ES LEBE DIE FREIZEIT

Was war das nur wieder für ein Januar.

Zwei Klausuren, viel Arbeit, gefühlt fünf Geburtstage für mein Kind (Verwandte, Freunde, Trennungskind eben). Und dieser Monat ist noch gar nicht um.

Ich muss noch so viel vorbereiten. Stehe kurz vor den Prüfungen und habe eben erst meine Trennung verwunden. Mein Körper erholt sich langsam, meine Seele fühlt sich endlich wieder ausgeglichen und fit.

Alles in allem war der Neujahrsauftakt sehr schön. Wir sind um ein Haustier reicher und ich habe bisher ganz erfolgreich Arbeit, Studium und Leben unter einen Hut bekommen. Es liegen bereits Studienunterlagen für die nächsten Schritte bereit und es türmt sich die Fachliteratur für meine Arbeit. Einen Urlaub möchte ich buchen, für den ich seit sechs Monaten spare. Alles oder nichts, ich wusel mich so durch.

Während meine Kinder von mir von einem Event zum nächsten begleitet wurden, sehnte ich mich still und heimlich aber wieder nach mehr „Me Time“. Ein scheußlicher Begriff. Eine Idee von Zeit nur für mich. Eine Erinnerung an meine vergangene Beziehung und die inflationäre Verwendung dessen.

Aber ja. Hier passt es. Lesen, Gammeln, Essen, Tanz.

Ich freue mich an diesem Wochenende auf feiern mit Freunden. Auf einen Spaziergang mit meiner Mutter durch unsere alte Wohngegend. Auf Bücher die einstauben und Ruhephasen im Bett. Ich freue mich auf den Luxus nicht aufstehen zu müssen, sondern es zu wollen. Auf Kaffee mit Schaum und Bäder mit selbigem. Auf Gespräche und stundenlanges Nichtstun.

Meine Freiheit heißt Freizeit. Mein Wochenende bedeutet Verantwortung wegschieben und zwei Tage egoistisch sein. Mein Jahr startete großartig und ich bin so überwältigt von all dem was ich zu leisten vermag. Ohne Entspannung würde ich dazu aber niemals im Stande sein.

Es leben die Pausen!

DAS GUTE GEFÜHL ALLES VERKEHRT ZU MACHEN

„Du hast heute aber gute Laune, Mama.“,sagte mein älteres Kind zur Begrüßung.

Ich hatte einen ganz gewöhnlichen Arbeitstag hinter mir. Ein wenig Mut brauchte ich schon, denn ich musste meinem Chef etwas mitteilen. Er war beinahe erleichterter als ich. Hatte mit dem schlimmsten gerechnet und am Ende waren wir beide entspannt aus zehn Minuten Gespräch gegangen.

Viel schöner war nach Feierabend dann noch das Eisessen mit meiner Oma. Feierlich bestellte ich mir Käsekuchen und Eis. Meine Kollegin hatte mich heute erschrocken angesprochen, ich werde immer knochiger.

Nach zwei Stunden Mädelstalk, einem Einkauf und diversen Erledigungen später, diskutierten die Lieblingsoma und ich auf dem Weg zum nächsten Termin, ob Prinz Harry nun in die Venusfalle getappt war oder als Erwachsener selbstständig entschieden habe, was das Beste für sich und seine Familie sei. Für Oma scheinbar unvorstellbar. Diese Frau müsse ihn manipuliert haben. Ich hab also Gegenwind gehalten und stieg ein wenig geschafft, aber nicht minder glücklich aus dem Auto. Nun nur noch einen Termin beim Kindertherapeuten.

Im Wartezimmer spülte mir Google noch einen Artikel über „Rasenmäher-Eltern“ rein. Nach Helikopter käme nun eben das. Eltern die ihren Kindern den Weg ebnen wollten, ihnen damit aber jegliche Kompetenz absprächen, sie also am Ende auch nur ins Unglück, nämlich die Unselbstständigkeit trieben. Puh. Eine Menge Stoff.

