DISKRIMINIERUNG UND SPRACHE – DEINE WORTE VERLETZEN

Wir wurden mit Sprichworten wie „Ein Indianer kennt keinen Schmerz“ groß und in der ehemaligen DDR benutzen wir das N*-Wort noch sehr selbstverständlich als „Koseform“ unserer Lieblingsnaschereien. Was damals noch im wohlwollendsten Sinne als Naivität verbucht werden konnte, grenzt heute schon an dummen und in Kauf genommen Rassismus.

Wir wissen heute mehr den je, Sprache macht etwas mit dem Empfänger und sagt viel über den Sender aus. Wer sich nicht bloß ungeschickt ausdrückt, sondern auf die Nutzung fremdenfeindlicher oder allgemein diskriminierender Worte besteht, lässt tief blicken.

Weniger leicht zu dekodieren, aber nicht minder einflussnehmend, sind diese feinen, subtilen Sprachherabsetzungen. Einst galt das Wort „behindert“ oder der Begriff „schwul“ als legitime Beschreibung eine negativ erlebte Situation oder einen verhassten Menschen zu beschreiben. Damit wertete man jedoch selbstverständlich nicht nur das oder den Beschriebene(n) ab, sondern eben auch die Menschen für die diese Begriffe nichts weiter als eine nähere Beschreibung ihrer Lebensumstände sind. Nicht selten gesellschaftlich auferlegt noch dazu. Diskriminierung entsteht dann unweigerlich aus der Tatsache, dass diese Adjektive nur im negativen Kontext Verwendung finden. Ein indirektes Herablassen findet auf einer Ebene statt, die von unbewusst zu akzeptiert wird. Nach und nach sind homosexuelle Menschen den heterosexuellen Menschen also ein Dorn im Auge. Sie sind ja aus irgendeinem Grund, egal wie assoziiert wurde, irgendwie von Scham und Schuld behaftet. Auch wenn der erste Umgang vermutlich genau darauf abzielen sollte. Jemand Homosexuellen abwerten. Später jedoch wurde es allgemein immer häufiger akzeptiert, es schlich sich als Schimpfwort eben auch in den üblichen Sprachgebrauch ein. Jugendslang, Umgangssprache. Sie alle machten sich diskriminierende Sprache zu eigen und kaum einer hinterfragte diesen Trend.

Heute ist das anders.

Sprache wird stärker unter die Lupe genommen. Anfangs belächelt, teils wütend beschimpft, als die ersten Neuauflagen diverser Kinderbuchklassiker umgeschrieben wurden. Ob darunter tatsächlich jemand leiden musste, war fraglich. Nicht fraglich jedoch, Diskriminierung wurde eben nicht mehr so einfach hingenommen und sogenannten Minderheiten ein Podium geboten. Von nun an sollte stärker auf Achtsamkeit und Gleichberechtigung gesetzt werden. Wer sich diskriminiert sah, hatte jedes Recht dazu sich darüber zu äußern und für die eigenen Belange gegen den Mainstream stark zu machen.

Nun betrachte ich diesen Wandel als längst überfällig. In Zeiten der deutlichen Zunahme rechter Gewalt und rassistisch motivierter Übergriffe, ist es das Mindeste sich verstärkt gegen Diskriminierung einzusetzen und sei es eben subtiler, wie im Gebrauch von Sprache.

Ich sehe jedoch noch immer, es gibt viel zu tun. So galten Worte wie Trottel und Idiot lange als harmlose Beschimpfungen. Heute wissen wir es besser. Wir können uns dazu belesen und erkennen bald, auch hier liegen diskriminierende Strukturen zugrunde. Ableismus in Reinform.

Und gehen wir noch weiter. Habe ich einst mit dem Wort dämlich um mich geschmissen, machte mich ein Dozent erst vor zwei Jahren darauf aufmerksam, dass dieser Begriff abwertend für sogenannte hysterische geltende Frauen (Damen) galt. Im Gegensatz dazu übrigens das Wort herrlich. Bezeichnend.

Ob wir nun also denken jemanden als sogenannte Heulsuse oder Trödelliese bezeichnen zu wollen, hinter all diesen Worten steckte irgendwann einmal die Intention Menschen abzuwerten. Sexismus der dann klar wird, wenn wir sehen, dass ganzen Personengruppen negative Eigenschaften zugeschrieben werden. Wir bedienen uns dieser heute sicher anders, aber der Trigger sitzt.

Möchte ich heute fluchen, was ja sehr gesund sein kann, halte ich es wie früher. Ich hatte immer jüngere Geschwister und bin früh Mutter geworden. Um mein kindliches Gegenüber nicht mit meiner Sprache zu prägen, negativ versteht sich, griff ich schnell zu Tricks. Statt „Du Arsch!“, brüllte ich dann eben auch mal „Du Wurst!“. Und statt „Ist das blöde!“, sagte ich etwas sei Käse. Ganz simpel. Weniger diskriminierend.

Sprache ist Identität. Ich möchte keine abwertende Identität besitzen. Es kostet etwas Mühe, aber Sprache entwickelt sich. Wir können uns entwickeln.

Ich bin da sehr zuversichtlich.

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