WEGE GEHEN, STOLPERN INBEGRIFFEN

Wie oft habe ich mich im Leben schon für meinen Weg geschämt. Alles so holprig und teils planlos. Alles anders als die Norm uns vorschreibt und stets bemüht, aber nie formvollendet.

Ich brach mein Abitur ab, nachdem ich als Jahrgangsbeste immer brilliert hatte. Dauerkrank, ständig aufgrund der chronischen Entzündungen im Krankenhaus. Schmiss den Führerschein gleich hinterher, weil ich immer und immer wieder Belastungen spürte, wo andere Freiheit ahnten.

Ich jobbte in einer Videothek und flog raus, als meine Dyskalkulie auffiel und warf die Schürze in die Ecke, in meinem unbezahlten Job als Bardame in einem indischen Restaurant. Herrlich naiv war ich, als ich dachte nach der Schule würde die Welt mir schon offen stehen.

Meine erste Wohnung gruselte mich so dermaßen und ich zog es bald vor einfach auf einer Matratze in meinem alten Kinderzimmer zu nächtigen. Besser da, als anderswo alleine. Ich war feige. Ein unfertiger Mensch. Völlig verzogen von meiner Mutter und absolut hilflos. Ein Mensch der sich vor anderen Menschen fürchtete. Erst im Grafikdesign-Studium gelang es mir etwas zu empfinden, jenseits von Angst und Schuld. Ich war stolz auf meine Ergebnisse und zeichnete, entwarf und textete um mein Leben. Nur der Technikkram blieb mir fremd. Am Computer empfand ich jede Arbeit als Stilbruch zu meinem wilden, lustvollen Leben. Technik bedeutete Disziplin und Genauigkeit. Ich war schlampig und kreativ. Meine Wischtechnik war berüchtigt und mein Mundwerk so lose wie mein Zeichenstift.

Als ich schwanger wurde, war ich fassungslos. Ausgerechnet jetzt. Kurz vor dem Abschluss. Ausgerechnet jetzt, wo ich mich gefangen hatte. Und so stiefelte ich mit dem Neugeborenen wieder ins Studium und litt unter Ängsten und Depressionen, so tief und heftig, dass ich nach einem halben Jahr aufgab. Das war nicht mein Weg.

Aber wer war ich?

Gebückt auf allen Vieren putzte ich fremder Leute Wohnungen und grübelte über diese Frage nach. Der Sinn des Lebens, die große weite Welt.Was stand mir zu? Wo wollte ich hin? Irgendwas mit Menschen wäre toll. Aber als Alleinerziehende wäre es nicht leichter geworden. Mir versicherte jeder, Bürojobs sind nun das einzig vernünftige.

So bewarb ich mich um eben diesen und hing die Karriere als Putze und das Ehrenamt in einer Demenzgruppe an den Nagel und lernte Tippen und Kaffee kochen. Na ja, es war schon etwas mehr.

Was ich nicht lernte, mich selbst kennen.

Wieder blieb ich auf der Strecke. Zwischen Stunden im Büro und versucht eine Fassade aufrecht zu erhalten die langsam bröckelte, wurde ich wieder Mama. Für diese zwei Kinder wollte ich Erwachsene spielen. Wollte es so machen wie man es eben macht. Gereift sein. Ruhig werden.

Ich ertrank in meinen Zweifeln und wusste, hier kann doch nicht alles enden. Und ich fasste nach sechs Jahren neuen Mut, schrieb Bewerbungen und begann nochmals von vorne. Ich bereute es nicht. Im Gegenteil. Da war ich nun endlich. In meinem Traumleben angekommen. Mit Menschen arbeiten und etwas über mich selbst lernen.

Wenn es da nicht diesen Haken geben würde. Das Wissen darum, einfach wirklich niemals richtig Glück zu empfinden, wenn ich mich mit Menschen umgeben muss, die mich innerlich aufwühlen, ja fast zerreißen.

Meine hoffentlich nächste Station wird mich ein Stück weiter reifen lassen. Ich strebe die Selbstständigkeit an. Eine Arbeit unabhängig von Menschen die ich mir nicht ausgesucht habe. Teams die mir Kraft rauben, Entscheidungen auf die ich keinen Einfluss habe. Ich möchte heilen, helfen, unterstütze gerne und schütze die die Schutz brauchen. Endlich kann ich begreifen, dass ich nie nach einem Ziel gesucht habe, sondern jemand bin der seinen Weg geht. Einen krummen, holprigen. Einen Weg der nicht jedem gefällt oder liegt. Metaphorisch könnte man sich diesen Weg als Berg- und Talfahrt vorstellen. Aber es ist mein Weg und ich bin endlich bereit ihn zu verteidigen und mir auf ihm die Beine zu vertreten.

Man muss mir nicht folgen, aber wer mich ein Stück begleitet, sieht mich lächeln.

5 Kommentare zu „WEGE GEHEN, STOLPERN INBEGRIFFEN

      1. 😜

        Ich meinte eher, den Erwartungen anderer zu entsprechen, ist immer einfacher, als man selbst zu sein.

        Liken

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