PÄDAGOGIN MIT AUFTRAG

Ich lese gerade einen vierseitigen Artikel von W. Warnecke über Inklusion und Chancengleichheit. Eine Hausaufgabe, der ich mich gerne annehme und die ich am liebsten kopieren und von den Dächern dieses Landes werfen würde. Hinein ins Bewusstsein aller. Insbesondere sollten wir Pädagogen jedoch ernsthaft damit beginnen, den Grundstein zu legen.

Verschiedenheit und Vielfalt beginnt mit der Existenz. Geboren, so individuell und unterschiedlich wie es eben von Mensch zu Mensch möglich ist. Bereits vor der Geburt reduziert auf Herkunft, Aussehen, Geschlecht, Religion usw.

Es ist nicht neu, dass Kinder als unwahrscheinlich neugierige und offene Wesen zur Welt kommen. Sie zeigen kein Interesse an Zuschreibungen und werten ihre Mitmenschen anfangs weder auf noch ab, aufgrund Stereotypen oder optischer Merkmale. Ihnen ist nicht bewusst, dass ihr Gegenüber sich vielleicht durch oberflächliche Merkmale bereits von ihnen in Kategorien einteilen lässt. Sie beginnen zunächst miteinander zu agieren, bis irgendjemand von außen ihnen mitteilen wird „Mit DEM wird nicht gespielt!“.

Ein respektvoller Umgang beginnt mit der Wahrnehmung und Beobachtung dieser angeborenen Neugier. Niemand kommt intolerant zur Welt. Wir werden erst so gemacht.

Nach und nach ist es uns Menschen wichtig, uns zuordnen zu lassen. Es dient der Orientierung, in einer komplexen und großen Welt. Wir gleichen uns wie selbstverständlich zunächst unserem engsten und vertrautesten Kreis, der Familie an. Sie ist auch das Kernstück der Sozialisierung. Hier beginnt, was nach und nach gefestigt wird. Die Identität.

Wer sich von der Masse abzuheben glaubt, in einer Familie groß wird, die dies nicht als wunderbar und normal anerkennen kann, wird sich später auch immer von anderen gestört fühlen, die der auferlegten Norm abweichen. Wir Menschen sind Herdentiere. Wir suchen unsere Sicherheit und Geborgenheit dort, wo wir sie billig finden werden.

Was kann ich als Pädagogin aber tun, um den Eltern und Kindern kommender Generationen diese Ängste vor Heterogenität zu nehmen?

Zunächst einmal durch die mir verliehene Vorbildfunktion.

Ich sitze fest im Sattel und lasse mir niemals von Außen einreden, dass Andersartigkeit ein Stigma sei. Es gibt kein anders. Anders bedeutet, es müsste irgendwo ein gleich geben. Schauen wir uns um, stellen wir aber fest, selbst Geschwister (auch Zwillinge) unterscheiden sich von Grund auf in ihren Eigenschaften, ihrer Optik, ihrem Sein. Minimale Gemeinsamkeiten werden als Richtschnur begriffen, um Menschen zu kategorisieren.

Wenn ich als Pädagogin erkenne, dass jeder Mensch das Recht hat sich frei, offen und geschützt zu dem Erwachsenen entwickeln, wirke ich damit positiv auf das Kind ein. Natürlich wird spätestens in der Schulzeit die elementare Erziehung über den Haufen geworfen, wenn wir unsere Kinder wieder zu Disziplin und gleichen moralischen Deutungen ermahnen. Dennoch, die Basis ist gelegt.

Jede Generation die ihre Kinder weg von Defiziten und hin zu Stärken, Chancen und Kompetenzen bewegt, schickt mündige und sichere Menschen in ihre Zukunft. Angst kann nicht entstehen, wenn vorher immer wieder Vertrauen geschenkt und selbstständiges Denken gefördert wurde. Wer keine Angst spürt, keinen Verlust und keine Schwäche, lebt frei von Wut, Abhängigkeit und Hass. Drei Pfeiler, die der Nährboden von Gewalt, Arbeitslosigkeit, Alkoholismus usw. werden können. Diese Generation gibt diese Erfahrungen dann an die nächste weiter.

