ICH WAR SO SEHR DABEI

Eine der Trennungsphasen lässt einem gleich zu Beginn glauben, wir wären über alles hinweg. „Mensch, ging ja diesmal fix.“,denken wir dann.

Drei oder vier Nächte haben wir seither sogar gut durchgeschlafen. Wir gingen mit Freunden aus und haben gelästert und uns die Seele leer geredet. Wir waren abgelenkt auf Arbeit und am Sonntag haben wir nochmal melancholisch zum anderen gefühlt.

Dann gehen wir wieder ins Bett und da ist es leer. Die Kinder liegen woanders, denn irgendwann muss jeder von uns wieder alleine schlafen. Das Hörspiel verklingt und wir ruhen.

Morgens wachen wir auf, wohlmöglich spüren wir hier plötzlich doch irgendwas. Da zwickt die Brust, auf dem Smartphone keine Nachricht die uns einen schönen Tag wünscht und kein Abschiedskuss an der Haustür.

Wir greifen nach dem Lautsprecher und machen Musik an. Aus Gewohnheit erstmal was Bekanntes. Und Zack. Da ist es.

Der Liebeskummer.

Da läuft dann Musik die schonmal lief. Vielleicht vor fünf oder neun Jahren. Das letzte Mal Kummer oder die letzte Runde in mühevoller Kleinarbeit auf der Suche nach uns zurück. Wir, alleine. Ohne die andere Hälfte die Teil von uns wurde.

Wir lauschen erst gefasst und dann fast fassungslos. Alte Wunden bluten auf und die Melodie fährt uns so ins Herz, dass wir am liebsten auf Arbeit anrufen würden „heute nicht…“,murmeln und beginnen mit dem Abschied. Nicht duschen wollen. Seit Tagen haben wir nur Kaffee gegessen. Wir sehen an uns runter. Da passt nun keine Hose mehr. Wie konnte uns das entgehen? Unser leiden.

Wenn ich die Melodie höre und den Text, fange ich endlich an zu weinen. Das blieb unter dem ersten Schock zurück. Ich hielt es für Stärke. Für Erwachsenwerden. Erwachsene haben keinen Liebeskummer. Ehrlich?

Ich war gerne so sehr dabei.

Teil dieser Liebe und Beziehung. Ich war es immer, bei jeder großen Liebe.

Ich habe das alles aufgesaugt. Alles mitgenommen.

Jetzt singt Clueso mir vor wie es ist. Tacheles. Und ich staune über die ewige Fähigkeit nach jeder Liebe innerlich auszubluten.

In Liebe.

DEN MUT SICH FESTZULEGEN

Liebe. Dieses Wort mit dem wir zum Ausdruck bringen, was uns die Hormone zu Beginn glaubhaft schönreden wollen. Später werden wir denken die Liebe kam uns abhanden und nur wenige von uns wissen, sie war da noch gar nicht geboren.

Heute weiß ich längst, Liebe ist nicht Verliebtheit. Liebe wächst an ihren Aufgaben. Sie entsteht da, wo der erste Zauber bricht.

Liebe ist im Prinzip nicht vergänglich, denn wer liebt, kann sich auch in den dunkelsten Stunden wiederfinden. Verliebte schaffen diesen Sprung nur selten. Sie stellen alsbald alles in Frage und fühlen sich wohlmöglich hingezogen zu neuen Herausforderungen. Dabei ist die Liebe eine Herausforderung für die es sich zu warten lohnt.

Wie bei einem Marathon, kochen die Emotionen über, je länger man sich auf der Strecke befinden. Anfangs ist man beflügelt und irgendwann der Sache überdrüssig. Erst nach und nach wächst das Vertrauen in die eigene Energie und Geduld. Am Schluss wartet die Belohnung. Ein gutes Gefühl. Ein Stolz den ganzen Weg bis zum Schluss gegangen zu sein.

Früher bin ich diesen Weg ungern gelaufen. Am Wegesrand standen die Verlockungen wie duftende Blumen. Jede wollte von mir gepflückt werden.

Heute weiß ich, es ist der Weg und die dort gemachten Erfahrungen, die mir mehr Substanz und Persönlichkeit versprechen. Mit jedem Streit, mit jeder Versöhnung, mit jedem Kompromis, jeder Reflexion, lerne und wachse ich. Neue Lieben können mir das nicht bieten, was eine dauerhafte Beziehung zu versprechen vermag.

Eines weiß ich außerdem, ich bin im Stande dies zu erkennen. Damit bin ich meiner Generation voraus. Wir vergessen, was existenziell ist. Vertrauen und Liebe.

SICH VERGESSEN

Wenn ich zur Arbeit gehe, erscheine ich mit geradem Rücken und Stärke in meiner Brust. Ich weiß genau wer ich bin und wie ich den Tag gestalten werde. Ich bleibe exakt so flexibel, dass es mich nicht überrascht, wenn etwas anders als geplant läuft. Am Ende des Tages bin ich mit mir und meiner Arbeit meist zufrieden und fühle mich richtig und angekommen.

Im Studium geht es mir auch so. Ich bin mir meiner Werte bewusst und kann sie kommunizieren. Da ist so viel Kraft und Ausdauer in mir, von Ehrgeiz ganz zu schweigen. Nur selten erlebe ich derzeit Misserfolge.

Umso schwerer kann ich mir eingestehen, in einer Beziehung noch immer zu viele Kompromisse einzugehen. Mich selbst ein Stück aus den Augen verloren zu haben, obwohl ich mit festen Beinen in die Beziehung schritt.

