DAS PROBLEM IN EIGENE FALLEN ZU TAPPEN

Ich nehme von mir in den meisten Fällen an, ein vorurteilsbewusster Mensch zu sein. Möglichst weitestgehend frei von Diskriminierung, ständiger Wut oder alles überrennender Angst.

Leider erwische ich mich öfter dabei genau wie alle anderen in die gleichen Fallen zu tappen. Jene, die ich selbst gelegt habe, als ich im Kampf gegen Ungerechtigkeiten und Willkür alles aufzählte, was einen oder mehrere Menschen schaden und verletzten könnte.

So habe ich beispielsweise in den letzten Jahren versucht ein Vorbild in der Erziehung und Begleitung von Kindern, allen voran meinen eigenen, zu werden. Dennoch witzel auch ich hier und da mit zynischen Kommentaren den Seelenfrust weg und berufe mich auf mein Recht der Psychohygiene. Das teilweise Schrammen am Adultismus, nehme ich dann in Kauf und werte Kinder noch immer, mindestens in stammtischähnlichen Gesprächen mit Kollegen oder Freundinnen ab.

Dann gibt es diese peinlichen Gespräche, die sich unter Einfluss von Alkohol gerne mal mehr oder weniger geduldet als Sarkasmus verkaufen. Nicht selten endet das in einem Schimpfen über Menschen die mir weder näher bekannt sind, noch meiner Verallgemeinerung zuträglich. Männer kommen dabei schlecht weg, manchmal auch Frauen, ab und an trifft es irgendwen, dem ich sonst nie schlechtes wünsche.

Und was ist eigentlich mit positivem Rassismus? Schon die Aneinanderreihung dieser zwei Worte sollte ein Ding der Unmöglichkeit sein. Rassismus kann nie positiv sein, aber dennoch ist er manchmal in bester Absicht und als völlig falsch eingestuftes Kompliment aus meinem Mund geblubbert worden. „Schwarze Kinder sind ja süß.“ Äh. Super. Nett gemeint, nicht im geringsten klug gedacht.

Während ich mich zum Glück häufig genug dabei ertappe eben solche moralischen Keulen zu verteilen, bei mir selbst aber noch Luft nach oben besteht (sowas nennt man dann Reflexion), frage ich mich, wie viele da draußen noch von sich denken sie seien frei jeglicher abwertender Sprache und dabei andere, niemals aber sich selbst hinterfragen?

Wenn Männer Studien zum Feminismus entwerfen, aber eine Frau nach der anderen bumsen, schwängern und alleine lassen. Wenn Alleinerziehende sich mehr Respekt für ihre Leistungen wünschen, aber andere Mütter abwerten. Wenn jemand mit Migrationsgeschichte sich darüber erhebt welcher Ausländer ein guter und welcher ein schlechter sein würde. Oder wenn wir auf der einen Seite denken jeder Mensch mit Behinderung müsse dankbar sein, dabei kennen wir nichtmal zwei RollstuhlfahrerInnen persönlich.

Da gibt es so viele Baustellen an denen es zu arbeiten gilt und so viel in uns, was noch zu begutachten wäre. Niemand ist makellos, natürlich nicht, aber je stärker wir andere an unserem Prozess des Wachsens, inklusive Scheiterns und kleiner Rückschritte, teilhaben lassen, umso klarer wird vielleicht allen wie schwer, aber niemals unmöglich es ist auch aufgeschlossen und fair zu verhalten. Ein Vorbild kann jeder von uns sein. Ein Arschloch natürlich auch.

UND MEIN HERZ MACHT BOOM

Manchmal gehe ich zur Arbeit und komme nach ein paar Stunden fassungslos zurück nach Hause. Ich treffe Menschen, die Entscheidungen für andere Menschen treffen. Ich treffe Menschen, deren Entscheidungen ich mindestens anzweifeln würde, wenn nicht sogar stark ablehne. Ich sitze dort und kann nichts tun, als verteilte Strafen in mildere Formen abzuwandeln und Kindern das Gefühl zu geben, sie hätten bei uns genauso viele Rechte, wie jeder Erwachsene auch.

Dem ist aber nicht so.

Um Kinder vor Gefahren zu schützen und Unfälle zu minimieren, haben wir für alles Verbote aufgestellt und arbeiten mit Regeln die sich je nach AnwenderIn dehnen und strecken, aber auch strikt durchziehen lassen.

Kinder dürfen manchmal mehr und manchmal gar nichts. Sie sind uns und unseren Launen, unserer Stärke oder insbesondere unserer Schwäche ausgeliefert und so manches Kind stellt die kluge Frage:“Warum?“ und erntet die dumme Antwort:“War schon immer so!“.