Pädagogen sind in der Pflicht sich selbst und dieses Wissen darum in ihren Handlungen widerspiegeln zu lassen. Sie reflektieren sich und ihr Verhalten und haben die Chance Werte zu vermitteln, ohne dem Druck durch Leistungen oder Erwartungen nachzugeben.

Ich muss wissen, ob ich dieser Berufung gerecht werden kann. Nur wer sich bewusst immer und immer wieder hinterfragt, ob er heute schon etwas für die Zukunft des Schützlings getan hat, kann Wunsch zu Wirklichkeit werden lassen.

Ja, es ist viel Verantwortung und eine Macht, die viele an Grenzen treibt. Es ist aber auch eine Chance, eine Mission und ein Geschenk an eine Menschheit, eine Zukunft für ein Miteinander, die keine andere Berufsgruppe so ergreifen kann.

Nutzen wir diese Chance! Erkennen wir das Potential unseres Wirkens! Erkennt eure Kinder und euch selbst in dieser Welt und begreift, wir sind alle anders. Wir sind alle so normal wie wir unnormal sind!

HARTES WASSER

Leider lese ich noch immer zu oft Meinungen zur Kindererziehung, die schwarze Pädagogik vor sechzig Jahren nicht hätte schöner hervorbringen können.

Kinder werden zur Ressource verknappt. Da sind sie nicht nur unsere Zukunft und sollen neben den üblichen Pflichten, wie das Wirtschaftswachstum anzukurbeln, auch plötzlich die Umwelt retten. Es gibt Ideen davon wie das ideale Erziehungsmodell auszusehen hat und Vorstellungen weshalb der spätere Pubertierende in seiner Ausbildung nicht allen Erwartungen entspräche. Klar, in erster Linie waren es wohl die Kuschel-Helikopter-Eltern, allen voran Mütter, die Erziehung wohl als „Liebe in das Kind hineinstreicheln“ verstanden hätten und somit perse Scheiße sein.

Dann gibt es die Anschuldigungen, unsere Pädagogik sein mittlerweile zu weich, zu angepasst, zu sehr auf Augenhöhe und Achtsamkeit ausgelegt. Da könne so ein Kind ja später kein ehrbares Mitglied seiner Gesellschaft werden.

Es ist richtig, Erziehung macht den Unterschied. Wenn ich meinem Kind Urvertrauen nehme und Liebe vorenthalte, wird es später anders durchs Leben gehen, als ein Kind, welches diese wunderbare Erfahrung der Nähe und Verbundenheit machen durfte.

Ich war der Prototyp des „Schlechte-Erfahrungen-Kindes“. Zwei Jahre Krankenhausaufenthalt direkt nach der Geburt – also keine körperliche Bindung zur Mutter. Im Osten gab es dieses Känguruhen noch nicht. Danach neun Jahre psychisch und körperliche Gewalt innerhalb der Familie und ein typisches Trennungskind war ich ebenfalls. Fazit: Jahre lange Essstörung, viele Therapien und einige überstandene Suizidepisoden. Mein Leben war nicht leicht und Liebe fühlte sich stets ambivalent und wackelig an.

Wenn also jemand behaupten will, die Generation junger Menschen, die heute keine Lust auf Ausbildung hätte, keinen Bedarf an stupiden Jobs sehe und sich schwer täte eine Ehe einzugehen und Familie zu gründen, basiere einzig und alleine auf der Kuschelpädagogik, kann ich das klar verneinen. Zwischen Himmel und Erde gibt es so viel mehr.

