AUWEIHNACHTEN

Jedes Jahr besinne ich mich kurz vor Weihnachten, gehe in mich und konzentriere mich auf das was wirklich zählt: wir sind alle hoffentlich gesund, jedem meiner Familienmitglieder und Freunde geht es gut und ich kann mir Miete und Strom weiterhin leisten.

Dann gibt es aber da noch dieses Gefühl absoluter Panik, welches mich immer dann durchflutet, wenn irgendeiner noch irgendein Geschenk, eine Weihnachtsfeier oder etwas anderes in Geld aufzuwiegendes fordert.

So war es mir höchst unangenehm, als meine KollegInnen forderten jeder solle fünf Euro für ein Wichtelgeschenk aufbringen und sich mal nicht so anstellen.

Sie ahnen ja nichts von den zwei Kindern, vier Geschwistern, drei Großeltern, der Mutter, dem Vater und allen anderen Verwandten, die dieses Jahr den 80. Geburtstag meines Opas feiern wollen und eben dazu eine Vielzahl besonderer Geschenke erbitten. In meiner Familie wird nämlich nur selten gewichtelt. Schon gar nicht für schlappe fünf Euro.

Sie ahnen auch nicht, dass ich in Vorkasse ging, als ich für die berufliche Weihnachtsfeier meiner Schulkinder tief in die Tasche griff. Das Geld bekomme ich zurück, aber mein Konto pfeift nun auf dem letzten Loch.

Und natürlich weiß auch niemand, wie es ist als Alleinerziehende den Baum selbst zu finanzieren, die Dekoration, die Geschenke der Kinder und das Essen. Niemand der diese Ausgaben ins Kindergeld oder den Unterhalt einberechnet und niemand der fragt, ob ich dabei Unterstützung brauche. Natürlich brauche ich die.

Weihnachten wurde zu einem Fass ohne Boden. Jeder Betrieb feiert eine Party. Essen umsonst, Getränke zahlen viele selbst. Jedes Kind wünscht sich nicht die eine kleine Sache, sondern zählt mitunter drei bis achtzehn Dinge auf. Verübeln kann ich es ihnen nicht, denn sie leben in einer Zeit, in der treudoofe Leute ihre Adventskalender in der Größenordnung ganzer Päckchen vergeben, als seien drei Festtage nicht genug, es müssen 26 sein. Dicht gefolgt von Silvester. Einem weiteren kostenintensiven Vergnügen, welche die Wirtschaft ankurbelt, aber mein Bankkonto und den letzten Nerv raubt.

Während einige Freunde mich fragten, ob wir nach Prag in den Winterurlaub fahren wollen, planten andere sündhaft teure Feten in Bars und Clubs. Ich wünschte diese Zeit würde einfach still und leise an mir vorbeiziehen.

Dezember ist ein teurer Monat. Ein Monat in dem das Weihnachtsgeld eher Almosen gleicht und das hart verdiente Geld zu schnell gekauftem Schrott wird.

Ich möchte meine fünf Euro lieber in mich investieren. In eine Badewanne voll Schaum, eine Flasche Rotwein und ein kleines Essen im Bett.

Vermutlich kaufe ich dafür billig Scheiße und mühe mir ein Lächeln ab.

Frohe Weihnachten. Für alle anderen.

VOM ENDE EINER HARTEN WOCHE

Wenn ich morgens aufstehe, tue ich das nicht selten neben meinem jüngsten Kind.

Während die Nacht mir unfassbar kurz erschien, weil ich Händchen gehalten und Hustensaft gereicht habe, gluckst der Wasserkocher mir etwas vor und der dunkle Morgen verdrängt die noch dunklere Nacht.

Tag um Tag um Tag bin ich aufgestanden, habe Kaffee gekocht, den Kindern Frühstück bereitet und mich im Badezimmer geschminkt.

Ich ging zur Arbeit, lächelte dieses professionelle Arbeitslächeln, drückte fremder Leute Kinder, ließ meinen Alltag wieder Herr der Lage werden und sperrte das Handy in den Schrank. Begraben unter meiner Verantwortung.

Abends ging ich früh ins Bett und jeden Tag ein wenig später.

Dann, ganz sicher geworden, ob all meiner Gefühle und Bedürfnisse, nahm ich die Herausforderung an wieder unter die Lebenden zu gehen. Zu lachen, bis mir heiße Tränen über die Wange rollten. Freundinnen zu fragen wie es ihnen ginge und nicht immer nur zu erzählen wie beschissen ich mich fühlte.

