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Vor ein paar Tagen sah ich auf meinen Kontostand. Soweit so gut, ich lebe nicht über meine Verhältnisse. Shoppen macht sowieso keinen Spaß mehr und die Cafés und Restaurants locken derzeit nicht mit Angeboten. Wer möchte in der Krise schon Geld ausgeben?

Beim Blick über meine Einnahmen und Ausgaben der Schock. Ich hatte im März nur etwas mehr als siebenhundert Euro verdient. Die Kündigung meines alten Jobs und der Neubeginn in der schlechter bezahlen Stelle führten automatisch in die Armut. Mein Herz begann zu rasen.

Ich hatte ironischer Weise kurz darauf einen EKG-Termin bei meiner Hausärztin. Da seien Auffälligkeiten festgestellt worden. Ein Gestolper und Gerenne. Mein Herz ist eben doch ein Affe.

Und so fühlte ich in mir diese Hoffnungslosigkeit. Alleinerziehende zu sein, ist natürlich nicht immer einfach, aber ich hatte mich mit diesem Leben arrangiert. Wir sind glücklich. Arm, aber sexy- heißt es doch immer.

Im Sommer sollten wir in den Urlaub fahren. Ich habe fast ein Jahr gespart und endlich gebucht. Ich schwanke zwischen Reiserücktritt (derzeit ja gar nicht so aussichtslos) und der Idee den Kindern und mir dieses bisschen Glück zu gönnen. Eine zugegebenermaßen teure Auszeit. Dem Gefühl nachzugehen Urlaub wie jeder andere verdient zu haben.

Ich habe die letzten zwei Jahre nie viel verdient. Immer knapp über tausend Euro, weil ich nur zwanzig Stunden in einem unterbezahlten Beruf arbeite. Neben diesem ich nochmal knapp zwanzig Stunden lerne, also keinen Zweitjob annehmen konnte. Meine Lage entstand unfreiwillig, weil ein Kollege mich sexuell belästigte und meine Leitung sich nicht schützend vor mich, sondern deckend hinter ihn stellte. Ich bin froh den Job gewechselt zu haben, aber bereits eine Einbuße von nur 135 Euro tat mir als Mama weh. Ich überlegte wo ich noch sparen könne. Wir essen sowieso schon wie die Spatzen und das meiste kaufe ich beim Discounter. Sind wir mal ehrlich, für Bio reicht das Geld eben nicht, was soll also der Stolz? Auch kaufe ich mir eben längst keine Klamotten mehr, aus pragmatischen Gründen und bewusster Entscheidung. Meine Kinder wachsen dennoch. Sie brauchen Kleidung, Schulzeug, Nahrung und wollen hin und wieder einfach etwas Urlaub, Spaß und Unterhaltung.

Als ich mich damals für meine Kinder entschieden habe, habe ich mich zeitgleich für ein entbehrungsreiches Leben entschieden. Junggesellen leben definitiv besser. Keiner mit dem es das Gehalt zu teilen gilt. Alleine in den Urlaub fliegen, manche meiner Kommilitonen machen das mit ihrem Gehalt dreimal im Jahr.

Ich möchte in der Krise nicht verdrängen, dass es derzeit vielen Menschen so geht. Wenn ich aber bedenke, dass es uns schon immer so ging, wird mir übel. Vor Corona war wenigstens das Mittagessen der Kinder gesichert. Es gab zwei Mahlzeiten zusätzlich für ein Kind in der Kita und das große Schulkind war ebenso versorgt. Jetzt stelle ich fünf Mahlzeiten pro Tag zur Verfügung und versuche die Kinder abwechslungsreich und gesund zu ernähren, so lange der Supermarkt dies noch hergibt. Je mehr Menschen hamstern, umso schwerer wird es für uns. Oftmals verzichte ich inzwischen sogar auf Essen, damit die Kinder noch einen Nachtisch bekommen.

Als wir neulich Ostern zwei Wochen vorverlegten, waren die Kinder happy. Ich auch. Denn ich hatte ihre Geschenke bereits gekauft, als ich noch dreihundert Euro mehr im Portemonnaie hatte. Ich sah ihre strahlenden Augen und dachte so müsste es immer sein. Keine Sorgen und jede Menge Gelassenheit.

Die Realität ist anders.

Alleinerziehende sind der Dreck unter den Schuhen der Gesellschaft. Stigmatisiert, verlassen, verleumdet.

