BISSCHEN MEHR REALITÄT UND MITGEFÜHL

„Bleibt drinnen!“ Überall prangen nun Schilder. Im Netz schimpfen Menschen auf andere Menschen. Spielplätze werden misstrauisch beäugt. Na, wieder jemand zu dritt unterwegs? Na, wieder jemand der lachend mit dem Kind über die Wiese tollt?

Dann greifen wir zur Tastatur und lassen unsere Wut und eigentlich ist diese nur basierend auf unserer Angst, freien Lauf. Es wird gemotzt, angeprangert und sich gegenseitig beschuldigt nicht genug zu tun.

Natürlich ist auch der Schrei nach einer Ausgangssperre nicht fern. In China hat man es ja vorgemacht. Ausgangssperren helfen. Nur wollen wir einander wirklich die Köpfe einschlagen? Es ist einfach zu lästern, anderen etwas anzulasten, ohne den Hintergrund zu kennen.

Geht jemand raus, weil er in seiner Einraumwohnung demnächst an Trombose stirbt? Eilen Mutter und Kind über den Spielplatz, weil der gewalttätigige Vater zu Hause erst Recht für Schrecken sorgt? Haben Teenager keine Ahnung wohin mit sich, weil die Pubertät als Lebenskrise sich nun mit absoluter Unsicherheit paart? Sind Familien, aber insbesondere Singles momentan am Rande des Wahnsinns, weil Vorräte zur Neige gehen, Jobs auf dem Spiel stehen und Nähe und Freiraum nun einmal menschliches Bedürfnis Nummer eins sind?

Es ist eine neue Situation für alle von uns. Krankheiten sind nicht neu, aber eine weltweite Epidemie, sowas gab’s lange nicht. In unser aller Köpfe dreht es sich nun um Corona. Nichts anderes dominiert noch die Nachrichten. Damit müssen die einzelnen klar kommen wie die Massen. Manche tun dies auf falschem Wege, aber die meisten geben sich Mühe. Sie kämpfen, halten sich drinnen, tapfer eine Struktur herstellend und eine Substanz zu schaffen, wo lange Oberfläche Vorrang hatte.

Geben wir den Leuten kein fuck you mehr auf ihren Weg. Halten wir sie nicht emotional auf Abstand. Sagen wir einander: es ist hart und es ging schnell. Niemand muss sofort wissen wie es richtig geht. Niemand muss die Erwartungen aller erfüllen.

WISSEN WANN

Ich habe mich schon sehr oft falsch im Leben verhalten.

Jemandem Unrecht getan, ihn verletzt oder sogar geschadet.

Ich habe viele dieser Taten unbewusst gemacht und manches sicherlich auch in dem Bewusstsein, den falschen Weg zu gehen, billigend in Kauf genommen.

Ich habe mich nicht selten herausgeredet und für all mein Handeln, meine Worte und Gedanken eine Rechtfertigung gefunden. Manchmal war das gut und sinnvoll und einige Male blanker Selbstschutz und absolute Feigheit.

Erst nach und nach gelang es mir für Fehler um Entschuldigung zu bitten. Nicht weil man das ja so macht, es erwartet wird und ich danach erleichtert weiterleben konnte, sondern aus tiefster Überzeugung. Mir war mein Fehler aufgefallen, ich habe ihn bereut und bat um Wiedergutmachung. Nicht selten wurde diese missmutig abgelehnt und damit musste ich genauso leben, wie über eine offene Annahme. Hat mich natürlich weniger erfreut.

Letztlich habe ich aber daraus gelernt.

Ich habe viel zu oft Fehler bei anderen gesucht und mit beeindruckendem Engagement selbstgerecht Erwartungen gestellt, die ich niemals im Leben bereit gewesen wäre selbst zu erfüllen. Ich habe Menschen auferlegt mich wie ein rohes Ei zu behandeln, obwohl es mir schwer fiel mit gleicher Feinfühligkeit vorzugehen. Warum auch immer ich so war, teilweise noch heute dabei ertappt werde (von außen und innen), mag alles einen guten Grund stellen, darf aber am Ende des Tages keiner sein. Mein Egoismus tut weh. Mein Selbstvertrauen sollte nicht das der anderen untergraben. Mein steht nicht im negativen Sinne über Dein.