Da sind liebende Eltern ein Geschenk und Bindung das einzig richtige, um Vertrauen aufzubauen. Auch das eigene, in sich selbst. Natürlich sollte es nicht über ein Maß hinausgehen. Abhängigkeit ist zum Beispiel meine Form der Bindung. Es ist ein Übel und führt später zu Ängsten und Problemen.

Bindung muss auf Augenhöhe beginnen. Wenn mein Gegenüber Nähe sucht, ich sie geben kann, dann gebe ich sie im vertretbaren Rahmen. Jemanden wegzustoßen, um später kein „Weichei“ aus ihm zu machen, führt zu der Sorte Mensch die sich später auch fragt, ob der Selbsthass größer ist oder die Wut auf eine unsichere und kalte Gesellschaft. Wer denkt seine Eltern waren nie da, zeigt sich oft ebenfalls unzuverlässig. Für wen früh aufstehen? Was soll Loyalität bedeuten, wenn niemals jemand loyal dem Kind gegenüber auftrat? Was ist Vertrauen in den Mitarbeiter, wenn Vertrauen an der Basis nie gelernt wurde?

Liebe Eltern, lasst euch sagen, wir bekommen die Kinder die wir verdienen. Dies gilt auch für eine Gesellschaft in der scheinbar alles unsicher, ängstlich und wütend bleibt.

HELDINNEN

In meiner Kindheit war ein Held stets männlich, stark und sanft zugleich, trug ein Cape und enge Strumpfhosen.

Später realisierte ich, meine größte Heldin muss meine Mutter gewesen sein, denn alte Aufsätze zeichneten dies ab. „Wer ist dein größtes Idol?“, lautete die Frage und meine Antwort war „Mama!“.

Ich weiß nicht, ob ich rückblickend noch so denke oder fühle. Die Ambivalenz zwischen treuer Kinderliebe und erwachsener Abwendung, macht es mir unmöglich mich zu entscheiden. Diese Frau hat unser Leben maßgeblich bestimmt, verursachte die Leiden und prägte mein ganzes späteres Leben wie kein zweiter Mensch. Ich verdanke ihr mein Leben. Ich verdanke ihr das Leben welches ich führe zu Teilen.

Ich war ihr viele Jahre lang eine Freundin geworden und gleichzeitig in unserer Verbundenheit ihr größter Feind. Die Liebe die wir einander gaben, hatte etwas von Abhängigkeit. Ich war lange ihr Anker, ihre Beschützerin und sie rückte manchmal aus der Pflicht meine Mutter zu sein. Eine Mutter die einfach nur da ist, beschützt, hilft, Grenzen aufzeigt und mir den Unterschied deutlich macht, was eine Freundschaft und was eine Familie zu sein vermag.

Wenn mir heute andere Mütter erzählen, sie seien die besten Freundinnen ihrer Kinder, kann ich nur staunen. Ich möchte nicht Freundin meiner Kinder sein. Sie sollen in mir eine verlässliche Bezugsperson sehen, eine Vertraute, aber keine Freundin.

Wir können spielen, toben, uns austauschen, aber weder sind sie dafür da sich meine Sorgen anzuhören, noch bin ich bereit mit ihnen jedes Fitzelchen meiner Lebenswelt zu teilen. Ich möchte sie nicht verwirren. Diese Welt ist verwirrend genug. Ich möchte ihnen so lange es geht Schutz bieten, bin aber auch diejenige, die sie aus dem Nest schubsen muss.

Freundschaft bedeutet eine Offenheit, die manche Kinderseele gar nicht aushalten kann. Kinder benötigen einen Rahmen, eine Verlässlichkeit die Freunde ihnen nicht immer geben werden. Freunde kommen und gehen, heißt es so schön. Familie sollte im Normalfall bleiben. Der Norm, nicht das Ideal sehe ich.

