OH DU WUNDERBARE EGOZENTRIK

Natürlich drehen wir uns im Alter von drei Jahren um uns selbst. Da sind wir. Wir sind wunderbar. Wir werden ständig wahrgenommen und beklatscht. Alles läuft doch wie am Schnürchen. Jeder will uns nur Gutes und obwohl wir noch keine Ahnung von der Welt haben, scheint sie uns offen, riesig und nur für uns gemacht.

So oder so ähnlich scheinen sich noch immer Anfang Dreißigjährige auf Instagram zu fühlen. Eingesperrt in ihren Wohnungen, schreiben sie der weiten Welt da draußen von einer neuen Ära. Von einer Zukunft, gebaut auf einem Fundament der Ruhe und Besinnung. „Macht Musik, schreibt Gedichte, treibt Sport und gönnt euch ein heißes Bad!“ Ja genau, Denny-Ole. Die sich eine Badewanne leisten konnten, nicken jetzt erleichtert auf. Alle anderen stehen vor ihrem Waschbecken und betrachten die Wohnung als Gefängniszelle. Als das was sie ein sein sollte, Schlafplatz und Aufbewahrungsbox.

Jemand der früher zum Sport ging, sitzt nun auf seinem Bett und überlegt, ob Sport denn derzeit wirklich wichtig ist. Oder Gedichte schreiben. Ob ein Gedicht die nächsten Wochen die Mägen der drei Kinder füllt oder sich das Sportprogramm mit der Sorge um die Bewältigung der eigenen Ängste vereinbaren lässt. Ob es sinnvoll ist von einer Zukunft zu träumen oder die Vergangenheit uns wieder einholen wird, so als sei nie etwas gewesen. Als sei Selbstoptimierung eben doch nicht das A und O. Alle vermögen nun diese Krise zu vermarkten. Jeder sehnt sich nach Aufmerksamkeit und nach Wahrnehmung. „Ich bin noch hier!“,betteln sie. Wenn das zehnte Selfie in der eigenen kleinen Wohnung nicht mehr ankommt und niemand mehr reisen kann, ohne Gewissensbisse, wenn die Armut die Armen dazu treibt wütend zu werden und sich tatsächlich mal etwas einfallen zu lassen, dann sitzt ein Influencer auf seinem Wannenrand und guckt blöd. Fühlt sich betrogen um seinen Lifestyle. Wird seine Oberfläche belächeln und innen spüren, dass man Leere nicht mit Trotz auffüllen kann.

Geh deiner Wege. Aber geh.

LEBENSZEICHEN

Heute ist der fünfte Tag mit Kindern zu Hause. Zwei Tage musste ich noch arbeiten und dann war Ruhe. Ruhe?

Na ja.

Ich habe das unwahrscheinlich tolle Glück eine gute Nachbarschaft zu besitzen. Ein großer Hof mit integriertem Spielplatz und mehrere kleine Familien die sich gut verstehen. Wir nehmen einander die Kids ab, wenn jemand arbeiten muss und bringen Kaffee und Kuchen raus, für das Wohlbefinden.

Dazwischen aber die Realität. Erst lagen die Nerven blank, als ich finanzielle Sorgen hatte, dann wurde ich krank (kein Corona) und fühlte mich hilflos, schlapp und sehr alleine.

Seit Tagen müssen wir uns zudem völlig neu strukturieren. Mein Kind muss täglich Hausaufgaben erledigen. Ich muss zweimal die Woche Aufgaben fürs Studium einreichen. Meist sitzen wir gemeinsam am Tisch. Morgens ab acht und abends gegen sechs. Dabei ist das jüngere Kind stets dabei, spielt, quatscht und tobt mit der Katze. Alle Versuche es zu integrieren oder abzulenken, gingen nach spätestens einer Stunde über den Jordan. Welches Kind hat schon so viel Aufmerksamkeit und Konzentration, wenn es bereits mehr oder minder den ganzen Tag in der eigenen Suppe der Wohnung saß?

Also ist das alles neben Haushalt, Einkäufen, Arbeit, Kindern und Einsamkeit ziemlich beschissen.