Ich wünschte mir es wäre anders. Ich wünschte mir, ich hätte mich manchmal bewusst gegen Kinder und gegen einen Beruf im Sozialwesen entschieden. Für einen Managerposten, für eine Karriere.

Ich wünschte manchmal so sehr, es wäre leichter.

Gestern sagte mein Kind:“Ich möchte niemals Kinder haben.“

„Warum?“,fragte ich müde.

„Weil es hart sein muss. Vermutlich wäre mir dieses Leben zu anstrengend.“

Mein Herz begann wieder zu stolpern.

KINDER UND DER BÖSE WOLF

Oliver Pocher und seine Frau machen das was viele derzeit in Isolation machen, sich langweilen. Sie nutzen ihre Zeit und Reichweite allerdings relativ sinnvoll und geben uns ein ungeschöntes Bild der großen bunten Welt des Internets, bzw. Instagrams.

Gestern ging es dann um das sehr ernste Thema Pädophilie. Erwachsene die Kinder lieben, wenn wir es genau nehmen. Tatsächlich geht es aber oft nur um Macht. Der Erwachsene gegen das Kind. Erfahrungen gegen Nichterfahrungen. Adultismus und noch darüber hinaus.

Ich bin übrigens auf einer anderen Seite auf Pochers Themenbeiträge gestoßen und war erst etwas verwirrt. Dort postete eine junge Mutter diese Beiträge und rief zur strengsten Umsetzung des Kinderschutzes auf. Soweit so toll. Sie brüstete sich auch gleich damit, dass ihr Kind nicht auf Instagram stattfand. Bei über 7000 Followern eine große Verantwortung, der sie anscheinend gerecht würde. Wenn man aber genauer recherchiert auch nur Doppelmoral und Spitzfindkeit, um andere zu diskreditieren und sich selbst auf ein Trittbrett zu stellen.

Auf Twitter finden wir nämlich leider noch immer viel zu viele Infos über ihr Kind. Generell neigen online viele Menschen dazu ihre Kinder immer dann emotional vor den Karren zu spannen, wenn sie Geld benötigen, etwas von ihrer Wishlist brauchen oder eben Klicks erhoffen. Mitleid zieht, genau wie niedliche Kinderfotos. Nun weiß ich von eben jener Person und insbesondere ihrem Sohn, dass dieser eine Po-Dusche benötigt. Er sei behindert. Überhaupt findet er nur durch seine Behinderung auf ihrem Account statt. Und so sehr ich es schätze über den Alltag von Menschen mit Beeinträchtigungen zu hören, zu lesen und zu erfahren, umso anstrengender empfinde ich es, über ihre Eltern informiert zu werden. Als hätten sie keine Stimme, kein Anrecht auf Privatsphäre oder Schamgefühl. Als sei dieser Teenager nicht in wenigen Jahren erwachsen und möglicherweise selbst Teil dieser Maschinerie und nun findet er hier statt, durch unsere Augen und in eine Form gegossen von seiner Mutter.

Ea fällt noch immer vielen Menschen, insbesondere Eltern, schwer zu glauben, dass ihre Kinder auch online Rechte haben. Dass jede unserer Handlungen auch Folgen nach sich ziehen kann. Nicht alles was wir teilen wollen, müssen wir auch online mitteilen. Dafür gibt es Freundschaften, Partner, Eltern, meinetwegen Nachbarn. Es gibt Therapeuten und die Seelsorge. Irgendwelche fremden InternetuserInnen sind nicht unsere Freunde, schon gar nicht die unserer Kinder. Sie mögen uns inspirierend erscheinen und manchmal an Bedeutung gewinnen, aber bei einer unüberschaubaren Followerzahl ist das definitiv nicht mehr gegeben.

Gebt euren Kindern endlich das vollumfängliche Recht für sich selbst zu sprechen oder gar nicht. Zeigt die Mutterschaft auf. Erzählt lustige Anekdoten, wenn ihr euch damit wohl fühlt, aber lasst ihnen um Himmelswillen eine Chance als etwas anderes wahrgenommen zu werden, als das Bild, welches ihr von ihnen hier zeichnet.

Der böse Wolf sind mitunter nicht die Fremden. Manchmal ist es die eigene Mutter die dich zum Fraß vorwirft.

