LEBENSZEICHEN

Heute ist der fünfte Tag mit Kindern zu Hause. Zwei Tage musste ich noch arbeiten und dann war Ruhe. Ruhe?

Na ja.

Ich habe das unwahrscheinlich tolle Glück eine gute Nachbarschaft zu besitzen. Ein großer Hof mit integriertem Spielplatz und mehrere kleine Familien die sich gut verstehen. Wir nehmen einander die Kids ab, wenn jemand arbeiten muss und bringen Kaffee und Kuchen raus, für das Wohlbefinden.

Dazwischen aber die Realität. Erst lagen die Nerven blank, als ich finanzielle Sorgen hatte, dann wurde ich krank (kein Corona) und fühlte mich hilflos, schlapp und sehr alleine.

Seit Tagen müssen wir uns zudem völlig neu strukturieren. Mein Kind muss täglich Hausaufgaben erledigen. Ich muss zweimal die Woche Aufgaben fürs Studium einreichen. Meist sitzen wir gemeinsam am Tisch. Morgens ab acht und abends gegen sechs. Dabei ist das jüngere Kind stets dabei, spielt, quatscht und tobt mit der Katze. Alle Versuche es zu integrieren oder abzulenken, gingen nach spätestens einer Stunde über den Jordan. Welches Kind hat schon so viel Aufmerksamkeit und Konzentration, wenn es bereits mehr oder minder den ganzen Tag in der eigenen Suppe der Wohnung saß?

Also ist das alles neben Haushalt, Einkäufen, Arbeit, Kindern und Einsamkeit ziemlich beschissen.

Natürlich könnte ich nun Aufgaben erledigen die sonst auf der Strecke blieben. Dabei muss ich aber regelmäßig Essen auf den Tisch stellen, Mathe lernen, Kinder motiviert halten und den eigenen Scheiß auf die Reihe bekommen. Es ist Quatsch homeoffice und Kinder unter einen Hut zu stecken. Das passt nicht. Nicht unter Quarantäne. Denn die Verunsicherung allerseits und das Gefühl nicht Mal mehr auf den Spielplatz zu dürfen, macht alle nervös. Emotional sind wir am Limit, streiten viel, sind gereizt. Ich appelliere ständig an beide sich zu vertragen, aber die Stimmung bleibt eher angespannt.

Ich vermisse mein altes Leben vor der Krise nicht. Es war hektisch, laut, schnell und grotesk kapitalistisch. Heute fehlt mir jedes Bedürfnis nach Shopping oder Geltung.

Morgen habe ich Geburtstag. Die Kinder sind im Papa-Wochenende. Eigentlich schön. Eigentlich auch vollkommen egal. Es wird keinen Besuch geben und ich erwarte keine Geschenke. Alles eben sehr ruhig. Fast einsam.

Ich wünsche mir auf jeden Fall mehr Klarheit in aller Leute Leben. Sich darauf zu besinnen was wirklich wichtig ist. Nicht Karrieren, Jobs, Geld. Es sind Menschen. Es sind Kontakte, ehrliche und liebevolle. Es ist das Miteinander und nicht gegen.

Ich bin erschöpft, nach nur einer Woche. Aber ich bin auch froh um diese Erfahrungen. Sie werden uns wieder wachsen lassen und das diesmal nicht alleine, sondern in der ganzen Welt.

DIE VIELEN PHASEN EINER TRENNUNG

Jeder hat es schonmal gehört, oft wird es belächelt, aber es gibt sie. Die sogenannten Trennungsphasen, durch die wir mehr oder weniger alle mal durch mussten.

In Sitcoms verlacht und in der Realität oft nur von außen erkennbar. Wer lässt sich schon gerne sagen, er würde das Paradebeispiel einer psychologischen Studie über Trennungsschmerz sein?

Besonders spannend wird es, wenn wir die Person gar nicht kennen. Wir also eigentlich auch kaum Mitgefühl empfinden oder uns die Fremde trennt, wo Freundschaft Zusammenhalt schafft.

Wenn Menschen im Internet sich die Blöße geben und ihre Trennung inszenieren wie ein Stück von Shakespeare, kann es schonmal grotesk lustig oder tieftraurig werden. Emotional aber auf jeden Fall.

