INTRO

Menschen lachen oft, wenn ich ihnen erzähle, dass ich eigentlich ein sehr introvertierter Mensch bin. „Was du? Ja, ja, schon klar!“.

Sie verstehen nicht wieviel Mühe es mich kostet zu lachen, zuzuhören und zu versuchen ihren Gedanken zu folgen. Welch Kraftakt dahintersteckt, mich für sie zu interessieren, ihnen Raum zu geben und mich nicht wegzuwünschen. Weder bereiten mir Smalltalk noch verbindende Rituale etwas. Ich muss nicht stundenlang mit Menschen auf einer Party trinken, um mich ihnen nahe zu fühlen. Es braucht meiner Meinung nach keinen täglichen Austausch in Wort und Tat, um gesehen zu werden. Mir genügen schon wöchentliche Treffen mit den allerliebsten Leuten und monatliche Berichte von denen die mir weniger nahe stehen. Mein Speicher füllt sich auf, hält eine Weile vor und wenn er leer ist, fühlt es sich an wie fahren auf gummilosen Auroreifen.

Diese Zeiten aktuell geben mir Ruhe und Raum um genau dies noch einmal zu spüren. Nachbarn, Freunde, Familie. In wohldosierter Form reicht mir der Umgang wie er jetzt ist. Würde ich dazu wieder arbeiten gehen, meine Kommilitonen zweimal wöchentlich an der Fachschule treffen und all diese Kinder um mich herumwuseln sehen, müsste ich jetzt feststellen: ich betrüge mich und alle anderen selbst.

Ich wusste schon all die Jahre zuvor das etwas nicht stimmte. Ich arbeite nicht gerne in Teams, ich hasse es mich unterordnen zu müssen, mag keine Aufmerksamkeit, zumindest keine übertriebene. Ich bin gerne alleine. Alleine spazieren, alleine abends in meinem Bett liegend etwas lesen, alleine in der Badewanne unter Wasser tauchen und dem Rauschen zuhören. Nur die Kinder wimmeln draußen herum und geben mir sowas wie Lebendigkeit. Unfreiwillig und doch schön.

Aber die Lautstärke der Großstadt, die vermisse ich nicht. Die vielen Verpflichtungen, die sind mir ganz fremd geworden. Die tausend Schritte durch enge Straßen, vorbei an lauten Autos, gestressten Mitmenschen, die verabscheue ich zutiefst.

Wenn mir diese Zeit etwas gibt, dann die Möglichkeit ich selbst zu sein. Leiser. Konzentrierter. Alleine.

Ich lerne besser, ich arbeite schneller, ich kann meinen Kindern eine bessere Mama sein. Ich melde mich wo ich mich melden möchte und ignoriere die Menschen die mich jetzt aus meiner Distanz heraus stören würden. Ich gehe in mich und zum ersten Mal ist da kein Lärm. Keine Angst. Keine Wut. Keine Sorge sie alle lesen zu müssen, lächeln zu müssen, Kräfte zu mobilisieren.

Ich schätze so geht es derzeit vielen Menschen. Die die sich noch nicht kannten, lernen sich jetzt völlig neu kennen.

Meine Grüße gehen raus an alle Introvertierten! Wir waren noch nie so wenig allein!

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