ICH BIN FROH, DASS ICH EINE DICKE WAR

Kennt ihr noch dieses unsäglich gemeine Lied von Westernhagen? „Ich bin froh, dass ich kein Dicker bin, denn dick sein ist ne Quälerei.“?

Die vermutlich noch harmloseste Zeile aus dem Song. Ein Lied, welches in den 90ern höchstens polarisiert hat, aber sicher in dem ein oder anderen Gesicht für Schmunzler sorgte, dürfte heute nicht mehr in dieser Form unbeschadet gespielt werden.

Ich glaube, der Text irrt sich auf so viele Arten, ohne es zu wissen. Wer niemals dick war, hat nämlich keine Ahnung wie wunderbar diese eigentlich so oberflächliche, optische Erscheinung, den Charakter formte. Meinen zumindest.

Ich war dick. Als Kind und junge Frau. Ich fand mich nicht dick. Ich fühlte mich weder unwohl, noch hässlich oder ungeliebt. Ich hatte Freundinnen und Spielkameraden. Mein loses Mundwerk machte mich bei den Jungs beliebt und weil ich nicht ständig darauf bedacht war mit anderen Mädchen zu konkurrieren, konnten wir alle ganz natürlich Freundinnen sein. Ohne Druck und Sorgen. Natürlich ist das eine Scheißerkenntnis, denn es sollte egal sein, ob ich schön oder schlank oder hässlich oder klein, winzig oder groß, dick oder ein Einhorn bin. Man sollte mich für mich mögen. Wenn das Ich aber nach dem Äußeren beurteilt wird und Dicke zwangsläufig in eine Kategorie fallen, die sie entweder als faul, dumm oder ungepflegt abstempelt oder eben positiv diskriminieren, in dem man ihnen nachsagt sie seien witzig und herzliche Menschen, gibt es wenig Selbstwahrnehmung. „Wer bin ich?“ ,habe ich mich oft gefragt. Bin ich denn diejenige, von denen mein Umfeld glaubt mich genau zu klassifizieren? Eine nette, lustige und etwas faule junge Frau? Jemand die keine Ahnung hat was alles aus ihr werden könne, würden die Pfunde erstmal purzeln?

Ich war schon jemand. Ich war einfach ich. Natürlich war ich faul als Teenager, aber im Rahmen. Natürlich war ich lustig, aber vermutlich eher, weil in meiner Familie alle mit einer Menge Humor gesegnet wurden. Klar, ich war nett, aber vermutlich eher deshalb, weil mich meine Kindheit das fürchten gelehrt hatte und nur Nettigkeit TäterInnen entwaffnen konnte. Ich wäre in einem anderen Universum oder unter anderen Umständen wohlmöglich gemein, langweilig und sehr fleißig geworden. Wenn mich aber niemand fragt, niemand kennenlernen möchte oder ergründet wieso ich wie bin, bleibt nur diese geöffnete Schublade übrig.

Ich bin froh, dick gewesen zu sein, denn es hat mich Demut gelehrt. Ich gehe mit Menschen möglichst niemals schlecht um. Schon gar nicht abschätzig oder absichtlich böswillig. Niemals werde ich vergessen, wie es sich anfühlte, als dicker Mensch kein Mensch mehr zu sein, sondern eine Randgruppe. Eine Schande für die Eltern, eine Ausnahme im Freundeskreis, eine Last für den Steuerzahler usw.

Ich habe nicht abgenommen, weil ich gesundheitliche Probleme hatte oder mich die Jeans in Größe 36 mehr interessiert hätte als die in 44. Ich habe abgenommen, weil es mir zur Last wurde würdelos behandelt zu werden. Klischees auferlegt zu bekommen, die mir nie entsprachen. Natürlich bin ich nicht ohne Grund dick gewesen, aber diese Gründe haben ebenso wenig interessiert, wie die Tatsache warum ich mich entschloss abzunehmen.

Ich bin also froh, eine Dicke gewesen zu sein. Denn ich habe einen Wissensvorsprung, den so mancher Dünner niemals erlangen wird. Und gefühlt, was ich ohne deren Zutun nie gefühlt hätte.

