KINDER UND DER BÖSE WOLF

Oliver Pocher und seine Frau machen das was viele derzeit in Isolation machen, sich langweilen. Sie nutzen ihre Zeit und Reichweite allerdings relativ sinnvoll und geben uns ein ungeschöntes Bild der großen bunten Welt des Internets, bzw. Instagrams.

Gestern ging es dann um das sehr ernste Thema Pädophilie. Erwachsene die Kinder lieben, wenn wir es genau nehmen. Tatsächlich geht es aber oft nur um Macht. Der Erwachsene gegen das Kind. Erfahrungen gegen Nichterfahrungen. Adultismus und noch darüber hinaus.

Ich bin übrigens auf einer anderen Seite auf Pochers Themenbeiträge gestoßen und war erst etwas verwirrt. Dort postete eine junge Mutter diese Beiträge und rief zur strengsten Umsetzung des Kinderschutzes auf. Soweit so toll. Sie brüstete sich auch gleich damit, dass ihr Kind nicht auf Instagram stattfand. Bei über 7000 Followern eine große Verantwortung, der sie anscheinend gerecht würde. Wenn man aber genauer recherchiert auch nur Doppelmoral und Spitzfindkeit, um andere zu diskreditieren und sich selbst auf ein Trittbrett zu stellen.

Auf Twitter finden wir nämlich leider noch immer viel zu viele Infos über ihr Kind. Generell neigen online viele Menschen dazu ihre Kinder immer dann emotional vor den Karren zu spannen, wenn sie Geld benötigen, etwas von ihrer Wishlist brauchen oder eben Klicks erhoffen. Mitleid zieht, genau wie niedliche Kinderfotos. Nun weiß ich von eben jener Person und insbesondere ihrem Sohn, dass dieser eine Po-Dusche benötigt. Er sei behindert. Überhaupt findet er nur durch seine Behinderung auf ihrem Account statt. Und so sehr ich es schätze über den Alltag von Menschen mit Beeinträchtigungen zu hören, zu lesen und zu erfahren, umso anstrengender empfinde ich es, über ihre Eltern informiert zu werden. Als hätten sie keine Stimme, kein Anrecht auf Privatsphäre oder Schamgefühl. Als sei dieser Teenager nicht in wenigen Jahren erwachsen und möglicherweise selbst Teil dieser Maschinerie und nun findet er hier statt, durch unsere Augen und in eine Form gegossen von seiner Mutter.

Ea fällt noch immer vielen Menschen, insbesondere Eltern, schwer zu glauben, dass ihre Kinder auch online Rechte haben. Dass jede unserer Handlungen auch Folgen nach sich ziehen kann. Nicht alles was wir teilen wollen, müssen wir auch online mitteilen. Dafür gibt es Freundschaften, Partner, Eltern, meinetwegen Nachbarn. Es gibt Therapeuten und die Seelsorge. Irgendwelche fremden InternetuserInnen sind nicht unsere Freunde, schon gar nicht die unserer Kinder. Sie mögen uns inspirierend erscheinen und manchmal an Bedeutung gewinnen, aber bei einer unüberschaubaren Followerzahl ist das definitiv nicht mehr gegeben.

Gebt euren Kindern endlich das vollumfängliche Recht für sich selbst zu sprechen oder gar nicht. Zeigt die Mutterschaft auf. Erzählt lustige Anekdoten, wenn ihr euch damit wohl fühlt, aber lasst ihnen um Himmelswillen eine Chance als etwas anderes wahrgenommen zu werden, als das Bild, welches ihr von ihnen hier zeichnet.

Der böse Wolf sind mitunter nicht die Fremden. Manchmal ist es die eigene Mutter die dich zum Fraß vorwirft.

LEBENSZEICHEN

Heute ist der fünfte Tag mit Kindern zu Hause. Zwei Tage musste ich noch arbeiten und dann war Ruhe. Ruhe?

Na ja.

Ich habe das unwahrscheinlich tolle Glück eine gute Nachbarschaft zu besitzen. Ein großer Hof mit integriertem Spielplatz und mehrere kleine Familien die sich gut verstehen. Wir nehmen einander die Kids ab, wenn jemand arbeiten muss und bringen Kaffee und Kuchen raus, für das Wohlbefinden.

Dazwischen aber die Realität. Erst lagen die Nerven blank, als ich finanzielle Sorgen hatte, dann wurde ich krank (kein Corona) und fühlte mich hilflos, schlapp und sehr alleine.

