ICH HAB HEUT MAL VON MUT GETRÄUMT

Normalerweise fühle ich mich gar nicht erwachsen.

Ich sitze in meiner großen Wohnung, mit all den schönen Möbeln und dem Schnickschnack an Dekoration. Ich blicke auf den Obstteller und habe einen gesund-gefüllten Kühlschrank. Ich gehe professionell an meine Arbeit und führe diese leidigen Elterngespräche mit dem Lehrer meines Kindes, ruhig, besonnen, möglichst wertungsfrei und höflich. Ich kümmere mich um meine Freundinnen, rufe meine Oma regelmäßig an und führe pädagogische Gespräche mit meiner Mutter. Im Spiegel sehe ich all diese Lachfalten, die auf ein langes schönes Leben hindeuten und die Zornesfalte, die von vielen Hürden erzählt. Und doch. Nicht erwachsen.

Denn eigentlich scheint mir all das Betrug.

Da ist diese Unsicherheit in mir. Ein Kampf den ich führe, wenn ich als Mutter die Stärke besitzen soll für sie aufzustehen, jeden Tag Vorbild zu sein und mich in allen Belangen um sie sorge und kümmere. Niemand der mich versorgt, wenn ich krank bin. Niemand der mir etwas abnimmt, wenn ich den Mut verliere. Und das tue ich oft. Meist heimlich.

Ich schreibe dann mit zitternden Händen eine E-Mail an den Arbeitgeber, weil ich noch immer krank bin und außerdem im Zwiespalt, ob alles was ich da tue überhaupt richtig ist und zu mir passt.

Ich könnte weinen, weil ich für mein Kind kämpfe, obwohl ich mir wünschte all das würde uns einfach in Ruhe lassen. Gehe ich dem aus dem Weg? Niemals. Wie käme ich dazu? Ich bin ja erwachsen.

Und ich stehe morgens um sechs auf, wenn es sein muss.

Ich buche zum ersten Mal eine Reise für uns drei alleine. Alleine fliegen. Alleine mehrere Nächte zu dritt, ohne andere Erwachsene die uns sagen wie und wo es lang geht. Und es ängstigt mich.

Ich bezahle meine Rechnungen alleine, mit eigens verdientem Geld. Ich fühle mich aber gar nicht wie die Person, die ich damals genau solche Tätigkeiten habe machen sehen. Meine Mutter.

Ich fühle mich wie ein Kind. Versehentlich verwechselt.

Es hieß immer „du bist so alt wie du dich fühlst“ und alle glauben damit sei gemeint, sich sexy, jugendlich-frisch und lebhaft zu fühlen. Nein. Es sollte darum gehen sich ängstlich, unsicher, nicht vorbereitet zu fühlen. Auch heute noch. Auch in Zukunft.

Heute träumte ich von Mut. Schrieb diese E-Mail, buchte diese Reise, stand morgens auf und beendete den Tag mit lauter reifen Entscheidungen und Aktionen.

Es ist vermutlich bei allen so. Wohlmöglich. Hoffentlich.

MENSCHEN IN DER NACHBARSCHAFT

Ursprünglich wollte ich über Frauen aus der Nachbarschaft schreiben. Wie uninteressant, dachte ich.

Männer und Frauen haben für mich etwas gemein‘. Ich habe wirklich keine Ahnung was außerhalb meines Kopfes tatsächlich in den Köpfen der anderen vor sich geht. Und das muss ich auch nicht haben.

Mein jüngstes Kind und ich waren heute Vormittag auf einem Streifzug durch unsere Nachbarschaft. Neudeutsch Kiez.

Die meisten Läden waren noch geschlossen und unser Ziel, die Post, wurde von dieser eisigen Frische begleitet, die den Kopf frei pustet und die Laune hebt. Dazu ein klarer Himmel in blau und zarten Gelbtönen.

Unterwegs sah ich verstohlen auf mein Handy. Kind an der einen Hand und Ablenkung in der anderen. Ein Mann ging an uns vorbei und sah mich für einen kurzen Moment an. Mein erster Gedanke war:“Der verurteilt mich jetzt sicher!“. Warum guckt sie auf ihr Telefon, während sie mit dem Kind spazieren geht? So oder so ähnlich. Just in diesem Augenblick liefen wir an einem Strauch voller Meisenknödel vorüber. Ich hielt an und zeigte meinem Kind das Schauspiel. Erziehungsauftrag eingehalten.