Als ich anfing mich anderen zu öffnen, im Guten wie Schlechten, traf ich nicht oft auf Verständnis. Viele fanden es mitunter sicherlich befremdlich so viel Unsicherheit, so viele Fehler und so menschliche Züge von mir kommuniziert zu bekommen. Wir haben ja alle mehr oder minder gelernt uns zu behaupten und idealerweise nach Perfektion zu streben. Einer Perfektion die jedoch so individuell wie schwer zu erreichen ist. Ich hatte es satt mich zu verstellen. Ich hatte es satt so zu tun, als hätten die anderen keine Makel. Als seien wir alle genauso richtig wie wir sind. Augenscheinlich sind wir das nämlich nicht.

Ich kann es nicht jedem Recht machen. Nicht einmal mir. Ich stecke voller Zweifel und kritisiere mich gerne genauso selbst, wie ich es bei anderen tat. Mir schießen zig Dinge zu mir und anderen in den Kopf. Unzulänglichkeiten wie auch die positiven Eigenschaften. Ich habe dabei aber unfair verteilt. Entweder alle überhöht und mich damit geschmälert oder alle herabgesetzt und mich damit versucht zu überhöhen..

Auf Augenhöhe bedeutet für mich jedoch inzwischen, über meine Worte und Taten nachzudenken und ggf. offen einzugestehen, wann ich in einer Situation Verantwortung trage. Wenn ich etwas nicht zum Wohle, sondern Leid getan habe. Wenn ich anderen und am Ende auch mir selbst eine Kränkung verpasste.

Es ist wichtig sich zu sagen:“In diesem Moment, völlig egal wieso, habe ich wohl einfach falsch agiert. Punkt.“ Ich kann mir im Nachhinein verzeihen so gehandelt zu haben, weil ich meine Beweggründe kenne. Der andere nicht. Der andere ist getroffen und braucht nun meine ehrliche Einsicht. Die Gründe interessieren ihn wohlmöglich später. Zunächst muss der Schmerz geheilt werden und die Realität wieder geradegerückt. Ich habe sie ja verschoben.

Und wenn der andere mir dann wohlmöglich sogar verzeiht, erprobe ich mich daran, es einfach nicht nochmal soweit kommen zu lassen. Mich zurückzunehmen und wohlmöglich sensibilisiert und achtsam zu bleiben.

Ein harter Brocken.

Wir lernen früh uns zu verteidigen. Manchmal vor unsichtbaren Dämonen unserer Vergangenheit. Manchmal vor realen Mechanismen. Jemand löst etwas in uns aus und wir, in die Ecke gedrängt, schlagen zu. Manchmal sind wir vorschnell und unüberlegt. Wir wollen das gekränkte Kind in uns trösten und nicht selten gelingt es uns nur, in Auf- und Abwertung.

Wenn ich etwas sagen kann, dass mir inzwischen so gut wie jede impulsive Kränkung die ich an anderen vornehme, Leid tut. Ich schäme mich für mein Verhalten. Möchte so nicht bleiben und muss das ja zum Glück auch nicht.

Ich kann im nächsten Schritt schon eine Veränderung herbeiführen und habe mich wohlmöglich bereits im nächsten Moment wieder völlig im Griff. Ich bin nicht perfekt, ich möchte es nicht sein. Nicht für mich oder irgendwen. Ich möchte aber auch kein Arschloch sein und daran muss ich mitunter eben auch manchmal hart arbeiten.

Mach ich auch!

DEFEKTE

Eigentlich wurde ich mit einem Narzissmus-Radar ausgestattet.

Diese Ding reagierte jahrelang auf Menschen mit besonderen Persönlichkeiten. Empathielose, Zweifler, ewig Ängstliche und zur Selbstüberschätzung neigende Menschen, die auf ungesunde Weise versuchten Einfluss zu nehmen.

Obwohl mein Radar feine Antennen besitzt, war ich nicht oder nur schwer in der Lage die Anziehung als Geschenk zu deuten diesen Menschen aus dem Weg zu gehen. Ich lief ihnen geradewegs in die Arme.

Diese Menschen taten mir weh, brachten mich um den Verstand, gaben mir das Gefühl unzureichend oder gar dumm zu sein. Was vielen Menschen anfangs überhaupt erst so schwer macht dies sogleich zu unterbinden, ist die Aufmerksamkeit mit der man überschüttet wird. Lovebombing genannt.