Natürlich ist es toll Kinder zu haben die sich einem immer und ständig anvertrauen. Es ist schön gebraucht zu werden und macht Spaß auf dem laufenden zu bleiben. Noch wichtiger als dieses Bedürfnis der Eltern, sollten aber die Bedürfnisse der Kinder bleiben. Autonomie, Abgrenzung, eigene Erfahrungen sammeln. Dies können sie tatsächlich nur mit gleichaltrigen Leuten lernen.

In einer Welt in der die Erwachsenen zu Freunden werden, verlernen Kinder den Umgang mit anderen Kindern. Sie sehnen sich nach Gesprächen mit den „Großen“. Sie hoffen auf deren Aufmerksamkeit und verlieren das Interesse am Kind sein. Ihre Kindheit endet, ihr Erwachsenalter beginnt. Oft viel zu früh.

Ich kannte alle Geschichten mehr oder minder ausführlich. Meine Mutter erzählte mir von den Schlägen des Stiefvaters, dass sie pleite war und zeigte mir ihre diversen Looks bevor sie mit Männern ausging. Daran ist an sich gar nichts verwerfliches und ich fand diese Aufmerksamkeit meiner Mama auch toll. Zunächst.

Später realisierte ich, dass es mir schwer fiel mich auf andere Kinder einzulassen. Ich holte mir ihren Rat ein, statt den der anderen Mädchen. Ich gewöhnte mir ihre Art zu Denken und Handeln an und wuchs aus dem Korsett der Kindheit heraus, obwohl ich es hätte noch eine Weile tragen müssen.

Wenn andere Kinder im Raum saßen, wählte ich den Platz bei meiner Mama. Ich lauschte ihren Gesprächen mit Freunden und wurde schnell um einiges ironischer als gleichaltrige Kinder. Die meisten verstanden mich nicht. Ich war ihnen auf eine Weise überlegen, sie mir auf andere. Zum Sonderling wurde ich im Jugendalter, weil es mir nicht gefiel wie die anderen Kids zu sein. Statt gegen meine Mutter zu rebellieren, mich auszuprobieren, blieb ich brav zu Hause und malte ihr Bilder. Ich ging mit ihr shoppen oder wir tranken Kaffee. Meine Freundinnen waren immer neidisch auf meine schöne, junge Mama. Ich voller Stolz.

Als ich eines Tages wieder zu ihr stehen wollte, sie gegen einen ihrer Männer verteidigte, mich ihr treu ergeben zeigte, da rief sie:“Hör damit auf! Du ruinierst meine Beziehung!“

Mir brach eine Welt zusammen. Dürfen Freundinnen sich nicht alles erzählen? Sind wir nicht verpflichtet ganz ehrliche Worte auszutauschen? Wenn ich doch immer alles hören darf, darf ich dann nicht auch alles sagen?

Und so verabschiedete ich mich von einer Freundin und wurde eine Tochter. Eine verletzte Tochter. Eine die als Freundin das Haus verlassen hätte, um sich eine neue Freundin zu suchen. Eine die zu jung war, um zu sehen, dass Streit dazugehört. Familie Zusammenhalt bedeutet.

Ich blieb. Ich blieb unsicher.

Familie kannte ich so nicht. Ein Vorbild war meine Mutter. Aber ein anderes. Und so habe ich viele Jahre gebraucht, um zu verstehen, dass ich meine eigenen Kinder anders großziehen möchte. Ihnen nicht zur besten Freundin werde und sie mir nichts schuldig sind.

Wir streiten, wir versöhnen uns, wir sind ehrlich und gleichzeitig auch mal sehr verschwiegen. Sie müssen mir nicht alles erzählen und ich ihnen unter Garantie auch nicht. Sie sind meine Kinder. Werden es immer bleiben. Keine Freunde. Kinder.