INTRO

Menschen lachen oft, wenn ich ihnen erzähle, dass ich eigentlich ein sehr introvertierter Mensch bin. „Was du? Ja, ja, schon klar!“.

Sie verstehen nicht wieviel Mühe es mich kostet zu lachen, zuzuhören und zu versuchen ihren Gedanken zu folgen. Welch Kraftakt dahintersteckt, mich für sie zu interessieren, ihnen Raum zu geben und mich nicht wegzuwünschen. Weder bereiten mir Smalltalk noch verbindende Rituale etwas. Ich muss nicht stundenlang mit Menschen auf einer Party trinken, um mich ihnen nahe zu fühlen. Es braucht meiner Meinung nach keinen täglichen Austausch in Wort und Tat, um gesehen zu werden. Mir genügen schon wöchentliche Treffen mit den allerliebsten Leuten und monatliche Berichte von denen die mir weniger nahe stehen. Mein Speicher füllt sich auf, hält eine Weile vor und wenn er leer ist, fühlt es sich an wie fahren auf gummilosen Auroreifen.

Diese Zeiten aktuell geben mir Ruhe und Raum um genau dies noch einmal zu spüren. Nachbarn, Freunde, Familie. In wohldosierter Form reicht mir der Umgang wie er jetzt ist. Würde ich dazu wieder arbeiten gehen, meine Kommilitonen zweimal wöchentlich an der Fachschule treffen und all diese Kinder um mich herumwuseln sehen, müsste ich jetzt feststellen: ich betrüge mich und alle anderen selbst.

Ich wusste schon all die Jahre zuvor das etwas nicht stimmte. Ich arbeite nicht gerne in Teams, ich hasse es mich unterordnen zu müssen, mag keine Aufmerksamkeit, zumindest keine übertriebene. Ich bin gerne alleine. Alleine spazieren, alleine abends in meinem Bett liegend etwas lesen, alleine in der Badewanne unter Wasser tauchen und dem Rauschen zuhören. Nur die Kinder wimmeln draußen herum und geben mir sowas wie Lebendigkeit. Unfreiwillig und doch schön.

Aber die Lautstärke der Großstadt, die vermisse ich nicht. Die vielen Verpflichtungen, die sind mir ganz fremd geworden. Die tausend Schritte durch enge Straßen, vorbei an lauten Autos, gestressten Mitmenschen, die verabscheue ich zutiefst.

Wenn mir diese Zeit etwas gibt, dann die Möglichkeit ich selbst zu sein. Leiser. Konzentrierter. Alleine.

Ich lerne besser, ich arbeite schneller, ich kann meinen Kindern eine bessere Mama sein. Ich melde mich wo ich mich melden möchte und ignoriere die Menschen die mich jetzt aus meiner Distanz heraus stören würden. Ich gehe in mich und zum ersten Mal ist da kein Lärm. Keine Angst. Keine Wut. Keine Sorge sie alle lesen zu müssen, lächeln zu müssen, Kräfte zu mobilisieren.

Ich schätze so geht es derzeit vielen Menschen. Die die sich noch nicht kannten, lernen sich jetzt völlig neu kennen.

Meine Grüße gehen raus an alle Introvertierten! Wir waren noch nie so wenig allein!

BISSCHEN MEHR REALITÄT UND MITGEFÜHL

„Bleibt drinnen!“ Überall prangen nun Schilder. Im Netz schimpfen Menschen auf andere Menschen. Spielplätze werden misstrauisch beäugt. Na, wieder jemand zu dritt unterwegs? Na, wieder jemand der lachend mit dem Kind über die Wiese tollt?

Dann greifen wir zur Tastatur und lassen unsere Wut und eigentlich ist diese nur basierend auf unserer Angst, freien Lauf. Es wird gemotzt, angeprangert und sich gegenseitig beschuldigt nicht genug zu tun.

Natürlich ist auch der Schrei nach einer Ausgangssperre nicht fern. In China hat man es ja vorgemacht. Ausgangssperren helfen. Nur wollen wir einander wirklich die Köpfe einschlagen? Es ist einfach zu lästern, anderen etwas anzulasten, ohne den Hintergrund zu kennen.

