ZUGEZOGEN GRÖSSENWAHN

Als Berlinerin bin ich seit jeher mit Vorurteilen in Berührung gekommen. Da gibt es diese Vorstellung von einem Berliner Stadtbewohner, bei dem einem die Ohren schlackern.

Als ich fünfzehn war und in Hessen eine Dorfdisko in der Heimat meines Cousins betrat, bildete sich eine Traube Menschen um mich, die aufgeregt wissen wollten wie es in der Hauptstadt so zuginge. Mit diesem plötzlichen Ruhm und der Anerkennung konnte ich natürlich nicht umgehen, kam ich doch aus einem Randbezirk der mehr rechtsradikale MitbürgerInnen gesehen hatte, als der Rest Berlins beherbergte. Als Deutsche wuchs ich daher sehr behütet auf, im Rahmen dessen, was man aus solchen Gegenden behütet nennen kann.

Da war sie aber, die Frage nach wilden Erfahrungen und der Wunsch nach Dramen um die Stadt die angeblich nie schläft. Also vor der Erfindung der Spätis Anfang der Nuller-Jahre, gab es eigentlich wenig Grund zur Annahme Schlafmangels.

Auch wir hatten Schließzeiten, in einigen Bezirken noch heute und in manchen Ecken am Samstag schon mal gegen vierzehn Uhr. Bäcker die Sonntag ihre Brötchen nicht an den Mensch bringen wollen, weil ihnen dieser Tag heilig ist. Verständlich, auch der Berliner muss mal durchatmen.

Es sind eigentlich die Zugezogenen, die diese Stadt so beleben. Die den Lifestyle einer Metropole möglich gemacht haben. Mythen und Geschichten so weit das Auge blickt. Graue Geschichte und kalter Krieg auf der einen Seite und ewig flirrende Lichter auf der anderen. Irgendwas dazwischen ist sicher immer wahr und ganz viel in der Regel nur Maulheldengesang.

Wer einmal in seinem Leben in Berlin durch die Technoszene tanzte, hat genauso wenig verpasst, wie jemand der einmal in seinem Leben im Thaipark Kakerlaken gegessen hat. Wer sich wohl fühlt inmitten von Touristen in Kreuzberg oder die überteuerten Cocktails in Mitte genossen hat, wird weder das echte Berlin vom unechten unterscheiden, noch dem Wahrheitsgehalt auf der Spur sein, den diese Stadt längst gebrauchen könnte.

Denn je mehr Menschen sich von der Magie dieser Stadt angezogen fühlen, umso wahrscheinlicher ist, dass die Stadt zu einem riesigen Disneyland verkommt. Überall für jeden Geschmack etwas zu holen und sei es ein im Tiergarten eröffnetes Geschäft für Kuhglocken (muss man nicht gesehen haben) oder die Behauptung angekommen ist man, wenn der Bäcker sich an die Zutaten für den Lieblingskaffee erinnert oder der Türsteher vom Berghain erfürchtig zur Seite tritt.

Wie überall, haben all diese Leben nämlich eines gemeinsam: gekocht wird auch nur mit Wasser und einmal am Tag geht’s auf den Pott um zu scheißen.

Es wäre schön, wenn ich als Berlinerin keine Erwartungen mehr erfüllen müsste und wenn andere, ebenfalls UrberlinerInnen mit mir tatsächliche Geschichten teilen würden. Momente in denen wir uns wiedererkennen. Momente die wahrhaftig sind und nicht herangezüchtet von einem Außen, welches in uns ihr Unterhaltungsmedium sieht. Ich mache nicht mehr Männchen für überhöhte Erwartungen und ich kann mit Sicherheit eines sagen: diese Stadt ist allen BerlinerInnen schon immer Hass-Liebe Nummer eins gewesen. Der Kult ist euer Ding, nicht unser.

EINHEITSBREI

Ich bin ein Kind des Ostens. Noch genau zwei Jahre habe ich in der ehemaligen DDR gelebt und erinnere mich wirklich an nichts mehr. Weder an die Regelung vor unserer Kaufhalle, heute Supermarkt, im Kinderwagen warten zu müssen (wurde nach Babyklauskandal überdacht), noch an die Nacht des Mauerfalls.

Ich erinnere mich an Windpocken, die wohl genau zu dieser Zeit eine Rolle gespielt haben und ich erinnere mich an mein erstes Überraschungsei (dieser Geruch!) und ein aus dem Westen geschenkter Muff, den ich damals geliebt und gehasst zugleich habe.

