RESPEKT UND WIRKUNG

In meinem ersten Jahr an der Grundschule, war ich weder naiv, noch idealistisch. Ich hatte einfach selbst schon zu viel erlebt und gesehen, plus zwei eigener Kinder.

Ich wusste welche Art von Pädagogin ich einmal sein wollte.

Aufgeschlossen, wertschätzend, interessiert, motiviert und wirksam.

Ich hatte kein Interesse daran nur stumm auf dem Hof zu stehen und nach acht Stunden unterkühlt und erkältet nach Hause zu latschen. Ein Beruf darf Spaß machen. Ein Beruf darf Berufung sein. Meiner war es.

Inzwischen aber spüre ich genau warum es zwickt. Und wo.

Gehen wir davon aus die Aufgabe der neuen Generation von pädagogischen Fachkräften wäre es, Kinder und Jugendliche zu begleiten, statt zu erziehen. Ihnen Vorbild zu sein, Struktur zu geben, innerhalb des gesteckten Rahmens und neben der Vermittlung von Werten auch etwas Wissen nahezubringen. Wie funktioniert der Alltag in einer Schule? Wie essen wir mit Besteck? Wie binde ich mir Schnürsenkel? Wie erledigen sich die Hausaufgaben in Ruhe? Wie halte ich meine und andere Grenzen ein? Warum verändert sich mein Körper und wie gehe ich respektvoll damit um? Wie werde ich ein achtsamer Mensch, schade anderen nicht und habe dennoch eine Menge Spaß?

Bei mir war jeder Tag ähnlich. Ich habe spontan Pläne gemacht und ganz entsprechend des Situationsansatzes gehandelt. Hatten die Kinder also ein Problem, überlegte ich eine Strategie sie an Lösungen zu führen. Hatten die Kinder an einem Thema Interesse, recherchierte ich gründlich und bereitete Projekte vor, die auch bei spontanem Abflauen wieder in der Schublade landen konnten. Ich hatte für jede Jahreszeit eine kleine Notbox an Ideen im Kopf. Halloween-Party, Weihnachtsplätzchen backen, Neujahrsspaziergang auf den Spielplatz im Viertel, Spielenachmittage, bei denen das Klassenzimmer zum Parcours wurde und Entspannungsrunden, bei denen ich Massagegeräte rausgab und leise flüsternd Geschichten vorlas. Ich ließ nichts aus. Sie durften im Herbst barfuß über Kastanien laufen, in einem Gewaltpräventionskurs schreien und schimpfen und ich habe so viele Comics malen sollen, bis mein Mittelfinger einen blauen Fleck und eine schöne Hornhaut bekam.

All das. All die Zeit, all die Mühe und meine Anerkennung für ihre Bedürfnisse, wird nicht gesehen.

Wie nebenbei steuern Eltern mich an und beklagen sich. Zu wenig draußen. Zu oft draußen. Zu viele Hausaufgaben. Nicht im Nachmittagsbereich erledigt. Zu viele Hausaufgaben (nicht mein Anspruch). Zu viel Stress einzelner Kinder untereinander. Zu wenig Freiraum „Sind doch noch Kinder, die prügeln sich halt!“. Zu viele Hausaufgaben.

Ich saß fest. Zwischen den Stühlen pädagogischer Ansprüche und pädagogischer Erwartungen.

Während die meisten Menschen noch früher Erinnerungen an eine wilde Kindheit auf dem Schulhof haben, Spiele draußen, Angebote nachmittags und Legokisten im Raum, fehlt ihnen jedes Bild der Arbeit und insbesondere der Pädagoginnen dahinter. Sie erinnern sich lose an einen Namen, aber nicht mehr an Inhalte, an ein Gesicht, ein gutes Gespräch mit dieser Person oder daran jemals mit den Eltern über sie gesprochen zu haben.

Sie erinnern sich aber meist sehr wohl an ihre LehrerInnen.

An den Druck, den Ärger, das Geschrei. Wohlmöglich an Lichtpunkte am Horizont. Freundliche Kunstlehrer und interessante Physiklehrerinnen. Alles unter Leistungen verbucht.

Pädagogen müssen viel bewirken. Sie sollen das Kind zu einem gesellschaftsfähigen Menschen reifen lassen. Fördern, fordern, indirekte Einflüsse nehmen. Neben den Eltern als AnsprechpartnerInnen, Anwälte und mit viel Empathie und Nähe gesegnet sein.

Unsere Aufgaben sind so vielseitig wie unsichtbar für die Außenwelt.

Wir strafen nicht ab. Geben keine lebensbeeinflussenden schlechten oder guten Noten. Können auf die Zukunft des Kindes nur minimal sichtbar Einfluss nehmen und doch ist er da.

