DEFEKTE

Eigentlich wurde ich mit einem Narzissmus-Radar ausgestattet.

Diese Ding reagierte jahrelang auf Menschen mit besonderen Persönlichkeiten. Empathielose, Zweifler, ewig Ängstliche und zur Selbstüberschätzung neigende Menschen, die auf ungesunde Weise versuchten Einfluss zu nehmen.

Obwohl mein Radar feine Antennen besitzt, war ich nicht oder nur schwer in der Lage die Anziehung als Geschenk zu deuten diesen Menschen aus dem Weg zu gehen. Ich lief ihnen geradewegs in die Arme.

Diese Menschen taten mir weh, brachten mich um den Verstand, gaben mir das Gefühl unzureichend oder gar dumm zu sein. Was vielen Menschen anfangs überhaupt erst so schwer macht dies sogleich zu unterbinden, ist die Aufmerksamkeit mit der man überschüttet wird. Lovebombing genannt.

Männer die einen morgens um sechs mit Kaffee vor der Tür überraschen. Männer die Gedichte wortlos auf den Frühstückstisch legen. Männer die Liebeslieder singen oder Kinder auf Schultern tragen, lachend, vergnügt und voller Zuversicht:“Du bist es, daher kann ich endlich ankommen.“

Natürlich ist es schwer zu unterscheiden, wann einem die wahre Liebe begegnet und wann es sich nur um eine Masche handelt. Mein Radar hätte nicht erahnen können, was mir noch bevorsteht, aber mir nach mehrfacher Erfahrung einfach häufiger die rote Lampe zeigen sollen. „Achtung! Hier geht es nicht um Liebe, es geht um Bestätigung!“

Stattdessen überhörte ich all das was ich unbewusst sicherlich schon wusste. Ich begab mich immer wieder in die mir bekannten Muster und redete mir ein, sowas kann doch nicht häufiger passieren und im Grunde unterscheiden sich die Männer doch auch voneinander.

Taten sie in der Regel leider nicht.

Anfangs wahnsinnig verliebt, später dem Wahnsinn verfallen.

Anfangs wurde ich auf Händen getragen und in all meiner Pracht gefeiert, später konnte ich nichts richtig machen und lief auf Eierschalen in eine unsichere Zukunft.

Obwohl ich nicht oft verlassen wurde und mich häufig selbst aus diesen toxischen Beziehungen rettete, muss ich mich dennoch fragen, wieso ich? Was mache ich falsch?

Es war ein langer Weg zu erkennen, dass der Wunsch nach Liebe und Zuneigung mich hat empfänglich für Scharlatane und Lügner werden lassen. Für Ausbeuter und all die jenigen, die sich aufwerten lassen mussten. Die in einer Liebenden fanden was sie glaubten zu sehen: sich selbst.

Heute höre ich auf meinen Radar. Ich überprüfe dreimal wem ich nun etwas von mir zu geben bereit bin. Zeit, Aufmerksamkeit, Nähe.

Es ist im Prinzip sehr leicht die Narzissten auszumachen. Es ist sehr viel schwerer ihrem Charme, ihrer anfänglichen Zuwendung und scheinbaren Besonderheit zu entkommen. Wer sich allerdings gar nicht erst bezirzen lässt, kann sich sicher sein, jede Maske fällt.

Es ist eben doch wie man sagt: alles eine Frage der Zeit.

Viel wichtiger jedoch: vertraut eurem Frühwarnsystem!

BEDÜRFTIGKEIT AUSGLEICHEN

Wenn wir einen grauen Tag so gut erkennen würden wie einen grauen Star, würde uns der blinde Fleck erst wundern und dann stören. Wir würden zu einem Arzt gehen und uns gründlich untersuchen lassen. Wir würden nicht bloß ständig das Auge reiben, sondern ernsthaft Angst bekommen.

Wenn wir einen grauen Tag haben und aus diesem wird ein graues Jahr, haben wir nur an der Stelle gerieben. Gerieben bis sie wund und uns halb blind werden ließ.