Natürlich könnte ich nun Aufgaben erledigen die sonst auf der Strecke blieben. Dabei muss ich aber regelmäßig Essen auf den Tisch stellen, Mathe lernen, Kinder motiviert halten und den eigenen Scheiß auf die Reihe bekommen. Es ist Quatsch homeoffice und Kinder unter einen Hut zu stecken. Das passt nicht. Nicht unter Quarantäne. Denn die Verunsicherung allerseits und das Gefühl nicht Mal mehr auf den Spielplatz zu dürfen, macht alle nervös. Emotional sind wir am Limit, streiten viel, sind gereizt. Ich appelliere ständig an beide sich zu vertragen, aber die Stimmung bleibt eher angespannt.

Ich vermisse mein altes Leben vor der Krise nicht. Es war hektisch, laut, schnell und grotesk kapitalistisch. Heute fehlt mir jedes Bedürfnis nach Shopping oder Geltung.

Morgen habe ich Geburtstag. Die Kinder sind im Papa-Wochenende. Eigentlich schön. Eigentlich auch vollkommen egal. Es wird keinen Besuch geben und ich erwarte keine Geschenke. Alles eben sehr ruhig. Fast einsam.

Ich wünsche mir auf jeden Fall mehr Klarheit in aller Leute Leben. Sich darauf zu besinnen was wirklich wichtig ist. Nicht Karrieren, Jobs, Geld. Es sind Menschen. Es sind Kontakte, ehrliche und liebevolle. Es ist das Miteinander und nicht gegen.

Ich bin erschöpft, nach nur einer Woche. Aber ich bin auch froh um diese Erfahrungen. Sie werden uns wieder wachsen lassen und das diesmal nicht alleine, sondern in der ganzen Welt.

SYSTEMRELEVANT

Sollte schon jetzt das Unwort des Jahres werden.

Als systemrelevant gelten Berufsgruppen, die den Apparat Staat am laufen halten. Dazu gehören zum Beispiel Ärzte, Erzieherinnen, Lehrerinnen, Polizei, Krankenhauspersonal oder von der Feuerwehr. Ebenso alles was das tägliche Leben anderweitig erhalten kann: Wasser und Strom fließen nicht von selbst.

Nun schrieb die Welt in einem Artikel, es sei der Politik nun ein Licht aufgegangen. Familien seien systemrelevant. Dies fiele vor allem jetzt auf, weil Kinder und Jugendliche in den kommenden Wochen zu Hause betreut werden müssen. Ein System kurz vor dem Ruin, denn nicht jeder ist in der Lage im Home-Office zu arbeiten und wer kleine Kinder hat, weiß auch wie anstrengend es ist von zu Hause zu arbeiten, während das Kind Aufmerksamkeit fordert. Wäre es so einfach, bräuchten wir ja keine Fremdbetreuung. Acht Stunden Arbeit sind da gleich mal unmöglich.

Und was ist mit Berufsgruppen die eben nicht im Büro arbeiten, sogar als systemrelevant eingestuft wurden, aber dennoch Kinder haben? Diese Gruppen werden genötigt ihre Kinder in einer Notbetreuung abzugeben, damit sie für das System, also den Staat, Höchstleistungen vollbringen. In Sorge um die eigenen Kinder, aber ihren Pflichten gegenüber dem Sozialstaat nachgehend.

Plötzlich sind sie da, die offenen Ohren und verwunderten Menschen.

Kinder werden von Eltern oder in sozialen Einrichtungen betreut, gebildet und erzogen. Ohne die geht’s nicht.

Plötzlich wird Eltern klar, wenn sie es nicht längst ahnten, ihre Entscheidung Kinder in die Welt zu setzen, hat immer Einfluss, immer einen Haken und wird so gut wie nirgends honoriert. Sie verdienen schlechter, haben kaum Rücklagen, sind häufiger krank, häufiger von Armut bedroht, weniger frei, stärker Stigmatisierungen unterworfen. Eltern sind der Arsch der Gesellschaft. Ihre Kinder ein schmückendes Beiwerk, die sich manchmal wie ein Strick um den Hals anfühlen können.

Der Staat hat uns jetzt als systemrelevant eingestuft. Uns Pädagogen und Care-ArbeiterInnen. Die Eltern und Ehrenamtlichen. Die Sozialen und all jene die dem Staat kein Wirtschaftswachstum einbrachten.

Plötzlich haben wir einen Titel.

Vermutlich wird nach der Pandemie vergessen wer wir waren.