Eben noch war das Paar glücklich. Vielleicht sogar überglücklich. Hier ein Foto gemeinsam vor dem Sonnenuntergang und da Liebesschwur um Liebesschwur, unter Tränen oder mit wildzerzaustem Haar. Hände die sich berühren oder wer es dezenter mag, kleine Emojis unter Fotos. Je öffentlicher eine Beziehung zelebriert wird, umso schlimmer das Ende dieser.

Zunächst der reale Cut, dann der virtuelle. Es wird sich nicht nur entfolgt, sondern auch jegliche gemeinsame Zeit fotografisch gelöscht.

Dann beginnt die Zeit der Trauer. Möglicherweise war da auch noch Hoffnung und der andere wird hintenrum versucht bei Laune zu halten, indem man auf die guten alten Zeiten hinweist. „Schau wie viel Spaß wir hatten!“.

Hattet ihr?

Jedenfalls ist es nun aus. Endgültig.

Endgültig bedeutet auch, nun so zu tun, als sei alles okay, obwohl nichts funktioniert. Man hat keinen Hunger mehr und kann nicht schlafen. Weint und beißt ins Kissen, hofft auf das Unmögliche. Virtuell bekommen wir davon entweder gar nichts mit (manche Menschen wollen eben nicht alles teilen oder sich selbstzerfleischen) oder wir sehen einen fast nackten Leib vor uns. Verletzt, gedemütigt, unfassbar dünnhäutig.

Es wird geweint, es wird über das Weinen geschrieben. Texte fließen aus Federn, wie Milch aus der Kuh. Jeder darf anteilnehmen und soll Aufmerksamkeit schenken, wo der Ex sie versagt hat.

Es beginnt das trauern in Leid und mündet in Selbstmitleid. „Ich armer Tropf…wieso nur?“. Wir kennen das alle.

Nach und nach wandelt sich unser Gefühl. Wir werden langsam wütend. Vielleicht auf den anderen, manchmal auf uns. Fehler einzusehen fällt jedoch in der Regel schwer. Es ist der andere der uns jetzt im Stich ließ. Wir kauen nicht länger Nägel. Wir gehen wieder aus!

Wir posten davon Bilder. Wohlmöglich werden wir ja noch heimlich beobachtet. Eins in der Wanne, eins in heißen Strumpfhosen und eins kurz vor dem Date sowie danach.

Wir tun so, als sei das alles jetzt gewollt. Unser leichtes Leben ohne den anderen. Endlich frei, endlich Single.

Wir geben uns solche Mühe authentisch zu wirken, dass man uns von außen mit Fremdscham noch schont. Liebeskummer kennt ja jeder.

Nach ein paar Dates spüren wir es wieder. Die Hoffnung auf eine Reunion sinkt. Der andere bleibt fort. Wir geben also auf und winden uns. Die Dates waren Mist. Keiner dabei der über den anderen hinwegtröstet. Der Sex war okay, aber der Geruch, die Berührung, die Stimme…alles nicht der andere.

Wir packen unseren Stolz nochmals ein. Jammern hilft. Essen uns fett, trinken uns dämlich, gehen shoppen. Ablenkung hilft tagsüber, abends sind wir traurig. Online posten wir ein paar Sinnbotschaften und wirken als hätten wir die Weisheit mit Löffeln gefressen.

Endlich beginnt sie, die Zeit der Projekte. Wir wollen wirken. Letzte Hoffnung auf die Aufmerksamkeit des anderen ist ja noch da. Also schreiben wir etwas, was Bedeutung haben könnte. Stellen Nähe her, lassen Gemeinsamkeiten einfließen. Wir wollen dem anderen nahe sein, sei es durch eine versteckte Botschaft in einem alten Lied oder einen Lieblingspulli auf dem Selfie.

Unsere Wut kehrt langsam ein. Der andere bleibt weg. Wir haben inzwischen wieder schlechte Dates und suchen und suchen. Rastlos.

Die Wut führt zu Verallgemeinerungen. Alle Menschen sind schlecht. Insbesondere das andere Geschlecht. Alles Erlebte war ätzend. Ein Drama es nicht früher bemerkt zu haben. Nun wird es Zeit wie Phönix aus der Asche zu steigen und dem blöden Ex zu zeigen was er davon hat. Wir sind drüber hinweg!

Also wird gepostet wie glücklich wir als Singles sind. So glücklich und zufrieden.

Eigentlich sind wir allein. Wir sind noch traurig und einsam. Je weniger wir gewollt werden, umso unglücklicher sind wir. Jede Umarmung fehlt uns. Nachts ist es so still. Das Bett zu groß.

