DER SCHMERZ ERWACHSEN ZU WERDEN

Als wir Kinder waren, konnten wir es kaum erwarten erwachsen zu sein. Eigene Entscheidungen zu treffen und diese durchzusetzen.

Wir ahnten nicht, dass all der Zauber unserer Kindheit und Jugend nicht nur verblassen, sondern unter einer tonnenschweren Last an Verantwortung und Enttäuschungen begraben würde.

Wir dachten, unsere Kindheit sei der Beginn, aber nicht bloßer Zeitabschnitt und unwiederbringlich. Nur eben so etwas wie ein Leben mit noch zu kurzen Gliedern und einer Stimme die ungehört blieb.

Wir wollten genau das was wir bereits hatten, verpackt in einem anderen Gewand.

Selbstbestimmt, laut, mächtig.

Erwachsen zu werden, tat alsbald weh.

Es war uns nicht möglich die Kinderschuhe mit in die Realität zu tragen. Unsere Träume Wirklichkeit werden zu lassen und all diese Phantasien von einem Leben in Saus und Braus.

Wir lernten Rechnungen zu zahlen, arbeiten zu gehen, wohlmöglich in Jobs die wir hassen.

Wir fanden uns oft genug mit dem bitteren Geschmack der Enttäuschung ab, die einst unser Lebensentwurf war.

Menschen die uns so vertraut waren, wurden zu Schatten und nach und nach begriffen wir die Endlichkeit des Lebens. Die Falten um die Augen waren der Anfang und die Beerdigungen unserer Verwandten und Freunde blieben erhalten bis zum Schluss.

Es ist mühsam sich das Leben in all seiner Komplexität schwer zu reden. Wir genießen, so es uns möglich ist, jeden Moment. Wir schaffen uns neue Werte und besinnen uns auf die alten unserer Kindheit.

Ab und an treffen wir jemanden, der es uns erlaubt Kind zu sein. Sich zu prügeln, zu toben, zu raufen und Süßigkeiten zu essen bis wir darin ersaufen. Über Wunder zu staunen und Nichtigkeiten explodieren zu sehen.

Ab und an begegnen wir jemandem, mit dem das erwachsen werden nicht mehr weh tut.

WÜNSCHE FÜR’S ALTER

Sagen wir es wie es ist. Wir werden alle nicht jünger. Diese platte Floskel benennt sehr verspielt eine unumstößliche Wahrheit: wir werden sterben.

Dazwischen befinden sich, so zumindest die Hoffnung, ein paar wirklich gesunde, schöne und wilde Jahre der Jugend und Frische. Abenteuer und Freundschaften die uns vielleicht in Etappen oder ein ganzes Leben lang begleiten sollen.

Während mein Partner und ich gestern Abend in den Sternenhimmel philosophierten, machte ich eine Beobachtung. Alte Menschen die keine Familie haben, keine Freundschaften (mehr) und ohne nennenswerte Rücklagen, einsam in ihren Vier Wänden sitzen, weil eine WG oder ein Platz im Altenheim zu teuer ist, haben es schwer.

Noch benommen von Nasenspray und den letzten Tagen fieser Erkältung, dachte ich daran zurück wie einsam mir meine Wohnung vorgekommen war. Das große Kind schon wieder in der Schule und das kleine Kind bei den Großeltern. Eigentlich eine tolle Ausgangslage sich zu erholen.

Ich lag im Bett, stöberte in wachen Momenten durch das Internet und in müden Augenblicken berieselte ich mich an einer Staffel Friends auf Netflix. Wer da nicht unweigerlich auf seine eigenen Freundschaften schielt, hat wohl keine.

So konnte ich abends auf drei Genesungswünsche von Kolleginnen und Kollegen blicken, zwei Angeboten von Freundinnen mich besuchen zu kommen und diverser Nachrichten meiner Mutter, die mich auf den aktuellen Stand ihres Lebens brachte. Das Telefon stand nur still, weil ich es lautlos machte. Eine Nachbarin fragte, ob ich Lust auf Hof und Menschen habe und abends füllten sich die vier Zimmer wieder mit Leben.

„Ja!“,dachte ich. „So ein Glück. So viele Lieben.“

Wenn ich diese im Alter abziehe, durch den Auszug meiner Kinder, das Ableben der Großeltern und irgendwann auch Eltern und die ersten verstorbenen Freunde, bliebe ohne Frage nicht viel übrig. Der Lebenspartner nimmt dann einen großen Stellenwert ein, weshalb sich so viele Menschen vermutlich auch noch binden wollen, wenn die Jahre der Fruchtbarkeit vorüber sind.

