OH BERLIN

Eine Freundin schrieb neulich aus Hamburg. Sie besuche dort ihren Freund und sei genervt von den Leuten, fände die Stadt habe ein Obdachlosenproblem und unhöflich sein auch alle.

Ihre Stimmung konnte sie schnell verschiedenen Einflüssen zuordnen und als ich ihr sagte, es sei ja auch nicht unwahrscheinlich, dass Hamburger sich über Berlin nach einem Wochenende ebenso äußern würden, konnte sie schon wieder zustimmend lachen.

Ich mag Hamburg. Und als waschechte Berlinerin brauchte ich eine Ewigkeit mit meiner Heimatstadt warm zu werden. Doch genau wie in Hamburg, München, Prag, London oder Wuppertal, bietet jeder Ort eben gute und schlechtere Gegenden an. Hier gleicht kaum ein Bezirk dem anderen und wenn jemand etwas in dem einen Kiez vermisst, wird er es wohlmöglich bereits drei Kilometer woanders eben finden.

Zwischen Oasen im Grünen, Altbauten die sich gegen Investoren durchsetzen und Einbauwohnungen am See, gibt es auch hier viel Elend. Menschen unter Brücken. Zugegebenermaßen Ubahn-Brücken. Es gibt hier erschreckend viele bettelnde Drogensüchtige in unseren S-Bahnen und nur noch selten BerlinerInnen hinter der Backtheke. Viele alte Clubs wurden geschlossen und mussten mondänen Restaurants und teuren neuen Bürokomplexen weichen und mittendrin wie unerschütterlich, steht total eingebaut der Fernsehturm. Früher um ihn der Alexanderplatz, einbettend und einladend. Heute Baustellengerüste soweit das Auge reicht. Diese Stadt pulsiert so vor sich hin. Jeder versucht ihr seinen Stempel aufzudrücken und so ist es eben auch nicht verwunderlich, dass eine Berlinerin nach Hamburg reist und dort anfängt gedanklich alles umzuwerfen.

Ich mag die Neuerungen in den verschiedenen Bezirken, genau wie ich melancholisch werde, weil man meine Nostalgie mit neuem Anstrich und teurer Miete kaputtbaut…

Die Menschen in Hamburg die da so unhöflich sind. Sind sie aus Hamburg? Sind sie wohlmöglich eigentlich aus München, Bielefeld oder Lissabon? Ehemalige Studierende? Sind es die türkischen Taxifahrer oder die Anzugträgerinnen auf dem Weg zur Arbeit in die City? Welche Art Unhöflichkeit ist gemeint?

In Berlin hatte man die Kotterschnauze lange gepachtet. Man war schon ein wenig stolz auf dieses Markenzeichen. Stolz. Da haben wir ihn wieder.

Denn inzwischen wird diese Art Offenheit und ehrlich dicke Lippe nirgends mehr gerne gesehen. Im Vorstellungsgespräch wird die Berliner Mundart unterdrückt, wer heute noch berlinert outet sich als Ossi oder schlimmer noch, Brandenburger.

Und so wird alles, ob hier oder anderswo, vereinheitlicht und glatt geschliffen.

Ich wünsche den Hamburgern und Hamburgerinnen weiterhin Leben, Puls und starke Schultern. Ich komme gerne.

Ich wünsche Berlin noch lange viele LiebhaberInnen und eine Zukunft die auf Nostalgie nie verzichten muss.

TRENDMOBIL

Gestern hätte mich beinahe ein SUV überfahren.

Im Grunde war es meine Schuld, denn ich war verträumt über die Straße gerannt und hatte mich und die Distanz zum anfahren den Auto vollkommen unterschätzt.

Heute überlegte ich, wie weit ich wohl geflogen wäre und fluchte innerlich über diese tonnenschweren Geschosse aus Metall und Protz.

Dabei entging mir natürlich nicht, dass seit des verheerenden Unfalls vor einigen Monaten ein bereits bestehendes Ärgernis sein Ventil fand. Stellvertreter. Ein Symbolakt. Obwohl das Sterben von Menschen niemals symbolisch für oder gegen eine Sache stehen sollte.