Geht jemand raus, weil er in seiner Einraumwohnung demnächst an Trombose stirbt? Eilen Mutter und Kind über den Spielplatz, weil der gewalttätigige Vater zu Hause erst Recht für Schrecken sorgt? Haben Teenager keine Ahnung wohin mit sich, weil die Pubertät als Lebenskrise sich nun mit absoluter Unsicherheit paart? Sind Familien, aber insbesondere Singles momentan am Rande des Wahnsinns, weil Vorräte zur Neige gehen, Jobs auf dem Spiel stehen und Nähe und Freiraum nun einmal menschliches Bedürfnis Nummer eins sind?

Es ist eine neue Situation für alle von uns. Krankheiten sind nicht neu, aber eine weltweite Epidemie, sowas gab’s lange nicht. In unser aller Köpfe dreht es sich nun um Corona. Nichts anderes dominiert noch die Nachrichten. Damit müssen die einzelnen klar kommen wie die Massen. Manche tun dies auf falschem Wege, aber die meisten geben sich Mühe. Sie kämpfen, halten sich drinnen, tapfer eine Struktur herstellend und eine Substanz zu schaffen, wo lange Oberfläche Vorrang hatte.

Geben wir den Leuten kein fuck you mehr auf ihren Weg. Halten wir sie nicht emotional auf Abstand. Sagen wir einander: es ist hart und es ging schnell. Niemand muss sofort wissen wie es richtig geht. Niemand muss die Erwartungen aller erfüllen.

WOHIN MIT MIR UND DIR?

Manche Menschen finden in der aufgezwungenen Distanz nun zueinander. Andere würden ihren Partner am liebsten vor dir Tür setzen und blättern Wohnungsangebote durch.

Ich bin Single und habe einen Exfreund.

Einen Mann, mit dem ich demnächst in den Kurzurlaub aufs Land fahre. Wir nehmen die Kinder mit. Wir waren bereits in unserem Familiengarten, als wir noch ein wir waren. Jetzt sind wir etwas anderes. Etwas das funktioniert, aber vermutlich nicht auf Dauer.

Wenn wir einmal die Woche beeindruckend starke Nähe austauschen und lachend ineinander verschlungen auf dem Sofa oder im Bett liegen, fragen sich alle unweigerlich was da schief ging. Warum nicht einfach wieder zur Normalität zurück? Warum keine Beziehung führen? Weil du es nicht konntest.

Zwei Versuche und zweimal gescheitert. Du hast es probieren wollen, weil dir viel an uns liegt und du mich vermisst, wenn ich fern bin. Du magst auch die Kinder und sie lieben dich. Du magst die Ausflüge und die Momente beisammen, schweigend, atmend, sein. Ein Foto von uns hängt noch in deinem Bad. Wir, küssend. Glücklich.

All das ist kein Abschied. Es ist kein echter Neuanfang. Aber während einige Paare nun von Hochzeit und einer Familie träumen, von Weltflucht und Aufbau, träumst du dich nur hin zu neuen Jobs, viel Arbeit, endlich wieder Wirbelstürme.

Du wolltest schon immer nur eine Randbeziehung. Jemand der da ist, aber kein Mittelpunkt. Eher Mittel zum Zweck. Für einsame Momente, von denen du aber nur wenige hast. Mit dir bist du nie gelangweilt, hast du mal gesagt. Und es stimmt. Selbst in der Krise schickst du mich nach nicht einmal 24 Stunden fort. Me time will genutzt werden. Und ich gehe. Gehe entspannt meiner Zukunft entgegen. Mit oder ohne dich als mein Begleiter.

Ich bin nicht mehr trauernd. Nicht verletzt. Nicht wehmütig. Wir hatten die Chance und haben es nicht als Paar geschafft. Als Expaar schon. Darin sind wir Klasse. Wir sind wie eine Familie ohne Druck und Stress. Ohne Angst vor Verlust. Ohne Verantwortung.

Ich bin nicht mehr wütend. Denn ich mag es wie es ist, bis es endet. Eines Tages wird es wohl enden. Diese Krise hat gezeigt, wir zwei gehören nicht zusammen. Zumindest dir. Du bist nicht zurück gekommen. Wirst du nicht.

Ich bin gestern an meinem Geburtstag von dir mit einem selbstgemachten Kuchen überrascht worden. Nachts hast du meinen Kopf gestreichelt und morgens einen Kaffee hingestellt. Wieder sollte ich dann gehen. Ich blieb noch eine Stunde länger. Sagte du sollst die Ruhe jetzt genießen. Genieße es, so lange es noch da ist. Mit es meinte ich mich.