Ich ging wieder nach Hause, obwohl ich lieber 24/7 gearbeitet hätte. Mich abgelenkt. Diese Wohnung, in der man gemeinsam wirkte.

Ich schob mein Bett in eine andere Richtung und damit meine Gedanken an dich ebenfalls.

Ich fing an den Kuchen für den Schulbasar zu backen, die Einkäufe zu tragen, meine Kinder zu beschäftigen und all das ohne Unterstützung.

Ich kaufte Geschenke und verpackte sie. Hörte wieder Musik, wenn ich in der Tram saß und niemand relevantes neben mir.

Ich aß wieder etwas, sagte Verabredungen zu und bestellte deine Teilnahme ab. Ich blockierte deine Nummer und bereinigte die falsche Annahme es gäbe ein zurück. Gibt es nicht.

Da wo ich war und da wo ich bin, sind zwei völlig verschiedene Leben.

Am Ende einer harten Woche, freue ich mich zum ersten Mal seit langer Zeit wieder auf die Wochenenden. Auch ohne dich. Ganz für mich alleine.

DEFINITION DINGSBUMS

In der Schwebe hängende Singles, also jene, die einfach nicht wissen ob Singlestatus, der per Definition wohl alleine reisen, kochen, den Hausmüll rausbringen bedeutet oder eben doch Beziehung, mit all den wunderbaren Eigenschaften des Wachstums und der Liebe, fragen sich weltweit wie es so weit kommen konnte?

Gibt es da draußen nochmal die eine Liebe? Den Traumerfüller? Oder bleiben wir beim Alten und lassen uns daten, umgarnen und wie heiße Kartoffeln fallen?

Eventuell finden wir dahingehend unseren Frieden. Frauen die bereits mit Kindern gesegnet sind, sehen ihre Expartner mit jungen und kinderlosen Partnerinnen herumlaufen.

Sie sehen sich mit diesem Makel, der Brandmarke, der Narbe auf der Stirn. Scharlachrot.

Sie sind scheinbar gebrauchter als die anderen. Obwohl sicher heutzutage kaum noch eine dreißigjährige Frau als Jungfrau in die Beziehung startet, wird da eines klar, ein Kind ist eine Vergangenheit. Hier wird die Partnerin verletzlich. Verletzlichkeit ist kein Makel, kann aber schnellstens zu einem werden, wenn der neue Partner zielgenau erspürt wo der Schuh drückt und sich dem Dilemma mit Hingabe widmen wird.

Nicht wenige Frauen bilden sich deshalb ein, Stärke zeigen zu müssen. Immer im Takt bleiben, keine Ängste zeigen, sich nicht mit Realitäten zu konfrontieren.

Wenn wir dieses Gefühl also transportieren, zwischen schwach wie jeder Mensch, angeschlagen, weil Single, Mutter und wohlmöglich sogar finanziell abhängig, wie können wir dann Stärke nicht einfach nur vortäuschen?

Unser Gegenüber beginnt uns unbewusst zu zerfleischen. Anfangs in Zuneigung und später unter Spott und Hohn.

Eine Beziehung ist das noch nicht.

Und wenn wir dann beginnen die Beziehung in Frage zu stellen, die Werte auf dem Prüfstand und uns gläsern zeigen, beginnt das Konstrukt zu bröckeln. Schwäche ist nicht sexy.

Wir werden verlassen und werfen uns wieder ins Singleleben. Wir werden gesehen, aber selten erkannt. Wir werden wohlmöglich nochmals betrachtet. Aus der Ferne glänzen wir nach wie vor. Die Stärke ist zurück und für den Ex sind wir relevant. Dennoch, der Makel haftet uns an.

So bleiben wir als Zwischenlösung präsent, es sei denn wir drehen uns um, gehen unser Wege und ignorieren den hinterlassen Schmerz. Die Wunde blutet eine Weile nach, aber die Wahrscheinlichkeit das uns genau so etwas nochmal passiert, ist mit jeder Trennung und jedem gelebten Lebensjahr geringer.

Wir wissen nun wer wir sind. Und das ist die einzige Definition die es braucht.

GUT ODER SCHLECHT ALLEINERZIEHEND?