Während die meisten Eltern von früh bis spät keinen Einfluss mehr haben, sitzen, stehen und gehen wir an der Seite ihres und noch 28 weiterer Sprösslinge. Wir hören zu, erklären und lassen sie individuell wachsen. Natürlich würden sie das sowieso. Auch ohne uns.

Aber Kinder würden auch ohne ihre Eltern ein Stück weit gedeihen. Auch ohne Lehrer etwas lernen.

Die Frage ist was? Die Frage sollte lauten, in was für einer Gesellschaft sollen diese Kinder groß werden? Freiheit muss verstanden werden. Leistungen sind nicht alles im Leben.

Obwohl Eltern angeblich oftmals Angst vor Leistungsdruck haben, greifen sie doch genau darauf zurück. Sie werten die Schule höher und werten unsere Arbeit ab. Ein Trugschluss.

In meinem Beruf muss ich sehr flexibel sein. Ich agiere. Ich bin aber nicht der Pausenclown.

DAS GUTE GEFÜHL ALLES VERKEHRT ZU MACHEN

„Du hast heute aber gute Laune, Mama.“,sagte mein älteres Kind zur Begrüßung.

Ich hatte einen ganz gewöhnlichen Arbeitstag hinter mir. Ein wenig Mut brauchte ich schon, denn ich musste meinem Chef etwas mitteilen. Er war beinahe erleichterter als ich. Hatte mit dem schlimmsten gerechnet und am Ende waren wir beide entspannt aus zehn Minuten Gespräch gegangen.

Viel schöner war nach Feierabend dann noch das Eisessen mit meiner Oma. Feierlich bestellte ich mir Käsekuchen und Eis. Meine Kollegin hatte mich heute erschrocken angesprochen, ich werde immer knochiger.

Nach zwei Stunden Mädelstalk, einem Einkauf und diversen Erledigungen später, diskutierten die Lieblingsoma und ich auf dem Weg zum nächsten Termin, ob Prinz Harry nun in die Venusfalle getappt war oder als Erwachsener selbstständig entschieden habe, was das Beste für sich und seine Familie sei. Für Oma scheinbar unvorstellbar. Diese Frau müsse ihn manipuliert haben. Ich hab also Gegenwind gehalten und stieg ein wenig geschafft, aber nicht minder glücklich aus dem Auto. Nun nur noch einen Termin beim Kindertherapeuten.

Im Wartezimmer spülte mir Google noch einen Artikel über „Rasenmäher-Eltern“ rein. Nach Helikopter käme nun eben das. Eltern die ihren Kindern den Weg ebnen wollten, ihnen damit aber jegliche Kompetenz absprächen, sie also am Ende auch nur ins Unglück, nämlich die Unselbstständigkeit trieben. Puh. Eine Menge Stoff.

Ich setzte mich also auf die Couch und sprudelte los. Die Erfahrungen der letzten Wochen flossen nur so heraus. Wir nickten eifrig, wir lachten, wir grübelten und bedauerten.

Ich sprach den Artikel an. Sprach darüber wie oft ich mich aus Sorge darum etwas falsch zu machen und mein Kind an ein Unglück zu verlieren, überforderte. Mein Kind überforderte, indem ich alles abnahm. Zumindest eine Menge und immer dann, wenn es brenzlig wurde. Schöne Idee von mir, bestätigte die sehr sympathische Therapeutin. Nicht viele Eltern seien so selbstkritisch. Jetzt sei es aber an der Zeit das Denken zurückzustellen und mein Kind machen zu lassen. Sind wir ehrlich, wir Frauen können es nicht allen recht machen und schon gar nicht als Eltern alles immer und jedem gegenüber gerecht werden. Zack. Das saß!

Es war so ehrlich, offen und klar. Es war wie der Termin bei meinem Chef. Jemand mit Verständis, der mich so ernst nahm wie ich es hätte vorher tun sollen. Jemand der mich sah, meine Mühe, all die Sorgen und mir sagte „Alles OK, du musst nicht perfekt sein und du bist niemandem etwas schuldig. Nicht der Arbeit, nicht dem Kind.“

Ich verließ die Praxis leichter.

Beschwingt ging ich nach Hause. Wissend, ich werde aus meiner Haut nur sehr langsam kommen. Mich schälen müssen, eine unsichere Schicht nach der anderen. Und ich sollte mir viel häufiger sagen, was ich meiner Oma mit flammender Rede so selbstverständlich entgegen halten konnte:

„Hey, komm schon…diese Frau ist nicht für den Untergang der Monarchie verantwortlich. Ein bisschen mehr können wir den anderen auch zugestehen.“ Und ich sollte mir glauben.

GEWALT AN ALLEN

Zuerst einmal, ja, heute ist der internationale Tag gegen Frauengewalt. Ein wichtiges Thema und ohne Frage nicht kleinzureden.