Wenn die Kinder ausgezogen sind oder es niemals Kinder gab, wird es ebenfalls still. Da kann man nur hoffen, auf eine optimistische Zukunft voller Lebenskraft und Gesundheit zu blicken. Reisen und Hobbys spielen dann eine große Rolle und erfüllen den Menschen. Natürlich kann ich mich auch Jahre lang in der Wohnung einschließen und malen, schreiben, musizieren. Aber was wenn mir diese Einsamkeit zu Kopf steigt? Ein Leben alleine mit seinen Interessen? Wie ist das so ein Mensch zu sein?

Beobachte ich meine Großmütter, sehe ich zwei Wesen die nicht unterschiedlicher sein könnten.

Die eine Oma ist seit drei Jahren Witwe und war schon immer ein übersprudelnder Bach der Lebensfreude. Mit fünfzig begann sie erst das Flamenco tanzen. Sie ist Malerin und hat einen großen, bunten Freundeskreis. Sie ist ein so offener und herzlicher Mensch, dass sie alle im Sturm erobert. Ein Familienmitglied welches man gerne anruft oder besucht.

Meine andere Großmutter ist noch verheiratet und unternimmt am liebsten alles zu zweit. Außer Arztbesuche. Die gehen auch alleine. Sie ist überhaupt sehr gerne alleine und duldet an ihrer Seite fast ausschließlich den Partner. Alle anderen strengen sie an. Was wenn der Partner aber wegbricht? Wenn sie es nicht schafft die Familie um sich zu halten, weil sie garstig wird oder ignorant bleibt, wird sie im hohen Alter sicherlich sehr schnell spüren was es heißt alleine zu sein.

Könnte ich wählen, würde ich gerne beide Frauen in mir vereinen. Alleine sein zu können, ohne die Einsamkeit zu schmecken. Freundschaften zu pflegen und auch ohne Partner immer Lebensmut zu schöpfen. Sich auf alle Eventualitäten so gut es geht vorbereiten.

Es macht uns mitunter deshalb Angst alt zu werden, weil wir von Einsamkeit sprechen. Alter bedeutet Verluste. Es bedeutet eine teilweise unerträgliche Ruhe. Nicht immer in Frieden. Es bedeutet, sich viel mit sich selbst zu beschäftigen, mitunter schmerzlich zu erkennen, dass niemand mehr da ist, der sich mit einem beschäftigt.

Menschen die das Glück haben sehr alt zu werden, haben das Pech oft alleine zu sein. Freundschaften kann man aufbauen, aber es wird nicht leichter. Familienanschluss hält man nur, wenn es eine Familie gab.

Es sind nicht die Falten und grauen Haare die uns sorgen, es sind die Stunden in denen niemand mehr Geschichten mit uns teilt. Körperliche Wärme austauscht. Uns sanft über das Haar streicht, wenn es Zeit ist zu gehen.

Ich wünsche mir solche Menschen. Ich wünsche mir so ein Mensch zu sein. Jemand, dem irgendwann jemand das Leben aus den Haaren streichelt.

OH SÜSSE JUGEND

Heute hat mir ein gleichaltriger Kollege sehr frei heraus erzählt, er date generell nur deshalb gerne jüngere Frauen, weil diese zum einen weniger erwarten würden und er sich zum anderen gleichaltrigen Damen nicht gewachsen fühlte.

Ein Armutszeugnis, welches er sich da selbst ausstellt. Allerdings ist er damit unter Garantie auch nicht alleine.

All meine männlichen Freunde haben im Schnitt nicht nur jüngere Freundinnen, nein, sie suchen auch explizit nur nach jüngeren. Auf Tinder und Co wird der Regler bei bis zu zwölf Jahre jünger angesetzt. Nach oben gibt es hingegen Grenzen. Auf Nachfrage, kommen dann Ausreden, wie zum Beispiel:“Na ja, ich habe da nicht so drauf geachtet und die Spanne beginnt hier nun einmal bei 18.“ Dass aber niemand von ihnen die Altersangabe nach oben hin unberührt ließ, machte ihre Argumente schnell obsolet.

Männer mögen junge Frauen und viele junge Frauen suchen sich scheinbar reifere Männer. Die Auswahl in der Schule war damals ja schon begrenzt, also sah man sich gerne auf den Unis um. Mädchen die sich nicht mit gleichaltrigen Jungs abgeben wollten, fanden dort willige Typen. Diese hingegen erfreuten sich nicht nur am Interesse, sondern auch der Anerkennung ihrer Freunde und Kollegen.