Ob wir über ihren Klogang entscheiden oder wann sie zu trinken haben, alles hängt von einem Erwachsenen ab. Sind wir offen für ihre Bedürfnisse, aber droht ein in der Hierarchie über uns stehender Mensch mit Konsequenzen, bleiben wir den Kindern sogar manchmal Zusagen schuldig. Kinder lernen schnell sehr flexibel auf uns Erwachsene zu reagieren. Zu erkennen wer es gut mit ihnen meint und wer ihnen etwa schaden könnte. Kinder sind Lautstärke nicht nur aus den eigenen Reihen gewöhnt, sondern insbesondere von ihren sogenannten Vorbildern.

Ob wir ihnen nur zwanzig Minuten Mittagspause einräumen, bei der sie auf der einen Seite lernen sollen angemessen zu speisen, aber gleichzeitig dazu getrieben werden alles herunterzuschlingen oder ob wir ihnen Ruhephasen in Abrede stellen, denn Schule bedeutet Leistung und wer nicht leistet, gehört nicht zum Teil der Gesellschaft. Während in der Kita noch die Mittagsruhe eingehalten werden darf, sind Schüler und Schülerinnen verpflichtet, sich bei der Stange zu halten. Noch eine Runde im Hamsterrad. Das ist hart zu beobachten und noch härter einzufordern.

Während also einige meiner Mitmenschen unter dem Druck von außen Fehlentscheidungen treffen, gibt es Menschen die bewusst Fehlentscheidungen fällen. Ihre Macht ausnutzen, weil es kein schöneres Gefühl gibt als widerstandslos seinen Schuh durchzusetzen.

Eines Tages wird es vielleicht möglich sein, Kinder wie Menschen zu behandeln. Ihnen nicht jedes Bedürfnis abzusprechen. Ihnen nicht ständig vorzugeben wer sie zu sein haben oder ihnen ihre Persönlichkeitsrechte zu entziehen.

Es ist schwer sich als Erwachsener nicht überlegen zu fühlen. Noch schwerer ist es anzuerkennen, dass Kinder uns überlegen sind, weil sie freier agieren und klarer positioniert sind als wir. Die ewig Abhängigen sind nämlich tatsächlich wir.

DER SCHLÜSSEL

Viele Menschen fragen sich im Laufe ihres Lebens, wie es zu Gräueltaten, Ungerechtigkeiten oder anderen Missständen kommen könne. Je nachdem wie wir sozialisiert wurden, interessieren wir uns dann entweder für uns und ggf. noch die Nachbarschaft oder strecken unsere Fühler Richtung Welt aus.

Kriege, Diskriminierung, Armut, der Mangel an Respekt oder Achtung. Alles findet seinen Ursprung in der Kindheit jeweiliger Protagonisten.

Niemand hört es gerne, aber ja, die Kindheit ist der Schlüssel.

Wer eine Kindheit in Angst oder unter Gehorsam und Druck hatte, wird sich auf welchem Weg auch immer später zu einen mangelhaften Erwachsenen entwickeln.

Ungeliebte Kinder werden so zu lieblosen Erwachsenen. Kinder denen Leid zur Normalität erklärt wird, entwickeln später oftmals zunächst eine gestörte Beziehung zu sich und dann zu allen anderen.

Je nach Ausprägung der widerfahrenen Gewalt, kann das Kind sich nicht störungsfrei entwickeln, entfalten und ausprobieren. Je stärker der Erwachsene seine Macht demonstriert, umso höher der Wunsch des Kindes ebenfalls endlich Macht zu erlangen. Etwas zurückzugeben, was ausgeteilt wurde.

Nun sind nicht ausschließlich die Eltern an dieser Misere Schuld. Auch Erzieher, Pädagogen, LehrerInnen und andere Erwachsene suggerieren dem Kind häufig unfertige Menschen zweiter Klasse zu sein. Wer sich auf Körpergröße und mangelnde Erfahrung reduziert fühlt, wird wenig Selbstvertrauen entwickeln können. Es fehlt an Selbsteinschätzung und die Außenwahrnehmung gilt als unumstößlich.

Natürlich gibt es Kinder die später rebellieren und sich endlich kennenlernen dürfen. Ihnen mag der Sprung in das Erwachsenenleben gelingen und sie sind es, die später weder den Drang haben zu unterdrücken, noch weiterhin an Mamas Hand genommen zu werden.

Der Rest bleibt da wo er vermeintlich glaubt hinzugehören.

Dabei entscheiden wir unbewusst zwar, ob wir Aggressionen aufbauen und für Außenstehende fortan bösartig wahrgenommen werden wollen oder ob wir uns demütigen, ängstigen lassen und unser Korsett der Kindheit niemals abstreifen. Beide Rollen sind kontraproduktiv. Beide Rollen sind von Kindesbeinen an fremdbestimmt und uns auferlegt worden. Wir sind nicht wir. Wir sind das Produkt eines oder mehrerer Erwachsener.

