alle. Die Männer die mir nachrannten, waren peinliche alte Kerle oder oberflächliche Proleten. Mir gefiel es.

Als sich mein Freund von mir trennte, da war ich ca. 23, begann ich meine Bulimie von neuem. Es sollte nochmal vier Jahre dauern, bis ich damit aufhören konnte. Es soll vermutlich ein Leben dauern, sie in Schach zu halten.

Und nun stehe ich da, vergleiche mich noch immer. Bin erwachsen geworden und dem kindlichen „habt mich lieb“ doch noch immer nicht vollständig entwachsen. Woher die Essstörung kommt, weiß ich. Ich habe mich mit allen Dämonen versöhnt und mich zumindest nach außen für einen Weg entschieden, der anderen erzählt was sie hören wollen: wir sind alle stark und schön und wertvoll. Wir sind alle gut wie wir sind. Wir sind nicht unsere Hülle. Unser Körper ist unser Tempel usw.

Diese Stärke verlässt mich immer dann, wenn ich die Hülle meiner Hülle abstreifen muss. Ob beim Arzt, am See oder beim Sex mit dem Partner. Ich werde dann zum weinerlichen Teenager, ach was, zu dem kleinen Mädchen im Auto, welches sich verbiegt, damit es schlanker aussieht.

Es sind nicht die Trigger die jemand setzt, damit ich mich schlecht fühle. Es sind die eigenen Ängste und Bedürfnisse nach Anerkennung und gegen Abwertung.

Ich muss nicht mehr die Mechanismen erkennen, um sie zu verändern. Man kann sich nie vollends umprogrammieren, wo Jahre lang der Weg gezeichnet wurde. Es ist wie mit einer Sucht, hat man sie besiegt, beginnt der Kampf erst.

Wer eine gestörte Wahrnehmung bezüglich seines Körpers hat, behält sie häufig. Es lebt sich meist in Extremen. Diäten, Hunger, Fressen, Scham und manchmal auch Wut.

Wenn ich Frauen sehe die sich die Beine nicht rasieren, würde ich am liebsten aufstehen, sie umarmen und sagen „Danke Schwester!“. Diese Stärke, diese Haltung sich gegen Blicke und gegen alle Vorgaben wohlzufühlen, fehlt mir.

Ich kann mir von den anderen nichts abschauen, was ich nicht tatsächlich so fühle. Es lebt sich, aber nicht frei von Zwängen und unter Druck.

Für meine Zukunft wünsche ich mir, viele Sommer am Strand, ohne Herzinfarkt im Wasser. Ich möchte aus mir herauswachsen. Größer sein als meine Dämonen. Ich möchte so sein, wie ich es behaupte.

Niemand, nicht einmal ich, habe das Recht mich um mein Leben zu bringen. Ich sollte mir ein verdammtes Geschenk sein.