DIE DREI MINUTEN RUHM DES GEWISSENS

Wer sich schon einmal für eine gute Sache eingesetzt hat, kennt das Gefühl und Bedürfnis es jedem der den Weg kreuzt, erzählen zu wollen.

„Ich bin jetzt zur Wahl gegangen! Geht! Alle! Wählen! Leute!“

„Ich habe erst kürzlich richtig viel Geld gespendet! Geben ist so einfach, gebt also freimütiger!“

„Ich ernähre mich seit einem Monat vegetarisch! Jetzt folgt mir auf meiner Mission den Planeten zu retten!!!“

„Ich mache seit einer halben Stunde Sport und Yoga! Keine Entschuldigungen mehr, meine Lieben! Arsch hoch!“ Usw…

Es muss uns vorkommen, als seien wir auf dem Weg zur Marsmission, denn niemand scheint sich tatsächlich für unseren Scheiß zu interessieren, was die Sache nicht zwangsläufig schmälert, sondern den Anreiz besonders pedantisch unsere neugewonnene Überlegenheit zu demonstrieren, erhöht.

Während ich vorgestern noch über meinen eigenen Tellerrand voller Fritten von McDonald’s gestolpert wäre, kann ich heute signalisieren dieser Drecksverein käme mir nicht mehr ins Haus.

Habe ich auf Instagram einst jeden Morgen stolz die Plastikschale mit Salat und den Pappbecher Kaffee fotografiert, weiß ich heute um deren Wirkung und bereinige mein Profil auf Gewissensbisse. Es gibt für diese Art von Verhalten bereits hinlängliche Begriffe. Selbst die großen Firmen versuchen sich über geschickte Werbestrategien reinzuwaschen, von all ihren begangenen Sünden. Begangen wurden sie dennoch.

Auch ich habe mich naiv über Tatsachen hinweggesetzt und mir immer wieder eingeredet alleine kann niemand die Welt retten. Heute dafür andere verurteilen? Von jetzt auf gleich? Nur in halbherziger Durchführung? Das bringt schlechtes Karma.

Denn wo immer wir missionieren wollen, drücken wir anderen unseren Stempel auf und machen uns unglaubwürdig.

Wer länger als zwei Jahre vegan gelebt hat, darf theoretisch Experte/in seines/ihres Gebietes genannt werden. Wer sich über alle moralisch überlegen fühlt, sollte eine sehr weiße Weste haben.

Ob Umweltbewusstsein oder schlicht gutes Benehmen. Wir sind immer dann Vorbild, wenn wir Taten für uns sprechen lassen. Wer dreimal im Jahr in den Flieger steigt, tut dies dreimal zu viel, egal wie viele Kompensationen gezahlt wurden.

Wer sich hinreichend mit sich, seiner Vergangenheit und seinem Verhalten auseinander gesetzt hat, weiß, es gibt Nichts nervigeres, als sich immer wieder sagen zu lassen wie schlecht man sei. Wie ethisch falsch man kiegt. Wie moralisch daneben. Dieser Druck führt nicht selten zu einer Gegenwehr. Das eigentliche Anliegen etwas gemeinsam zu unternehmen, führt zu Antipathie.

Nun könnte man sagen „Mir egal, ob mich jemand mag oder nicht!“. Richtig. Aber wann ist schon einmal jemand jemandem gefolgt, vor dem er sich abgestoßen fühlte, geängstigt hat oder ärgerte? Eben. Um solche Menschen machen wir zurecht einen Bogen.

Keulen einstecken und den Kompass auf geschicktes Verhandeln und Mitgefühl stellen! Wir waren alle mal wie die jenigen die wir heute nicht mehr sein wollen. In irgendeiner Nische findet sich auch bei uns die Leiche im Keller. Ich bin mir ganz sicher.