Online sind wir drüber hinweg. Wir sind stark. Emanzipiert. Niemals hilflos oder einsam.

Doch ab und an, nachts, wenn das daten nicht klappt, weinen wir wieder ins Internet. Löschen den Post morgens schnell und hoffen niemand hat es gelesen:“Ich kann nicht mehr. Ich bin so einsam.“ und geben uns zuversichtlich.

Wir posten uns wieder sexy. Begehrenswert. Jemand will uns, behaupten wir. Jedes Date ist plötzlich der potentielle Traumpartner. Jede Tür eine offene.

Wir gehen hindurch und nichts passiert. Keiner will uns. Denn wir sind noch nicht bereit. Jeder spürt es sofort. Da möchte jemand nicht für sich geliebt und kennengelernt werden, sondern für die Rache, gegen die Einsamkeit und die Bestätigung braucht ihn auch.

Alle gehen.

Und weil um uns schon seit einem Jahr alle Frühling feiern und der Ex schon wieder glücklich ohne uns ist, geben wir auf.

Wir gehen nicht mehr gerne aus. Wir verachten andere Paare. Wir setzen uns auf das Sofa und essen was wir wollen, tragen was wir wollen, sehen Filme die der andere gehasst hat. Wir hören in uns rein und erkennen uns wohlmöglich endlich.

Die Wut ist von uns auf andere übergegangen. Kommt immer wieder zurück. Prallt ab. Bleibt bestehen. Wir wollen ein Paar werden. Die Einsamkeit kotzt uns an. Wir sind noch nicht bereit…

WISCH DIR DIE SPUCKE WEG, SANDY

Meine Güte bist du selbstgerecht, auf deinem schweren Weg der Erkenntnis.

Du treibst sie an, vor dich her, in deiner eindimensionalen Welt, die nur zwischen schwarz und weiß unterscheidet.

Jedes Opfer von dir gemacht. Der Täterin.

Deine Stimme sorgt für Stimmung. Und wofür? Weil es sich kurz lebendig anfühlt anderen Emotionen hervorzulocken. Da sie dir vielleicht fehlen. Da dort wo einst ein Herz war, nur noch ein Klumpen Wut hockt.

Deine Einschätzung bringt andere zu Fall. Einst bist auch du gefallen. Tief immer tiefer. Diesen Hass spürst du noch. Du holst ihn immer wieder hervor, wenn es anderen besser geht als dir. Wenn sie lachen, wenn sie Freude haben. Wenn du wieder nicht mitspielen darfst, weil du eingesperrt bist in einem Leben ohne Leben.

Dein Schicksal war gemein zu dir. Hart. Dein Weg immer steinig. Deinen Höhen folgten Tiefen.

Wer jetzt höher steht, wird auf den Boden gezogen. Durch Worte, durch Taten. Manchmal vom Rechner aus, oft aus der Feder deines Smartphones. Anonymität gibt dir Recht, Fremde dir Macht. Niemand kennt dich. Niemand weiß um deine wahren Beweggründe. Deinen Wunsch endlich in starken Armen zu liegen. In weiche Augen zu sehen. In Liebe empfangen zu werden.

Da ist ein leerer Raum, wo du ihn mit Freude füllen würdest. Je weniger du vom Leben geschenkt bekommst, umso weniger haben die anderen Fülle verdient. Liebe nur für andere? Nicht mit dir!

Und so schreibst du gegen sie an. Mobbing ist ein Scheißdreck gegen deine taktischen Feldzüge. Manipulation lautet die Devise. Sich andere Wütende zum Freund machen. Sich endlich nicht so einsam fühlen, auch wenn die anderen dir im Grunde keinen Zentimeter zu nahe treten dürfen.

Deine Komfortzone ist die Einsamkeit. Da kennst Du dich aus. Von dort aus schmiedest du Rache an all den Glücklichen. An all denen, die dich meiden und missachtet haben. Du bist komisch. Du bist schwach. Du bist eine traurige Gestalt.

Traurige Gestalten sollte man umarmen und ihnen mit Liebe begegnen. Es fällt mir in deinem Fall schwer. Du bist all das, was ich nicht sein möchte und was ich nur heilen mag, weil ich hoffe deine selbstgerechte und böswillige Seite gebe dann nach.

Befreie dich! Befreie uns von dir! Werd erwachsen und heile deine innere Welt!

Aber zuerst: Wisch dir die Spucke weg.

