ES IST NICHT MEINE SCHULD, WENN…

Gelegentlich lege ich ein ganz schlechtes Benehmen an den Tag. Wenn sich das bei mir wiederholt und ich andere Menschen damit mehrfach vor den Kopf stoße, beginne ich inzwischen darüber nachzudenken, was mich zu meinem Verhalten führt.

Manchmal komme ich nicht gleich darauf und einige Male war da unterbewusst schon was im Argen. Manchmal sind es auch die Hormone während der PMS-Zeit oder ich habe viel Stress gehabt.

Was auch immer dazu führt mich dann schlecht zu fühlen, es ist kein Grund sich auch schlecht aufzuführen. Es gibt mehr als nur meine Probleme, meine Gefühle und meine Bedürfnisse. Das Bedürfnis der anderen ungestört leben zu dürfen, ist nicht geringer als meines. Ich muss also verantwortungsvoller mit mir und meiner Verhaltensweise umgehen. Nicht jeder Satz sollte gesagt werden, bevor ich reflektiert habe, ob diese auf der Zunge liegende Boshaftigkeit tatsächlich für mich spricht und das was ich heute sage und fühle auch morgen noch Gültigkeit besitzt.

Viele Menschen schieben ihr schlechtes Verhalten anderen gegenüber auf Umstände von außen oder eben innere Mächte die sie angeblich nicht kontrollieren können. Die Wahrheit aber ist, wir können lernen uns in den Griff zu bekommen.

Menschlich sein, bedeutet sich seines Bewusstseins zu bedienen. Sich bewusst für oder gegen etwas entscheiden zu können beispielsweise. Niemand ist Opfer seiner Launen, niemand muss andere zum Opfer machen, um diese besser aushalten zu können.

Wenn ich mir vorstelle, nach jeder hormonellen Veränderung einen Flächenbrand verursacht zu haben, bleibt irgendwann wenig Land mehr zu betreten. Wenn jeder seiner Lust nach Zerstörung und Schaden nachginge, wären wir längst von der Landkarte gestrichen.

So wie Männer nicht einfach sagen dürfen „Ich bin nun einmal ein Mann, ich konnte nichts dafür auf ihren Minirock reagiert zu haben!“,so sollte auch jedem Alkoholiker klar sein, es gibt keine Entschuldigung für böswilliges und fahrlässiges Verhalten anderen gegenüber. Krankheiten hin oder her, wenn jeder der krank wäre das Recht hätte seine Hilflosigkeit durch Wut auszudrücken, hätten uns vermutlich bereits viele Staatsleute in die Luft gesprengt. Ein Mensch der Neigungen hat, die anderen weh tun, sie für ihr Leben zeichnet, kann sich nicht darauf berufen krank zu sein usw.

Wir werden uns nicht in jeder Situation kontrollieren können und wir werden uns mehr als einmal im Leben für unser Verhalten entschuldigen. Wir sollten aber auch lernen mit anderen besonnen und achtsam umgehen zu wollen und insbesondere uns, den Menschen der uns am nächsten steht, besser kennenzulernen, besser zuzuhören und begreiflich machen, dass es keinen anderen gibt auf den wir größeren Einfluss ausüben können.

Nutzen wir diese Erkenntnis weise.

KOMPROMISERE

Bereits mit Anfang zwanzig wusste ich, zu lieben, bedeutet kompromissbereit zu bleiben. Immer.

Denn wer davor zurückschreckt auch mal in den eigenen Bedürfnissen zurückzustecken, wird vermutlich sehr einsam bleiben.

Funktionierende Beziehungen basieren auf der ersten Anziehung und der daraus resultierenden Fähigkeit und dem absoluten Wunsch sich gegenseitig zu akzeptieren wie man ist, aber die Unterschiede die nun einmal zwangsweise aufkommen, nicht zum Scheitern der Verbindung werden zu lassen.

So gibt es genug Beziehungen, in denen Paare sich nach wenigen Monaten wieder aus den Augen verlieren, weil beide oder mindestens einer nicht in der Lage ist sich für Neues zu öffnen. Kompromisse sind nämlich Veränderungen. Sie können den eigenen Horizont erweitern und erfordern mehr Mut und Anstrengung als Forderungen zu stellen, an einen anderen, unter dem Vorwand es handele sich um bedingungslose Liebe. Die gibt es nicht.