Ich setzte mich also auf die Couch und sprudelte los. Die Erfahrungen der letzten Wochen flossen nur so heraus. Wir nickten eifrig, wir lachten, wir grübelten und bedauerten.

Ich sprach den Artikel an. Sprach darüber wie oft ich mich aus Sorge darum etwas falsch zu machen und mein Kind an ein Unglück zu verlieren, überforderte. Mein Kind überforderte, indem ich alles abnahm. Zumindest eine Menge und immer dann, wenn es brenzlig wurde. Schöne Idee von mir, bestätigte die sehr sympathische Therapeutin. Nicht viele Eltern seien so selbstkritisch. Jetzt sei es aber an der Zeit das Denken zurückzustellen und mein Kind machen zu lassen. Sind wir ehrlich, wir Frauen können es nicht allen recht machen und schon gar nicht als Eltern alles immer und jedem gegenüber gerecht werden. Zack. Das saß!

Es war so ehrlich, offen und klar. Es war wie der Termin bei meinem Chef. Jemand mit Verständis, der mich so ernst nahm wie ich es hätte vorher tun sollen. Jemand der mich sah, meine Mühe, all die Sorgen und mir sagte „Alles OK, du musst nicht perfekt sein und du bist niemandem etwas schuldig. Nicht der Arbeit, nicht dem Kind.“

Ich verließ die Praxis leichter.

Beschwingt ging ich nach Hause. Wissend, ich werde aus meiner Haut nur sehr langsam kommen. Mich schälen müssen, eine unsichere Schicht nach der anderen. Und ich sollte mir viel häufiger sagen, was ich meiner Oma mit flammender Rede so selbstverständlich entgegen halten konnte:

„Hey, komm schon…diese Frau ist nicht für den Untergang der Monarchie verantwortlich. Ein bisschen mehr können wir den anderen auch zugestehen.“ Und ich sollte mir glauben.

SIEH MAL MEINER AN

Sagt man ja auch viel zu selten.

Wann habe ich zuletzt so gefühlt wie heute? So glücklich? So frei? So stark und bewusst? Wann war das, wann?

Wie kam es und wodurch? Zeit? Glück? Demut und ein wenig Unterstützung von da draußen? Ganz sicher.

Heute ist wieder eine schöne Woche vorbei. Abschließend haben die Kinder und ich eine Stunde im Wohnzimmer getanzt. Die Musik meiner Kindheit und Jugend lief. Zugegeben, eher die Musik der Jugend meiner Mutter. The Smith, The Clash, etwas Police und Elton John. Sie hüpften auf dem Sofa und ich auf dem Dielenboden.

Ich hatte zum Kaffee etwas Baileys. Verdient. Denn als ich heute die Einkäufe samt Katzenstreu zur Kita schleppte, frisch aus meiner letzten Vorlesung, war mir kurz die Luft abhanden gekommen. Ein unruhiges Kind später und ein paar gefühlte Meilen zwischen sicherer Wohnung und überfüllten Straßen, brach das Freitagsgefühl endlich durch.

Vor ein paar Wochen waren Freitage meine schlimmsten Tage. Schlimmer als Sonntage. Da kann ich wenigstens mit den Kindern ins Museum oder andere Alleinerziehende besuchen. Freitag war „unser Abend“. Kochen, Filme, Spieleabend. Jetzt sind Freitage wieder meine Tage.

Ich liege auf dem Bett, tippe diesen Text und neben mir schnurrt der Kater, den ich mir mit diesem Mann nie hätte holen können. Es gab zum Abendessen Bratkartoffeln mit Zwiebeln, die dieser Mann nie gegessen hätte und ich kann und werde heute sehr zeitig ins Bett fallen. Der Weg dahin war etwas schwurbelig, aber hier und heute geht es mir gut. Befreit von mir und meinem Kummer. Der Angst etwas zu vermissen.