STANDPUNKT DOPPELMORAL DIE HUNDERTSTE

Es geht mal wieder nicht anders. Die in mir aufsteigenden Gefühle Ungerechtigkeiten zu benennen, um vielleicht zu sensibilisieren, aber mir im Grunde nur Luft machen zu wollen, sind groß.

Doppelmoral ist, oder hat man, wenn man anderen etwas vorwirft, was man bei sich selbst in welcher Form auch immer, sehr gut toleriert.

Ist man zum Beispiel wütend auf Menschen die den eigenen Körper oder den anderer Frauen bewerten? Gut! Kann man sich selbst aber von diesem Verhalten freisprechen? Eher selten. Da wird gelobt, wenn die Kollegin besonders schlank aussieht im neuen Sommerkleid. Oder im Fernsehen wird über das magere Model gelästert. Es wird der zu kleine Penis des Exfreundes diskutiert und die Wampe des Bauarbeiters auf Twitter zum Eklat gemacht.

Es ist wie es ist. Wir sind sehr visuelle Menschen. Was sich unserer Ästhetik entzieht, fällt nicht selten durchs Raster. Weiße und wabbelige Haut wird dann durch die Modezeitschriften gepeitscht, als sei es nicht natürlich Cellulite zu bekommen, sondern ein Anzeichen von Faulheit und Maßlosigkeit. Selbst wenn? Wen stört es, außer dem Besitzer/der Besitzerin selbst?

Fernsehshows und Internetauftritte vieler Generationen zeigen ebenfalls, die Konsumenten sind bereit sich trotz aller Wut im Bauch über die Oberflächlichkeit der Medien, immer wieder willig dem gängigen Programm zu unterwerfen. Diäten, Fitness, Sport, Schönheit, Perfektion. Dazwischen ein paar Trashbilder, um so etwas wie Normalität zu erzeugen oder jemanden das Gefühl zu geben „Es geht auch schlimmer!“. Denn natürlich, je älter, weicher, runzliger oder dicker wir werden, umso stärker wächst der Wunsch nach Gerechtigkeit.

Da funktioniert es wie in der Politik. Junge PolitikerInnen mögen sich mit Kompetenzbereichen auseinandersetzen, die sie noch aus Studienzeit angeeignet haben. Je älter sie werden, umso deutlicher wird Pflege, Rente und Vorsorge wichtig. Da geht’s nicht mehr um die Umwelt oder Nachhaltigkeit, sondern um das hier und jetzt.

Wenn ich also eben noch eine schlanke Frau war, der Fitness wichtig schien, die gerne schmolllippige Selfies hochlud, wird damit zunehmendem Alter peinlicher und ich versuche genau da auch allen anderen zu erklären wie dämlich wir aussehen, wenn wir der ewigen Jugend nachrennen.

Aber ist mir meine Doppelmoral bewusst?

Ist es okay, Doppelmoral zu haben?

Natürlich. In homöopathischen Dosen.

Ich kann für die Rettung der Flüchtlinge sein und dennoch sagen, ich würde aus persönlichen Gründen keinen bei mir zu Hause aufnehmen können. Ich kann sagen, gegen Atomkraft und Kohlestrom zu sein, aber so lange ich keine günstige Lösung geboten bekomme, mein Fleisch bei Aldi kaufen. Ich kann für den Feminismus einstehen, ohne jemals auch nur eine Demonstration besucht zu haben usw.

Was ich nicht tun sollte, ist von mir, meinem Empfinden und meinem Verhalten abzulenken, andere schlecht zu machen und mich kein Stück besser zu benehmen. Ich kann nicht mit dem Finger auf andere zeigen, ohne vier Finger gegen mich zu richten. Ich muss mich überprüfen und mir eingestehen: so bin ich ja auch und das ist grotesk.

Wer sich positionieren möchte, tue das am besten immer, indem er Lösungen anbietet und Vorbild ist. Alles andere wirkt nicht authentisch. Macht Argumente schwach. Lässt Zweiflern zu viel Spielraum.