Dick zu sein, war keine Quälerei. Sich von Dünnen beschämen zu lassen, schon.

WARUM GRUPPEN UNS ÄNGSTIGEN KÖNNEN

Heute habe ich, wie viele von uns, diverse Artikel und die polizeiliche Rückmeldung aus Köln gelesen. Ein Vorfall der so von den Unschuldigen bisher meines Wissens noch nicht bestätigt oder verneint wurde. Um sich ein richtiges Bild zu machen, müsste man diese mindestens einbeziehen.

Ich habe mir die Mühe (oder den Fehler) gemacht und die Kommentare unter den Artikeln gelesen. Manche waren wohlwollend gegenüber der Polizei und viele diskriminierten die jungen Männer.

Junge Männer. Junge Männer in Gruppen. Gruppen.

Ich weiß nicht, ob Medien ihren Anteil einfach erheblich geleistet haben oder ob eigene Instinkte schon immer Angst geschürt haben, wo keine sein müsste, aber….

Prinzipiell habe ich immer ein mulmiges Gefühl, wenn ich an einer großen Gruppe Halbstarker vorbeilaufen muss. Abends ist es schlimmer als tagsüber und im Park oder auf einsamen Wegen auch nicht wegzudenken. Die Logik setzt aus und das Bauchgefühl ein.

Da werden sämtliche Menschen, häufiger Männer als Frauen, in meinen Augen zu potentiellen Tätern. Ich male mir weder Szenen aus, noch kann ich klar benennen was da passieren sollte, aber es ist da.

Und wenn wir ehrlich sind, jeder kam sicher schon in ähnliche Situationen, wobei ich mir von Männern oft anhören darf, diese Ängste seien für sie nicht oder wenig existent. Männern passiert sowas nicht. Aha.

Ist das denn so? Wird nicht jeder Mann oder Junge einmal in seinem Leben derbe vermöbelt? Auf dem Schulhof oder später in der Disko? Gab’s nicht auch mal Stress auf dem Bahnhof an Silvester oder weil die anderen beim Fußballspiel betrunkener waren? Sich nicht zu ängstigen, macht reale Gefahr nicht kleiner. Sich dauerhaft zu ängstigen, bringt schöne Momente zu Fall. So wie im Fall Köln. Es war Zuckerfest. Die Menschen wollten das feiern und haben sich schön gemacht, sind losgezogen und haben in gelöster Stimmung laut gerufen.

Außenstehende haben aber gesehen und gehört was ihre Ängste sie sehen und hören lassen wollten.

Natürlich machen Gruppen nervös. Eine Gruppe junger Männer sowieso. Erinnern wir uns an den Vorfall vor Jahren in Köln. Da wurde der Polizei vorgeworfen, sie hätte sich damals nicht ausreichend geregt. Frauen wurden belästigt und haben keinen oder wenig Schutz erfahren. Schutz wäre aber wichtig und nötig gewesen.

Hier brauchte es keinen Schutz. Tatsächlich wurde hier kein Verbrechen begangen. Gefühlt hatten umstehende Menschen plötzlich Angst. Angst, weil sie Bilder im Kopf hatten, die sich über die Medien immer wieder eingebrannt haben. Angst, weil sie selbst vielleicht schon Opfer waren und sich ihrer Pflicht sich selbst und anderen gegenüber erinnerten. Und Angst, weil Anderssein in ihren Augen manchmal einfach schon als Grund genügt.

Wenn ich alleine auf dem Bahnhof stehe und schreiende, lachende Männer ziehen an mir vorbei, bin ich immer nervös. Ich rufe vermutlich nicht so schnell die Polizei, aber bleibe achtsam. Wenn schreiende und betrunkene Frauen an mir vorbeikommen, mache ich dies übrigens auch.

Wenn jemand den Trigger bedient, indem er etwa ruft „Gott ist groß“ und sich dadurch für jemanden zur potentiellen Gefahr erkennen gibt (so glaubt das Gegenüber in seiner Angst), führt dies unbedingt zu Stress. Stress für den verängstigten Menschen. Später Stress für den unschuldig Festgenommenen.