Ich weiß noch, wie die Umgebung aus der ich kam langsam immer schöner wurde. Aus plattem Land wurden Plattenbauten. Aus alten Wohnungen, Neubaublöcke. Ich erinnere mich an den Duft nach Ofen und Räucherware in Leipzig und an den ersten Besuch einer Wohnung mit Teppichboden.

Ich weiß noch, wie eine ältere Dame aus dem Hochhaus in dem ich wohnte, sprang, weil sie Angst vor der Zukunft hatte und nur wenige Jahre später taten es ihr weitere Rentner nach.

Ich weiß noch, wie meine Mutter mir Geld für den Cola-Automaten gab und ich wie selbstverständlich morgens auf ihrer Arbeit, in einem Altersheim, Trickfilme schauen konnte, die Zeit meines Lebens bis dahin nie eine Rolle gespielt hatten. Ich erinnere mich an grobe Erzieherinnen der alten Schule und freundliche junge Pädagoginnen, die dann alles anders machten.

Meine Kindheit in der DDR war kurz. Meine Familie ging völlig unterschiedlich damit um. Eine Oma die bereits kurz nach Mauerfall in die Wilhelmstraße zog und auf der Loveparade mitlief und eine Mutter die im Osten kein Abitur machen durfte und im Westen mit ihrer Ausbildung nicht weiterkam.

Eine Familie, die zu Teilen geflüchtet war und eine Familie die noch lange an Dauerwelle und Karottenhose festhielt.

Eine Familie die keine Angst vor der Zukunft hatte und eine Familie die nun mit Armut kämpfte.

Ich saß in meinem Kinderzimmer aus altem dunklen Holz und plötzlich, nur wenige Jahre später, waren die Wände schreiend pink und meine Möbel reinweiß. Dazwischen wurde meine Schwester geboren, die sich nicht erinnert wie richtiger Kartoffelbrei schmeckt oder Pudding aus dem Topf. Die nie mit kleinen Autos oder Cowboy und Indianer gespielt hat und stattdessen eine Barbie um die nächste bekam.

Meine Kindheit im Osten war nicht schwer. Nicht härter als andere Kindheiten. Wir waren nicht unglücklich oder vermissten tatsächlich etwas. Wir konnten leben und irgendwie Anerkennung finden.

Mit dem Mauerfall wurde alles bunter und größer. Es gab plötzlich Konflikte die ich nicht verstand und ich habe mich immer fragen lassen müssen, ob ich Ossi oder Wessi sei. Für mich hat das nie eine Rolle gespielt, weil ich weder etwas für meine Geburt, noch mein Elternhaus konnte.

Wenn ich mir was wünschen könnte, dann weniger verklärte Erinnerungen. Weniger Filme mit Grauschleier oder Sepiaton. Weniger Gerüchte, über den dummen Ossi oder den hochnäsigen Wessi. Alles was ich möchte, ist sein.

WARUM ICH MICH ÜBER EINEN MIETENDECKEL FREUEN WÜRDE

Geboren bin ich als waschechte Berlinerin. Erste Wohnung mit 18 in Lichtenberg, als Altbau noch nach Altbau roch und die Nachbarn nicht selten glattköpfige Neonazis waren.

Meine Kindheit verbrachte ich in sogenannten Ost-Bezirken, vor bis nach Mauerfall waren sie lange gezeichnet. Ich wohnte in Hochhäusern, die damals als modern und geräumig galten. Ich lebte auch in Pankow, ein Bezirk der früh immer teurer wurde, weil die Investoren sich dort gut aufgehoben sahen, zwischen Prenzlauer Berg und Udo Lindenberg.

Meine Jugend verbrachte ich in Ofenwohnungen meiner Freunde und im Mauerpark roch es nach Pisse und Freiheit. Nach und nach wurden die grau verputzten Häuser der Gegend zu wunderschönen Altbauten. Yuppies saßen in neuen Café und die Parks sahen sich überfüllt. Jeder atmete Berlin. Nachts beim Clubbesuch oder morgens auf der Oberbaumbrücke, mit Blick in alle Szeneviertel. Es gab nichts, was uns Angst machte.

Dann wurde aus der zweihundert Euro Warmmiete schnell unerschwinglich. Freunde zogen an den Stadtrand, obwohl sie selbst noch in Friedrichshain geboren waren. Hohenschönhausen wurde mit Liftwohnungen gespickt, dabei wollte früher kein einziger intellektueller Familienvater einen Fuß in die rechtsgerichtete Wohngegend setzen. Zu viel Angst vor dem Abstieg. Zu viel negative Presse.