Ich ging also so durch die Berliner Straßen und bemerkte einen neuen Trend. Neben den SUV-Monstern standen sie. Die Wohnwagen. Reihenweise Wohnmobile und umfunktionierte Busse.

Vermutlich erstanden, um irgendwann am Wochenende oder den Ferien hinaus in die Freiheit zu fahren. Von Menschen die mal vom Lande kamen und denen es dort zwar zu eng wurde, hier aber die tatsächliche Enge so spürbar ist, dass nur noch Flucht nach vorne half.

So kaufen sich moderne GroßstadtneurotikerInnen also nun Wohnwagen und fahren manchmal zurück in die Heimat, manchmal stehen sie hier aber auch nur die Parkplätze voll.

Alles kein Ding, denke ich mir. Sieht ja auch nach Freiheit aus. Nach dem Gefühl sich was nettes gegönnt zu haben. Nach Urlaub und so.

Ich überlege dann aber, ob sich nicht in ein paar Jahren Panzer rechtfertigen ließen. Krieg ist omnipräsent. Da ginge doch noch was.

Und weil wir sowieso schon kaum von Luft, genauer Frischluft, in der Stadt reden können und der Lärm mich immer nervt, wünschte ich der Trend ginge endlich zum Fahrrad oder dem guten und lässigen, sehr freien und unabhängigigen „zu Fuß“.

Da wäre ich auch wieder voll dabei.

DEFINITION DINGSBUMS

In der Schwebe hängende Singles, also jene, die einfach nicht wissen ob Singlestatus, der per Definition wohl alleine reisen, kochen, den Hausmüll rausbringen bedeutet oder eben doch Beziehung, mit all den wunderbaren Eigenschaften des Wachstums und der Liebe, fragen sich weltweit wie es so weit kommen konnte?

Gibt es da draußen nochmal die eine Liebe? Den Traumerfüller? Oder bleiben wir beim Alten und lassen uns daten, umgarnen und wie heiße Kartoffeln fallen?

Eventuell finden wir dahingehend unseren Frieden. Frauen die bereits mit Kindern gesegnet sind, sehen ihre Expartner mit jungen und kinderlosen Partnerinnen herumlaufen.

Sie sehen sich mit diesem Makel, der Brandmarke, der Narbe auf der Stirn. Scharlachrot.

Sie sind scheinbar gebrauchter als die anderen. Obwohl sicher heutzutage kaum noch eine dreißigjährige Frau als Jungfrau in die Beziehung startet, wird da eines klar, ein Kind ist eine Vergangenheit. Hier wird die Partnerin verletzlich. Verletzlichkeit ist kein Makel, kann aber schnellstens zu einem werden, wenn der neue Partner zielgenau erspürt wo der Schuh drückt und sich dem Dilemma mit Hingabe widmen wird.

Nicht wenige Frauen bilden sich deshalb ein, Stärke zeigen zu müssen. Immer im Takt bleiben, keine Ängste zeigen, sich nicht mit Realitäten zu konfrontieren.

Wenn wir dieses Gefühl also transportieren, zwischen schwach wie jeder Mensch, angeschlagen, weil Single, Mutter und wohlmöglich sogar finanziell abhängig, wie können wir dann Stärke nicht einfach nur vortäuschen?

Unser Gegenüber beginnt uns unbewusst zu zerfleischen. Anfangs in Zuneigung und später unter Spott und Hohn.

Eine Beziehung ist das noch nicht.

Und wenn wir dann beginnen die Beziehung in Frage zu stellen, die Werte auf dem Prüfstand und uns gläsern zeigen, beginnt das Konstrukt zu bröckeln. Schwäche ist nicht sexy.

Wir werden verlassen und werfen uns wieder ins Singleleben. Wir werden gesehen, aber selten erkannt. Wir werden wohlmöglich nochmals betrachtet. Aus der Ferne glänzen wir nach wie vor. Die Stärke ist zurück und für den Ex sind wir relevant. Dennoch, der Makel haftet uns an.

So bleiben wir als Zwischenlösung präsent, es sei denn wir drehen uns um, gehen unser Wege und ignorieren den hinterlassen Schmerz. Die Wunde blutet eine Weile nach, aber die Wahrscheinlichkeit das uns genau so etwas nochmal passiert, ist mit jeder Trennung und jedem gelebten Lebensjahr geringer.