Die Polizei hätte die Männer weder auf dem Boden fixieren müssen, noch mit zur Wache nehmen. Papiere zeigen, fragen wohin sie fahren, sie bitten ruhiger über den Bahnhof zu gehen und einen schönen Feiertag wünschen.

So könnten sie aber auch mit Fußballfans, Männern an Herrentag und Betrunkenen umgehen.

Es ist die Pflicht der Polizei zu schützen und zu unterstützen. Umstehende Menschen hätten ja auch darum bitten können, dass die Männer ruhiger blieben. Sie haben sich aber anders entschieden.

Die Erfahrung hat sie gelehrt, wenn sie selbst etwas tun, könnte das schlimme Folgen haben.

Gruppen machen eben manchmal Angst. Diese Angst zu respektieren und zu achten, sei sie noch so irrational, wäre wichtig gewesen. Menschen, insbesondere Männer, müssten sich ihrer Verantwortung bewusster sein. Ruhiger, besonnener und blickiger werden.

Es ist die Verantwortung der Polizei zu entkriminalisieren. Es ist an uns Vorurteile abzubauen.

DISKRIMINIERE MICH

Diskriminierung ist Scheiße. Da sind sich soweit erstmal viele einig. Was aber unterm Radar durchfällt, ist die sehr häufige, aber eben auch akzeptierte Form der Diskriminierung, nämlich die von Kindern und Jugendlichen.

Sie hören von klein auf Sätze wie „Dafür bist du noch zu jung/zu klein.“ und müssen damit leben, weder heute noch morgen den hohen Ansprüchen der Gesellschaft gerecht zu werden, in dem sie einfach so sind wie sie eben sind.

Ja, Kinder haben andere und im Regelfall weniger Erfahrungen als Erwachsene gesammelt. Aber da steckt es doch schon: sammeln. Erwachsene wurden nicht plötzlich mir Erfahrung gesegnet. Es flog ihnen nichts zu und niemand gab ihnen ein schlaues Buch mit der Aufschrift „Deine Erfahrungen hier und jetzt“. Sie mussten dafür lernen, arbeiten, erfahren.

Kindern aber eigene Gefühle abzusprechen, ihnen aufzuzwingen was sie vielleicht wirklich ganz und gar nicht wollen, ist eine schmerzhafte, von Generation zu Generation vererbte Diskriminierung und Kleinhaltung.

Es passiert überall und täglich. Kein Kind ist sicher. Kein Erwachsener ist sensibilisiert genug. Ein Kind ist eben nur ein Kind. Oder? Das Produkt meines good will. So wie ich es erziehe, wird es geraten.

Natürlich fragt niemand ein Baby welche Kleidung es tragen möchte und erst recht nicht, für welches Geschlecht es sich entscheiden wird, so es darauf je Wert legt. Es fragt auch niemand, ob private Infos auf Bloggs oder Instagramkanälen gestreut werden dürfen oder ob der neue Partner sich nachts in die Wohnung schleichen soll oder eben direkt vorstellt. Kinder laufen so eben mit.

Irgendwann hat man sich bewusst oder nicht dafür entschieden ein Kind zu bekommen und es zu begleiten. Ein Stück. Die Zeit der Kindheit ist begrenzt.

Und obwohl diese Zeit so kurz ist, nehmen wir Erwachsene uns raus, sie so maßgeblich zu bestimmen und zu beeinflussen. Wir sind die Starken.

Na, ist das nicht die Form von Diskriminierung die aus kleingehaltenen Kindern später tyrannische Erwachsene werden lässt? Die anderen gegenüber Intoleranz leben, weil sie sich selbst nicht verwirklichen konnten. Die Gewalt normal finden, auch ausgelebt am eigenen Fleisch und Blut. Die später nicht wissen wie man Werte lebt, wenn es keine gab, abgesehen davon alles richtig zu machen und brav und geduldig auf Anweisungen zu warten.

Gegen den Gehorsam, Kinder!

Ihr seid Menschen. Wir wissen das.