Möglicherweise vermisst uns jemand. Jemand der noch nicht weiß wie toll die Abende bei uns sind. Tanzen zu Britpop und Jenga-Spieleabenden. Wir, die voller Unternehmungslust stecken. Wir, die laut und leise können. Die wir uns brauchen und lieben und raufen und zanken. Momentan kenne ich nichts schöneres als das hier. Diese Nähe und das Gewusel. Momentan ist es so ein Geschenk, ich möchte nicht einmal teilen.

DIE FAMILIE

Mit Blick auf diese Feiertage, besinnliche Weihnachten und das Einläuten eines neuen Jahres, fragte ich mich, wie ich und andere wohl das Wort Familie für sich definieren.

Meine Kinder und ich bilden die kleinste Zelle. Da sind diese zwei Menschen, mit mir in einem Haushalt lebend, den Alltag teilend und auf mich so angewiesen, wie ich inzwischen auf sie. Nun bin ich zwar nicht von ihnen abhängig, aber ihren Einfluss auf mich kann ich nicht abstreiten. Wir gehen gemeinsam durch unsere Leben. Ich begleite sie ein Stück ihres Weges und sie werden hoffentlich immer ein Teil meines Lebens bleiben. Momentan ist es so. Wir sind eng verknüpft.

Dann gibt es meine nahen Verwandten. Die Eltern und Großeltern. Die Geschwister und ggf. Partner und Kinder. Sie sind großer Teil unseres Seins. Prägend, involviert in jeden Meilenstein, wie die Geburten, Feiertage oder eben besonderen Momente. Uns hat das Leben zusammengeschlossen. Wir gingen durch Höhen und Tiefen, kennen einander wie kaum ein zweiter. Unser Kontakt blieb zum Glück beständig und eng, selbst wenn die Ansichten und Lebensmodelle nicht immer übereinstimmen. Besonders im Winter rücken wir näher zusammen und laden uns gegenseitig zueinander ein, teilen Wärme und geben Halt. So fängt man die Oma auf, die den Opa, ihre Liebe, vor Jahren bereits verlor. So halten wir meine Mutter, nach ihrer fünfundzwanzig Jahre andauernden, nun gescheiterten Beziehung auf Trab und meistern Patchwork an Feiertagen wie das laufende Uhrwerk. Es muss funktionieren, aber wir wollen es auch funktionstüchtig halten. Meine Geschwister, die mit Freude ihre Neffen sehen. Meine Großeltern, die uns mit Geschichten versorgen und beispielhaft verdeutlichen, wie es ist zu altern. Manchmal in Würde, manchmal in Verfall.

Dann gibt es die anderen. Die Verwandtschaft die einmal im Jahr zutage tritt. Meist an Neujahrstagen oder Weihnachten. Sie sind da. Schweben über uns, aber in eigene Leben verstrickt. Wir sind einander nicht böse, sich selten sehen bedeutet nicht sich weniger lieben. Wir lauschen einander und teilen Geschichten wie frisches Brot. Wir nutzen gemeinsame Zeit sehr bewusst und erfreuen uns am Miteinander, nicht an Abwesenheiten.

Und dann kommen die Freunde. Menschen, die zur Familie wurden, weil wir sie dazu auserkoren haben.

Unsere freiwillige Familie.

Sie treten das ganze Jahr in Erscheinung und überreichen einem zu Weihnachten noch diesen besonderen Bonus der Nächstenliebe. Da werden Geschenke und Karten verteilt, sich per Smartphone Fotos und Nachrichten gesendet und in Liebe, mit Pathos und viel Humor berichtet wie schrecklich schön das Weihnachten in der jeweiligen Familie ablief. Die Kinder werden bedacht und die Tage gezählt einander bei einem Glas Wein dann wieder beizustehen. Aus der Ferne, jeder in seiner Familie, vermag die kurze Kommunikation aber reichen. Ein „Ich denke an dich“ aus der Distanz schafft Nähe.