KINDER UND DIESER DRUCK

Gestern fragte mein Partner, ob ich das Gefühl hätte, Kinder seien sehr viel unselbständiger als damals und woran das liegen könne. Er zählte Beispiele auf, die insbesondere auf GroßstädterInnen zutreffen. Kinder die nachmittags zum Beispiel nicht mehr einfach so rausgingen zum Spielen. Oder Kinder, die lieber am Wochenende vor dem Computer säßen, statt im Park Unsinn anzustellen.

Nach kurzer Überlegung, stimmte ich ihm soweit zu.

Wir gingen in die Diskussion und er warf die Eltern in den Ring der VerursacherInnen.

Ja, die Eltern. Sicherlich. Diese formen das Bild vom Kind.

Aber:

Das aktuelle Bild vom Kind wird eigentlich immer von der gesamten Gesellschaft geformt.

Waren früher andere Werte wichtig und Kinder weder Statussymbol noch grotesk nahe (heute sind sie oftmals die Freunde der Erwachsenen und wir begegnen ihnen auf Augenhöhe), sondern liefen eher so mit. Die Eltern verdienten das Geld und die Kinder sollten keinen Stress machen. Das ging am besten, wenn sie bis 18 Uhr draußen mit Freunden tobten.

Irgendwann fiel auf, für eine erfolgreiche Gesellschaft, eine reiche Wirtschaft und eine Prestige-Zukunft, benötigen wir unsere Kinder. Sie sind die Hoffnung auf alle Besserung. Sie schaffen die Zukunft. So heißt es seit Jahren und der Druck ist immens.

Wer aber setzt sich dem Druck aus? Genau. Eltern!

Bereits im Babyalter beginnen die ersten Angebote, um das Kind zu fördern und zu formen. Babyschwimmen, Pekip usw. Eltern rotten sich zusammen und stellen ihr Kind zur Schau. Es wird verglichen und gebuhlt. „Mein Kind steht schon!“ „Mein Kind hält alleine die Rassel!“ „Mein Kind hat neulich zu Chopin gefurzt!“

Wir sehen die Kinder als Statussymbol an. Diese Marktlücke ist längst erkannt und gestopft worden und in der Schwangerschaft wäre es ebenso möglich bereits zu fördern und zu projizieren, soweit die Phantasie reicht.

Da sind sie nun also. Gewünscht oder nicht, aber all unsere Erwartungen und Hoffnungen stecken nun in ihnen. Wir hoffen sie sind bei bester Gesundheit, damit wir gleich loslegen können mit der unnötigen Frühförderung. Ergotherapie und Logopädie in der Kita, Fußball und Englisch am Nachmittag.

Wie sollen Kinder denn tatsächlich gleichaltrige Freunde finden, wenn sie den halben Tag verplant sind? Da heißt es dann zwar: im Verein oder der AG sind doch Freunde!

Aber haben unsere Kinder sich die Mühe machen dürfen diese alleine auszuwählen? Sie wurden zusammengesteckt und spielen mitunter das Spiel ihrer Eltern mit. Echte Freundschaften entwickeln sich eventuell gar nicht, denn wer in Konkurrenz zueinander steht, hat selten Lust am Wochenende auch noch die Spielsachen zu teilen.

In der Schule geht es weiter. Die Eltern fahren ihre Kinder zur Schule, setzen sie ab, halten sie fest und holen sie nachdem Klingeln vor dem Tor, um zum nächsten förderlichen Kurs zu fahren. Während man früher im See noch nebenbei Schwimmen lernte, wird heute in der Kita der teure Kurs, meist seit Monaten ausgebucht, bezahlt. In der Schule wäre man in der dritten Klasse dran. Als ob die Kinder sich jemals vorher alleine im Schwimmbad treffen dürften, liebe Eltern! Es dient lediglich der Beruhigung: mein Kind kann.

Und so fahren Eltern ihre Kinder dreimal die Woche in einen Verein, zum Sprachkurs oder in die Therapiestunde und keinen wundert es, dass nie Freunde anrufen? Das nie jemand nachmittags klingelt oder man lautes Lachen aus dem Jugendzimmer hört?

