FRAG DOCH EINFACH

Neulich fragte meine Mutter sich, was es wohl mit mir machen würde, wenn ich jetzt selbstbestimmt diesen und jenen Weg ginge. Sie fragte sich auch, wie ich mich wohl fühlen würde, wenn ich den Arbeitsplatz wechseln und ein halbes Jahr vor meinem Abschluss nochmal weitere Hürden meistern müsse.

Ich entgegnete ihr sofort:“Frag mich doch einfach!“

Wenn sie wissen wolle wie es mir damit ginge, ob ich Angst hätte (klar, manchmal) oder mir Sorgen um die Zukunft mache (auch das), wäre ich doch direkt ihre erste Ansprechpartnerin.

Stattdessen wird sich über meinen Kopf hinweg irgendwas hypothetisch zusammengereimt und im Grunde nur versucht manipulativ auf meine Entscheidung Einfluss zu nehmen. Eine grausige Unart.

Mit Erstaunen reagierte sie.

Ich gab ihr zu Protokoll, dass ich meinen Weg seit vielen Jahren ginge. Nicht immer zur Zufriedenheit aller. Scheiternde Beziehungen, die sich für mich eigentlich nur als Scheitern anfühlten, weil Außenstehende mit Mitleid oder Hohn reagieren. Ich sagte ihr, mir sind zweijährige intensive Beziehungen lieber, als zwanzig stumme, gewalttätigige oder eben in Abhängigkeit geführte Dramen.

Ich sagte ihr, es ist schwer sich auf eine Zukunft zu freuen und sich auf die Gegenwart zu konzentrieren, wenn die Verwandten einzig und alleine am Karriereweg und Beziehungsstatus fest zu machen scheinen wer ich sei. Aber all das, all diese Zuschreibungen, kämen ja von ihnen. Nicht von mir.

Ich bin beispielsweise in meinem Leben schon oft gefallen. Und genau so oft aufgestanden. Meine Kindheit war so hart und grausam, aber bis auf ein paar Neurosen, blieb nach langer Therapie und viel Überdenken meines Selbstkonzepts, ein ganz wunderbarer Mensch übrig.

Ich muss und möchte mich nicht vergleichen, aber sollte ich es doch einmal wollen, dann doch garantiert nie nach oben. Ich erreiche Ziele die anderen wohlmöglich keine wären. Ich blicke auf eine spannende Vergangenheit zurück, die mich geprägt, aber nie gebrochen hat. Ich bin weltoffen, herrlich unkompliziert und immer interessiert mich zu verändern, zu wachsen, ein guter Mensch zu sein. Nicht weil es Trend ist. Nicht weil die Moral es mir sagt. Einfach weil ich mich so mag und dieses Leben so besser nehmen kann.

Noch dazu ist mir eines gelungen: ich habe mich nicht runterziehen lassen. Weder gebe ich meinen Eltern die Schuld, noch anderen Menschen. Für mich gibt es nicht mehr nur schwarz und weiß, es ist eine komplexe Welt, voller komplexer Entscheidungen und Möglichkeiten. In diesem Bewusstsein lebe ich viel engagierter als so manch anderer. Für ein Miteinander und nicht gegen.

All das zählte ich ihr ganz ruhig auf.

Sie nahm es als Angriff wahr.

Denn wenn ich so sei und mich so wahrnehmen würde, wieso konnte sie es nicht? Warum konnte sie sich nicht auch so frei fühlen? Warum war es ihr noch immer wichtig was ihre Mutter von ihr dachte, wie ihre Kolleginnen sie einschätzen und wie ihre Partnerschaften sich nach außen hin besser verkaufen ließen?

Sie gab mir zwei Tage später zurück, sie hoffe ich habe mir nur Luft machen wollen und verstanden, dass sie all das natürlich nicht in böser Absicht gesagt hätte.

Ich war mir keiner bösen Absicht bewusst.

Stattdessen war es mir wieder gelungen für mich selbst zu denken. Zu sprechen. Zu handeln. Ich bin nicht sie und sie nicht ich. Sie muss mich nicht verstehen, aber ich habe Verständnis für ihr Unverständnis.