Wir wissen nun wer wir sind. Und das ist die einzige Definition die es braucht.

INVESTITIONEN

Unsere Hauptstadt hat sich gesundgestoßen.

Wir verfügen über ein ausgeprägtes Straßennetz, mit Bussen, Bahnen, einer S-Bahn und sogar U-Bahn. Die Autos verstopfen selbstverständlich dennoch täglich unsere Straßen, denn nicht wenige Menschen fahren in die Randbezirke zu ihren Wohnungen oder arbeiten in der Stadtmitte, die sich scheinbar unmöglich alleine durch öffentliche Verkehrsmittel erreichen ließe.

Da ist schon was dran, denn würden wir tatsächlich alle auf Autos verzichten, müsste die Bahn nicht mehr im Vierminuten-Takt fahren, sondern alle zwei und auch in der kalten Jahreszeit dürften Züge nicht plötzlich steckenbleiben, während Wartende sich die Zehen abfrieren.

Alles in allem funktioniert diese Stadt jedoch recht gut. Gemessen an der katastrophalen Wohnungspolitik, die sich nicht retten kann vor Interessenten, aber immer weniger bezahlbaren Raum zur Verfügung hat und Investoren die noch nicht berlinmüde in jedes noch so kleine Grundstück investieren wollen.

Es wird gebaut, saniert und aufgestockt. Damalige Randbezirke sind heute ebenso Modernisierungen unterworfen worden und all die früheren Asylheime, wichen schönen Einkaufspassagen oder Parks. Wo einst ein Supermarkt stand, tummelt sich eine Mall und wer sich immer gefragt hat wo die ganzen Gastarbeiterfamilien jetzt leben, wird feststellen, es gibt zwar eine wunderbare Durchmischung in Kreuzberg und Neukölln, aber in Hohenschönhausen fehlt es jetzt an Russen, dafür haben sich Türken dort niedergelassen, weil Studentenschwämme sie aus ihren Bezirken verdrängt haben. Ein ständiges Kommen und Gehen, könnte man meinen.

Die Wohnungen sind zu teuer, der Markt bietet nur noch etwas für die obere Schicht an und diese besteht nicht nur scheinbar aus Zugezogenen, die hörten in Berlin könne man noch immer günstig investieren und aufgeräumter sei die Stadt ja inzwischen auch.

Und ja so ist es auch. Der Berliner ist längst begraben und alle Einflüsse von außen wurden zu unserem innen. Wir sind ein Disneyland für all jene, die eine romantische Vorstellung von Abenteuer und Glück hatten. Sie kamen um zu feiern, blieben um zu studieren und schlugen ihre Wurzeln, weil sich die Stadt ihrer anpasste. Eine Inklusion mit der niemand gerechnet hatte.

Veränderungen waren nun aber schon immer die Stiefkinder ganzer Generationen. Niemand mag sie, niemand traut sich sie aufzuhalten. Stattdessen wird ein wenig gemurrt und sich bei der nächsten Wahl gerächt. Die Enttäuschung schlägt sich dann in Form falscher Entscheidungen nieder, aber wieso sollte das Volk es anders handhaben als die Politik? Wer seine Wohnung nicht mehr bezahlen kann und aus seinem Kiez geflohen ist, sich mit dem Job den er seit zwanzig Jahren betreibt nicht mehr ernähren kann und alles immer fremder wird, trifft egoistische und unüberlegte Entscheidungen. Ist der Nerv getroffen, wird sich nicht mehr überlegt wie der Schmerz betäubt werden soll. Hauptsache er gibt Ruhe.

Und so sehnen sich die Menschen an der Einkommensgrenze kurz vor Armut nicht mehr nur nach funktionierenden Straßennetzen, schönen Wohnhäusern und einer Modestadt, sondern einer Heimat die Sicherheit und Vertrauen bietet. Ein Ort, der auch im Alter noch sowas wie Zuverlässigkeit ausstrahlen kann. Veränderungen sind wichtig. Sie bedeuten Wachstum und führen zu tollen Erfahrungen. Wer jedoch die Erfahrung gemacht hat sich vor der Zukunft immer nur noch fürchten zu müssen, wird darin gehemmt.