Wer nachmittags keine Zeit für Freunde hat, sondern feste Termine, kann keine Kindheit mehr besitzen. Es sind kleine Erwachsene die wenig Zeit haben. Wenig Raum. Wenig Luft.

Sie gehen von A nach B und haben teilweise schon alles gehört und gesehen, wissen aber nicht mehr wie man Klingelstreiche spielt oder ein Ei in der Pfanne braten kann. Sie haben sich nie ernsthaft das Knie aufgeschlagen und sind kreischend bei Rot über die Ampel gerannt, als Mutprobe.

Uns Eltern wird gesagt, unsere Kinder seien die Zukunft. Wir sehen in ihnen also nur das.

Auf ihren kleinen schmalen Schultern lastet die ganze Welt und wir setzen uns diesem Druck aus, weil wir Angst haben. Aber wovor?

BITTE ERZIEHEN SIE WOANDERS WEITER!

Ausnahmslos jeder Elternteil hat es schon mindestens einmal erlebt: fremde oder nahestehende Menschen mischen sich in die Erziehung unserer Kinder ein. Ungefragt und ungeniert.

Vorneweg vielleicht noch zu erwähnen, ich mag das Wort Erziehung nicht, aber so lange es keine adäquate Bezeichnung für das was ich zum Ausdruck bringen möchte gibt, bleibt es der Einfachheit halber dabei. Der Deutsche zieht eben gerne an allem (Beziehung, Verziehen, Umziehen usw.).

Wieder zurück zum eigentlichen Thema.

Als junge Mutter ging ich einst mit dem Baby im Kinderwagen bei Ikea einkaufen. Irgendwann weinte mein Kind lauthals und eine mir fremde Dame drückte sich in den Kinderwagen. Sie empfahl mir, dem Kind doch etwas zu trinken zu geben, er sehe durstig aus. Mit zarten einundzwanzig war ich etwas eingeschüchtert und bedankte mich artig, wohlwissend, dass mein Kind jetzt einfach nur die Schnauze voll hatte von Einkaufsstress und müde war. Nicht besser, aber auch nicht unlösbar. Kommt bei jeder guten Familie vor.

Schon als ich schwanger war, schien jeder ein Anrecht darauf zu haben, meinen Bauch zu berühren und mir Tipps für die Zukunft mitgeben zu müssen. Einmal im Fahrstuhl (auch in einem Möbelgeschäft – Nestbau und so), tätschelte gleich eine ganze Meute fremder Menschen an mir herum. Jeder hatte ein paar Geschichten auf Lager, die uns werdenden Eltern das Fürchten lehren sollten. Im aussteigen, kam ein Renterpaar auf uns zu und sagte beschwichtigend, es würde alles schön und ganz wunderbar werden. „Nur Mut!“

Seit meine Kinder das Licht der Welt erblickten, ging es so weiter. Es heißt zwar immer, für das Großziehen (ha!) eines Kindes braucht es ein ganzes Dorf, aber ob darunter verstanden werden darf, dass sich Omas und Opas, Schwiegereltern und Nachbarn ungebeten in alles einmischen können, stelle ich gerne in frage.

Da wird alles besser gewusst, Horrorszenarien heraufbeschworen, an dem Kind und der Mutter gekritelt usw.

Es gibt keinen Hinweis auf einen Mangel an Fähigkeiten, den ich nicht schon selbst oder im Freundeskreis gehört habe. „Halte das Kind doch so!“, „Er muss mehr essen!“, „Gibst du es wirklich schon in die Kita?“, „Ach komm, die paar Süßigkeiten schaden ja nicht!“, „Mehr Sport wäre aber gut.“, „Wenn du das und das kaufst, sparst du viel Zeit und Ärger…“ und vieles mehr.