Es kann uns nur gelingen geliebt und wahrgenommen zu werden, wenn wir uns selbst wahrnehmen und lieben. Ich liebe mich für all meine tollen und verrückten Eigenschaften. Ich bin stark. Ich bin endlich selbstbewusst und ich werde noch viele Fehler machen und Umwege gehen. Wohlmöglich.

VOM ENDE EINER HARTEN WOCHE

Wenn ich morgens aufstehe, tue ich das nicht selten neben meinem jüngsten Kind.

Während die Nacht mir unfassbar kurz erschien, weil ich Händchen gehalten und Hustensaft gereicht habe, gluckst der Wasserkocher mir etwas vor und der dunkle Morgen verdrängt die noch dunklere Nacht.

Tag um Tag um Tag bin ich aufgestanden, habe Kaffee gekocht, den Kindern Frühstück bereitet und mich im Badezimmer geschminkt.

Ich ging zur Arbeit, lächelte dieses professionelle Arbeitslächeln, drückte fremder Leute Kinder, ließ meinen Alltag wieder Herr der Lage werden und sperrte das Handy in den Schrank. Begraben unter meiner Verantwortung.

Abends ging ich früh ins Bett und jeden Tag ein wenig später.

Dann, ganz sicher geworden, ob all meiner Gefühle und Bedürfnisse, nahm ich die Herausforderung an wieder unter die Lebenden zu gehen. Zu lachen, bis mir heiße Tränen über die Wange rollten. Freundinnen zu fragen wie es ihnen ginge und nicht immer nur zu erzählen wie beschissen ich mich fühlte.

Ich ging wieder nach Hause, obwohl ich lieber 24/7 gearbeitet hätte. Mich abgelenkt. Diese Wohnung, in der man gemeinsam wirkte.

Ich schob mein Bett in eine andere Richtung und damit meine Gedanken an dich ebenfalls.

Ich fing an den Kuchen für den Schulbasar zu backen, die Einkäufe zu tragen, meine Kinder zu beschäftigen und all das ohne Unterstützung.

Ich kaufte Geschenke und verpackte sie. Hörte wieder Musik, wenn ich in der Tram saß und niemand relevantes neben mir.

Ich aß wieder etwas, sagte Verabredungen zu und bestellte deine Teilnahme ab. Ich blockierte deine Nummer und bereinigte die falsche Annahme es gäbe ein zurück. Gibt es nicht.

Da wo ich war und da wo ich bin, sind zwei völlig verschiedene Leben.

Am Ende einer harten Woche, freue ich mich zum ersten Mal seit langer Zeit wieder auf die Wochenenden. Auch ohne dich. Ganz für mich alleine.

DIE UNGEZÄHMTE

Wie oft denken wir (ich?), der richtige Partner müsse erst noch erfunden werden.

Jemand der bleibt. Jemand der gemeinsam wachsen möchte, sich nicht vor Kompromissen scheut und selbst langweilige Momente souverän vorbeiziehen lässt. Jemand der Herausforderungen liebt, aber keine Bedingungen nach dem Motto „es braucht ewige Schmetterlinge und du bist verantwortlich sie mir zu bereiten“ stellt.

Nun, die letzten Beziehungen und Jahre haben es gezeigt. Nicht der Mann ist bindungsscheu, weil ungezähmt mehr Freude bringt, sondern ich und all meine fabelhaften Freundinnen zu wild, zu fordernd, zu aufregend.

Wir sind die Generation an Frauen, die sich nicht mehr so leicht unterkriegen lässt. In den letzten zwei Tagen habe ich jeweils eine Stunde gebraucht Möbel zu rücken, Zimmer zu renovieren und aufzuräumen. Ich habe einen Entschluss gefasst und mich dahintergeklemmt. Kein Hadern und kein Abwarten. Schon gar keine Hilfe eines Mannes oder ein mitleiderregender Anruf um Unterstützung bittend. Ich bin es auch, die neben dem Beruf noch für das Studium lernt und zwei Kinder unterschiedlichen Alters und unterschiedlicher Bedürfnisse versorgt, umsorgt und großziehen wird.