CORONA VS ALLEINERZIEHEND

Als Alleinerziehende bin ich ja mit so einigen Hürden vertraut. Die Nächte in denen ein Kind nicht durchschlafen kann, wach liegen, Einkäufe buckeln und natürlich stets aus eigener Tasche bezahlen, Stigmatisierung aus jeder Ecke und diese Einsamkeit am Abend, wenn die Belastungen zu schwer wiegen.

Mein Netzwerk ist gut und groß. Freundschaften die hilfsbereit die Einkäufe der kommenden Woche mit mir erledigt haben und Zuspruch, dieser Tage ganz besonders aufeinander zu achten. Wir unterstützen jetzt die älteren Familienmitglieder, so es geht und schränken uns hier und da eben etwas ein. Der Radius für die Kids wird kleiner und Freiräume etwas beschnitten.

Zu dumm nur, dass nun, wenn auch aus guten und nachvollziehbaren Gründen, die Bildungseinrichtungen und Kitas geschlossen werden. Und noch schlimmer, der Verdienstausfall erst einmal nicht ausgeglichen wird. Mich trifft es doppelt hart. Ich arbeite in einem sozialen Beruf. Bin gerade von der Grundschule in die Kita gewechselt und stehe vor der Herausforderung zwei Kinder alleine betreuen zu müssen, während in den kommenden Wochen definitiv kein Geld reinkommen wird. Denn ich gehöre nicht zu den Auserwählten die demnächst die Notbetreuung machen können. Das sind in unserem System vorrangig natürlich die alleinstehenden Kinderlosen. Und so sehr ich diesen Einsatz begrüße, genau da liegt wieder der Vorteil klar auf der Hand. Singles werden bevorzugt. Besser noch: verheiratet und kinderlos. Zwei Einkommen oder wenigstens die Möglichkeit sich zweimal im Beruf finanziell einzuschränken, ohne gleich am Hungertuch zu nagen.

Auf mich und viele andere Alleinerziehende trifft dies nicht zu. Weder wurde das bedingungslose Grundeinkommen durchgesetzt, noch die Mieten gedeckelt. Es gibt auch keine niederschwelligen Zuschüsse vom Staat, sondern nur langwierige Behördengänge, die sich nicht mit Corona und zwei Kindern vereinbaren lassen.

Aktuell bin ich mehr als erschöpft und wünschte mir manchmal die Freiheit nicht für drei sorgen zu müssen. Im kommenden Monat nicht einmal von 60 Prozent meines Gehalts die Miete und laufenden Kosten decken zu können, ist ein Armutszeugnis für meinen Berufsstand, unser Land und diese Gesellschaft.

Corona zeigt uns zumindest eine Sache deutlich: wir sind schwach. Und einige von uns werden schwach gehalten.

EIN KIND VERLIEREN

Vorweg, es geht hier nicht um den schmerzhaften Verlust eines Kindes durch Fehlgeburt oder Tod. Dies ist ein Beitrag an alle Eltern die ihre Kinder emotional verloren haben. Ein Tabuthema. Ein Trauma.

Ich liebe es Mutter zu sein. Und auch wenn es wie eine Rechtfertigung klingen mag, die das Selbstverständliche benennt, so möchte ich es einfach loswerden.

Ich liebe meine Kinder. In ihrer einzigartigen Art, ihren Stärken und Schwächen, ihren Ansichten und Lebensweisen. Niemand könnte mir meine Kinder jemals schlecht reden.

Und doch lasse ich gerade auf schmerzhafte Weise los. Verliere ein Stück weit die Kontrolle, fühle mich schwach und bin in ängstlicher Besorgnis dabei zu begreifen was hier passiert ist.

Über Jahre wollte ich eine gute Mutter sein. Besser als meine. Besser als ihre.

Ich wollte meine Kinder niemals alleine stehen lassen, vor Krisen die es zu bewältigen gilt, vor Katastrophen, die sie nicht verschuldet hatten. Dabei gab ich vor stark zu sein, von Grund auf gefestigt und als Konstante ihres Lebens den Überblick zu bewahren. Ich wollte als junge alleinerziehende Mutter Werte jenseits der Freundschaft und Coolness vermitteln. Sie sollten in mir eine Vertraute haben, aber auch begreifen, dass ich ernstzunehmend an ihrer Bildung, ihrem Wachstum und ihrer Erziehung interessiert bin.