Es war schon immer möglich eine junge Partnerin zu tolerieren, als einen jungen Partner. Für Frauen scheint dieses Verhalten noch ein Tabu zu sein, auch wenn viele berühmte Frauen vormachten wie es ging und auch heute noch so einige Stars und Sternchen ganze Lanzen für den Umgang mit dem anderen, jüngeren Geschlecht brechen.

Aber wieso interessieren sich Männer für junge Frauen? Auch zwischen mir und meinem Partner gibt es diesen Altersunterschied. Immerhin neun Jahre. Keine Welt, aber immerhin fünf Klassenstufen, eine Pubertät, neun Jahre Wissensvorsprung und frühere Erfahrungen der Freiheit.

Wenn ich mir die Männer so anschaue die ich gedatet habe, wird schnell klar, ich hatte immer Spaß daran ältere Menschen kennenzulernen. Mein ganzer Freundeskreis besteht eher aus gleichaltrigen Frauen und älteren Männern. Ich profitiere von ihrem Wissen und ihren Erfahrungen und sie von meiner Jugend und Energie. Aber haben reifere Frauen denn weniger Energie? Haben sie weniger Ausstrahlung oder Schönheit?

Es ist richtig, Frauen haben rein optisch unter ästhetischen Gesichtspunkten unserer Gesellschaft, ihre besten Jahre in ihrer Jugend. Wir werden oft mit Blumen verglichen, die eines Tages welk werden. Während wir unsere Fruchtbarkeit in jungen Jahren genießen und die Wahrscheinlichkeit hier größer ist gesunde Kinder zur Welt zu bringen, kann der Mann sich oft noch bis ins hohe Alter fortpflanzen. Nicht immer bedenkenlos, denn auch seine Gene haben ein Verfallsdatum. Dennoch, Frauen gelten dann am gesündesten, wenn sie jung sind. Aber angenommen die Männer wollen gar keinen Nachwuchs, warum dann diese Dramen? Richtig!

Ein weiteres Problem ist die Tatsache, dass viele Männer eben erst sehr viel später Kinder haben wollen. Vielleicht sogar nie. Eine Frau ab 30 scheint ihnen potentiell gefährlich. Die will sich doch jetzt fortpflanzen und mich festbinden, mag so mancher Herr denken. Also wird sich nicht nach oben umgesehen, wo die Frauen definitiv langsam unfruchtbarer werden und der Kinderwunsch ggf. bereits zu den Akten gelegt wurde, sondern nach unten. Sehr weit unten. Je jünger, umso unwahrscheinlicher der Wunsch nach Familie und Bindung. Wenn man(n) Glück hat, erlebt man hier sogar seine zweite Jugend. Eine Frau, die jetzt gerne feiern geht und Sex hat. Eine die noch mit der Pille verhütet, weil sie keine Ahnung hat, dass die Hormone ihr später den Körper ruinieren können und die genauso ungern Kondome benutzt, weil die Leichtigkeit des Seins eben fetzt. Jetzt oder nie! Natürlich überspitze ich das alles.

Was Männer nicht ahnen können, die sexuelle Lust der Frau steigt mit zunehmendem Alter an. Frauen jenseits ihrer Menopause (warum eigentlich Pause?), sind sogar um ein Vielfaches freier beim Sex, weil sie nun keine Kinder mehr bekommen können und sich weniger Stress machen. Es ist nachgewiesen, die Frau wird im Alter aktiver und der Mann zum schlaffen Sack.

Das einzige Glück entspringt der Tatsache, dass Männer meist attraktiv altern. Nicht alle, wenn ich Freundinnen und Bekannten um die 50+ glauben darf. Diese ärgern sich pausenlos über einen Markt der Unmöglichkeiten. Da sind einfach zu viele kahle, dicke und kranke Exemplare, während von ihnen erwartet wird sich zu trimmen, schlank und offen zu halten. Die Frau als ewiger Jungbrunnen.

Also warum junge Frauen?

Nun gut. Fasse ich zusammen: viele (nicht alle!) Männer wollen es gerne unkompliziert. Sie mögen Frauen, die keine Ansprüche stellen, zumindest nicht an sie. Sie sollen zu ihnen aufblicken und sie anhimmeln. Möglichst auch unfruchtbar sein, aber fruchtbar aussehen.

Frauen die diese Kriterien erfüllen, werden immer jünger. Schon elfjährige Mädchen bekommen ihre Periode und könnten damit potentiell interessant für Männer werden. Ihnen wachsen Brüste, sie bekommen eine andere Statur, Stimme und Stimmung. Sie sind jetzt weder Fisch noch Fleisch und können mit gleichartigen Jungs nicht viel anfangen. Eben war der Papa noch die große Liebe, schon ist er der nervige Alte. Aber halt! Der Typ da hinten, der sieht ja schon ganz vertrauensvoll aus. Der soll es sein!