Natürlich ist es albern mich von anderen, mir total fremden Menschen, so einschüchtern zu lassen. Natürlich weiß ich nicht was ihm in diesem Moment durch den Kopf ging. Natürlich ist es besser sich voll auf eine Sache zu konzentrieren und das Handy einfach mal in der Tasche zu lassen…aber. Aber es ist auch völlig egal was dieser mir Fremde denkt. Es ist mein Ding ständig Gedanken anderer Leute lesen zu wollen und wohlmöglich strafende Worte für meine Taten zu finden. Ich bin auch nur ein Mensch.

Wir waren dann nach der Post noch bummeln und einkaufen. Ich holte u.a. ein albernes Spielzeug für das Kind und sogar einen ungesunden Snack für unterwegs. Ich war damit fein. Was wissen wir schon voneinander. Von unseren Leben, Beweggründen und Motiven.

Ich ging durch die Nachbarschaft und war wieder versöhnt mit mir.

ZWISCHEN AUFSICHTSPFLICHT UND KONTROLLWAHN

Wenn wir Eltern werden, entscheiden wir uns bewusst für ein paar Dinge die wir besser machen wollen als unsere Eltern. Manches Mal übernehmen wir gerne einige ihrer Erziehungsmethoden und unbewusst, auch gar nicht so selten, greifen wir auf alte Muster zurück.

Da gibt es Beispiele von Kindern die ganz bewusst Rebellion gegen die eigene Erziehung betreiben und an ihren Kindern nun stets und ständig Wiedergutmachung leisten. Waren die Eltern streng, sind wir es heute nicht mehr. Waren die Eltern grenzenlos, setzen wir bewusst einige mehr. Haben die Eltern keine Orientierung geboten, nehmen wir dem Kind jede Entscheidung ab usw.

Tatsächlich ist es aber nicht minder selten, dass wir als Eltern dann eben auch sagen „Hat mir schon nicht geschadet, gebe ich jetzt also auch so weiter!“. Inwiefern diese Aussage auch zutrifft, entscheidet natürlich jeder selbst. Nicht jeder erkennt das Fehlverhalten seiner Eltern als solches an und nicht wenige setzen dennoch auf das falsche Pferd in Sachen Verpflichtungen.

Wir sind von Gesetzeswegen, außerdem auch moralisch und emotional sowie biologisch dazu verpflichtet unsere Kinder so lange zu beaufsichtigen, bis sie den Kinderschuhen entwachsen sind. Je nach Kind und Umständen, geben wir ihnen mehr Raum zur eigenen Entfaltung und nehmen ihnen nicht jede Entscheidung ab.

Wir vergessen häufig, dass Kinder nicht ewig Babys bleiben, aber sind ebenso unklug darin, sie mit Erwachsenen zu verwechseln. Ein Kind kann nicht verantwortlich gemacht werden für all seine Entscheidungen. Es fehlen schlicht die Erfahrungen und die geistige und körperliche Reife.

Dies ist kein Freibrief Kinder ewig klein zu halten. Sie wachsen. Äußerlich und innerlich. Sie durchleben Phasen die uns nicht immer schmecken und sie werden mehr als einmal an Grenzen stoßen und um Unterstützung bitten. Bleiben wir verpflichtet wachsam an ihrer Seite zu stehen? Definitiv!

Wer seine Kinder im Nebenzimmer mit dem Computer oder Smartphone stundenlang alleine lässt, kann sich auf ein großes gegenseitiges Vertrauensverhältnis stützen oder für naiv gehalten werden. Wer denkt die Pubertät ist kein Prozess ständig sich verändernder Stimmungen, Meinungen, Ansichten und Reaktionen sowie Aktionen, hat bis hierhin schlichtweg Glück gehabt oder starke Nerven. Wer denkt ein Jugendlicher kann sich aus allen Lagen selbst befreien, liegt falsch. Zeigt mir einen Erwachsenen der alles alleine lösen kann.

Kindern den Weg zu bereiten, ist im Grunde genauso wenig notwendig, wie sie alles alleine meistern zu lassen. Begleitung ist das Schlüsselwort. Angemessene und verantwortungsvolle Nähe. Keine Kontrolle.

Wir lassen Kindern Freiräume an Stellen die sie überblicken können, so lange sie sich wohlfühlen, uns nicht brauchen und wir darauf bauen können, dass sie sich und anderen keine Schäden zufügen. Sie sollen Erfahrungen sammeln. Sie sollen Fehler machen. Wir sind da, authentisch und liebend.

Gebt eure Kinder nicht mit der Pubertät an ihr Kinderzimmer ab. Nehmt ihnen im Kleinkindalter nicht die Luft zum Atmen.

Es ist schwer Eltern zu sein. Es ist schwer Kind zu sein. Gemeinsam werden wir stark.