Ich habe angestachelt diverser Kommentare auf Twitter versucht nachzuvollziehen, warum solch ein Hass gegen eine Alleinerziehende ausgestoßen wird, die sich mit dem Thema einmal anders beschäftigt hat.

Alleinerziehend zu sein, bedeutet insbesondere für uns Frauen in erster Linie Kinder alleine zu erziehen.

Uns steht der Kindsvater bei diesen Bemühungen nur noch selten oder gar nicht zur Verfügung. Finanziell klinken sich einige Väter ebenfalls aus und dann springt mehr oder minder großzügig das Amt ein.

Früher wäre das undenkbar gewesen. Da hatten die Männer das Sagen, den Beruf und ein Anrecht auf uns als Mensch. Wir waren Leibeigene, die den Haushalt schmissen, kochten, Kinder versorgten und es dem Mann besorgten. Da gab es keine Grauzone oder andere Interpretation. Wir wollten da raus. Und sind wir mal ehrlich, die meisten Männer wurden auch immer unzufriedener. Sie wollten nämlich eigentlich gar keine Kinder, nicht immer die gleiche Frau ansehen und abends erschöpft das bisschen Gehalt in andere Mäuler stopfen. So entstand eine Win-Win-Situation für beide Parteien, ausgenommen dem Kind in der Mitte. Es wurde sich scheiden gelassen und getrennt wo es nur ging. Niemand musste mehr mit jemandem zusammen bleiben, der lieber weg wollte.

Soweit so vermeintlich simpel.

Eine weitere Tatsache blieb aber nicht lange unentdeckt: Frauen übernahmen dann den Großteil der Verantwortung für den Nachwuchs.

Es gab wenig Mitspracherecht auf beiden Seiten. Das liebgewonnene Modell wurde gar nicht erst in Frage gestellt. Der Mann hatte ja auch sonst nichts am Kind verloren, also war man sich irgendwie einig und die Frau die stille Versorgerin für den Rest ihres Lebens. Meist in Armut, meist in Reue.

Natürlich ist es wunderbar sich von dem blöden Kerl nichts mehr sagen zu lassen. Eigene Entscheidungen zu treffen und dafür dann auch selbstverantwortlich geradestehen zu müssen. Aber in der Regel sind eben nicht alle Frauen freiwillig gegangen, sondern wurden schnöde sitzen gelassen. Auf einem Haufen Schulden, einer verlorenen Jugend, einem Berg schmutziger Wäsche und den Kindern.

So sind die Gefühle noch gar nicht verarbeitet, da muss dann schon begriffen werden worum es demnächst im Leben gehen wird: sich und ein anderes Leben alleine zu beschützen zum Beispiel.

Wenn das Kind krank ist, zu Hause bleiben. Wenn Mama selbst krank wird, trotzdem arbeiten gehen. Sich und das Kind ernähren, nämlich ausgewogen und das meist mit nur wenig Geld in der Brieftasche. Natürlich bekommen Alleinerziehende da Angst. Die Verantwortung ist einfach groß und dies alleine zu bewältigen, kann einem das Blut gefrieren lassen. Schließlich war bei der Planung meist ein zweiter Helfer vorgesehen. Jemand der sich die Arbeit und Last genauso teilt wie die Freude und wunderbaren Momente.

Alleinerziehende erleben wunderbare Momente, wenn überhaupt, dann nur zwischen Spülmaschine einräumen und Hausaufgaben machen. Es wird selten mehr Zeit bleiben. Am Wochenende vielleicht mit Abstrichen in Haushalt und eigener Körperpflege.

Während also irgendwie irgendwo eine Alleinerziehende glücklich und frei von ihrem Ex ihr Leben meistert, gibt es genug andere die sich heimlich wünschten der Traummann (nicht zu verwechseln mit dem Exmann!), stünde vor ihnen und würde mal mit anpacken. Würde teilen, würde entlasten, würde sie als Frau sehen und nicht nur als Muli.

Natürlich gibt es glückliche Alleinerziehende. Im Grunde ist jede Alleinerziehende dazu fähig Glück zu empfinden und zu empfangen.

Nur bringt uns diese Haltung weder Respekt, noch Anerkennung, noch Trost. Sie setzt voraus, wir würden uns weiterhin um alles selbst kümmern. Eine Aufgabe der wir uns nicht gewachsen sehen müssen. Niemand kann alleine groß werden, niemand alleine alt. Es braucht viele Menschen die sich umeinander kümmern und sorgen. Wieso sollte das für Alleinerziehende nicht gelten?