Die meisten Menschen gehen glücklicher Weise zu einem Profi. Sie lassen sich checken, schauen ob der graue Tag etwas einmaliges oder längerfristiges sein wird. Sie gehen sich Hilfe suchen, weil graue Tage manchmal nicht alleine zu bewältigen sind.

Andere Menschen suchen sich stellvertretend ein Pflaster. Sie kleben es großzügig auf ihre Augen, ignorieren das Jucken und hoffen jemandem fällt die akute Notlage schon auf.

Das Pflaster kann an dieser Stelle alles mögliche sein.

Einige nehmen Drogen, greifen zu Alkohol oder machen exzessiv Dinge die sie sonst nicht in dieser Form tun. Sport, Shopping, Sex. Es gibt viele Möglichkeiten.

Sie lassen sich das Leben versüßen, weil es an anderer Stelle an Würze fehlt. Sie benötigen lange, um die Lücke bewusst wahrzunehmen und mit sich selbst zu füllen. Sie heilen zu lassen, sich helfen zu lassen.

Bedürfnisse zu ignorieren ist genauso fahrlässig, wie sie falsch zu deuten. Wir brauchen ganz sicher nicht ein Glas Wein jeden Abend. Wir sind ganz sicher nicht glücklichere Menschen, wenn wir uns jeden Tag mit Dates herumschlagen. Wir haben sicherlich auch keine längerfristigen Glücksgefühle, nur weil wir uns mit Dingen umgeben. Kleidung, Technik, Luxusartikel.

Es ist schwer sich selbst zu genügen und vielleicht auch nie ganz möglich. Es ist wichtig sich geliebt und gesehen zu fühlen. Keine Angst haben zu müssen, nicht auszureichen. Es ist unmöglich sich nicht einmal in seinem Leben einer grauen Zeit zu stellen. Grau ist eine häufig vorkommende Farbe.

Sich dem bewusst zu sein, sich dem zu stellen, ist besser, als sich die Augen zu reiben und eines Tages all die bunten Farben verblassen zu lassen.

AUFLÖSUNG

Wenn man „Stressflecken“ bei Google eingibt, erscheint relativ bald ein medizinischer Bericht über eine Reaktion der Haut, sie zwar bereits einen Namen, aber keine konkreten Ursachen kennt.

Ich nenne es liebevoll „mich auflösen“.

Meine Haut fing vor etwa drei Wochen an eine rote kleine Stelle zu bilden. Erst tat sie weh und war geschwollen, später bildete sie kleine Schuppen und färbte sich rosa.

Der Arzt verschrieb eine Cortisonsalbe und entließ mich. Zusätzlich hatte ich eine Erkältung und einen Harnwegsinfekt. Der Körper signalisierte klar und deutlich irgendwas stimme nicht mit ihm. Dennoch ging ich brav arbeiten, besuchte meine Kurse, schrieb eine Klausur und versorgte meine Kinder.

Abends war ich zu müde um zu essen und legte mich meist eine Stunde in die Badewanne.

Am Freitag kaufte ich zwischen Arbeit, Kita, Hausaufgaben einen Tannenbaum. Herzenswunsch der Kinder.

Ich baute alles auf, wir wollten ihn schmücken und dann fiel die Lichterkette aus. Also rannte ich nochmal raus in die Kälte und kaufte eine neue. Auch diese stellte sich als fehlerhaft heraus und so fluchte ich leise in den Nadelbaum.

Als ich abends wieder in die Wanne glitt, war mein Körper plötzlich übersät von weiteren offenen roten Stellen. Die Arme, die Brust, alles wund und rot.

Ich dachte anfangs an einen Unfall. Die Tanne müsse mich gepiekt haben und so ging ich optimistisch schlafen. Morgens hatte sich der Spuk auf drei Stellen am rechten, zwei am linken Arm und je einer Stelle pro Brust erweitert. Diese Krankheit wird auch lustigerweise mit einem Tannenbaum verglichen.

Natürlich bekam ich Angst und war nicht begeistert über all diese hässlichen Flecken. Doch sind wir mal ehrlich, seit Wochen schleppe ich mich durch den Tag, in Liebeskummer und Alltagsstress.