Was aber ist Gewalt? Wie definiert man Gewalt? Wo fängt Gewalt an und wie erkennen wir diese?

Ist Gewalt ausschließlich die sogenannte Tracht Prügel?

Beginnt Gewalt erst im Erwachsenenalter oder setzt sie bereits viel eher ein?

Sind die Opfer von Gewalt lediglich an ihren blauen Flecken zu bemessen und der Härtegrad ebenso?

Nein.

Gewalt beginnt vielerorts schon lange vor dem ersten symbolischen Akt des Schlagens. Gewalt kann sich abspielen, wo wir Schutzräume vermuten und uns auf Menschen verlassen wollen.

In der Kita werden ErzieherInnen gewalttätig ihren Schutzbefohlenen gegenüber. Zu Hause brüllen Eltern ihre Kinder an und erheben im Streit die Hand.

Manche Gewalt ist sehr subtil. Fast unbemerkt und still. Es genügt ein Blick, eine vorher festgemachte Regel die nicht eingehalten wird und mit Drohungen quittiert.

Manchmal ist Gewalt ein Zeichen von Schwäche und nicht selten eine Demonstration von Macht.

Wer Gewalt praktiziert, wurde häufig selbst Opfer eben dieser Erfahrung. Wurde gepeinigt als Kind. Gedemütigt. Es schlichen sich sogenannte Erziehungsstile ein, die mit Verachtung gestraft werden müssten. Oft sind sie die Norm. Und auch wenn wir die TäterInnen nicht in Schutz nehmen können, sind auch sie meist selbst Opfer gewesen. Noch heute.

Gewalt kann nur gestoppt werden, wenn wir die Opfer schützen. Von Anfang an. Wenn wir die rote Karte zeigen und aufhören Opfer zu verhöhnen, nicht ernst zu nehmen oder ihnen und anderen das Gefühl geben Gewalt sei normal. Ist sie nicht.

Es gibt hier kein richtig oder falsch. Gewalt kann niemals richtig sein. Sie ist Ausdruck dessen, was unsere Gesellschaft krank macht. Einander in Hass und Angst zu begegnen, schwächt uns. Macht uns angreifbar, lässt uns verwundet zurück.

Erhebt eure Hand für Frieden. Gegen Gewalt an allen!

AN EURER SEITE

Was mir als Pädagogin noch schwer fällt, ist es glaubhaft zu transportieren, an der Seite der Eltern und ihrer Kinder zu stehen.

Viele Eltern haben verlernt, den Pädagogischen Kräften Vertrauen zu schenken. Natürlich basierend auf Erfahrungen und dem Wissen um schwarze Pädagogik. Obwohl sie uns auf der einen Seite ihre Kinder mehr oder minder freiwillig (Job und Schulpflicht zwingen ja wohl eher) in Obhut geben und wir damit teilweise mehr Zeit mit diesen anvertrauten Menschen verbringen, als sie selbst, bleibt da immer dieser Unmut. Das Gefühl, die andere Erziehungsperson könnte Fehler begehen, etwas fehlinterpretieren oder in völlig anderem Stil gegen die eigene Richtung lenken.

Und manchmal haben die Eltern ja auch Recht. Viele meiner Kollegen und Kolleginnen neigen hier und da noch zu groben Maßnahmen und reagieren aus Überforderung oder eigener Sozialisierung heraus völlig falsch. Da werden Kinder nicht nur psychisch und körperlich unterdrückt, sondern ganze Kübel von Vorurteilen gegenüber der Familie, den Eltern, der Herkunft usw. über dem Kind ausgeleert.

So möchte ich aber nicht sein. Ich möchte die Eltern als das begreifen was sie sind. Meine wichtigsten Ansprechpartner. Meine Verbündeten, meine Experten und RatgeberInnen. Sie sind bereits Eltern vor der Geburt ihrer Kinder. Sie haben sich Gedanken um ihre Kinder und die Art der Erziehung gemacht. Sie wissen ihr Kind besser einzuschätzen als ich es je könnte. Natürlich gibt es Ausnahmen, aber die können dennoch auf mehr gelebte tatsächlicher Erfahrung zurückgreifen als sie denken. Wonach sehnt sich das Kind, wenn es müde ist? Wie reagiert es bei Überforderung? Ist es lieber alleine oder in großer Gesellschaft? Braucht es Zuwendung und Unterstützung oder ruft es erst nach Hilfestellung, wenn nichts mehr geht? Es sind diese tausend Ideen, die wir dem Kind an Beachtung leider gar nicht schenken können. Wir können aber versuchen mit den Eltern in Kommunikation zu treten und einigermaßen kindentsprechend zu agieren.

Mir fällt es noch sehr schwer diese Haltung herüberzubringen. Eltern sehen in mir die freundliche Ansprechpartnerin, aber auch große Kritikerin. Sie sehen, was ich erwarte und ich bleibe meiner Linie treu immer ehrlich und reflektiert zu handeln.