Seit Tagen müssen wir uns zudem völlig neu strukturieren. Mein Kind muss täglich Hausaufgaben erledigen. Ich muss zweimal die Woche Aufgaben fürs Studium einreichen. Meist sitzen wir gemeinsam am Tisch. Morgens ab acht und abends gegen sechs. Dabei ist das jüngere Kind stets dabei, spielt, quatscht und tobt mit der Katze. Alle Versuche es zu integrieren oder abzulenken, gingen nach spätestens einer Stunde über den Jordan. Welches Kind hat schon so viel Aufmerksamkeit und Konzentration, wenn es bereits mehr oder minder den ganzen Tag in der eigenen Suppe der Wohnung saß?

Also ist das alles neben Haushalt, Einkäufen, Arbeit, Kindern und Einsamkeit ziemlich beschissen.

Natürlich könnte ich nun Aufgaben erledigen die sonst auf der Strecke blieben. Dabei muss ich aber regelmäßig Essen auf den Tisch stellen, Mathe lernen, Kinder motiviert halten und den eigenen Scheiß auf die Reihe bekommen. Es ist Quatsch homeoffice und Kinder unter einen Hut zu stecken. Das passt nicht. Nicht unter Quarantäne. Denn die Verunsicherung allerseits und das Gefühl nicht Mal mehr auf den Spielplatz zu dürfen, macht alle nervös. Emotional sind wir am Limit, streiten viel, sind gereizt. Ich appelliere ständig an beide sich zu vertragen, aber die Stimmung bleibt eher angespannt.

Ich vermisse mein altes Leben vor der Krise nicht. Es war hektisch, laut, schnell und grotesk kapitalistisch. Heute fehlt mir jedes Bedürfnis nach Shopping oder Geltung.

Morgen habe ich Geburtstag. Die Kinder sind im Papa-Wochenende. Eigentlich schön. Eigentlich auch vollkommen egal. Es wird keinen Besuch geben und ich erwarte keine Geschenke. Alles eben sehr ruhig. Fast einsam.

Ich wünsche mir auf jeden Fall mehr Klarheit in aller Leute Leben. Sich darauf zu besinnen was wirklich wichtig ist. Nicht Karrieren, Jobs, Geld. Es sind Menschen. Es sind Kontakte, ehrliche und liebevolle. Es ist das Miteinander und nicht gegen.

Ich bin erschöpft, nach nur einer Woche. Aber ich bin auch froh um diese Erfahrungen. Sie werden uns wieder wachsen lassen und das diesmal nicht alleine, sondern in der ganzen Welt.

EIN KIND VERLIEREN

Vorweg, es geht hier nicht um den schmerzhaften Verlust eines Kindes durch Fehlgeburt oder Tod. Dies ist ein Beitrag an alle Eltern die ihre Kinder emotional verloren haben. Ein Tabuthema. Ein Trauma.

Ich liebe es Mutter zu sein. Und auch wenn es wie eine Rechtfertigung klingen mag, die das Selbstverständliche benennt, so möchte ich es einfach loswerden.

Ich liebe meine Kinder. In ihrer einzigartigen Art, ihren Stärken und Schwächen, ihren Ansichten und Lebensweisen. Niemand könnte mir meine Kinder jemals schlecht reden.

Und doch lasse ich gerade auf schmerzhafte Weise los. Verliere ein Stück weit die Kontrolle, fühle mich schwach und bin in ängstlicher Besorgnis dabei zu begreifen was hier passiert ist.

Über Jahre wollte ich eine gute Mutter sein. Besser als meine. Besser als ihre.

Ich wollte meine Kinder niemals alleine stehen lassen, vor Krisen die es zu bewältigen gilt, vor Katastrophen, die sie nicht verschuldet hatten. Dabei gab ich vor stark zu sein, von Grund auf gefestigt und als Konstante ihres Lebens den Überblick zu bewahren. Ich wollte als junge alleinerziehende Mutter Werte jenseits der Freundschaft und Coolness vermitteln. Sie sollten in mir eine Vertraute haben, aber auch begreifen, dass ich ernstzunehmend an ihrer Bildung, ihrem Wachstum und ihrer Erziehung interessiert bin.