Bereits im Kennenlernen stellen wir Bedingungen. Zunächst die unausgesprochenen. Wir haben Vorstellungen und Werte, die wir auf den anderen übertragen. Anfangs sehen wir unser Spiegelbild im anderen. Unsere Nähe zum anderen verstärkt dieses Bild oder lässt den Spiegel schnell wieder zerbrechen. Wir können herausfinden, ob der andere oder wir ihm ähneln. Was wir auf jeden Fall bald aber erkennen müssen, bei all den Ähnlichkeiten gibt es eben immer auch Unterschiede.

Diese Unterschiede kann nicht jeder zelebrieren. Wie auch? Manche werden zu Differenzen und nicht wenige zu großem Leid. Wir fühlen uns in den Unterschieden einander fremd. Wer den anderen dann nicht in Ruhe kennenlernen möchte, herausfinden, ob er in der Lage ist über den eigenen Tellerrand zu blicken und dort genauso zu überleben wie in der sicheren Komfortzone, wird die Beziehung beenden.

Die anderen lernen mit und voneinander. Sie gehen gemeinsam neue Wege und werden bald unumstößlich für Gefahren von außen. Die gemeinsamen Erfahrungen sind dann der Bindekleber und nicht die vorher festgestellten Gemeinsamkeiten. Erfahrungen,die andere von außen nicht teilen. Erfahrungen, die Kompromisse erforderlich machten. Nicht jeder möchte das. Manche warten ihr Leben lang auf den einen Menschen. Den Menschen bei dem alles stimmen muss. Sie werden bitter enttäuscht.

Ich wünschte mir, Kompromisse wären nicht so verpönt. Präsidenten machen es vor und auch die Werbung gibt ihr Bestes Kompromisse schlecht aussehen zu lassen. Junge Menschen folgen dem Irrglauben ein Kompromiss sei ständig faul. Die Tatsache ist, es gibt kein Leben in einer Gesellschaft ohne Kompromisse. Wir leben unsere Individualität auf den Rücken anderer, so lange, bis jemand uns das Gefühl vermitteln wird auf unserem Rücken zu leben.

Erst da merken wir, ohne Kommunikation und den Willen eine gemeinsame Lösung auszuhandeln, werden wir zwangsläufig unter der Last zerbrechen.

Kompromisse sind das Salz in der Suppe, im Miteinander, welches wir uns so sehr wünschen.

ABER WOHIN DES WEGS?

Manchmal trifft man schon vor dem Frühstück fünf verschiedene Entscheidungen und jede einzelne von ihnen könnte Auswirkungen auf den Rest des Tages, wenn nicht sogar Rest des Lebens haben.

Schreibe ich jetzt eine Nachricht, deren Inhalt eine hohe Priorität hat und Entscheidungen können schneller getroffen und an den Tag angepasst werden oder melde ich mich nicht, weil die andere Person sich wohlmöglich außer Dienst gestört fühlt oder ein Morgenmuffel ist?

Räume ich schnell noch die Wäsche ein und mache die Wohnung sauber, riskiere später aber erschöpft zur Arbeit zu taumeln oder komme ich müde nach Hause und schiebe die Sache doch nur weiter auf?

Spreche ich in der Partnerschaft oder unter Freunden ein unangenehmes Thema direkt an, welches wohlmöglich in wenigen Tagen längst vergessen ist oder wird es mich dann nur begleiten und zu einem riesen Ding auswachsen?

Die Realität sagt, wir wissen es nicht. Von vorneherein besteht unser Leben aus Abwägungen und Kompromissen. Nicht jeder Schritt muss gegangen werden, nicht jeder Idee entsprochen.

Manchmal ermüden uns unsere Entscheidungen und manchmal lagen wir gold richtig. Hin und wieder werden wir zurückdenken und uns sagen „Schön blöd, hättest du mal…“ und dann wieder gibt es nichts zu bereuen.

Es ist menschlich daneben zu liegen und es ist menschlich aus Fehlern Rückschluss zu ziehen. Selbst diese können völlig verkehrt sein. Selbst diese Rückschlüsse können dazu führen, uns zu distanzieren und zu ängstigen oder anzunehmen ein Zustand sei unveränderbar.

Ist er nicht. Alles ist in ständiger Bewegung und alles kann im Chaos enden oder sich fügen.