Anfänglich gehe ich keine Bindung ein, ohne klar zu kommunizieren wo mein Weg hinführen soll. Ich bin vorbereitet auf das Leben, die Liebe und habe eine Klarheit und Entschlossenheit, die dem anderen meist gleich gefällt.

Manchmal ist mein Gegenüber etwas verunsichert und vermutlich fasziniert meine Offenheit auch.

Im Laufe der Beziehung wird aus mir jedoch diese unsichere Person, die meine Mutter war. Das kleine Mädchen, welches ich einst gewesen bin. Jemand die es allen Recht machen mag und sich zwischen mehreren Optionen immer für die gefälligste entscheiden würde. In diesem Moment wird aus der eigentlich festen Persönlichkeit und starken Frau eine andere.

Ich gebe meine Wünsche nicht auf, aber erhebe auch keinen Anspruch mehr sie durchzusetzen. Stattdessen finde ich einen Weg mich mit den Bedürfnissen der anderen zu arrangieren.

Wenn ich früher dann oft nörgelig wurde, weil das Unterbewusstsein mir meine Zufriedenheit nach oben schickte, bin ich inzwischen Expertin darin mich anzupassen und wohldosiert Grenzen kundzutun.

Die Realität sah nämlich lange so aus, dass Partner mir anfänglich wie kleine Welpen nachliefen, sich aber dann an mir gesund gestoßen hatten. Ich gebe Selbstbewusstsein. Ich biete Vertrauen. Ich liefere Geborgenheit und verlange nichts.

Sobald also die Sicherheit der einen Person über die Bedürfnisse der anderen gestellt wurde, gab es kein Zurück mehr. Ich war gefangen. Meine Selbstsicherheit kam ins Wanken. Wollte ich wirklich dies und das zu Beginn oder ist der Wunsch des Partners durchaus angemessen und meinem überlegen?

Solche Gedanken können einem eigentlich nur kommen, wenn man in frühester Kindheit dahingehend Sozialisierung erfahren hat. Meine Mutter passte sich immer an. Sie war stark und schwach zu gleich. Sie blieb, gab und nahm so wenig.

Ich möchte heute nicht mehr so sein.

Meine Bedürfnisse sind genauso viel wert wie die des anderen. Wer sich das Leben an meiner Seite nicht so vorstellt, wie ich es sehe, findet seinen Frieden eben woanders. Den Weg über meine Träume, muss er jedoch nicht nehmen.

DICH UND ALL DIE ANDEREN LOSLASSEN

Laut meines Jahreshoroskops, werde ich 2020 endlich einem dreijährigen Fluch entkommen. Irgendeinem Planeten habe ich es wohl zu verdanken, ständig von einer Trennung zum nächsten Drama zu stolpern. Damit sei dann aber endlich Schluss. Die Belohnung wartet also im Jahr 2020.

Und tatsächlich. Mein Leben fühlte sich die letzten Jahre rastlos an. Auf der Überholspur sozusagen. Meist habe ich gar nicht begriffen wie mir geschieht. Eine Beziehung endete und die nächste stand in den Startlöchern. Ich blieb mir und meinen Mustern treu und hangelte durch ein Leben voller Ideen und Möglichkeiten. Dabei lernte ich mich besser kennen und verfluchte alte Gewohnheiten.

Zum Glück.

Denn so wie ich jetzt bin, mag ich mich. Ich treffe eigentlich unentwegt Entscheidungen. Mal überlege ich, ab und an erlaube ich mir impulsiv zu bleiben.

Ich habe viel erlebt und gleichzeitig immer wieder gleiche Knöpfe gedrückt. Ängste lassen sich nicht so schnell bereinigen. Ich traf oft auf Menschen die mir Lektionen verpassten und fand in keiner einzigen meinen Frieden.

Als ich endlich soweit war, war es mein Gegenüber leider nicht. Stattdessen blieb er ruhelos. Blieb unzufrieden. Ich war angekommen, er nicht. Sowas nenne ich ein ganz schlechtes Karma.

Nun bin ich aber enthusiastisch. Da gibt es also einen neuen Abschnitt, vielleicht in Stärke, Kraft und Liebe, auf die ich schon mein Leben lang hingearbeitet habe.

Ich habe meine Vergangenheit gebraucht, um da zu stehen wo ich jetzt bin. Stolz, schön, ungebeugt.

2020 – Das wird unser Jahr.

DIE LEERE DIE MAN SPÜRT

Seit Tagen esse ich nichts mehr. Ein Zeichen das sich etwas verändert hat. Eine echte Leere für eine symbolische.

Auf meinem Couchtisch steht eine einsame Blume im Glas. Geschenkt von einer Mitwisserin, Verbündeten und meiner besten Freundin.

„Das wird sich erstmal nicht richtig anfühlen.“,sagen sie mir. Jemand lehnt sich an meine Schulter und spendet Trost.

„Eineinhalb Jahre.“,wurde gesagt. Eine Zeit die erstmal gut klingt und dennoch schwer erträglich.

Sie bringen mir Schokolade und mein Lieblingsgetränk. Als sei ich sowas wie eine Patientin, aber es stimmt ja auch. Ich fühle mich verwundet.

Alle paar Minuten leuchtet mein Display. Irgendwer ist immer da und fragt, hört zu, nimmt Anteil. Irgendjemand.

Ich habe heute viel gelacht. Dieses hysterische Lachen, bei jedem Anlass der sich bot. Schlechte Witze auf andere Kosten und ein paar wirklich miese auf meine eigenen.

„Mir sagte das auch mal jemand.“, tröstete einer. Ich dachte an meine Vergangenheit und hatte Angst vor der Zukunft.

Abends gab’s ein Stück Schokolade. „Ein Anfang…“,dachte ich und wünschte es hätte nie geendet.