DISKRIMINIERUNG UND SPRACHE – DEINE WORTE VERLETZEN

Wir wurden mit Sprichworten wie „Ein Indianer kennt keinen Schmerz“ groß und in der ehemaligen DDR benutzen wir das N*-Wort noch sehr selbstverständlich als „Koseform“ unserer Lieblingsnaschereien. Was damals noch im wohlwollendsten Sinne als Naivität verbucht werden konnte, grenzt heute schon an dummen und in Kauf genommen Rassismus.

Wir wissen heute mehr den je, Sprache macht etwas mit dem Empfänger und sagt viel über den Sender aus. Wer sich nicht bloß ungeschickt ausdrückt, sondern auf die Nutzung fremdenfeindlicher oder allgemein diskriminierender Worte besteht, lässt tief blicken.

Weniger leicht zu dekodieren, aber nicht minder einflussnehmend, sind diese feinen, subtilen Sprachherabsetzungen. Einst galt das Wort „behindert“ oder der Begriff „schwul“ als legitime Beschreibung eine negativ erlebte Situation oder einen verhassten Menschen zu beschreiben. Damit wertete man jedoch selbstverständlich nicht nur das oder den Beschriebene(n) ab, sondern eben auch die Menschen für die diese Begriffe nichts weiter als eine nähere Beschreibung ihrer Lebensumstände sind. Nicht selten gesellschaftlich auferlegt noch dazu. Diskriminierung entsteht dann unweigerlich aus der Tatsache, dass diese Adjektive nur im negativen Kontext Verwendung finden. Ein indirektes Herablassen findet auf einer Ebene statt, die von unbewusst zu akzeptiert wird. Nach und nach sind homosexuelle Menschen den heterosexuellen Menschen also ein Dorn im Auge. Sie sind ja aus irgendeinem Grund, egal wie assoziiert wurde, irgendwie von Scham und Schuld behaftet. Auch wenn der erste Umgang vermutlich genau darauf abzielen sollte. Jemand Homosexuellen abwerten. Später jedoch wurde es allgemein immer häufiger akzeptiert, es schlich sich als Schimpfwort eben auch in den üblichen Sprachgebrauch ein. Jugendslang, Umgangssprache. Sie alle machten sich diskriminierende Sprache zu eigen und kaum einer hinterfragte diesen Trend.

Heute ist das anders.

Sprache wird stärker unter die Lupe genommen. Anfangs belächelt, teils wütend beschimpft, als die ersten Neuauflagen diverser Kinderbuchklassiker umgeschrieben wurden. Ob darunter tatsächlich jemand leiden musste, war fraglich. Nicht fraglich jedoch, Diskriminierung wurde eben nicht mehr so einfach hingenommen und sogenannten Minderheiten ein Podium geboten. Von nun an sollte stärker auf Achtsamkeit und Gleichberechtigung gesetzt werden. Wer sich diskriminiert sah, hatte jedes Recht dazu sich darüber zu äußern und für die eigenen Belange gegen den Mainstream stark zu machen.

Nun betrachte ich diesen Wandel als längst überfällig. In Zeiten der deutlichen Zunahme rechter Gewalt und rassistisch motivierter Übergriffe, ist es das Mindeste sich verstärkt gegen Diskriminierung einzusetzen und sei es eben subtiler, wie im Gebrauch von Sprache.

Ich sehe jedoch noch immer, es gibt viel zu tun. So galten Worte wie Trottel und Idiot lange als harmlose Beschimpfungen. Heute wissen wir es besser. Wir können uns dazu belesen und erkennen bald, auch hier liegen diskriminierende Strukturen zugrunde. Ableismus in Reinform.

Und gehen wir noch weiter. Habe ich einst mit dem Wort dämlich um mich geschmissen, machte mich ein Dozent erst vor zwei Jahren darauf aufmerksam, dass dieser Begriff abwertend für sogenannte hysterische geltende Frauen (Damen) galt. Im Gegensatz dazu übrigens das Wort herrlich. Bezeichnend.

Ob wir nun also denken jemanden als sogenannte Heulsuse oder Trödelliese bezeichnen zu wollen, hinter all diesen Worten steckte irgendwann einmal die Intention Menschen abzuwerten. Sexismus der dann klar wird, wenn wir sehen, dass ganzen Personengruppen negative Eigenschaften zugeschrieben werden. Wir bedienen uns dieser heute sicher anders, aber der Trigger sitzt.