SCHÖNHEIT VS REALITÄT

In Hollywood hatte man es sich zur Gewohnheit gemacht, uns nur die schönen Geschichten zu erzählen. So wurde aus dem eigentlich traurigen Film Pretty Woman, über eine Prostituierte die später verschmäht den Drogentod stirbt, eine Richard Gere gerettete Liebe, die in die Popkulturgeschichte einging. Frauen wurde erst als sie den Kinderschuhen entwachsen waren, klar, dass sie vermutlich niemals so viel Glück haben würden und schlimmer noch, die harte Realität sehr viel intensiver und häufiger zuschlug, als in 90 Minuten Spielfilm unterbringbar.

Da saßen wir also. Hollywood hatte uns das lieben gelehrt und nun wollte unser wahres Leben all das wieder wegnehmen.

Wir mögen Anfang zwanzig noch vereinzelt von Freundinnen hören, ihren Cousinen dritten Grades sei ja auch die ganz große Liebe, mit Hausbau am Strand und sorgenloser Zukunft begegnet, aber bereits mit Mitte dreißig sind wieder alle geschieden und die Sorgenfalten um Mundwinkel und Nasenwurzel enttäuschend tief.

Was aber können wir mit Sicherheit noch über die Liebe und unsere Chance diese zu erfahren, sagen? Enden wir mir dreiundsechzig als einsame Singles in einem Mehrfamilienhaus und zählen unsere Füße oder leben wir in der Großstadt inmitten vieler Menschen, von denen wenigstens ein paar unsere Freunde geworden sind? Es gibt schlechtere Lebensabende. Aber auch schönere Geschichten.

Hier möchte ich also die eine Geschichte hochhalten, die viel häufiger erzählt werden sollte.

Von einem Freund trennten sich die Eltern. Soweit nicht ungewöhnlich und natürlich auch irgendwie schade. Beide Kinder waren da längst aus dem Haus und hatten ihren Eltern nichts nachgetragen. Die Eltern hatten sich sogar beide fast zeitgleich in andere Menschen verliebt, was dann eben zwangsläufig zur Trennung führte. Niemand war einander böse.

Während wir an dieser Stelle denken mögen“Trotzdem, so eine lange Ehe aufgeben und wofür? Die Sekretärin?“, wird die Geschichte uns gleich Lügen strafen. Es gibt hier nämlich keinen Bösen. Nur gut.

Die Mutter zog nach Italien. Ihre Liebe zerbrach zwar nach wenigen Jahren, aber der Mann der darauf kam, blieb es und sie wurde sehr glücklich. Ein Haus im Süden, ein Neuanfang und die Liebe.

Ihr Exmann unterdessen, hatte sich der neuen Frau voll und ganz verschrieben. Sich und ihrer sechs mitgebrachten Kinder. Davon noch mindestens drei im Haus, zwei im feinsten Teenageralter. Sie mochten nicht nur eine große Familie sein, nein, ihre Historie war auch dermaßen verzwackt, dass der Vater beschloss, auf Wunsch der ältesten Kinder, diese zu adoptieren. Jahrelang kämpfte er an ihrer Seite für ihre Rechte, gegen einen Vater der keiner sein konnte und blieb nicht nur, er steuerte geradewegs darauf zu.

Als ich dieser Familie begegnete, war ich gerade eineinhalb Jahre Alleinerziehende und zarte 23. Ich war überwältigt von der Wärme im Haus. Von der Nähe zueinander und der fröhlichen Stimmung. Sie alle mochten sich, wirkten befreit und glücklich. Immer lachte irgendwann jemand und immer sah ich ihn und seine Frau lächeln. Mir tat das Herz weh, nicht zu wissen, ob mir solch ein Glück auch jemals beschert würde.

Von nun an aber glaubte ich genau daran. Eines Tages ist da dieser eine Mensch, der meine Kinder und mich niemals als Hindernis begreift, sondern als Zugewinn. Als etwas, was sich nur so richtig anfühlen wird und Freude über all unsere Leben bringt.

Warum ich das erzähle?

Hollywood mag uns geblendet haben und die Realität dann bitter eingeholt. Uns nun aber nur noch Horrorgeschichten über Scheidungen, Betrug, Tinder und Einsamkeit erzählen? Ich glaube nicht.