Meine erste teure Wohnung wurde in Weißensee vermietet. Ein sogenanntes Berliner Zimmer. Hinterhof, Flur, Küche und Schlafzimmer waren eins. Mein Kind lag nebenan und hatte einen Balkon. Ich warf mein knappes Geld zum Fenster raus. Einer Vermieterin aus der Schweiz in den Rachen, wäre auch treffend. Die Wohnung war renoviert, aber der Boden knarrte, die Decke hatte einen Wasserschaden und das Bad kein Fenster. Dennoch gab es viele Interessenten und auch ich beugte mich den hohen Anforderungen.

Später zog ich mit jemandem zusammen. 120 qm für nicht einmal 800 Euro warm. Wir lebten unseren Traum. Mitten im Schimmel. Grundwasser drückte sich durch die Decke, wie überall in unserem Bezirk. Das Kind wurde krank und die Miethaie ungeduldig. Miete her oder ausziehen..wir dachten gar nicht dran und nahmen uns einen Anwalt. Jede Wohnung davor oder danach war ein kleines finanzielles Fiasko. Unaufhörlich stiegen die Mieten, die Gehälter blieben gleich. Während manche Bezirke über verstopfte Straßen, Baulärm und Abgase hinwegzusehen versuchen, wird die Mietwohnung in Eigentum umgewandelt und somit Scheiße zu Gold. Es gibt keine Gerechtigkeit auf dem Wohnungsmarkt.

Immer wieder wird angeführt, Investoren würden der armen Stadt zu Ruhm verhelfen. Ich weiß ja nicht wie lange wir arm bleiben wollen, aber die Investoren der vergangen Jahrzehnte konnten dieses Loch anscheinend nicht stopfen.

Es ist tragisch, wie Mietraum entstehen soll, aber im Grunde nur noch mehr Bettenburgen für eingewanderte Bayern und Baden-Württemberger hochgezogen werden. Kein Berliner der etwas gegenteiliges behauptet. Alle nagen an der Verzweiflung, niemals reich geerbt oder gut investiert zu haben. Der Osten blutet aus. Die West-Berliner ziehen nach. Auch Charlottenburg und Neukölln sind inzwischen nett saniert und zu Trendbezirken verkommen. Hilft es dem Berliner? Wohl kaum. Es bleibt der Beigeschmack, sich nun nach der Arbeit, zu Beginn der Rente, die Kugel zu geben oder aufs Land zu ziehen. Tatsächlich ziehen aber immer mehr Menschen aufs Land, die es sich auch leisten können. Wohnung in Berlin und Haus in Brandenburg.Win Win. Nicht für die eigentlichen BewohnerInnen, aber für jeden mit prallem Bankkonto.

Wenn es also eine Möglichkeit gibt, über die Täuschung der Investoren und den Fehlentscheidungen der Politik hinwegzutrösten, nehme ich billigend in Kauf an Attraktivität als Touristenmagnet zu verlieren. London und New York machen es vor. Mehr Häuser bedeuten nicht mehr bezahlbaren Wohnraum.

Wohnraum ist nicht nur Dach über dem Kopf. Es ist Heimat und Identität. Wir haben hier unsere Geschichte und den Rückzugsort den es braucht, um Energie zu tanken für die Arbeit, die Lieben und uns. Es macht krank und belastet, mehr als die Hälfte seines Einkommens in die Miete zu investieren. Es macht krank, zusätzlich aufstocken zu müssen und als arm zu gelten.

Berlin ist arm, weil seine BewohnerInnen arm sind. Diese sind arm, weil sie kein Geld zum Leben mehr haben. Leben. Nicht wohnen. Dafür reicht es ja gerade noch.

BERLINER UND BERLINERIN

Diese Liebeserklärung war längst überfällig! Berlingeborene vereinigt euch und bezieht Stellung zu all den Vorurteilen, Nachrufen auf vergangene Zeiten und dem Schmutz der uns anlastet.

Oder lasst es bleiben.

Denn was kümmert uns die Deutungshoheit irgendeiner Provinzzugezogenen, die Dörfler und Kinder ihrer reichen Eltern aus dem Süden oder Norden dieses Landes?

Wir sind rüde, haben sie gesagt. Berliner Schnauze gilt als Kompliment unter den Beleidigungen.

Unsere Straßen sind verstopft und dreckig. Die BVG immer zu spät und die Bahn erst gar nicht im Einsatz. Unsere Clubs ziehen Millionen in die Metropole. Studenten verweilen und gründen vor dem Absturz lieber eine Familie. Danach klagt es sich umso schöner von Szenebezirk zu Kurortgefühl.

Natürlich wollen auch wir Alteingesessene sanierte Wohnungen und niemand vermisst tatsächlich das Klo im Hinterhof. Teure Mieten und Verdrängung an den Stadtrand, lässt aber auch den sonst so coolen Berliner schwitzen.