Es braucht wieder eine realistische Einschätzung dessen, was sich die Menschen auf diesem Fleckchen Erde tatsächlich wünschen. Ein zu Hause.

ZUGEZOGEN GRÖSSENWAHN

Als Berlinerin bin ich seit jeher mit Vorurteilen in Berührung gekommen. Da gibt es diese Vorstellung von einem Berliner Stadtbewohner, bei dem einem die Ohren schlackern.

Als ich fünfzehn war und in Hessen eine Dorfdisko in der Heimat meines Cousins betrat, bildete sich eine Traube Menschen um mich, die aufgeregt wissen wollten wie es in der Hauptstadt so zuginge. Mit diesem plötzlichen Ruhm und der Anerkennung konnte ich natürlich nicht umgehen, kam ich doch aus einem Randbezirk der mehr rechtsradikale MitbürgerInnen gesehen hatte, als der Rest Berlins beherbergte. Als Deutsche wuchs ich daher sehr behütet auf, im Rahmen dessen, was man aus solchen Gegenden behütet nennen kann.

Da war sie aber, die Frage nach wilden Erfahrungen und der Wunsch nach Dramen um die Stadt die angeblich nie schläft. Also vor der Erfindung der Spätis Anfang der Nuller-Jahre, gab es eigentlich wenig Grund zur Annahme Schlafmangels.

Auch wir hatten Schließzeiten, in einigen Bezirken noch heute und in manchen Ecken am Samstag schon mal gegen vierzehn Uhr. Bäcker die Sonntag ihre Brötchen nicht an den Mensch bringen wollen, weil ihnen dieser Tag heilig ist. Verständlich, auch der Berliner muss mal durchatmen.

Es sind eigentlich die Zugezogenen, die diese Stadt so beleben. Die den Lifestyle einer Metropole möglich gemacht haben. Mythen und Geschichten so weit das Auge blickt. Graue Geschichte und kalter Krieg auf der einen Seite und ewig flirrende Lichter auf der anderen. Irgendwas dazwischen ist sicher immer wahr und ganz viel in der Regel nur Maulheldengesang.

Wer einmal in seinem Leben in Berlin durch die Technoszene tanzte, hat genauso wenig verpasst, wie jemand der einmal in seinem Leben im Thaipark Kakerlaken gegessen hat. Wer sich wohl fühlt inmitten von Touristen in Kreuzberg oder die überteuerten Cocktails in Mitte genossen hat, wird weder das echte Berlin vom unechten unterscheiden, noch dem Wahrheitsgehalt auf der Spur sein, den diese Stadt längst gebrauchen könnte.

Denn je mehr Menschen sich von der Magie dieser Stadt angezogen fühlen, umso wahrscheinlicher ist, dass die Stadt zu einem riesigen Disneyland verkommt. Überall für jeden Geschmack etwas zu holen und sei es ein im Tiergarten eröffnetes Geschäft für Kuhglocken (muss man nicht gesehen haben) oder die Behauptung angekommen ist man, wenn der Bäcker sich an die Zutaten für den Lieblingskaffee erinnert oder der Türsteher vom Berghain erfürchtig zur Seite tritt.

Wie überall, haben all diese Leben nämlich eines gemeinsam: gekocht wird auch nur mit Wasser und einmal am Tag geht’s auf den Pott um zu scheißen.

Es wäre schön, wenn ich als Berlinerin keine Erwartungen mehr erfüllen müsste und wenn andere, ebenfalls UrberlinerInnen mit mir tatsächliche Geschichten teilen würden. Momente in denen wir uns wiedererkennen. Momente die wahrhaftig sind und nicht herangezüchtet von einem Außen, welches in uns ihr Unterhaltungsmedium sieht. Ich mache nicht mehr Männchen für überhöhte Erwartungen und ich kann mit Sicherheit eines sagen: diese Stadt ist allen BerlinerInnen schon immer Hass-Liebe Nummer eins gewesen. Der Kult ist euer Ding, nicht unser.