Für mich und viele andere Frauen ist der Mann längst zu einem Liebhaberprojekt geworden. Eine schöne Sache auf Zeit. Etwas, was wir uns gönnen und nichts das wir brauchen. Die Liebe bleibt dabei zwangsläufig immer im Vordergrund, weil wir aufhören in Abhängigkeiten zu denken. Weder brauchen wir das Geld der Männer, noch deren starke Arme. Wenn wir uns ihnen nähern wollen, dann auf geistig und emotionaler Höhe und gelegentlich sicher auch zum Sex.

Dass einige Männer sich davon mitunter bedroht, mindestens aber eingeschüchtert fühlen können, ist klar. Was könnten sie uns mehr bieten, als ihre geistige Reife? Möbel schrauben sicher nicht.

Wir Frauen denken noch immer zu sehr in ausgelatschten Pfaden. Wir meinen der Mann sei es der permanent auf der Flucht um seine Freiheit ist. Die Realität ist anders. Wir Frauen genießen Freiräume und erfahren Selbstbestimmung. Unsere Kompromissbereitschaft hat dann ein Ende, wenn der Partner aufhört uns ernstzunehmen oder erzählt wir bräuchten ihn, um uns vollwertig zu fühlen.

Alles was wir tatsächlich brauchen, können wir uns besorgen. Alles was Männer wollen könnten, wäre diese Unabhängigkeit zu zähmen. Wer den Eindruck hat nicht mehr gebraucht zu werden, seine Position zu untergraben und vielleicht dem Druck nicht stand halten kann, einer Frau einfach nur Liebe zu geben, wird schnell schwach und sucht bald das Weite.

Die Wahrheit ist, natürlich können wir selbst Löcher bohren, Glühbirnen wechseln und wir kennen die Telefonnummer jedes Lieferservice, der Hausverwaltung oder irgendeiner Bumsbirne.

Was uns tatsächlich einfach manchmal fehlt, ist jemand der auf Augenhöhe bereit ist mit uns diese Freiheit zu teilen. Und der Genuss kommt darunter eigentlich nie zu kurz. Schade, wer noch immer denkt wir müssten zahm sein.

SICH VERGESSEN

Wenn ich zur Arbeit gehe, erscheine ich mit geradem Rücken und Stärke in meiner Brust. Ich weiß genau wer ich bin und wie ich den Tag gestalten werde. Ich bleibe exakt so flexibel, dass es mich nicht überrascht, wenn etwas anders als geplant läuft. Am Ende des Tages bin ich mit mir und meiner Arbeit meist zufrieden und fühle mich richtig und angekommen.

Im Studium geht es mir auch so. Ich bin mir meiner Werte bewusst und kann sie kommunizieren. Da ist so viel Kraft und Ausdauer in mir, von Ehrgeiz ganz zu schweigen. Nur selten erlebe ich derzeit Misserfolge.

Umso schwerer kann ich mir eingestehen, in einer Beziehung noch immer zu viele Kompromisse einzugehen. Mich selbst ein Stück aus den Augen verloren zu haben, obwohl ich mit festen Beinen in die Beziehung schritt.

Anfänglich gehe ich keine Bindung ein, ohne klar zu kommunizieren wo mein Weg hinführen soll. Ich bin vorbereitet auf das Leben, die Liebe und habe eine Klarheit und Entschlossenheit, die dem anderen meist gleich gefällt.

Manchmal ist mein Gegenüber etwas verunsichert und vermutlich fasziniert meine Offenheit auch.

Im Laufe der Beziehung wird aus mir jedoch diese unsichere Person, die meine Mutter war. Das kleine Mädchen, welches ich einst gewesen bin. Jemand die es allen Recht machen mag und sich zwischen mehreren Optionen immer für die gefälligste entscheiden würde. In diesem Moment wird aus der eigentlich festen Persönlichkeit und starken Frau eine andere.

Ich gebe meine Wünsche nicht auf, aber erhebe auch keinen Anspruch mehr sie durchzusetzen. Stattdessen finde ich einen Weg mich mit den Bedürfnissen der anderen zu arrangieren.