Da wo andere sich in Höflichkeit spreizen, sagen wir was Sache ist. Keine falsche Scheu, kein Optimismus wo er nicht hingehört. Wir sind ein armes Volk. Wir ham nüscht und wir jebm och nüscht! Na ja, fast. Wir streuen altes Brot am Alex, den Tauben, unseren Ratten der Lüfte, entgegen. Geben Mal ne Mark und Mal drei Cent in die Portokasse unseres Stammbäckers und selbst die achte Bettlerin im U-Bahnhof kann uns nicht schrecken. Wir kommen von ganz unten und wissen wie sich das anfühlt.

Klar, auch wir sind Kinder von Einwanderern. Unsere Großeltern aus Polen, Sachsen oder dem Norden. Wir sind eine Suppe aus Arbeitern und Bauern. Im Westen sitzen wir neben Türken fünfter Generation und weigern uns sie Deutsche zu nennen. Wir wuchsen mit Russen und Vietnamesen auf, aber ihre Kulturen bleiben uns fremd. Berliner zu sein, verpflichtet zu einem dicken Fell. Ein dickes Fell will weder gestreichelt noch gezogen werden. Einfach nur existieren.

Wenn von Außen jemand kommt, reagieren wir mitunter Achsel zuckend. Was soll schon sein? Wieder ein See voller. Wieder eine Universität bis unters Dach gefüllt mit unterschiedlichen Dialekten und Ansichten. Wir leben ja hier kein Wunschkonzert.

Und so ist es an jedem Berliner, sich nicht so anzustellen, wenn in der Bahn alle nach Schweiß riechen, die Straßen verstopft sind und die Wohnung dreihundert Prozent teurer vermietet wird.

Unser Herz zeigt sich immer dann, wenn es um Akzeptanz des Unveränderlichen geht. Wir haben keinen Einfluss auf den Wandel. Wir laufen immer weiter, immer mit.

Manchmal, zum Trotz, weil Tante Erna keinen Platz im Altenheim findet oder die Kitas brechend voll sind, während in Westdeutschland noch viele Mütter zu Hause bleiben, wählt jemand die falsche Partei. Da wird sich kurz gerührt, wenn auch in die verkehrte Richtung.

BerlinerInnen kauen lieber Nägel, gewöhnen sich an die neue Form der Metamorphose und hoffen die dreckigen Parks und beschmierten Häuser schrecken ab. So wie früher, als alle ihre Söhne und Töchter vor dem Bahnhof Zoo warnten. Als Neukölln noch ein Garant für Bandenkriege war und der Prenzlauer Berg als Schimpfwort galt. Als Touristen kamen und wieder gingen. Als die Mundart noch klar abzugrenzen wusste woher du stammst. Als eine Identität noch nicht verwässert wurde und alle anderen akzeptierten, das ist die Heimat der Menschen die hier leben.

Berlin ist eine wunderbare Stadt, weil der Berliner sie so wunderbar sein lässt. Berührt von vielen. Geformt durch alle. Kein Moloch wie es so oft verächtlich heißt. Es ist ein Sammelbecken derer die unsichtbar bleiben wollen oder schillernd ans Licht treten. Für die,die Neues wagen oder die anderen, die ihr altes Leben loswerden müssen.

Berlin bedeutet Nächstenliebe. Eine Liebe die alle aufnimmt und jeden verschluckt. Eine Liebe, ein Gefühl, ein Leben.

SINGLE

Ich war nie sehr lange Single. Dafür habe ich mich zum einen zu gerne unter Leute begeben und zum anderen sehr rasch verliebt. Eine alte Liebe überwinde ich in Kürze am besten, wenn ich nach der Trennung Zeit für mich alleine einräume (keine Treffen mit Freundinnen, um sich abzulenken!) und dann nach einem Monat wieder vorsichtig meinen Marktwert teste.

Ein netter Flirt hier und eine Grillparty bei Freunden da -zack- das Ego lässt sich so leicht streicheln.

Zugegeben, mit zunehmendem Alter und zwei Kindern war es nicht ganz leicht den Singlestatus umzuwandeln. Nicht das andere nicht gewollt hätten, aber es gab abzuwägen wer sich nicht nur gut in meinem, sondern auch im Leben meiner Kids machen würde.