Menschen mit Depressionen und Ängsten neigen oft dazu nicht weiterdenken zu können. Eine Blockade gibt ihnen das Gefühl der Ist-Zustand sei nun für immer ihr Leben. Sie irren sich, weil die Sorgen und das Leid in diesem Moment schwerer wiegen, als die Vernunft oder ihr Sinn für realistische Einschätzung.

Es ist eine Tatsache, wir können zu einem Bruchteil selbst entscheiden wie wir den Weg gehen wollen. Risikobereit, mutig und frei oder unsicher, bremsend und vorsichtig. Wir können uns fragen, ob hinter jeder Ecke eine Falle lauert und uns sagen jede schlechte Erfahrung und Begegnung steht stellvertretend für die kommenden Schritte.

Es ist sicher sinnvoll einen Schritt zu gehen und zu schauen was passiert. Sich nach gemachter Erfahrung, sei es eine negative, nicht selbst zu strafen, sondern cool zu bleiben. Jedem von uns, wirklich jedem, misslingt etwas. Jeder sagt etwas Dummes, verärgert eine andere Person, enttäuscht sich und seine Mitmenschen mal oder bricht auf dem glatten Eis ein.

Aber jeder von uns durfte das Glück schmecken, tolle Menschen kennenlernen, seine eigene Stärke und Kraft spüren, sich selbst immer wieder weiterentwickeln und lernen zu verzeihen. Konzentrieren wir uns auf unsere Stärken und schönen Erfahrungen und nicht jeden Kiesel der uns im Schuh drückt.

GEFÜHLSPALETTE

In einem Gespräch mit einer Kindertherapeutin lernte ich kürzlich eine eigentlich selbstverständlich klingende Wahrheit kennen:

Menschen, insbesondere während ihrer Kindheit, müssen eine ganze Palette an Emotionen und Gefühlen kennenlernen. Viele Kinder unterschieden hauptsächlich Wut und Trauer, was in etwa so facettenreich wie schwarz und weiß wäre.

Wenn Kinder nicht erkennen, das Wut nicht die erste und einzige ihrer Gefühlsregungen und die ihrer Mitmenschen sei, blieben sie verhaftet in dem Gefühl eines Extrems. Kinder neigen dann dazu sehr absolut zu denken und Probleme nicht abstufen zu können, geschweige sie zu bewältigen.

Wut sei aber nur eine Empfindung von vielen. Der Weg zur Wut, kann von vielen anderen Eindrücken gepflastert werden: Ärger, Besorgnis, Gram, Unsicherheit, Hilflosigkeit, Frust usw. Zu erkennen welches dieser vielen Gefühle und all ihren Begleiterscheinungen sich da im inneren auftun, ist der erste Schritt mit ihnen umzugehen. Bin ich sauer, weil mir jemand gerade einen schönen Moment kaputt gemacht hat? Fühle ich mich hilflos und ungehört und reagiere dementsprechend gereizter als sonst? Habe ich sogar Angst und überspiele dies jetzt, indem ich die Zähne fletsche?

Es scheint uns total abwegig, aber eben genau diesen Gefühlen berauben wir unsere Kinder immer wieder, weil auch wir Erwachsene verlernt haben genau hinzuhören. Wir lauschen nicht mehr nach innen, bleiben der Situation unachtsam und loten kaum aus woher die momentane Stimmung kommt. Stattdessen schmeißen wir mit Wut und Trauer als Begrifflichkeiten um uns, als seien sie der Weisheit letzter Schluss.

Auch traurig zu sein, darf nicht zum Druckmittel werden, wenn es darum geht Kindern eine Lektion zu erteilen. „Du machst mich traurig.“,kann in dem anderen so viel auslösen und kaputt machen. Es wäre besser sich zu fragen, ob Trauer hinter unserem Gefühl steckt oder eben doch noch so viel mehr. Bin ich hilflos oder überfordert? Bin ich verstört oder erschöpft? Bin ich genervt oder gestresst?

Wir schieben gerne mit Begriffen um uns, die unser Gegenüber zu einer Reaktion zwingen sollen. Je stärker das Wort, umso wahrscheinlicher die Reaktion. Je weniger wir erklären, umso größer der Interpretationsspielraum des anderen.