Wenn ich früher dann oft nörgelig wurde, weil das Unterbewusstsein mir meine Zufriedenheit nach oben schickte, bin ich inzwischen Expertin darin mich anzupassen und wohldosiert Grenzen kundzutun.

Die Realität sah nämlich lange so aus, dass Partner mir anfänglich wie kleine Welpen nachliefen, sich aber dann an mir gesund gestoßen hatten. Ich gebe Selbstbewusstsein. Ich biete Vertrauen. Ich liefere Geborgenheit und verlange nichts.

Sobald also die Sicherheit der einen Person über die Bedürfnisse der anderen gestellt wurde, gab es kein Zurück mehr. Ich war gefangen. Meine Selbstsicherheit kam ins Wanken. Wollte ich wirklich dies und das zu Beginn oder ist der Wunsch des Partners durchaus angemessen und meinem überlegen?

Solche Gedanken können einem eigentlich nur kommen, wenn man in frühester Kindheit dahingehend Sozialisierung erfahren hat. Meine Mutter passte sich immer an. Sie war stark und schwach zu gleich. Sie blieb, gab und nahm so wenig.

Ich möchte heute nicht mehr so sein.

Meine Bedürfnisse sind genauso viel wert wie die des anderen. Wer sich das Leben an meiner Seite nicht so vorstellt, wie ich es sehe, findet seinen Frieden eben woanders. Den Weg über meine Träume, muss er jedoch nicht nehmen.

WISSEN IST OHNMACHT

Obwohl wir uns gerne verlieben, wundern wir uns häufig über den Ausgang unserer Beziehungen. Oft jedesmal aufs neue.

Männer wissen es und Frauen wissen es eigentlich auch. Zu Beginn bedeuten wir einander alles, sind interessant, aufregend und neben uns verblasst der Rest der Welt. Später sind wir in den Augen so vieler Männer die Zicken, gelten als anstrengend, als desinteressiert oder nervig. Wir werden ausgetauscht gegen eine jüngere Version und müssen mitansehen wie unser Partner einer anderen nachschaut, anfangs heimlich und später immer offensichtlicher.

Und wir? Wir Frauen ziehen über unsere Männer her. Wie unfähig sie seien. Früher war mehr Lametta.

Da wurde gelacht und sich gegenseitig verwöhnt. Da gab es wenig Streit und überhaupt schien man auf einer Wellenlänge zu schwimmen. Heute ist er faul, langweilig und steht in Verdacht untreu zu sein.

Was einst noch frisch und unbesiegbar erschien, ist mit den Jahren fragile Kunst oder harte Arbeit.

Dabei gibt es eigentlich nichts spannenderes, als sein Ego durch jemanden streicheln zu lassen, der einen lange kennt. Jemand der da ist, obwohl oder vielleicht gerade wegen all der Macken. Jemand der morgens genauso aussieht wie die anderen Tage zuvor. Jemand der sich wirklich besinnen muss, um die zauberhaften Kleinigkeiten seiner Beziehung zu sehen, schätzen und in Ehren zu halten.

Es ist nicht schwer sich zu Beginn Honig ums Maul zu schmieren. Da ist noch Luft nach oben. Wer aber noch nach Jahren der Zweisamkeit, gemachten positiven wie negativen Erfahrungen beieinander steht und sich nicht aus den Augen verloren hat, verdient die Anerkennung und Bewunderung anderer.

Mir ist klar, jeder Flirt da draußen ist geschenkt. Was weiß der andere schon von mir? Wer weiß was wir voneinander halten, nachdem wir uns das erste Mal nackt gesehen haben, innerlich wie äußerlich? Mein Partner, der Mensch den ich auserkoren habe und mit dem ich durch eine lange Zeit gegangen bin, dem zu sagen „Ich finde dich heute echt heiß.“, sollte sich glücklich fühlen, weil ich alles gesehen habe und alles sehen wollte.

Nicht schlecht über den anderen zu reden, sich nicht mehr lieblos zu begegnen und das Ego genau von dir stärken zu lassen, ist meine Liebeserklärung an dich. Da kann keiner mithalten.

Weil ich das weiß, bin ich nicht mehr ohnmächtig.