Männer die einen morgens um sechs mit Kaffee vor der Tür überraschen. Männer die Gedichte wortlos auf den Frühstückstisch legen. Männer die Liebeslieder singen oder Kinder auf Schultern tragen, lachend, vergnügt und voller Zuversicht:“Du bist es, daher kann ich endlich ankommen.“

Natürlich ist es schwer zu unterscheiden, wann einem die wahre Liebe begegnet und wann es sich nur um eine Masche handelt. Mein Radar hätte nicht erahnen können, was mir noch bevorsteht, aber mir nach mehrfacher Erfahrung einfach häufiger die rote Lampe zeigen sollen. „Achtung! Hier geht es nicht um Liebe, es geht um Bestätigung!“

Stattdessen überhörte ich all das was ich unbewusst sicherlich schon wusste. Ich begab mich immer wieder in die mir bekannten Muster und redete mir ein, sowas kann doch nicht häufiger passieren und im Grunde unterscheiden sich die Männer doch auch voneinander.

Taten sie in der Regel leider nicht.

Anfangs wahnsinnig verliebt, später dem Wahnsinn verfallen.

Anfangs wurde ich auf Händen getragen und in all meiner Pracht gefeiert, später konnte ich nichts richtig machen und lief auf Eierschalen in eine unsichere Zukunft.

Obwohl ich nicht oft verlassen wurde und mich häufig selbst aus diesen toxischen Beziehungen rettete, muss ich mich dennoch fragen, wieso ich? Was mache ich falsch?

Es war ein langer Weg zu erkennen, dass der Wunsch nach Liebe und Zuneigung mich hat empfänglich für Scharlatane und Lügner werden lassen. Für Ausbeuter und all die jenigen, die sich aufwerten lassen mussten. Die in einer Liebenden fanden was sie glaubten zu sehen: sich selbst.

Heute höre ich auf meinen Radar. Ich überprüfe dreimal wem ich nun etwas von mir zu geben bereit bin. Zeit, Aufmerksamkeit, Nähe.

Es ist im Prinzip sehr leicht die Narzissten auszumachen. Es ist sehr viel schwerer ihrem Charme, ihrer anfänglichen Zuwendung und scheinbaren Besonderheit zu entkommen. Wer sich allerdings gar nicht erst bezirzen lässt, kann sich sicher sein, jede Maske fällt.

Es ist eben doch wie man sagt: alles eine Frage der Zeit.

Viel wichtiger jedoch: vertraut eurem Frühwarnsystem!

BEDÜRFTIGKEIT AUSGLEICHEN

Wenn wir einen grauen Tag so gut erkennen würden wie einen grauen Star, würde uns der blinde Fleck erst wundern und dann stören. Wir würden zu einem Arzt gehen und uns gründlich untersuchen lassen. Wir würden nicht bloß ständig das Auge reiben, sondern ernsthaft Angst bekommen.

Wenn wir einen grauen Tag haben und aus diesem wird ein graues Jahr, haben wir nur an der Stelle gerieben. Gerieben bis sie wund und uns halb blind werden ließ.

Die meisten Menschen gehen glücklicher Weise zu einem Profi. Sie lassen sich checken, schauen ob der graue Tag etwas einmaliges oder längerfristiges sein wird. Sie gehen sich Hilfe suchen, weil graue Tage manchmal nicht alleine zu bewältigen sind.

Andere Menschen suchen sich stellvertretend ein Pflaster. Sie kleben es großzügig auf ihre Augen, ignorieren das Jucken und hoffen jemandem fällt die akute Notlage schon auf.

Das Pflaster kann an dieser Stelle alles mögliche sein.

Einige nehmen Drogen, greifen zu Alkohol oder machen exzessiv Dinge die sie sonst nicht in dieser Form tun. Sport, Shopping, Sex. Es gibt viele Möglichkeiten.

Sie lassen sich das Leben versüßen, weil es an anderer Stelle an Würze fehlt. Sie benötigen lange, um die Lücke bewusst wahrzunehmen und mit sich selbst zu füllen. Sie heilen zu lassen, sich helfen zu lassen.