EINSAMES COWGIRL

Obwohl ich heute in den Tag startete neben Partner und Kind, danach ausgiebig mit Freundinnen und all unseren Kids, von klein bis größer, frühstückte und nachmittags noch in die Stadt lief, um einzukaufen,fühlte sich etwas in mir einsam.

Einsam im Sinne von alleine, leer, gelangweilt und zeitgleich gestresst.

Ich weiß es handelt sich hierbei eher um eine subjektive Wahrnehmung, ausgelöst durch die Hormone (PMS) und den sogenannten Ferienblues.

Immer wenn ich Urlaub habe und mindestens eins von zwei Kindern weg ist, zieht sich durch meinen Magen dieser Wurm. Ich nenne dieses Gefühl auch Kummer.

Dieser Kummerwurm möchte dann am liebsten von morgens bis abends etwas unternehmen oder mit jemandem zusammen sein. Bei einem Glas Wein am Abend oder mittags schlafend auf dem Sofa, in Gliedmaßen eines anderen verknäuelt. Natürlich albern, denn ich habe ja eine Menge unternommen die Tage.

Und obwohl ich gut alleine sein kann, mich selten richtig langweile und vermutlich auch viel mehr unternehmen könnte, erfüllt mich der Kummer von Kopf bis zu den Zehenspitzen und jammert:“Mir ist öde…! Wo sind denn alle?“.

Mein Kind kann diese Lücke auch nur bedingt füllen.

Ich kam zu der Erkenntnis, dass neben den Hormonen noch etwas anderes eine Rolle spielen muss:

Alleinerziehend zu sein.

Ich unterhalte mich im Urlaub eigentlich ganztags mit den Kindern. Es sind diese Gespräche um Schokolade zum Frühstück, Trickfilme rund um die Uhr, Vorteil Spielplatz zu Besuch eines Cafés und Diskussionen um Kleinigkeiten. Gespräche mit Freundinnen oder meinem Partner sind da willkommene Abwechslung. Wenn ich abends nicht alleine bleibe, sauge ich die Informationen der Außenwelt förmlich auf.

Wer Kinder hat, kennt das. In den Ferien oder im Urlaub, wenn Schule und Kita geschlossen sind, wird es oft langatmig. So ein Tag hat dann gefühlt nochmal zehn Stunden mehr und keine davon vermag die Einsamkeit zu füllen. Es ist, als würde ich nur im Kopf mit einer Erwachsen sprechen und innerlich führe ich tolle Monologe, wenn nicht während jedes Klogangs ein Kind rufen würde „Was machst du gerade, Mama?“.

So gehe ich also abends in die Wanne, trinke Kaffee und Wein, wann es mir passt und male mir aus, wie toll es wäre, wenn sich die Tür öffnen und mein Partner mit lustigen Anekdoten statt schlechter Laune nach Hause käme. So er denn kommt. Denn er ist erschöpft vom Tag und fällt nicht selten lieber in sein eigenes Bett.

Also lese ich abends vielleicht nochmal etwas, aber sind wir ehrlich, wer kleine Kinder hat geht lieber früh schlafen oder schaut Netflix.

Ich beklage mich nicht. Es ist ein Tatsachenbericht. Oh. Ein Reim.

Während also da draußen jetzt andere Urlaub haben, Arm in Arm mit ihren Liebsten und sich ausmalen wie toll es ist Kinder zu bekommen, sitzen meine Freundinnen (alleine oder mit Mann) und ich da, wartend, immer hoffend jemand käme und würde unser Gehirn anregen. Unsere Gefühle erspüren. Uns in den Arm nehmen und von der großen weiten Welt berichten. Vielleicht noch lieber mit uns die große weite Welt bereisen.

Alleinerziehend zu sein, kann bedeuten, vor Erschöpfung und Langeweile gleichzeitig zu zerfließen. Sich zu fühlen, als sei man eine Rabenmutter/ein Rabenvater. Sich schämen für den Mangel an Lust jeden Tag mit seinem Kind zu verbringen.

Vor einigen Monaten hatte ich das Bedürfnis mit Mann und Kindern nach Schweden auszuwandern. Ich stelle mir mich gerade in einem dunklen Land vor, ohne Sprachkenntnisse, vielleicht vorerst ohne Arbeit. Einsam.

Vermutlich sollte ich in Berlin bleiben und die paar Stunden der Ruhe genießen. Irgendeine Freundin vermisst mich und unsere Gespräche sicherlich ebenfalls schon und greift gleich zum Telefon.