Tipps die die eigene Kompetenz nicht nur in frage stellen, sondern gerade zu demütigende Züge annehmen. Unsicher und überfordert von all den Meinungen und Ideen, wissen manche gar nicht mehr ihrem eigenen Bauchgefühl zu trauen. Es wurde schlichtweg niedergesabbelt.

Vermutlich ist den Einmischern früher ähnliches passiert. Man gibt weiter, was man gelehrt wurde. Wer früher unterdrückt wurde, hat die Wahl es besser zu machen, nutzt aber genau diese Macht dann aus und setzt noch eine Schippe drauf.

Niemand ist unfehlbar. Auch nicht der Mensch am anderen Ende, der weder dich noch dein Kind kennt. Dahinter stecken meist gute Absichten und die schöne Idee Unterstützung zu bieten. Es handelt sich aber tatsächlich nur um Druck. Druck auf die Eltern und Druck auf das Kind. Fühlen sich Eltern dauerbeobachtet, wird das Kind schnell zum Störfaktor. Jetzt soll es im Bus eben brav stillsitzen und darf möglichst nicht schlecht auffallen, sonst wird ja ungefragt kritisiert und belehrt.

Eltern die sich aus diesen Fallen befreien wollen, landen nicht selten in der nächsten: sie gelten als undankbar und unhöflich. Hat man sich dazu durchgerungen den Mund aufzumachen, wird man oft mit Stirnrunzlern konfrontiert. Menschen die es nur gut meinen, können in ihrem Ego tiefe Kränkung erfahren.

Aber was hilft wirklich? Eltern wollen und brauchen ja auch mal Unterstützung.

Freundlich fragen, ob jemand Hilfe braucht, ist ein Anfang. Sich nicht durch jeden Kinderpups gestört zu fühlen, kann bei den Eltern große Erleichterung auslösen. Eltern machen lassen und checken, ob überhaupt Einbringung erwünscht ist.

Wenn ich meine Freundinnen und mich so beobachte, fällt auf, dass unsere Freundschaft und das stetige Miteinander dazu geführt hat, dass wir uns inzwischen als Mensch und Mütter so gut kennen, um die jeweiligen Gewohnheiten zu akzeptieren und zu respektieren.

Darf ein Kind bei meiner Freundin kein Eis essen, gebe ich meinen Kindern erst später eines. Ich frage auch, bevor ich etwas serviere oder erlaube, was dem Kind nachher von der Mutter ggf. in großer Mühe und Anstrengung entzogen werden muss. Es ist für mich ebenfalls selbstverständlich, dass ich weder mit dem anderen Kind zu motzen habe, wenn die Eltern mittels ihrer Erziehung ihren Job machen, noch zu überlegen, ob das was ich da sehe besser oder schlechter ist als das was ich da leiste.

Für fremde Menschen gilt das ebenso. Da erst recht. Weder fasse ich ungefragt in den Kinderwagen, noch an den Bauch. Weder habe ich zu urteilen wieso eine Frau am Handy sitzt, während das Kind gerade am Sitz des Vordermannes lutscht, noch habe ich zu urteilen, wieso manche Kinder um sieben Uhr abends im Haus Klavier üben. Es sind nicht meine Kinder und ich werde mich hüten ungefragt eine Bewertung abzuliefern.

Wer keine eigenen Kinder hat oder Kinder hat und weiß wie es sich anfühlt: lasst es. Lasst es einfach bleiben. Übt euch in Geduld und Gelassenheit, so wie wir es gezwungenermaßen auch ständig tun. Wir sehen und hören euch, wir sind dankbar über jedes Dorfmitglied, was uns helfen möchte, aber wir brauchen nicht zwangsläufig jeden Tipp, jeden Blick und jede Hand am Kind.

Es brauche ein Dorf, um ein Kind großzuziehen. Es braucht eine gute Therapie, um sich später nicht als komplett inkompetenten Elternteil zu fühlen.