Ich fühlte mich dabei immer von einem dubiosen Außen betrachtet und unter Druck gesetzt. Jemand der mir sagt was ich besser machen müsse, jemand der mir mein Selbstvertrauen abspricht, indem er mich für schwach hält. Manchmal waren das meine eigenen Eltern, manchmal waren es Pädagogen und Erzieherinnen. Ich stand fest. Blieb es. Bis unsere Tür ins Schloss fiel. Selbst als die Kinder am Tisch saßen und auch wenn der Kloß im Hals größer wurde. Also weinte ich nur selten und das oft heimlich. Ich schluckte herunter, wenn die Väter gegen mich arbeiteten. Bezahlte stolz alle Rechnungen alleine, gab den Kindern Halt und erfüllte ihre Wünsche so es ging. Vereine, Kurse, Wochenenden im Urlaub oder auf dem Indoor-Spielplatz. Ich bezahlte Nachhilfekurse und kaufte neue Kleidung. Ich ließ sie abends einen Nachtisch essen, aber blieb selbst beim Salat. All meine Liebe sollte spürbar ausgedrückt werden, indem ich all ihre Bedürfnisse versuchte wahrzunehmen. Meine eigenen blieben nicht selten auf der Strecke. Aber warum?

Weil mein schlechtes Gewissen nagte. Zwei Kinder. Zwei Väter. Zweimal studiert. Dreimal den Job gewechselt. Ich war so rastlos. Nur sie waren geblieben und alles was ich damit anfangen konnte, war der Versuch hier die beste Mutter der Welt zu sein.

Aber das gelang nicht. Es war zu viel.

Meine Erwartungen wurden nicht belohnt. Denn es sind keine Zirkuspferde, die durch Training und Zuckerstückchen zu echten Attraktionen werden. Sie sind menschlich so wie ich.

Und so musste ich mich davon lösen ihnen alles abzunehmen. Auch meine Gefühle zu unterdrücken. Die Wut auf ihre Väter, wenn sie nicht zahlten, sich nicht an Verabredungen hielten, sie mich schlecht machten und ich alles alleine lösen musste. Die Angst am Monatsende nicht genug Geld zu haben und auch einmal Nein aussprechen zu müssen, zu ihren Ideen, Vorschlägen und Wünschen. Zu weinen, wenn es etwas zu beweinen gab. Müde zu sein, wütend, gestresst.

Ich hatte mich mit ihnen verbünden wollen und sie nicht gefragt, wie es sich anfühlt mit einer Mutter, die hart versucht und darüber hart wurde.

Ich hatte vergessen, dass Kinder ein Gespür für all die verdeckten Gefühle ihrer Eltern bekommen und mein Lächeln ihnen wie die groteske Bemalung eines Clowns vorkommen musste.

Als mein großes Kind begann nur noch Mist zu bauen, setzte ich auf Therapie. Setzte auf Förderung. Setzte auf Belohnung und Bestrafung. Setzte auf das falsche Pferd. Mein Kind hatte mich gebraucht: weinend, verletzlich, ehrlich.

Stattdessen bekam es eine Lektion fürs Leben: wenn du bist wie du bist, bist du falsch. Und so wandt es sich aus seinem Korsett heraus und ließ mir eine Lektion zurück. Mehr nicht.

Es war schwer mein Kind gehen zu lassen. In meiner Mutterschaft versagt zu haben. Alles was ich gesehen und gehört hatte, von erfolgreichen Alleinerziehenden, nicht auf mich beziehen zu können.

Es war schwer zu begreifen, dass ich womöglich nicht die beste Mutter war und hart zu akzeptieren, dass mein Kind das Ergebnis dieser Mutterschaft bleibt.

Ich lasse mein Kind los, aber es niemals hängen. Ich gebe meinem Kind die Möglichkeit seine Gefühle anzunehmen, zu verstehen, zu formulieren. Dafür muss es sich von mir emotional lösen dürfen, denn mein Schmerz darf niemals der Schmerz meiner Kinder werden.

Eltern reden selten über Schwierigkeiten und wenn doch, dann oft nur wie sie diese erfolgreich bewältigen konnten. Eltern erzählen selten von ihren Kindern, deren schwerem Weg. Sie erzählen nur, wie sie Hindernisse spielend bewältigen konnten…

Ich möchte so eine Mutter nicht mehr sein. Ich habe versagt und mein Kind musste die Konsequenz tragen. Alles was ich tun kann, jetzt ehrlich dazu zu stehen und es endlich besser zu machen. Alles was mein Kind tun kann, ist alles was es braucht einzufordern, ohne mich, wenn es sein muss.