Da sind diese Momente, wo man sich mit Freunden trifft, die keine Familie haben. Die wohlmöglich alleine unter dem Baum sitzen und denen es an diesen Tagen schwer geht. Die sich nun jemanden wünschen, obwohl sie sonst wunschlos glücklich sind.

Da sind die Leute, die den Herbst über seltsam still blieben, aber im Winter aktiv von sich hören lassen. Die in Gedanken und Herzen bei dir sind, weil du sie genau da berührt hast. Und es heißt ja auch Fest der Liebe.

Ich habe mich gegen Ende des Jahres sehr geliebt gefühlt. Von meinen Kindern, meinen Eltern und Großeltern, meinen Geschwistern und den Verwandten, von meinen Freundinnen und Freunden, den Bekannten und all den Menschen die da waren, als ich mich kurz sehr einsam fühlte.

Unser Herz hat Kammern, die sieht man gar nicht. Und durch diese treten die Gäste ein und aus. Meine Gäste sind zur Familie geworden und ich bin froh um jedes einzelne Mitglied.

Wenn man mich fragt, was für mich Familie ist, kann ich sagen:

Jeder der mein Herz berührt. Jeder dessen Herz ich berühren konnte.

DER MORGEN DANACH

Als Alleinerziehende begegneten mir häufig potentielle Anwärter um die Stelle des neuen Mannes an meiner Seite. Sie alle hatten jedoch etwas gemeinsam.

Am nächsten Morgen, meist wenn die Kinder bei mir waren, standen sie schon nach dem Frühstück in der Tür und verabschiedeten sich.

Dieses Gefühl hasste ich. Immer und immer wieder, egal wie nahe mir der andere eben noch war oder wie sehr wir mit Liebe und Zuneigung überschüttet wurden, am Folgetag entschieden sich die Herren zu gehen.

Nun habe ich überlegt wonach ich eigentlich suche. Ich weiß wer ich bin, endlich. Weiß um meine Vorstellungen und kann klar benennen wieso mich dieser Augenblick kurz bevor sie die Wohnung verlassen so wurmt.

In einer echten Partnerschaft würde nach dem Frühstück die gemütliche Zeit beginnen. Einer räumt den Tisch ab, beide machen sich noch einen Kaffee, die Kinder wuseln durch das Haus. Man setzt sich gemeinsam aufs Sofa, kuschelt und irgendwann beginnen die Pläne zu schmieden. Ausflüge, Gammeltag, Lernen. Alltag eben.

Niemand wird ruhelos oder getrieben in die eigene Wohnung. Niemand flüchtet sich in seine Schuhe und kratzt mit der Sohle Furchen in die Dielen. Niemand geht im Flur auf und ab und sieht dabei zur Uhr. Der Tag gehört uns, wie zuvor die Nacht.

Nun sind die meisten meiner Beziehungen leider oft anders gelaufen. Männer die sich am nächsten Tag wohler in den eigenen vier Wänden fühlten und das auch nicht verheimlichen konnten. Sie saßen bei uns am Abend und leisteten Gesellschaft am Morgen, aber der Rest des Wochenendes oder der freien Tage gehörte ihnen. Dabei war es egal, ob ursprünglich eine Partnerin gesucht wurde und keine Mätresse. Es war auch egal, ob in der Beschreibung offenherzig stand „zwei Kinder-ganz oder gar nicht“. All das rührte zu Beginn noch und blieb später dann auf der Strecke. So ein Leben mit fremden Kindern schafft. So ein Leben im Angesicht des Tageslichts, ist nichts für alle.

Und das ist was mich ärgert, denn ich suchte nicht nach allen. Ich suche bewusst und verliebe mich ehrlich. Ich wäge ab und gebe Chancen.

Wenn dann jemand nicht weiß was er will, aber was er nicht haben soll, wird interessant, dann sitze ich am Ende des Morgens alleine auf dem Sofa.

Na ja, nicht ganz alleine. Zugegeben.