Ich erledige wieder jede Hausarbeit alleine, hole die Kinder ab, versorge und bespiele sie und abends ist da niemand der mich auffängt. Meine Freundinnen telefonieren mit mir, ich kann mich nicht über zu wenig Ablenkung beklagen, aber es fehlt die Nähe, die Liebe, die Ruhe.

Auf Arbeit werde ich gebraucht und Ersatz gibt es kaum einen. So quäle ich mich mit Blasenschmerzen zur Arbeit und wische die Erkältung beiseite. Ich schlafe nachts ein und fühle mich morgens gerade so fit, wie die Nacht neben dem Kind es zugelassen hat.

Mein Körper ruft immer dann zur Ordnung, wenn meine Seele noch eine Schippe mehr raufpackt. „Du schaffst das schon!“,jubelt sie mir zu. Applaus gibt es dann, wenn ich trotz alldem immer wieder aufstehe. Jeden Morgen.

Heute wollte ich zum Hautarzt. Niemand hatte Zeit und konnte mich anschauen. Während es unter meinem weiten Pullover also aussieht als wäre ich demnächst nicht mehr vorhanden, lege ich mich zwei Tage in mein Bett und begreife…

Ich kann auch einfach mal andere sich selbst überlassen. Die schaffen das auch ohne mich. Ich hingegen brauche mich jetzt wirklich.

DAS PROBLEM IN EIGENE FALLEN ZU TAPPEN

Ich nehme von mir in den meisten Fällen an, ein vorurteilsbewusster Mensch zu sein. Möglichst weitestgehend frei von Diskriminierung, ständiger Wut oder alles überrennender Angst.

Leider erwische ich mich öfter dabei genau wie alle anderen in die gleichen Fallen zu tappen. Jene, die ich selbst gelegt habe, als ich im Kampf gegen Ungerechtigkeiten und Willkür alles aufzählte, was einen oder mehrere Menschen schaden und verletzten könnte.

So habe ich beispielsweise in den letzten Jahren versucht ein Vorbild in der Erziehung und Begleitung von Kindern, allen voran meinen eigenen, zu werden. Dennoch witzel auch ich hier und da mit zynischen Kommentaren den Seelenfrust weg und berufe mich auf mein Recht der Psychohygiene. Das teilweise Schrammen am Adultismus, nehme ich dann in Kauf und werte Kinder noch immer, mindestens in stammtischähnlichen Gesprächen mit Kollegen oder Freundinnen ab.

Dann gibt es diese peinlichen Gespräche, die sich unter Einfluss von Alkohol gerne mal mehr oder weniger geduldet als Sarkasmus verkaufen. Nicht selten endet das in einem Schimpfen über Menschen die mir weder näher bekannt sind, noch meiner Verallgemeinerung zuträglich. Männer kommen dabei schlecht weg, manchmal auch Frauen, ab und an trifft es irgendwen, dem ich sonst nie schlechtes wünsche.

Und was ist eigentlich mit positivem Rassismus? Schon die Aneinanderreihung dieser zwei Worte sollte ein Ding der Unmöglichkeit sein. Rassismus kann nie positiv sein, aber dennoch ist er manchmal in bester Absicht und als völlig falsch eingestuftes Kompliment aus meinem Mund geblubbert worden. „Schwarze Kinder sind ja süß.“ Äh. Super. Nett gemeint, nicht im geringsten klug gedacht.

Während ich mich zum Glück häufig genug dabei ertappe eben solche moralischen Keulen zu verteilen, bei mir selbst aber noch Luft nach oben besteht (sowas nennt man dann Reflexion), frage ich mich, wie viele da draußen noch von sich denken sie seien frei jeglicher abwertender Sprache und dabei andere, niemals aber sich selbst hinterfragen?