Eltern sind es nicht mehr gewohnt, dass jemand zuallererst ihrem Kind verpflichtet arbeitet und dann schließlich auch ihnen gegenüber. Wir sind nun einmal Dienstleister. Wir haben uns der Aufgabe verschrieben gemeinsam ihre Kinder zu begleiten. Jeder von uns freiwillig und jeder aus einer bestimmten Motivation heraus.

Meine Motivation ist, den Eltern und Kindern eine so angenehme Zeit wie möglich bereiten zu wollen. Eine Weile mit ihnen zu gehen und sie hoffentlich gestärkt verabschieden zu dürfen. Ich habe manchmal Angst diese, meine Werte nicht genügend sichtbar zu machen und Eltern gegen mich aufzubringen, obwohl sie in mir ihre helfende Hand sehen können.

Wir sind nicht Teil einer Generation der Respektlosen. Wir sind dabei Kinder wie Menschen zu behandeln, weil sie nichts anderes als das sind. Wir sind dabei Eltern ernstzunehmen und wünschen ernstgenommen zu werden.

Gemeinsam sind wir hier. Gemeinsam für das Kind. Ihr Kind.

ANDERS

In meiner Familie hat jeder einen Fernseher. Mindestens.

Sie hängen an Wänden vor der Couch, tauchen das Schlafzimmer in blassblau oder murmeln die Wohnung in erträglichem Maße aus ihrer Einsamkeit.

Meine Wohnung weist genau zwei technisch kompatible Geräte vor. Ein altes Fernsehgerät im Kinderzimmer, auf dem sich aber nur DVDs abspielen lassen und ein kleiner Laptop, um den sich die Kinder und ich reißen, wenn wir abends auf Netflix noch etwas sehen wollen. Seit die Röhre vor etwa acht Jahren aus meiner kleinen Wohnung flog, zog lediglich ein winziger Flachbildschirm ein, zum Zwecke den Kindern wenigstens ab und an eine DVD zu ermöglichen. Und das ging auf Kosten ihrer Großeltern. Irgendwie wollte sich mir nicht mehr erschließen, wieso ich es damals für Standard hielt, den Fernseher unaufhaltsam im Hintergrund laufen zu lassen. Inklusive Werbung, Sendungen die ich gar nicht verfolgte und jeder Menge Trash.

Als Kind war ich die sogenannte“Fernseheule“. Ich liebte es stundenlang Trickfilme zu schauen oder als Teenager auf MTV und Onyx Neuerscheinungen zu verfolgen. In meiner ersten eigenen Wohnung, ich war zarte 18, halfen mir ein Kater und der Fernseher über den Trennungsschmerz hinweg. Ich ließ keine Sendung aus, weil ich mir Bücher noch nicht leisten konnte und es sowas wie ein Smartphone noch gar nicht gab.

Nun bin ich erwachsen, habe zwei Kinder und kein Problem. Sie zocken weder besonders gerne, noch sind wir ausdauernde Filmjunkies. Wir schauen Serien, wenn uns danach ist und klappen den Laptop zu, sobald etwas anderes spannender wird.

Damit passen wir aber nirgends ins Bild. Popkultur ist uns ja nicht fremd und das große Kind verfolgt heimlich auf dem Handy seine Idole auf YouTube. Mein jüngstes Kind singt laut Paw Patrol Intros und brüllt es sei Catboy. Bis ich wusste wer das ist, waren die Sendungen längst alle durchgeschaut.

Unseren Alienstatus in einer Welt voller Großbildschirme und neuester technischer Geräte, habe ich mir weder abgeguckt bei Freunden, noch als Rebellentum gegen die eigene Familie betrachtet. Ich hatte schlichtweg keine Lust auf ein Leben, ausgerichtet um den Fernseher.

Wie viele Räume werden wohl nach dem Fernseher gestaltet? Wie viele Möbel bauen sich um das Zentrum der Flimmerkiste auf? Wie häufig ist die erste Tat nach Betreten der Wohnung, dass Starten des Programms und wie viele Menschen schlafen beruhigter vor den letzten Atemzügen einer Sendung auf RTL oder Pro 7 ein?

Diese Abhängigkeit geht mir auf den Keks. Diese Sucht, diese Einsamkeit, wenn die Geräte kaputt gehen und vor lauter Stille im Raum, der eigene Herzschlag unerträglich laut wird.

Ich mag mich hier als Exotin aufspielen, aber keinen Fernseher zu haben, hat nur einen Nachteil: man muss sich alle popkulturellen Nachrichten eben auf einem winzig kleinen Display selbst ergoogeln. Heimlich unter der Bettdecke natürlich. Neben einem ein Wälzer von Tucholsky und dazu Klaviermusik im Hintergrund.