Bedürfnisse zu ignorieren ist genauso fahrlässig, wie sie falsch zu deuten. Wir brauchen ganz sicher nicht ein Glas Wein jeden Abend. Wir sind ganz sicher nicht glücklichere Menschen, wenn wir uns jeden Tag mit Dates herumschlagen. Wir haben sicherlich auch keine längerfristigen Glücksgefühle, nur weil wir uns mit Dingen umgeben. Kleidung, Technik, Luxusartikel.

Es ist schwer sich selbst zu genügen und vielleicht auch nie ganz möglich. Es ist wichtig sich geliebt und gesehen zu fühlen. Keine Angst haben zu müssen, nicht auszureichen. Es ist unmöglich sich nicht einmal in seinem Leben einer grauen Zeit zu stellen. Grau ist eine häufig vorkommende Farbe.

Sich dem bewusst zu sein, sich dem zu stellen, ist besser, als sich die Augen zu reiben und eines Tages all die bunten Farben verblassen zu lassen.

AUFLÖSUNG

Wenn man „Stressflecken“ bei Google eingibt, erscheint relativ bald ein medizinischer Bericht über eine Reaktion der Haut, sie zwar bereits einen Namen, aber keine konkreten Ursachen kennt.

Ich nenne es liebevoll „mich auflösen“.

Meine Haut fing vor etwa drei Wochen an eine rote kleine Stelle zu bilden. Erst tat sie weh und war geschwollen, später bildete sie kleine Schuppen und färbte sich rosa.

Der Arzt verschrieb eine Cortisonsalbe und entließ mich. Zusätzlich hatte ich eine Erkältung und einen Harnwegsinfekt. Der Körper signalisierte klar und deutlich irgendwas stimme nicht mit ihm. Dennoch ging ich brav arbeiten, besuchte meine Kurse, schrieb eine Klausur und versorgte meine Kinder.

Abends war ich zu müde um zu essen und legte mich meist eine Stunde in die Badewanne.

Am Freitag kaufte ich zwischen Arbeit, Kita, Hausaufgaben einen Tannenbaum. Herzenswunsch der Kinder.

Ich baute alles auf, wir wollten ihn schmücken und dann fiel die Lichterkette aus. Also rannte ich nochmal raus in die Kälte und kaufte eine neue. Auch diese stellte sich als fehlerhaft heraus und so fluchte ich leise in den Nadelbaum.

Als ich abends wieder in die Wanne glitt, war mein Körper plötzlich übersät von weiteren offenen roten Stellen. Die Arme, die Brust, alles wund und rot.

Ich dachte anfangs an einen Unfall. Die Tanne müsse mich gepiekt haben und so ging ich optimistisch schlafen. Morgens hatte sich der Spuk auf drei Stellen am rechten, zwei am linken Arm und je einer Stelle pro Brust erweitert. Diese Krankheit wird auch lustigerweise mit einem Tannenbaum verglichen.

Natürlich bekam ich Angst und war nicht begeistert über all diese hässlichen Flecken. Doch sind wir mal ehrlich, seit Wochen schleppe ich mich durch den Tag, in Liebeskummer und Alltagsstress.

Ich erledige wieder jede Hausarbeit alleine, hole die Kinder ab, versorge und bespiele sie und abends ist da niemand der mich auffängt. Meine Freundinnen telefonieren mit mir, ich kann mich nicht über zu wenig Ablenkung beklagen, aber es fehlt die Nähe, die Liebe, die Ruhe.

Auf Arbeit werde ich gebraucht und Ersatz gibt es kaum einen. So quäle ich mich mit Blasenschmerzen zur Arbeit und wische die Erkältung beiseite. Ich schlafe nachts ein und fühle mich morgens gerade so fit, wie die Nacht neben dem Kind es zugelassen hat.

Mein Körper ruft immer dann zur Ordnung, wenn meine Seele noch eine Schippe mehr raufpackt. „Du schaffst das schon!“,jubelt sie mir zu. Applaus gibt es dann, wenn ich trotz alldem immer wieder aufstehe. Jeden Morgen.

Heute wollte ich zum Hautarzt. Niemand hatte Zeit und konnte mich anschauen. Während es unter meinem weiten Pullover also aussieht als wäre ich demnächst nicht mehr vorhanden, lege ich mich zwei Tage in mein Bett und begreife…

Ich kann auch einfach mal andere sich selbst überlassen. Die schaffen das auch ohne mich. Ich hingegen brauche mich jetzt wirklich.