Diesen Kreis können Kinder nicht durchbrechen ohne unsere Hilfe. Sie brauchen Erwachsene die begreifen. Sie brauchen Unterstützung auf diesem Weg der Autonomie und Nächstenliebe. Wenn wir ihnen liebevoll begegnen, werden sie in der Lage sein diese Liebe weiterzugeben.

Sind Verbrechen zu verhindern? Vermutlich. Wenn Lehrer lernen achtsam und geduldig zu bleiben. Wenn Menschen die keine Kinder wollen, auch keine Kinder bekommen. Wenn ein Staat Kinder nicht als schwächstes Glied zu behandeln oder als Ressource im Kampf um Wirtschaftsmacht.

Je kleiner wir das Ego unserer Kinder halten, umso größer ihr Bedürfnis es uns und der Welt später heimzuzahlen. Denken wir kleiner. Denken wir uns zum Ursprung.

KINDERTAG

Am heutigen Kindertag möchte ich nochmals auf mein Herzensthema hinweisen. Adultismus.

Kinder werden häufig aufgrund eines Mangels an Körpergröße und Erfahrungen für dumm, unfähig und unfertig gehalten. Erwachsene sind dafür da, diese Missstände nach Gutdünken auszugleichen.

Kinder sind in den Augen vieler Erwachsener über Jahrhunderte von Randgruppen zu Mitläufern, über Hilfsbedürftige oder Werkzeuge bis zu Schmuckstücken geworden.

Kinder von heute, in unserer Gesellschaft zumindest, sind Statussymbol oder Störenfried.

Sie werten ihre Eltern, Schulen, Kitas auf oder ab, müssen gefördert und geformt werden und sollen zu kleinen Erwachsenen heranreifen.

Kinder haben scheinbar keine eigene Meinung, Haltung, Autonomie ist verboten. Sie gelten sonst als unerzogen, wild und ungehorsam. Sie brauchen uns Erwachsene. Sie brauchen eine Hand die leitet und führt.

Na, klingelt es da bei jemandem im Ohr? Nein? Schade.

Wir brauchen in der Regel keinen Führer. Führer und große Diktatoren der letzten Jahrhunderte haben es gezeigt. Kurzzeitig eine nette Idee, alle wissen wo lang der Hase läuft, aber das Nachbeben wird unweigerlich folgen.

Kinder die nie gelernt haben auf sich selbst zu vertrauen, können im schlimmsten Fall so gar nichts mit ihrer eigenen Freiheit im Erwachsenenalter anfangen. Oder noch schlimmer: alles was sie an Unterdrückung und Leid erfahren und erdulden mussten, geben sie an andere weiter. Ein Kreislauf also.

Wer Kindern abspricht gute eigene Entscheidungen zu treffen, ihnen den Weg komplett vorzeichnet und sie auf Bäume hebt, statt selbst klettern zu lassen, kann den metaphorischen Fall doch schon sehen. Sie plumpsen ungebremst auf den Boden der Tatsachen. Selbstwirksamkeit gibt es nicht. „Was hat Mama noch gesagt muss ich machen im Vorstellungsgespräch?“

Wer Kindern in der Schule verbietet auf die Toilette zu gehen, wenn sie müssen…oder sie nur lobt, wenn sie etwas gut gemacht haben und straft, wenn etwas in den Augen der Erwachsenen wackelt, züchtet sich eine Generation der Gehorsamen heran. Im Idealfall. Im dollsten Fall, wird aus diesem Kind später ein Fall für den Psychologen.

Wer heute noch die Hand gegen ein Kind erhebt, lehrt dieses später schlagen.

Wer heute Kontrolle übt, wird später Kontrolle ernten.

Kinder brauchen vielleicht Grenzen, aber um Grenzen erfahrbar zu machen, die eigenen und die der anderen, braucht es keine Mauer gegen die sie mit dem Kopf stoßen.

Behandelt eure Kinder nicht wie Kinder, sondern Menschen. Begleitet eure Kinder so, wie ihr als Kind begleitet werden wolltet. Bietet Halt und vermittelt Respekt und Würde. Lasst Druck raus und Liebe rein.

Was interessiert euch die Meinung Dritter? Wieso muss euer Kind Violine spielen, statt draußen frei zu sein?

Wovor fürchtet sich der Erwachsene?

Liebe Kinder,

ihr seid uns nichts schuldig und es ist schön daß ihr hier seid. Mein Dozent meinte einmal „jeder bekommt das Kind, das er verdient“. In einer Gesellschaft voller Kinder mit I-Status, Jugendlichen die angeblich versagen und nicht wissen wohin mit sich, würde ich behaupten, haben wir noch viel zu lernen.