Ja, liebe Herren. Es sollte euch zu denken geben, wieso ihr es nicht mit einer Frau eures Alters aufnehmen wollt. Wieso ihr gerne jungen Mädchen nachschaut oder Pornofilme der Kategorie „Teen“ und schräger glotzt. Wieso ihr auf Tinder den Filter großzügig nach unten setzt und euch ängstigt erwachsen zu werden.

Es ist nicht einfach eine Frau zu sein. Sich als junges Mädchen den lockenden Rufen eines Mannes zu verwehren oder als junge Frau nicht geschmeichelt zu fühlen, wenn Männer uns zu Sexobjekten machen. Klar sind wir sexy. Wir sind aber auch stark, klug, witzig, geistreich und fit. Wer uns auf Augenhöhe betrachtet und nicht mit Dekoration verwechselt, der wird eine Menge mehr Spaß im Leben erfahren, als ihr durch die ewige Kleinhaltung eurer selbst jetzt erlebt.

Lasst Frauen altern. Wachst gemeinsam mit ihnen.

GENIESSEN SIE DEN AUFENTHALT

Ich habe heute gelesen, Geheimnis eines langen und gesunden Lebens seien weder Sport, noch gesunde Ernährung (kann aber auch nicht schaden), sondern eine positive Lebenseinstellung.

Scheiße, dachte ich daraufhin.

Wie oft habe ich geflucht und gejammert? So häufig meinen Kopf in den Sand gesteckt oder mich unter Einfluss von Stress und Stressoren zu Adrenalinausschüttungen hinreißen lassen, die sich wohl besonders negativ auf meine Lebensdauer auswirken sollen.

Da wird das Herz nämlich auf Hochtouren zum Pumpen animiert und jeder weiß, Verschleiß ergibt sich über die Häufigkeit und den Umgang der Nutzung. Zwangsläufig.

So sitze ich jetzt also hier und überlege, ob Meditation mit über 30 noch sinnvoll oder grotesk sein könnte und ob 32 Jahre Angst und Sorgen sich durch 32 Monate konzentrierten Optimismus wegwischen ließen.

Natürlich bin ich ruhiger geworden. In mir machte sich in den letzten Jahren die sogenannte „Leck mich am Arsch“-Haltung breit. Es gibt einfach zu viel worüber es sich schimpfen lässt und zu wenig, um effektiv dagegen anzukämpfen. Also ab und an etwas gelassener auf Dinge reagieren, die ich einfach nicht ändern oder beeinflussen kann.

Außerdem habe ich mich von einem ungesunden Lebensstil zu einem maßvoll ungesunden Lebenstil entwickelt. Ab und an Schokolade und hier und da eine Party auf der Alkohol fließt, was soll der Geiz?

Ich habe aber auch gelesen, entscheidend sei, ob wir unser Leben als sinnhaft oder sinnlos begreifen. Sind wir happy und wenn ja, wieso?

Mich erfüllt mein Leben seit langem schon.

Da wären natürlich erstmal meine Kinder. Sie geben mir einen Rahmen, eine Struktur und lassen mich wachsen. Sie halten mich aber auch auf Trab.

Dann meine Arbeit. Die stresst zwar oft, aber ich bin dort genau da wo ich sein will. Ich lerne, ich bin fleißig und ich kann zeigen was in mir steckt. Mir ist nie langweilig und Bewegung habe ich auch.

Dann meine Familie und Freunde. Sie sind mein Anker und die solide Basis auf die ich zurückkehre, wenn etwas ins Wanken gerät (sorry für die dürftige Metapher). Hier sind Menschen die mich lieben. Hier sind Menschen die ich kenne und denen ich vertraue.

Dann meine Partnerschaft. Klar, ich hatte viele Beziehungen und manche brachten mich fast um den Verstand. Herzleid war mein Dauerzustand. Dennoch, hier erfahre ich viel Befriedigung und die Gefühle die ich so gerne fühle.

Und dazwischen gibt es mich. Mich, die gerne Sport macht-und früher habe ich Sport gehasst. Mich, die gerne kreativ ist. Ich male, ich höre gerne Musik und schreibe. Mich, die gerne hilft. Gerne unterstützen mag und ein Ohr für alle hat. Na ja und mich, die auch mal nervt, stresst und in Panik geraten kann.

Vermutlich werde ich keine 100 Jahre alt. Die 83 guten Jahre die ich haben werde, sind aber auch vollkommen okay.