Ich fühlte mich dabei immer von einem dubiosen Außen betrachtet und unter Druck gesetzt. Jemand der mir sagt was ich besser machen müsse, jemand der mir mein Selbstvertrauen abspricht, indem er mich für schwach hält. Manchmal waren das meine eigenen Eltern, manchmal waren es Pädagogen und Erzieherinnen. Ich stand fest. Blieb es. Bis unsere Tür ins Schloss fiel. Selbst als die Kinder am Tisch saßen und auch wenn der Kloß im Hals größer wurde. Also weinte ich nur selten und das oft heimlich. Ich schluckte herunter, wenn die Väter gegen mich arbeiteten. Bezahlte stolz alle Rechnungen alleine, gab den Kindern Halt und erfüllte ihre Wünsche so es ging. Vereine, Kurse, Wochenenden im Urlaub oder auf dem Indoor-Spielplatz. Ich bezahlte Nachhilfekurse und kaufte neue Kleidung. Ich ließ sie abends einen Nachtisch essen, aber blieb selbst beim Salat. All meine Liebe sollte spürbar ausgedrückt werden, indem ich all ihre Bedürfnisse versuchte wahrzunehmen. Meine eigenen blieben nicht selten auf der Strecke. Aber warum?

Weil mein schlechtes Gewissen nagte. Zwei Kinder. Zwei Väter. Zweimal studiert. Dreimal den Job gewechselt. Ich war so rastlos. Nur sie waren geblieben und alles was ich damit anfangen konnte, war der Versuch hier die beste Mutter der Welt zu sein.

Aber das gelang nicht. Es war zu viel.

Meine Erwartungen wurden nicht belohnt. Denn es sind keine Zirkuspferde, die durch Training und Zuckerstückchen zu echten Attraktionen werden. Sie sind menschlich so wie ich.

Und so musste ich mich davon lösen ihnen alles abzunehmen. Auch meine Gefühle zu unterdrücken. Die Wut auf ihre Väter, wenn sie nicht zahlten, sich nicht an Verabredungen hielten, sie mich schlecht machten und ich alles alleine lösen musste. Die Angst am Monatsende nicht genug Geld zu haben und auch einmal Nein aussprechen zu müssen, zu ihren Ideen, Vorschlägen und Wünschen. Zu weinen, wenn es etwas zu beweinen gab. Müde zu sein, wütend, gestresst.

Ich hatte mich mit ihnen verbünden wollen und sie nicht gefragt, wie es sich anfühlt mit einer Mutter, die hart versucht und darüber hart wurde.

Ich hatte vergessen, dass Kinder ein Gespür für all die verdeckten Gefühle ihrer Eltern bekommen und mein Lächeln ihnen wie die groteske Bemalung eines Clowns vorkommen musste.

Als mein großes Kind begann nur noch Mist zu bauen, setzte ich auf Therapie. Setzte auf Förderung. Setzte auf Belohnung und Bestrafung. Setzte auf das falsche Pferd. Mein Kind hatte mich gebraucht: weinend, verletzlich, ehrlich.

Stattdessen bekam es eine Lektion fürs Leben: wenn du bist wie du bist, bist du falsch. Und so wandt es sich aus seinem Korsett heraus und ließ mir eine Lektion zurück. Mehr nicht.

Es war schwer mein Kind gehen zu lassen. In meiner Mutterschaft versagt zu haben. Alles was ich gesehen und gehört hatte, von erfolgreichen Alleinerziehenden, nicht auf mich beziehen zu können.

Es war schwer zu begreifen, dass ich womöglich nicht die beste Mutter war und hart zu akzeptieren, dass mein Kind das Ergebnis dieser Mutterschaft bleibt.

Ich lasse mein Kind los, aber es niemals hängen. Ich gebe meinem Kind die Möglichkeit seine Gefühle anzunehmen, zu verstehen, zu formulieren. Dafür muss es sich von mir emotional lösen dürfen, denn mein Schmerz darf niemals der Schmerz meiner Kinder werden.

Eltern reden selten über Schwierigkeiten und wenn doch, dann oft nur wie sie diese erfolgreich bewältigen konnten. Eltern erzählen selten von ihren Kindern, deren schwerem Weg. Sie erzählen nur, wie sie Hindernisse spielend bewältigen konnten…

Ich möchte so eine Mutter nicht mehr sein. Ich habe versagt und mein Kind musste die Konsequenz tragen. Alles was ich tun kann, jetzt ehrlich dazu zu stehen und es endlich besser zu machen. Alles was mein Kind tun kann, ist alles was es braucht einzufordern, ohne mich, wenn es sein muss.