Möchte ich heute fluchen, was ja sehr gesund sein kann, halte ich es wie früher. Ich hatte immer jüngere Geschwister und bin früh Mutter geworden. Um mein kindliches Gegenüber nicht mit meiner Sprache zu prägen, negativ versteht sich, griff ich schnell zu Tricks. Statt „Du Arsch!“, brüllte ich dann eben auch mal „Du Wurst!“. Und statt „Ist das blöde!“, sagte ich etwas sei Käse. Ganz simpel. Weniger diskriminierend.

Sprache ist Identität. Ich möchte keine abwertende Identität besitzen. Es kostet etwas Mühe, aber Sprache entwickelt sich. Wir können uns entwickeln.

Ich bin da sehr zuversichtlich.

WAS SIE ÜBERSEHEN WOLLEN

Ich habe eben einen Kommentar zu einer der weltklasse Wettkampfläuferinnen unserer Zeit gelesen. Darin ging es um ihre Leistungen. Ich betrachtete ihre Bilder und fragte mich unweigerlich, wie Artikel um Artikel nicht ein Journalist auf die Idee käme ihren sehr mageren Körper in den Fokus zu rücken.

Tagtäglich müssen sich inzwischen Models sagen lassen sie seien zu dünn. Designer werden dafür ebenso wie Modelagenturen gerügt zu junge und schlanke Models auf den Laufstegen zu bevorzugen und ein ungesundes Schönheitsideal zu promoten. Heidi lässt seit Jahren sogenannte Curvymodels durch ihre Shows stöckeln und endlich zieren diverse Menschen Werbeplakate, wo einst fragwürdige Schönheit und fragile Vorbilder prangten.

Nur im Sport scheint sich ein jeder einig. Die Leistung steht im Vordergrund und somit gilt jede Kritik an der optischen Erscheinung mindestens tot zu schweigen. Einige Artikel wird man jedoch fündig und selbst diese befassen sich eher am Rand mit dem seit jeher vom Sport geprägten Figurdilemma und greifen lieber frauenfeindliche Strukturprobleme auf. Sicherlich gibt es diese hier auch. So mag man seltener von zu dünnen männlichen Läufern lesen, aber häufiger weibliche Sportlerinnen in den Fokus des Interesses rücken. Nun sind es jedoch auch die Frauen, die sich oft mit anderen Frauen vergleichen. Junge Mädchen die ihre Körper mit denen der anderen gleichaltrigen Mädchen nicht nur abgleichen, sondern kleinste Unterschiede strenger bewerten und sich häufiger in Essstörungen wiederfinden als die Herren.

Als vor Jahren der Skandal um die Magersüchtigen aus dem Skisprungsport entstand, wurde zwar ein Tabu gebrochen (auch Männer haben Essstörungen), aber ein weiteres nicht einmal angetastet: viele SportlerInnen trainieren nicht ausschließlich für ihre Fitness, sie geiseln sich. Sie arbeiten hart an ihrer Leistung und noch härter an den dafür entsprechenden Normen und Vorgaben.

Eine Kollegin kommt aus dem Leistungssport. Sie erklärte mir wie sie vor den Wiegeterminen eine Woche Schwitzkuren in Plastiktüten machte. Drei Kilo Wasser waren weg und kurz nach dem Wettkampf brach sie erschöpft ein. Gewonnen wurde seltener.

Ein Freund erzählte mir, wie er einst magersüchtig wurde. Er war Teenager, als er in seiner Gewichtsklasse gegen die schweren und großen Gegner antreten sollte. Aus Angst vor den Kämpfen, aß er so wenig, dass sie ihn nur mit jüngeren antreten ließen. Noch als Erwachsener hat er heute ein gestörtes Verhältnis zu essen. Zwischen Binge eating und massiven Hungerkuren ist alles dabei.

Gerne wollen wir den SportlerInnen ihre Mühen und den Verzicht, die Leistungen und all den Schmerz hoch anrechnen. Sie sind anders als die Models in unseren Augen tatsächliche Helden. Tun etwas für ihr Geld. Geben uns das Gefühl jede Goldmedaille sei auch indirekt ein Verdienst für das eigene Land. Da weht die deutsche Flagge auf dem Siegertreppchen. Wir mussten dafür nichts leisten, aber mitunter haben wir billigend in Kauf genommen, einem anderen Menschen Schaden zuzuführen.

Es ist egal, ob auf dem Laufsteg oder der Rennstrecke. Ein ungesundes Verhalten ist und bleibt ein ungesundes Verhalten und schlechte Vorbilder werden nicht besser, nur weil ihre Art Geld zu verdienen anerkannter ist.

Ich wünschte mir, auch dieses Tabu würde endlich gebrochen. Illusorisch, ich weiß. Aber öffnet doch eure Augen wenigstens ein Stück. Sport muss nicht länger Mord sein.