Wenn Männer Studien zum Feminismus entwerfen, aber eine Frau nach der anderen bumsen, schwängern und alleine lassen. Wenn Alleinerziehende sich mehr Respekt für ihre Leistungen wünschen, aber andere Mütter abwerten. Wenn jemand mit Migrationsgeschichte sich darüber erhebt welcher Ausländer ein guter und welcher ein schlechter sein würde. Oder wenn wir auf der einen Seite denken jeder Mensch mit Behinderung müsse dankbar sein, dabei kennen wir nichtmal zwei RollstuhlfahrerInnen persönlich.

Da gibt es so viele Baustellen an denen es zu arbeiten gilt und so viel in uns, was noch zu begutachten wäre. Niemand ist makellos, natürlich nicht, aber je stärker wir andere an unserem Prozess des Wachsens, inklusive Scheiterns und kleiner Rückschritte, teilhaben lassen, umso klarer wird vielleicht allen wie schwer, aber niemals unmöglich es ist auch aufgeschlossen und fair zu verhalten. Ein Vorbild kann jeder von uns sein. Ein Arschloch natürlich auch.

ES IST NICHT MEINE SCHULD, WENN…

Gelegentlich lege ich ein ganz schlechtes Benehmen an den Tag. Wenn sich das bei mir wiederholt und ich andere Menschen damit mehrfach vor den Kopf stoße, beginne ich inzwischen darüber nachzudenken, was mich zu meinem Verhalten führt.

Manchmal komme ich nicht gleich darauf und einige Male war da unterbewusst schon was im Argen. Manchmal sind es auch die Hormone während der PMS-Zeit oder ich habe viel Stress gehabt.

Was auch immer dazu führt mich dann schlecht zu fühlen, es ist kein Grund sich auch schlecht aufzuführen. Es gibt mehr als nur meine Probleme, meine Gefühle und meine Bedürfnisse. Das Bedürfnis der anderen ungestört leben zu dürfen, ist nicht geringer als meines. Ich muss also verantwortungsvoller mit mir und meiner Verhaltensweise umgehen. Nicht jeder Satz sollte gesagt werden, bevor ich reflektiert habe, ob diese auf der Zunge liegende Boshaftigkeit tatsächlich für mich spricht und das was ich heute sage und fühle auch morgen noch Gültigkeit besitzt.

Viele Menschen schieben ihr schlechtes Verhalten anderen gegenüber auf Umstände von außen oder eben innere Mächte die sie angeblich nicht kontrollieren können. Die Wahrheit aber ist, wir können lernen uns in den Griff zu bekommen.

Menschlich sein, bedeutet sich seines Bewusstseins zu bedienen. Sich bewusst für oder gegen etwas entscheiden zu können beispielsweise. Niemand ist Opfer seiner Launen, niemand muss andere zum Opfer machen, um diese besser aushalten zu können.

Wenn ich mir vorstelle, nach jeder hormonellen Veränderung einen Flächenbrand verursacht zu haben, bleibt irgendwann wenig Land mehr zu betreten. Wenn jeder seiner Lust nach Zerstörung und Schaden nachginge, wären wir längst von der Landkarte gestrichen.

So wie Männer nicht einfach sagen dürfen „Ich bin nun einmal ein Mann, ich konnte nichts dafür auf ihren Minirock reagiert zu haben!“,so sollte auch jedem Alkoholiker klar sein, es gibt keine Entschuldigung für böswilliges und fahrlässiges Verhalten anderen gegenüber. Krankheiten hin oder her, wenn jeder der krank wäre das Recht hätte seine Hilflosigkeit durch Wut auszudrücken, hätten uns vermutlich bereits viele Staatsleute in die Luft gesprengt. Ein Mensch der Neigungen hat, die anderen weh tun, sie für ihr Leben zeichnet, kann sich nicht darauf berufen krank zu sein usw.

Wir werden uns nicht in jeder Situation kontrollieren können und wir werden uns mehr als einmal im Leben für unser Verhalten entschuldigen. Wir sollten aber auch lernen mit anderen besonnen und achtsam umgehen zu wollen und insbesondere uns, den Menschen der uns am nächsten steht, besser kennenzulernen, besser zuzuhören und begreiflich machen, dass es keinen anderen gibt auf den wir größeren Einfluss ausüben können.

Nutzen wir diese Erkenntnis weise.