Single in Berlin zu sein, hat Vorteile, die gleichzeitig Nachteile werden könnten. So ist die Auswahl riesig, aber die Nachfrage an genau dir eben oft begrenzt. Ersatz findet sich einfacher als auf dem Dorf oder in der Kleinstadt. Wem du nicht passt, der macht sich vom Acker. Umgekehrt aber auch leichter möglich einfach das Date sausen zu lassen oder noch etwas länger auf den passenden Gegenpart zu warten.

Ein weiterer Vorteil: die Möglichkeiten sich ein schönes Treffen zu bereiten. Von einer Tasse Kaffee, über eine Ausstellung, Erlebnisausflug oder Abenteuer im Club. Es gibt nichts was es nicht geben könnte. Diese Möglichkeiten schaffen den Raum den es braucht sich seinen tatsächlichen Wünschen bewusst zu werden. Bin ich gesellig? Bin ich sportlich? Habe ich Lust auf etwas unbekanntes, neben dem Date natürlich oder ist mir einfach nach unverstelltem Kennenlernen.

Schon bei der Auswahl des Ortes und der Zeit zeigen sich Übereinstimmung oder Ablehnung. Wer sich verbiegen muss oder möchte, wird sicher schneller enttäuscht. Wer sich als Vollidiot entpuppt, geht in der Masse des Angebots bald unter. Ferner liefen eben. Da gibt es einfach zu viele andere Willige. Und das ist auch gut so. Verzweifelte, Idealisten, große Poeten. Sie alle haben die Möglichkeit jemandem zu begegnen. Sie alle leben den gleichen Schmerz, wenn aus einer zuversichtlichen Idee die schonungslose Wahrheit wird.

Als ich Single war…und das war ich schon öfter…gab es mich, all meine Bedenken und all meine Bedürfnisse. Wünsche gestapelt bis unters Dach. Ich malte mir Erfolgsgeschichten aus und fand positive Beispiele im Freundeskreis. Immer und immer wieder träumte ich davon nicht alleine zu bleiben. Gemeinsam alt werden. Gemeinsam die Kinder aufwachsen zu sehen. Gemeinsam einzuschlafen und gemeinsamer Austausch am Ende des Tages. Wer mir vor die Flinte kam, war mir da so manches Mal tatsächlich fast egal. Dem Ideal mussten sie möglichst nahe kommen und wenn ich oder sie Pech hatten, überhäufte ich uns mit Erwartungen. All meine Hoffnung ruhte dann auf dem anderen. Je häufiger ich aber datete, umso leichter fiel es mir die Spreu vom Weizen zu trennen.

Sicherlich, nicht jedes inkompatible Date war auch ein schlechtes. Manchmal sollte es nicht passen. Sich davon zu verabschieden jedem die Schuld an einer verpassten Chance zu geben, war Schritt eins meines Weges.

Danach zu realisieren, dass der andere jetzt erstmal die Projektion all meiner Wünsche sei, ja alles was ich in mir sehe, war der nächste.

Wenn ich mich auf das Kennenlernen konzentrierte, also das Date erstmal nahm wie es kam und den anderen auch, kam es mir weniger befremdlich vor, wenn ich mich am anderen später stieß. Auch heute noch, ist die Beziehungspflege das A und O um überhaupt eine Bindung eingehen zu können.

Als Single habe ich viele Fehler gemacht und anderen ihre Fehler vorgeworfen. Manchmal war ich dann im Gegenzug zu nachgiebig mit Menschen die einfach durch und durch blöde waren. Ich habe mir online plumpe Sprüche angehört und dachte auch in einer Beziehung es sei ja okay, wenn der andere mich klein hält oder mir ein schlechtes Gewissen machen will.

So gehe ich nicht mehr ran. Sich einzugestehen, dass ich nicht gerne Single bin. Nicht gerne alleine. Nicht gerne alles was ich erlebe ungeteilt erfahre, war meine Erkenntnis aus dem Singleleben. Meine Erkenntnis aus einem Leben als Teil einer Partnerschaft. Einen Partner zu haben, bedeutet für mich, nicht nur Freundschaft zu erfahren, die über drei Treffen im Monat hinausgeht, sondern sich für eine andere Person stark zu machen und von dieser sehr loyal hochgehalten zu werden.

Single zu sein, hat mich nicht glücklich gemacht. Es fehlte mir etwas. Da war der Sand im Getriebe. Es war aber auch kein Beinbruch und funktionierte für mich, weil es funktionieren musste.

Single zu sein, ist wie geboren werden und über Jahre keinen Partner zu haben. Es ist okay. Man sucht sich etwas oder jemand anderen. Freunde zum Beispiel oder Familie.

Zu lieben war mir ein Bedürfnis. Geliebt zu werden.

Ich bin in Berlin gerne Single, weil ich weiß es folgt eine Beziehung.