Sich und dem anderen aber zu erklären worum es tatsächlich geht, bleibt man einander oft schuldig. Stattdessen suggerieren wir, die Mauer ist oben und die Chance diese abzubauen wird schwer.

Verständnis für sich und die eigenen Gefühle sind so essentiell, um dem anderen die Möglichkeit zu geben etwas zu verändern. Die Kommunikation ist der Schlüssel und obwohl sie für uns Menschen existenziell wichtig ist, scheinbar noch immer unsere größte Hürde.

KINDS GESPÜR FÜR DISTANZ

Mein kleines Kind ist seit einigen Tagen sehr weinerlich und nun auch anhänglich.

Schon morgens schleicht es in mein Bett und schläft neben mir weiter, während ich dann hellwach bleibe, bis der Wecker uns erlöst.

Zur Kita möchte mein Kind getragen werden, denn das Fahrrad scheint momentan eine unüberwindbare Distanz zu schaffen. Nach der Kita wird sofort in einen weinerlichen Ton umgeschaltet, der sich bis in die Abendstunden fortführen lässt. Selbst Bestechung im Form von Eis oder einem Trickfilm helfen nicht mehr und die Flucht in die Badewanne wird boykottiert, weil jetzt unbedingt gemeinsam gebadet werden soll.

Was wir bereits längst überwunden hatten, wird nochmals aufgerollt. Diese unsichere Haltung, in der das Kleinkind denkt, die Mutter wäre von einem zum nächsten Augenblick wohlmöglich verschwunden.

Während ich mich frage, warum Kuscheleinheiten auf dem Sofa und gemeinsame Ausflüge zum Eis essen oder auf den Spielplatz momentan nicht ausreichen, wird mir bewusst, dass mein Unwohlsein sich vielleicht unbewusst übertragen haben könnte.

Ich arbeite, lerne, muss abends mit dem großen Kind lernen und Referate vorbereiten und mache ganz mechanisch den Haushalt und das Abendessen. Am Tisch sitzen ich dann oft erschöpft über dem Teller und weigere mich die Essenskritik meiner Kinder anzunehmen. „Dann esst eben nicht!“,fluche ich leise. Dieser sonst so dicke Geduldsfaden wird immer dünner und das Verständnis für jedes eigentlich so wichtige Problem meiner Kinder, fühlt sich an wie Verrat an all meinen Mühen.

Natürlich habe ich gerade alles im Griff. Die Arbeit ist hart, macht aber Spaß. Ich bekomme viel Anerkennung und gehe jeden Tag gerne zu den mir anvertrauten Kindern. Meine Partnerschaft ist besser als je zuvor. Keine Konflikte die wir nicht lösen könnten und Harmonie pur. Ich bin immer auf Höchstleistung gelaufen die letzten Jahre, was sich gesundheitlich jedoch immer wieder gerächt hat. Aber Probleme? Nein. Eigentlich nicht. Selbst finanziell bleibt es stabil und für diverse Urlaube spare ich so nebenbei.

Wenn ein Mensch aber funktioniert wie es von ihm erwartet wird, zum eigenen Erstaunen und mit einer Portion Stolz, muss sich dennoch nicht alles als richtig erweisen. Da gibt es diese Momente, in denen Fehler schwerer verziehen werden und insbesondere die eigenen immer wieder als Schwäche ausgelegt werden. Mit dieser Strenge im Bauch, optimiere ich mich tagtäglich noch ein bisschen stärker und merke wie die Seele den Körper endlich verstehen will. „Ach du brauchst Ruhe, alter Freund.“

In diesen Augenblicken scheint mein Kind eine Distanz zu spüren. Eine Veränderung. Jemand der „nein“ sagt oder mit müdem Blick ausweichend auf die Frage reagiert, ob abends noch etwas vorgelesen wird.

Mein Kind sucht nach mir, weil ich mich zurückgezogen habe. Ich bin in der Badewanne oder drei Minuten länger auf der Toilette. Ich signalisiere, dass nicht meine Kinder das sind, was ich aktuell am meisten brauche.

Natürlich wird sich diese Phase wieder mit einer großen Portion Achtsamkeit und gelebter Sicherheit legen. Ich überwinde meinen Perfektionismus und mein Kind seine Furcht vor Veränderung.

Bis dahin läuft eben noch eine weitere Folge Paw Patrol im Nebenzimmer.